Kino | »The Bling Ring« von Sofia Coppola (2013)
Eine Clique von Halbwüchsigen macht Bruch in den Promi-Villen von Los Angeles. Vier Mädchen und ein Junge klauen Schmuck, Klamotten, Schuhe, sie klauen (bei Paris Hilton, bei Megan Fox, bei Lindsay Lohan) sündteuren Marken-Krempel, aufgeladen mit der Talmi-Aura der Schlagzeilengesellschaft. Sofia Coppola folgt den jugendlichen Tätern ohne ironische Distanz, ohne Kritik an ihrem Verhalten, bemüht sich weder um soziopsychologische Deutung noch um ausgefeite Dramatisierung des (authentischen) Falles, zeigt einfach ein Plündershopping nach dem anderen, bis die Sache auffliegt, bis die Diebe gestellt, angeklagt, verknackt werden … Wieder ein typisch Coppola'scher Ausflug in die Gefilde funkelnder Langeweile, dröhnender Leere, luxuriöser Verzweiflung, wieder eine Irrfahrt von Kindern unserer Zeit durch himmlisch schöne, höllisch sinnlose Dingwelten. »The Bling Ring«, das ist Antonioni auf Louboutins, das ist ein in den Überfluß gewendeter Vittorio-de-Sica-Trip: Accessoires statt Fahrräder – Neo-Glam-Realismus für den Jahrmarkt der Eitelkeiten.
30. August 2013
24. August 2013
Archibald Alexander Leach
Ein Stern
Ich hätte gerne ein Kinngrübchen wie Cary Grant. Ich wäre gerne so akkurat frisiert wie Cary Grant. Ich wollte, in meinem Schrank hingen nur perfekt geschneiderte Cary-Grant-Anzüge, diskret nadelgestreift oder Pfeffer-und-Salz-gemustert oder in edlem Blaugrau changierend oder mitternachtsschwarz, Anzüge, mit denen ich auf jedem Staatsbankett, in jeder Spielbank, bei jeder Entführung, in jeder Hotelbar, vor jedem Schlafzimmer, kurz: in jeder Lebenslage eine gute Figur machen würde. Ich wäre gerne immer so gesund gebräunt und ausgeschlafen, so charmant und ironisch, so weltgewandt und lässig, so sexy und sophisticated wie Cary Grant. Ich wünsche mir einen Autor, der mir für jede Gelegenheit den passenden Cary-Grant-Satz schreibt: »When I find myself in a position like this, I ask myself what would General Motors do? And then I do the opposite!« oder: »Dry your eyes, baby; it's out of character.« oder: »I may go back to hating you. It was more fun.« oder schlicht und einfach: »Hello friends and enemies.« Ich gäbe mein Leben dafür, in einem Cary-Grant-Film zu leben und diese schwerelose Cary-Grant-Mischung aus Screwball und Seriosität zu verkörpern, diesen unvergleichlichen Gentleman-Cocktail aus Chefredakteur und Hoteldieb, Geheimagent und Werbefachmann, Diplomat und Fliegerass, Glücksritter und Gehirnchirurg. In meinem Cary-Grant-Traum stelle mir vor, die tollsten Frauen für mich zu gewinnen, nicht irgendwelche austauschbaren Modepüppchen, sondern einmalige Erscheinungen, starke Charaktere, unsterbliche Legenden wie Katharine Hepburn, Ingrid Bergman, Grace Kelly, Sophia Loren, Audrey Hepburn. Im richtigen Leben würde ich wie Cary Grant gerne fünfmal heiraten, unter anderem das ärmste reichste Mädchen der Welt, das in seinem Märchenpalast in Marokko Feste wie aus Tausendundeiner Nacht feiert. Und außerdem würde ich wie Cary Grant mit meinem Freund, einem knackigen Westernstar, in einem schönen Haus mit Kaminzimmer, Swimmingpool und Boxring wohnen, und ich würde mich mit ihm beim Frühstück für die Klatschpresse fotografieren lassen, und wir würden lachen. Hätte ich keine Lust mehr zu arbeiten, hörte ich wie Cary Grant einfach damit auf. Mein volles Haar würde strahlend weiß werden, ich ginge auf Reisen, ich trüge eine dicke Hornbrille, ich würde später Vater einer süßen Tochter werden, ich bekäme einen Ehrenpreis dafür, daß ich Cary Grant war und bin und immer sein werde, und eines Tages, jenseits der achtzig, würde ich sterben, ganz plötzlich. Aber ich wäre nicht tot, ich würde, so lange die Erde sich dreht, Jerry Warriner, Johnny Case, Henri Rochard, John Robie, Roger O. Thornhill bleiben, würde bis zum Ende aller Tage die schreckliche Wahrheit sagen, die Schwester der Braut küssen, eine männliche Kriegsbraut sein, über die Dächer von Nizza klettern, den unsichtbaren Dritten jagen. Ich hätte gerne ein Kinngrübchen wie Cary Grant.
Ich hätte gerne ein Kinngrübchen wie Cary Grant. Ich wäre gerne so akkurat frisiert wie Cary Grant. Ich wollte, in meinem Schrank hingen nur perfekt geschneiderte Cary-Grant-Anzüge, diskret nadelgestreift oder Pfeffer-und-Salz-gemustert oder in edlem Blaugrau changierend oder mitternachtsschwarz, Anzüge, mit denen ich auf jedem Staatsbankett, in jeder Spielbank, bei jeder Entführung, in jeder Hotelbar, vor jedem Schlafzimmer, kurz: in jeder Lebenslage eine gute Figur machen würde. Ich wäre gerne immer so gesund gebräunt und ausgeschlafen, so charmant und ironisch, so weltgewandt und lässig, so sexy und sophisticated wie Cary Grant. Ich wünsche mir einen Autor, der mir für jede Gelegenheit den passenden Cary-Grant-Satz schreibt: »When I find myself in a position like this, I ask myself what would General Motors do? And then I do the opposite!« oder: »Dry your eyes, baby; it's out of character.« oder: »I may go back to hating you. It was more fun.« oder schlicht und einfach: »Hello friends and enemies.« Ich gäbe mein Leben dafür, in einem Cary-Grant-Film zu leben und diese schwerelose Cary-Grant-Mischung aus Screwball und Seriosität zu verkörpern, diesen unvergleichlichen Gentleman-Cocktail aus Chefredakteur und Hoteldieb, Geheimagent und Werbefachmann, Diplomat und Fliegerass, Glücksritter und Gehirnchirurg. In meinem Cary-Grant-Traum stelle mir vor, die tollsten Frauen für mich zu gewinnen, nicht irgendwelche austauschbaren Modepüppchen, sondern einmalige Erscheinungen, starke Charaktere, unsterbliche Legenden wie Katharine Hepburn, Ingrid Bergman, Grace Kelly, Sophia Loren, Audrey Hepburn. Im richtigen Leben würde ich wie Cary Grant gerne fünfmal heiraten, unter anderem das ärmste reichste Mädchen der Welt, das in seinem Märchenpalast in Marokko Feste wie aus Tausendundeiner Nacht feiert. Und außerdem würde ich wie Cary Grant mit meinem Freund, einem knackigen Westernstar, in einem schönen Haus mit Kaminzimmer, Swimmingpool und Boxring wohnen, und ich würde mich mit ihm beim Frühstück für die Klatschpresse fotografieren lassen, und wir würden lachen. Hätte ich keine Lust mehr zu arbeiten, hörte ich wie Cary Grant einfach damit auf. Mein volles Haar würde strahlend weiß werden, ich ginge auf Reisen, ich trüge eine dicke Hornbrille, ich würde später Vater einer süßen Tochter werden, ich bekäme einen Ehrenpreis dafür, daß ich Cary Grant war und bin und immer sein werde, und eines Tages, jenseits der achtzig, würde ich sterben, ganz plötzlich. Aber ich wäre nicht tot, ich würde, so lange die Erde sich dreht, Jerry Warriner, Johnny Case, Henri Rochard, John Robie, Roger O. Thornhill bleiben, würde bis zum Ende aller Tage die schreckliche Wahrheit sagen, die Schwester der Braut küssen, eine männliche Kriegsbraut sein, über die Dächer von Nizza klettern, den unsichtbaren Dritten jagen. Ich hätte gerne ein Kinngrübchen wie Cary Grant.
19. August 2013
Junge Leute in der Stadt
Drei verbotene Berlin-Filme der Defa
1965/1989 | »Das Kaninchen bin ich« von Kurt Maetzig (Regie) und Manfred Bieler (Buch)
»Sie säen nicht, sie ernten nicht, aber schmecken tut’s ihnen doch.« Weil ihr Bruder wegen staatsgefährdender Hetze zu einer mehrjährigen Zuchthausstrafe verurteilt wird, darf die 19jährige Maria Morzeck (Angelika Waller), trotz bestandener Reifeprüfung, nicht ihr Traumfach Slawistik studieren. Sie wird Servierfräulein in der rustikalen Gaststätte ›Alt-Bayern‹ am Oranienburger Tor. Maria ist eine echte (Ost-)Berliner Pflanze, frühreif, selbstbewußt, burschikos, schlagfertig – und eigentlich gar nicht kaninchenhaft. Aber dann verliebt sie sich, ausgerechnet, in den Richter ihres Bruders, der sich im Lauf der Zeit als aalglatter Karrierejurist erweist. Von den Verhältnissen blockiert, schlägt sich Maria – stellvertretend für viele – mit dem Widerspruch zwischen Recht und Gerechtigkeit herum, eine Diskrepanz, die auch im Sozialismus nicht überwunden ist … Erstaunlich, daß ausgerechnet Kurt Maetzig, Regisseur der rotgranitenen Thälmann-Epen, die Adaption eines Romans unternahm, der in der DDR nicht erscheinen durfte. Auch wenn so manche Unverblümtheit des Buches aus dem Szenarium getilgt wurde, auch wenn der Fokus des Films eher auf die private Beziehungsgeschichte gerichtet ist als auf eine breite Darstellung gesellschaftlicher Umstände, wirft »Das Kaninchen bin ich« einen recht kritischen und sympathisch lokalkolorierten Blick auf das real-existierende Leben im volksdemokratischen Deutschland vor und nach dem Mauerbau. Die Errichtung des »antifaschistischen Schutzwalls« erscheint dabei, ganz systemkonform, als Bedingung für bestimmte innere Entwicklungsmöglichkeiten, die es zuvor nicht gegeben hat. Im politischen Schutzraum hinter der Mauer kann sich Maria emanzipieren, hier kann sie erhobenen Hauptes in die Zukunft gehen: »Ich bleib nicht liegen. Ich steh wieder auf. Ich laß mir nicht das Fell über die Ohren ziehen. Ich bin nicht mehr das Kaninchen. Ich bin ’n alter Hase.«
Die Dreharbeiten zu »Das Kaninchen bin ich« fanden im Sommer 1964 statt. Der fertiggestellte und zugelassene Film erfuhr auf dem 11. Plenum des ZK der SED im Dezember 1965 scharfe (kultur-)politische Kritik und wurde zusammen mit elf weiteren Defa-Filmen des Jahrgangs verboten. Vielleicht weil Kurt Maetzig der prominenteste der ins ideologische Schußfeld geratenen Regisseure war, wurden die ins Archiv verbannten Streifen später als »Kaninchenfilme« bezeichnet. Maetzig drehte bis Mitte der 70er Jahre noch vier Spielfilme und eine Episode für den DDR-Jubiläumsfilm »Aus unserer Zeit«. »Das Kaninchen bin ich« erlebte seine Uraufführung im Dezember 1989 in der Ostberliner Akademie der Künste und wurde im Februar 1990 auf der Berlinale gezeigt.
1965/1990 | »Berlin um die Ecke« von Gerhard Klein (Regie) und Wolfgang Kohlhaase (Buch)
»Warum glaubt uns keiner?« will der junge Metallarbeiter Olaf (Dieter Mann) vom alten Redakteur der Betriebszeitung wissen. Es ist die zentrale Fragestellung des Films, der den Konflikt zwischen Selbstbestimmung und Einordnung, zwischen Wunsch und Wirklichkeit in einem fürsorglich-repressiven System beschreibt. Wo der Nachwuchs einfach nur leben, lieben, nach eigener Fasson selig werden möchte, sehen die Gründerväter sofort die Machtfrage gestellt. Wenn einer sagt, er sei nicht ganz so glücklich, wie es in der Zeitung stehe, heißt es: Sei dankbar. Regisseur Gerhard Klein und Autor Wolfgang Kohlhaase knüpfen Mitte der 60er Jahre noch einmal an ihre großen, neorealistisch beeinflußten Berlin-Filme der 50er an: präzise Alltagsbeobachtungen, plastische Milieustudien, vorurteilsfreie Porträts. Das Hauptproblem der DDR ist nicht länger die offene Grenze zum Westen, die Herausforderung liegt jetzt im Inneren: Wie macht man denn nun Sozialismus, wenn kein Klassenfeind mehr stört? Tja … Jenseits der zeitbezogenen gesellschaftspolitischen Thematik erzählt »Berlin um die Ecke«, schlicht und universell, von den Schwierigkeiten, sich – zwischen kleinen Fluchten und großen Flausen – in vorgegebenen Umständen zu orientieren, eine Haltung zu finden, kritisches Bewußtsein und Persönlichkeit zu entwickeln. Der Generationskonflikt kennt dabei keine Buhmänner: Auch die Probleme der Alten, mit Spannungen und Veränderungen zurande zu kommen, werden durchaus nachvollziehbar beschrieben. Und immer wieder erkundet die Kamera (Peter Krause) ganz konkret und sehr liebevoll die Stadt, den Kiez, Situationen gleich »um die Ecke«: das spießige Tanzlokal und die lärmende Werkhalle, das idyllische Strandbad und die Altbauten im Schatten der Stalinallee.
»Berlin um die Ecke« wurde im Sommer 1965 gedreht, die Fertigstellung des Films wurde nach dem 11. Plenum verboten. Gerhard Klein konnte danach nur noch einen Beitrag für einen Episodenfilm über den Mauerbau realisieren. Er starb 1970, erst 50jährig, während der Dreharbeiten zum Nachkriegskrimi »Leichensache Zernik«, der unvollendet blieb. »Berlin um die Ecke« wurde nach der Wende von Drehbuchautor Wolfgang Kohlhaase beendet, der fertige Film erstmals auf der Berlinale 1990 gezeigt.
1966/1990 | »Jahrgang 45« von Jürgen Böttcher (Regie) und Klaus Poche (Buch)
»Man wird älter. Findest du nicht auch?« Seit zwei Jahren ist Automechaniker Al mit Säuglingsschwester Li verheiratet. Er hatte sich die Ehe anders vorgestellt: »Man hat Wunder gedacht, wie alles kommt.« Nun ist er enttäuscht, hat das Gefühl, in seinem Zimmer »irgendwas Großes« zu verpassen, will das Unternehmen Zweisamkeit beenden, reicht die Scheidung ein. Sechs Wochen Überlegungsfrist verordnet das Gericht, und weil Al sowieso gerade Urlaub hat, nutzt er die Zeit, auf seine Weise: Er läßt sich durch Berlin treiben, vielleicht schwimmt ja die Erkenntnis vorbei … Regisseur Jürgen Böttcher ist bildender Künstler und Dokumentarfilmer, »Jahrgang 45« ist ein poetisch-realistisches, dem Augenblick abgeschautes und abgelauschtes Generationenporträt, auch ein Film über das Erwachsenwerden, über den Umgang mit Ernüchterung, über die Kunst, Kompromisse zu machen, ohne sich zu verleugnen. Wie gehen Menschen miteinander um, die von sich sagen, sie seien »nüchtern, sachlich, real und so«? Wie gestalten sie ihr Leben? Wie lieben sie? Wovon träumen sie? Wovor haben sie Angst? Böttcher und sein Kameramann Roland Gräf driften mit den Protagonisten (Rolf Römer und Monika Hildebrand in den Hauptrollen), auf der Erkundung von Gegenwart und möglicher Zukunft, durch Hinterhofwohnungen am Prenzlauer Berg und halbfertige Neubausiedlungen, über Trümmerberge am Stadtrand und holpriges Straßenpflaster, durch Museen und Tanzschuppen, Neugeborenenstationen und Bastelkeller. Keine planvolle Suche, eher ein tastender Weg, kein strenges Programm, sondern Aspekte und Perspektiven, Aussichten und – vielleicht – Einsichten.
Gedreht im Sommer 1966, wurde die Arbeit an »Jahrgang 45« im Stadium des Rohschnitts nach Einsprüchen der Hauptverwaltung Film des Ministeriums für Kultur der DDR beendet. Jürgen Böttcher (Künstlername als Maler: Strawalde) war bis zum Ende der DDR kontinuierlich für das Defa-Dokumentarfilmstudio tätig, inszenierte aber keinen weiteren Spielfilm. »Jahrgang 45« konnte erst nach der Wende fertiggestellt werden. Die Uraufführung fand im Februar 1990 auf der Berlinale statt.
1965/1989 | »Das Kaninchen bin ich« von Kurt Maetzig (Regie) und Manfred Bieler (Buch)
»Sie säen nicht, sie ernten nicht, aber schmecken tut’s ihnen doch.« Weil ihr Bruder wegen staatsgefährdender Hetze zu einer mehrjährigen Zuchthausstrafe verurteilt wird, darf die 19jährige Maria Morzeck (Angelika Waller), trotz bestandener Reifeprüfung, nicht ihr Traumfach Slawistik studieren. Sie wird Servierfräulein in der rustikalen Gaststätte ›Alt-Bayern‹ am Oranienburger Tor. Maria ist eine echte (Ost-)Berliner Pflanze, frühreif, selbstbewußt, burschikos, schlagfertig – und eigentlich gar nicht kaninchenhaft. Aber dann verliebt sie sich, ausgerechnet, in den Richter ihres Bruders, der sich im Lauf der Zeit als aalglatter Karrierejurist erweist. Von den Verhältnissen blockiert, schlägt sich Maria – stellvertretend für viele – mit dem Widerspruch zwischen Recht und Gerechtigkeit herum, eine Diskrepanz, die auch im Sozialismus nicht überwunden ist … Erstaunlich, daß ausgerechnet Kurt Maetzig, Regisseur der rotgranitenen Thälmann-Epen, die Adaption eines Romans unternahm, der in der DDR nicht erscheinen durfte. Auch wenn so manche Unverblümtheit des Buches aus dem Szenarium getilgt wurde, auch wenn der Fokus des Films eher auf die private Beziehungsgeschichte gerichtet ist als auf eine breite Darstellung gesellschaftlicher Umstände, wirft »Das Kaninchen bin ich« einen recht kritischen und sympathisch lokalkolorierten Blick auf das real-existierende Leben im volksdemokratischen Deutschland vor und nach dem Mauerbau. Die Errichtung des »antifaschistischen Schutzwalls« erscheint dabei, ganz systemkonform, als Bedingung für bestimmte innere Entwicklungsmöglichkeiten, die es zuvor nicht gegeben hat. Im politischen Schutzraum hinter der Mauer kann sich Maria emanzipieren, hier kann sie erhobenen Hauptes in die Zukunft gehen: »Ich bleib nicht liegen. Ich steh wieder auf. Ich laß mir nicht das Fell über die Ohren ziehen. Ich bin nicht mehr das Kaninchen. Ich bin ’n alter Hase.«
Die Dreharbeiten zu »Das Kaninchen bin ich« fanden im Sommer 1964 statt. Der fertiggestellte und zugelassene Film erfuhr auf dem 11. Plenum des ZK der SED im Dezember 1965 scharfe (kultur-)politische Kritik und wurde zusammen mit elf weiteren Defa-Filmen des Jahrgangs verboten. Vielleicht weil Kurt Maetzig der prominenteste der ins ideologische Schußfeld geratenen Regisseure war, wurden die ins Archiv verbannten Streifen später als »Kaninchenfilme« bezeichnet. Maetzig drehte bis Mitte der 70er Jahre noch vier Spielfilme und eine Episode für den DDR-Jubiläumsfilm »Aus unserer Zeit«. »Das Kaninchen bin ich« erlebte seine Uraufführung im Dezember 1989 in der Ostberliner Akademie der Künste und wurde im Februar 1990 auf der Berlinale gezeigt.
1965/1990 | »Berlin um die Ecke« von Gerhard Klein (Regie) und Wolfgang Kohlhaase (Buch)
»Warum glaubt uns keiner?« will der junge Metallarbeiter Olaf (Dieter Mann) vom alten Redakteur der Betriebszeitung wissen. Es ist die zentrale Fragestellung des Films, der den Konflikt zwischen Selbstbestimmung und Einordnung, zwischen Wunsch und Wirklichkeit in einem fürsorglich-repressiven System beschreibt. Wo der Nachwuchs einfach nur leben, lieben, nach eigener Fasson selig werden möchte, sehen die Gründerväter sofort die Machtfrage gestellt. Wenn einer sagt, er sei nicht ganz so glücklich, wie es in der Zeitung stehe, heißt es: Sei dankbar. Regisseur Gerhard Klein und Autor Wolfgang Kohlhaase knüpfen Mitte der 60er Jahre noch einmal an ihre großen, neorealistisch beeinflußten Berlin-Filme der 50er an: präzise Alltagsbeobachtungen, plastische Milieustudien, vorurteilsfreie Porträts. Das Hauptproblem der DDR ist nicht länger die offene Grenze zum Westen, die Herausforderung liegt jetzt im Inneren: Wie macht man denn nun Sozialismus, wenn kein Klassenfeind mehr stört? Tja … Jenseits der zeitbezogenen gesellschaftspolitischen Thematik erzählt »Berlin um die Ecke«, schlicht und universell, von den Schwierigkeiten, sich – zwischen kleinen Fluchten und großen Flausen – in vorgegebenen Umständen zu orientieren, eine Haltung zu finden, kritisches Bewußtsein und Persönlichkeit zu entwickeln. Der Generationskonflikt kennt dabei keine Buhmänner: Auch die Probleme der Alten, mit Spannungen und Veränderungen zurande zu kommen, werden durchaus nachvollziehbar beschrieben. Und immer wieder erkundet die Kamera (Peter Krause) ganz konkret und sehr liebevoll die Stadt, den Kiez, Situationen gleich »um die Ecke«: das spießige Tanzlokal und die lärmende Werkhalle, das idyllische Strandbad und die Altbauten im Schatten der Stalinallee.
»Berlin um die Ecke« wurde im Sommer 1965 gedreht, die Fertigstellung des Films wurde nach dem 11. Plenum verboten. Gerhard Klein konnte danach nur noch einen Beitrag für einen Episodenfilm über den Mauerbau realisieren. Er starb 1970, erst 50jährig, während der Dreharbeiten zum Nachkriegskrimi »Leichensache Zernik«, der unvollendet blieb. »Berlin um die Ecke« wurde nach der Wende von Drehbuchautor Wolfgang Kohlhaase beendet, der fertige Film erstmals auf der Berlinale 1990 gezeigt.
1966/1990 | »Jahrgang 45« von Jürgen Böttcher (Regie) und Klaus Poche (Buch)
»Man wird älter. Findest du nicht auch?« Seit zwei Jahren ist Automechaniker Al mit Säuglingsschwester Li verheiratet. Er hatte sich die Ehe anders vorgestellt: »Man hat Wunder gedacht, wie alles kommt.« Nun ist er enttäuscht, hat das Gefühl, in seinem Zimmer »irgendwas Großes« zu verpassen, will das Unternehmen Zweisamkeit beenden, reicht die Scheidung ein. Sechs Wochen Überlegungsfrist verordnet das Gericht, und weil Al sowieso gerade Urlaub hat, nutzt er die Zeit, auf seine Weise: Er läßt sich durch Berlin treiben, vielleicht schwimmt ja die Erkenntnis vorbei … Regisseur Jürgen Böttcher ist bildender Künstler und Dokumentarfilmer, »Jahrgang 45« ist ein poetisch-realistisches, dem Augenblick abgeschautes und abgelauschtes Generationenporträt, auch ein Film über das Erwachsenwerden, über den Umgang mit Ernüchterung, über die Kunst, Kompromisse zu machen, ohne sich zu verleugnen. Wie gehen Menschen miteinander um, die von sich sagen, sie seien »nüchtern, sachlich, real und so«? Wie gestalten sie ihr Leben? Wie lieben sie? Wovon träumen sie? Wovor haben sie Angst? Böttcher und sein Kameramann Roland Gräf driften mit den Protagonisten (Rolf Römer und Monika Hildebrand in den Hauptrollen), auf der Erkundung von Gegenwart und möglicher Zukunft, durch Hinterhofwohnungen am Prenzlauer Berg und halbfertige Neubausiedlungen, über Trümmerberge am Stadtrand und holpriges Straßenpflaster, durch Museen und Tanzschuppen, Neugeborenenstationen und Bastelkeller. Keine planvolle Suche, eher ein tastender Weg, kein strenges Programm, sondern Aspekte und Perspektiven, Aussichten und – vielleicht – Einsichten.
Gedreht im Sommer 1966, wurde die Arbeit an »Jahrgang 45« im Stadium des Rohschnitts nach Einsprüchen der Hauptverwaltung Film des Ministeriums für Kultur der DDR beendet. Jürgen Böttcher (Künstlername als Maler: Strawalde) war bis zum Ende der DDR kontinuierlich für das Defa-Dokumentarfilmstudio tätig, inszenierte aber keinen weiteren Spielfilm. »Jahrgang 45« konnte erst nach der Wende fertiggestellt werden. Die Uraufführung fand im Februar 1990 auf der Berlinale statt.
31. Juli 2013
Das schöne Nichts
Kino | »La grande bellezza« von Paolo Sorrentino (2013)
Ein Klatschreporter in Rom, seine langen Nächte und seine kurzen Tage, sein Scharfblick und seine Ambition, seine fehlgeleitete Sensibilität und seine unproduktive Leidenschaft – wer dächte da nicht an Marcello Rubini, an Federico Fellini, an »La dolce vita« … Paolo Sorrentino verleugnet das Vorbild nicht, schon der Titel seines Filmes klingt ja wie eine Variation, wie ein Echo; sein Held allerdings ist nicht mehr in den besten Jahren, er begeht seinen 65. Geburtstag. Jep Gambardella (Toni Servillo), der vor Jahrzehnten einen einzigen, gefeierten Roman (»L’apparato umano«) schrieb, steht nicht mehr mitten im verpfuschten Leben, er blickt – amüsiert, bestürzt, zynisch, nostalgisch – auf die durchgebrachte Existenz zurück. Eine groteske Zirkustruppe bevölkert das fetzenhafte Geschehen rund um den intellektuellen Dandy: Adel und Klerus, Partyvolk und Medienhuren, Zwerge und Fleischberge, Powerfrauen und Hampelmänner feiern ein Fest, das nie zu Ende geht – ungreifbare Ewigkeit in botoxstarrer Gegenwart. Die gähnenden Oberflächen und die glänzenden Abgründe, die Sorrentino präsentiert, rufen einen weiteren Meister des italienischen Kinos ins Gedächtnis: Wie die Werke Michelangelo Antonionis spricht »La grande bellezza« von luxuriöser Isolation und durchdesignter Entfremdung, von berührungsängstlicher Unentschiedenheit und Kälte inmitten hektischen Trubels. Mehrfach, und das ist wohl kein Zufall, bringt Jep, dieser große Zampanò der schäbigen Schönen und der armen Reichen, zudem Gustave Flaubert ins Gespräch, erzählt von dessen Traum, einen Roman über nichts zu schreiben. Und tatsächlich, Paolo Sorrentino ist es in gewisser Weise gelungen: Er hat einen großen, schönen Film über nichts gemacht, einen Film über die Leerjahre des Herzens, über die Verschleuderung der Gefühle; sentimental wie er ist, läßt Sorrentino Glaube, Hoffnung, Liebe am Ende dennoch nicht fahren, zeigt Flamingos, die sich wundersamerweise auf einer römischen Dachterrasse niederlassen, zeigt eine hundertjährige Heilige auf dem Weg zu ihrem Heiland, zeigt eine träumerische Fahrt auf dem Tiber, zur Burg der Engel, zeigt die Reise eines Verlorenen, ans Ende der Nacht, zurück zu den Wurzeln.
Ein Klatschreporter in Rom, seine langen Nächte und seine kurzen Tage, sein Scharfblick und seine Ambition, seine fehlgeleitete Sensibilität und seine unproduktive Leidenschaft – wer dächte da nicht an Marcello Rubini, an Federico Fellini, an »La dolce vita« … Paolo Sorrentino verleugnet das Vorbild nicht, schon der Titel seines Filmes klingt ja wie eine Variation, wie ein Echo; sein Held allerdings ist nicht mehr in den besten Jahren, er begeht seinen 65. Geburtstag. Jep Gambardella (Toni Servillo), der vor Jahrzehnten einen einzigen, gefeierten Roman (»L’apparato umano«) schrieb, steht nicht mehr mitten im verpfuschten Leben, er blickt – amüsiert, bestürzt, zynisch, nostalgisch – auf die durchgebrachte Existenz zurück. Eine groteske Zirkustruppe bevölkert das fetzenhafte Geschehen rund um den intellektuellen Dandy: Adel und Klerus, Partyvolk und Medienhuren, Zwerge und Fleischberge, Powerfrauen und Hampelmänner feiern ein Fest, das nie zu Ende geht – ungreifbare Ewigkeit in botoxstarrer Gegenwart. Die gähnenden Oberflächen und die glänzenden Abgründe, die Sorrentino präsentiert, rufen einen weiteren Meister des italienischen Kinos ins Gedächtnis: Wie die Werke Michelangelo Antonionis spricht »La grande bellezza« von luxuriöser Isolation und durchdesignter Entfremdung, von berührungsängstlicher Unentschiedenheit und Kälte inmitten hektischen Trubels. Mehrfach, und das ist wohl kein Zufall, bringt Jep, dieser große Zampanò der schäbigen Schönen und der armen Reichen, zudem Gustave Flaubert ins Gespräch, erzählt von dessen Traum, einen Roman über nichts zu schreiben. Und tatsächlich, Paolo Sorrentino ist es in gewisser Weise gelungen: Er hat einen großen, schönen Film über nichts gemacht, einen Film über die Leerjahre des Herzens, über die Verschleuderung der Gefühle; sentimental wie er ist, läßt Sorrentino Glaube, Hoffnung, Liebe am Ende dennoch nicht fahren, zeigt Flamingos, die sich wundersamerweise auf einer römischen Dachterrasse niederlassen, zeigt eine hundertjährige Heilige auf dem Weg zu ihrem Heiland, zeigt eine träumerische Fahrt auf dem Tiber, zur Burg der Engel, zeigt die Reise eines Verlorenen, ans Ende der Nacht, zurück zu den Wurzeln.
25. Juli 2013
Ein Götzenbild
TV | »George« von Joachim A. Lang (2013)
Ob Saft-und-Kraft-Mime Heinrich George (1893-1946), der seine Karriere auf den linken Bühnen der Weimarer Republik fulminant begann, im Theater und Kino des »Dritten Reiches« glanzvoll fortsetzte und nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs in einem sowjetischen Speziallager traurig beendete, tatsächlich ein arglos polternder Ich-will-doch-nur-spielen-Mitläufer war oder ein doppelstrategischer Kompromißler oder ein zwangsweiser Gelegenheitspropagandist des Bösen oder einfach nur ein bedauernswert unkritisches Opfer nationalsozialistischer und stalinistischer Umstände, sei dahingestellt – eine derart bräsige Familienaufstellung, ein so schmierenkomödiantisch-sentimentales Reenactment hat der zwiespältige Volks-, Bauch- und Staatskünstler (»Berlin-Alexanderplatz« … »Jud Süß« … »Kolberg«) gewiß nicht verdient. Götz George (in der Sohn- und Titelrolle) und Joachim A. Lang (Autor und Regisseur) errichten aus Spielszenen, Interviews und Dokumentarmaterial ein tränenfeucht-dröhenendes (Vater-)Denkmal ohne biographische Diagnostik, ohne historische Reflexion, ohne tieferes Erkenntnisinteresse, ein hochpoliert-abgeschliffenes TV-Produkt, das von allen guten Geistern des dokudramatischen Genres (wie es Horst Königstein oder Heinrich Breloer prägten) völlig verlassen ist.
Ob Saft-und-Kraft-Mime Heinrich George (1893-1946), der seine Karriere auf den linken Bühnen der Weimarer Republik fulminant begann, im Theater und Kino des »Dritten Reiches« glanzvoll fortsetzte und nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs in einem sowjetischen Speziallager traurig beendete, tatsächlich ein arglos polternder Ich-will-doch-nur-spielen-Mitläufer war oder ein doppelstrategischer Kompromißler oder ein zwangsweiser Gelegenheitspropagandist des Bösen oder einfach nur ein bedauernswert unkritisches Opfer nationalsozialistischer und stalinistischer Umstände, sei dahingestellt – eine derart bräsige Familienaufstellung, ein so schmierenkomödiantisch-sentimentales Reenactment hat der zwiespältige Volks-, Bauch- und Staatskünstler (»Berlin-Alexanderplatz« … »Jud Süß« … »Kolberg«) gewiß nicht verdient. Götz George (in der Sohn- und Titelrolle) und Joachim A. Lang (Autor und Regisseur) errichten aus Spielszenen, Interviews und Dokumentarmaterial ein tränenfeucht-dröhenendes (Vater-)Denkmal ohne biographische Diagnostik, ohne historische Reflexion, ohne tieferes Erkenntnisinteresse, ein hochpoliert-abgeschliffenes TV-Produkt, das von allen guten Geistern des dokudramatischen Genres (wie es Horst Königstein oder Heinrich Breloer prägten) völlig verlassen ist.
10. Juli 2013
Studio D: Rolf Hädrich
Angeregt durch Davids Beitrag über Franz-Peter Wirths Fernsehspiel »Konto ausgeglichen« und die daran anknüpfende Diskussion bei Whoknows Presents, möchte ich im »Magazin des Glücks« eine Rubrik installieren, die sich (in unregelmäßigen Abständen) der deutschen Fernsehgeschichte widmet. Natürlich kann ich keine vollständigen Retrospektiven veranstalten, aber Dank diverser DVD-Veröffentlichungen gibt es zumindest die Möglichkeit, sich grobe Überblicke über ausgewählte Programme oder künstlerische Biographien zu verschaffen.
Den Auftakt von »Studio D« bildet ein Querschnitt durch das Schaffen des TV-Regisseurs Rolf Hädrich (1931-2000). Hädrich war vor allem für den Hessischen und für den Norddeutschen Rundfunk tätig, häufig in Zusammenarbeit mit dem langjährigen NDR-Fernsehspielchef Dieter Meichsner. Seine Filmographie in der IMDb nennt 45 Titel – darunter auch Mehrteiler und Serien –, die zwischen 1958 und 1989 entstanden sind.
Die folgenden Texte zu einzelnen Fernsehspielen werden durch knappe filmographische Angaben ergänzt: B Buch V Vorlage Ü Übersetzung K Kamera M Musik A Ausstattung S Schnitt P Produktion D Darsteller | Länge | Datum der Erstausstrahlung
Der Dank der Unterwelt – Eine Geschichte aus Soho
Rolf Hädrichs Debüt – die deutsche Fassung eines harmlosen BBC-Kriminalstücks. Inspektor Pink (im Original weniger schrill: Charlesworth) beauftragt den gewitzten Taschendieb Slippy mit der Wiederbeschaffung gestohlener Geheimdokumente. Winfried Zilligs Titelmelodie variiert Kurt Weills Moritat von Mackie Messer, aber der Haifisch hat keine Zähne: Joseph Offenbach als Kriminaler und Heinz Reincke als Krimineller liefern sich ein leidlich amüsantes Match, Hädrichs Inszenierung ist so sauber und beschaulich wie die Vorlage. Auf das Soho der Phantome, der Buckligen und der Gorillas muß das deutsche Publikum noch ein paar Jahre warten.
V Berkely Mather Ü Georg Hensel K Wilfried Huber M Winfried Zillig A Rudolf Küfner S Gabriele Kleinicke P HR D Joseph Offenbach, Heinz Reincke, Erni Mangold, Friedrich Schönfelder, Albert Matterstock | 45 min | 1. August 1958
Die Stimme aus dem Hut – Eine Geschichte aus Soho
In der zweiten Geschichte aus der Unterwelt der englischen Hauptstadt spielt Inspektor Pink nur eine Nebenrolle; im Mittelpunkt steht der genialische Tüftelgangster Cripps (Karl Maria Schley), der mit einer Truppe von funkgesteuerten Handlangern Londons Buchmacher austricksen will. Daß die Technik dem Technizisten letztlich ein Schnippchen schlägt, ist kein süffisanter Kommentar auf den modernen Machbarkeitswahn sondern die schlichte Pointe eines schlichten Krimi-Komödchens. Rolf Hädrich inszeniert noch behäbiger als im ersten Fall; die Einrichtung der dritten und letzten Soho-Episode (»Instinkt ist alles«) wird er einem anderen Regisseur überlassen – um sich fürderhin interessanteren Aufgaben zu widmen.
V Berkely Mather Ü Georg Hensel K Wilfried Huber M Peter Thomas A Horst Klös S Hilde Grabow P HR (Helmut Krapp) D Joseph Offenbach, Karl Maria Schley, Robert Lossen, Hans Timerding, Hein ten Hoff | 45 min | 20. Oktober 1959
Verspätung in Marienborn (Stop Train 349)
Eine frühe Film-Fernsehen-Koproduktion mit internationaler Beteiligung und einem veritablen Oscar-Preisträger in einer der Hauptrollen. Basierend auf einem Drehbuch von Will Tremper (der den Film wegen des Konkurses der vorgesehenen Produktionsfirma nicht selbst realisieren konnte) inszeniert Rolf Hädrich auf engem Raum eine spannende deutsch-deutsch-alliierte Flüchtlingsstory, die einem Ereignis aus dem Dezember 1961 folgt: Bei einem kurzen Zwischenhalt irgendwo in der Zone springt ein junger DDR-Bürger auf den US-Militärzug von Berlin nach Frankfurt; seine Anwesenheit bleibt nicht unbemerkt: Eine Krankenschwester hilft ihm sich zu verstecken; ein mitreisender Journalist (knurrig: José Ferrer) wittert einen Knüller und führt mit dem Republikflüchtling, der seinen Eltern in den Westen folgen will, ein exklusives Tonband-Interview; schließlich schöpfen auch östliche Transportpolizisten Verdacht und melden die Sache ihren Vorgesetzten. Nur der junge amerikanische Kommandant (Sean Flynn, ein Sohn von Errol) ahnt von alldem nichts, schwört Stein und Bein, daß sich kein blinder Passagier an Bord befände, als die Sowjets den Zug am Kontrollpunkt festhalten und die Lokomotive abkoppeln … Als Musterbeispiel eines geschlossenen Dramas wahrt »Verspätung in Marienborn« strikt die Einheit von Zeit (eine Nacht und ein Tag), Ort (ein versiegelter Zug und ein abgeriegelter Grenzbahnhof) und Handlung. Von Interesse erscheinen weniger die Überzeugungen oder Motivationen der knapp gezeichneten Charaktere, sondern ihre Gefangenschaft in einem abstrakten System technisch-administrativer Mechanismen, das weder persönlichen Handlungsspielraum noch individuelle Rücksichtnahme zuläßt – nicht einmal die rivalisierenden Ideologien der feindlichen Mächte spielen in diesem kalten (Nerven-)Krieg noch eine wesentliche Rolle. Am Ende sind es folgerichtig nicht die Personen des Stücks sondern anonyme Instanzen, die per Telefonbefehl das Schicksal des Flüchtlings besiegeln.
B Will Tremper, Victor Vicas (englische Fassung) K Roger Fellous M Peter Thomas, Claude Vasori A Dieter Bartels, Albrecht Hennings S Margot Jahn, Georges Arnstam P Hans Oppenheimer, HR D José Ferrer, Sean Flynn, Nicole Courcel, Jess Hahn, Hans-Joachim Schmiedel | 94 min | 4. Juli 1963
Doktor Murkes gesammeltes Schweigen
»Das ist alles sehr, sehr gut.« Dieter Hildebrandt, der auch die Adaption der Erzählung von Heinrich Böll besorgte, spielt die Titelrolle, einen Redakteur der Abteilung ›Kulturelles Wort‹ bei einem ungenannt bleibenden deutschen Rundfunksender. (Gedreht wurde das Stück im gläsernen Funkhaus-Rundbau des Hessischen Rundfunks, der Ende der 1940er Jahre von der Stadt Frankfurt, etwas vorschnell, als Sitz des Bundestages errichtet worden war.) Das Fernsehspiel schildert einen Tag aus dem Arbeitsleben des ironisch-distanzierten Doktor Murke, angereichert mit leicht surrealisierten erzählerischen Vignetten aus dem Betriebstrott einer öffentlich-rechtlichen Anstalt. Den zentralen Handlungsfaden bildet die Überarbeitung eines Vortrages des dampfplaudernden Mikrofon-Professors Bur-Malottke (mit Goethemähne: Robert Meyn) über das Wesen der Kunst: Der Referent möchte das glaubensvolle (27 mal verwendete) Wort »Gott« jeweils durch die neutrale Formulierung »jenes höhere Wesen, das wir verehren« ersetzt wissen. Um diese einigermaßen absurde Verrichtung gruppieren sich – in Fluren, Büros, Studios, Paternostern, Toiletten und (natürlich) in der Kantine – schwadronierende Schauspieler und abgebrühte Techniker, aalglatte Journalisten und ein von seiner leitenden (will sagen: leidenden) Funktion vollkommen abgeschliffener Intendant (Dieter Borsche). Rolf Hädrich präsentiert das Medium Funk, mit reichlich intellektueller Situationskomik, als selbstreferentielle Maschinerie, die hauptsächlich vom verzweifelten Dünkel und vom süffisanten Fatalismus ihres Personals in Schwung gehalten wird, als raumschiffartige Behörde, die weit über jener (Um-)Welt schwebt, auf die sie doch gemeinwohlig formend und staatsbürgerlich bildend einwirken will (und soll).
B Dieter Hildebrandt, Rolf Hädrich V Heinrich Böll K Klaus König M Peter Thomas A Arno Richter S Ursula van den Berg P HR (Eberhard Krause) D Dieter Hildebrandt, Dieter Borsche, Robert Meyn, Thomas Fabian, Heinz Schubert | 45 min | 6. Februar 1964
Doktor Murkes gesammelte Nachrufe
»Wir begrüßen Sie zum Abendprogramm des deutschen Fernsehens, das Sie auch heute wieder durch seine Vielseitigkeit erfreuen soll.« Kulturredakteur Doktor Murke wurde zum Fernsehen versetzt und mit der Leitung der neugeschaffenen Abteilung ›Pro Memoria‹ betraut, die ante mortem Nachrufe auf bedeutende Persönlichkeiten produziert. Der aus dem Vorgängerfilm bekannte Professor Bur-Malottke wendet sich in einer Voraufzeichnung seiner eigenen Grabrede gleich selbst an die spätere Nachwelt … Die Fortsetzung der Böll-Satire, läßt, wohl hauptsächlich wegen Verdoppelung der Spielzeit, Prägnanz (und damit auch Unterhaltungswert) des ersten Teils weitgehend vermissen. Das Fernsehen, dieses selbsternannte »Bergwerk des Geistes«, erweist sich als Apparat der Einflußnahmen und des Geschachers, als wirklichkeitsfernes Amt für Proporz und Popanz, als schlagendes Beispiel für Parkinsons Gesetze der Bürokratie. In nervenzerrender Breite schildert Hädrich die Ödnis von Gremiensitzungen, er beweist die strukturelle Bedeutung von Klogesprächen, illustriert das Ringen von Bild und Wort, von Manipulation und Wahrheit, zieht schließlich sogar das Rundfunkgesetz unter dem Arm des Titelhelden hervor, um ihn ausführlich daraus zitieren zu lassen. Kurioserweise geistern auch noch die vier Jacob Sisters durch das unkonzentrierte Stück, um Show zu machen und Kanon zu singen: »Oh, wie wohl ist mir am A-abend, mir am A-abend, / denn das Fernseh’n ist erla-abend, ist erla-abend. / Fern-seh’n, Fern-seh’n. / Alles kommt zu mir nach Hau-ause, ohne Pau-ause.« Irgendwann sagt eine Cutterin: »Die wahre Kunst ist die Kunst des Weglassens.« Leider besorgte sie nicht den Schnitt des Fernsehspiels, in dem sie auftritt.
B Dieter Hildebrandt, Rolf Hädrich V Heinrich Böll K Karl Schröder M Peter Thomas A Arno Richter S Stefanie Möbius P HR (Eberhard Krause) D Dieter Hildebrandt, Dieter Borsche, Robert Meyn, Thomas Fabian, Gisela Trowe | 85 min | 5. Oktober 1965
Der neue Mann
»Patterns« (≈ Muster, Strukturen) von Rod Serling (berühmt geworden als Schöpfer der Serie »Twilight Zone«) machte 1955 Furore im amerikanischen Fernsehen: Das live ausgestrahlte teleplay über die Abwrackung einer alt(gedient)en Führungskraft und das Emporkommen eines vielversprechenden »neuen Mannes« in einem New Yorker Unternehmen wurde aufgrund des großen Zuspruchs von Publikum und Kritik einen Monat nach Erstaufführung mit gleicher Besetzung wiederholt. Im Jahr darauf entstand die Kinofassung des Stoffes, und ein Jahrzehnt später adaptierte Rolf Hädrich das Stück fürs Abendprogramm des deutschen Fernsehens … Ramsey & Company, die Firma, deren Zentrale im 40. Stockwerk eines Wolkenkratzers auf der Insel Manhattan residiert, könnte als Metapher für die Auseinandersetzung rivalisierender Kräfte innerhalb der »Maschine Kapitalismus« stehen: Andy Sloane (Ernst Fritz Fürbringer), langjähriger Vizepräsident der Gesellschaft, inzwischen ein Magenkranker auf dem absteigenden Ast, vertritt einen Kapitalismus mit menschlichem Antlitz, will sagen: die soziale Marktwirtschaft, die Wohlstand für alle verspricht; Ramsey jun. (Carl Lange), der knochenharte Herr des Hauses, ein Wachstumsfetischist, der (buchstäblich) über Leichen geht, sieht die Wirtschaft als mitleidlosen Kampf und Selektionsprozeß; dazwischen steht Fred Staples (Hanns Lothar), der Neuzugang aus der Provinz, Protegé des Chefs, Bewunderer des Stellvertreters, den er beerben soll – Fred möchte gewinnen, ohne daß es einen Verlierer gibt, er glaubt an das Herzensgute und bewundert die Schonungslosigkeit, er will den Kuchen essen und ihn behalten. Rolf Hädrichs Inszenierung ist schnörkellos und plausibel, die Darsteller agieren überzeugend und nachvollziehbar, die unauflöslichen Widersprüche und der Verbrauchscharakter des Systems (inklusive der Mechanik von Aufstieg und Untergang der Beteiligten) werden nach allen Regeln der Kunst bloßgelegt – aber an die kraftvolle Direktheit des amerikanischen Originals kommt das gedämpft nachgespielte bundesdeutsche Remake nicht heran.
V Rod Serling Ü Irene Dodel, Horst van Diemen K Wilfried Huber M Peter Thomas A Siegfried Stepanek S Brigitte Siara P HR (Hartmut Grund) D Hanns Lothar, Carl Lange, Ernst Fritz Fürbringer, Brigitte Rau, Eva Bubat | 70 min | 11. November 1965
Mord in Frankfurt
Das bundesdeutsche Kino der Nachkriegszeit finde im Fernsehen statt, sagte Rolf Hädrich (– jedenfalls laut seines Kollegen Oliver Storz). »Mord in Frankfurt« erfüllt den nicht unbescheidenden Anspruch, der in dieser Behauptung liegt, mit Bravour. Zwei Tage in einer deutschen Großstadt – Schatten der Vergangenheit und Erschütterung der Gegenwart, hektische Alltagsnormalität und plötzlicher Gewaltausbruch, routinierte Trauerarbeit und echte Gewissensprüfung, gestörte Kommunikation und versuchte Kontaktaufnahme. Mehrere Handlungsstränge werden teils verknüpft, laufen teils parallel, kommentieren sich wechselseitig: Der polnische KZ-Überlebende Dr. Markowski (Václav Voska) reist als Zeuge zum Prozeß gegen die Lagerärzte von Auschwitz nach Frankfurt; ein Taxifahrer wird ermordet, woraufhin seine Kollegen einen wilden Streik ausrufen und die Todesstrafe für Bluttäter fordern; ein Theaterensemble probt und diskutiert Peter Weiss’ Dokumentarstück »Die Ermittlung«, das den ersten Frankfurter Auschwitzprozeß thematisiert; eine Stewardess, Freundin eines der Schauspieler, hat den Taximörder gesehen und erhält durch ihre Zeugenaussage Schlagzeilenprominenz … Der Film gleicht weniger einer Erzählung als einer Materialsammlung; Hädrich (der auch das Drehbuch schrieb) führt keine Verhandlung mit strenger Beweisführung, er organisiert eine Enquete mit offenem Ergebnis, ein erzählerisches Spiegelkabinett, dessen Konstruktion an keiner Stelle zum Selbstzweck wird. Jost Vacanos mobile Handkamera dynamisiert das Geschehen, schafft eine außergewöhnliche physische und psychische Intensität der Ereignisse, die von Peter Thomas’ sparsamem Soundtrack bald jazzig-groovig, bald abstrakt-minimalistisch akzentuiert wird; der Spielort, die Stadt Frankfurt am Main, gewinnt filmisches Leben zwischen dem Glas-und-Beton-Modernismus des bundesdeutschen Wohlstands und den Winkeln kleinbürgerlicher Gemütlichkeit. Hädrich gelingen eindrückliche Szenen, etwa wenn Markowski einem Herrn des Prozeßvorbereitungskomitees gegenübersitzt, der von den Zeugengeldern spricht (»Die Deutschen sind in diesen Dingen diesmal großzügig.« – »Sie sind nicht Deutscher?« – »Doch, doch.« – »Ach so …«) oder wenn er ratlos-erschöpft die Theateraufführung einer Sozialgroteske verläßt oder wenn er von aufgebrachten Taxifahrer mit den Worten »Wir fahren keine Mörder!« angepöbelt wird. Nach einem offenen Gespräch mit einer jungen deutschen Zeugenbetreuerin – beim Äppelwoi in Sachsenhausen (!) – gerät Markowski schließlich ins Räderwerk der juristischen Wahrheitsfindung, von der das Opfer eiskalt in die Rolle des Angeklagten gedrängt wird … »Mord in Frankfurt« ist weder provokatorischer Themen-Krimi noch wohlfeile Vergangenheitsbewältigung, vielmehr ein auf- und anregender Versuch über Recht und Gerechtigkeit, Erinnerung und Verdrängen, Gewissen und Verantwortung, ein Versuch, der nicht unbedingt zur Identifikation einlädt, eher zum Mitdenken und Erkennen.
B Rolf Hädrich K Jost Vacano M Peter Thomas A Herbert Labusga S Brigitte Lässig P WDR (Günter Rohrbach) D Václav Voska, Christiane Schröder, Joachim Ansorge, Monika Lundi, Karl-Heinz von Hassel, Dirk Dautzenberg | 77 min | 30. Januar 1968
Graf Öderland
»Es gibt Augenblicke, wo man sich wundert über alle, die keine Axt ergreifen.« Ein transzendenter Politthriller, eine schwarze Gesellschaftskomödie, ein metaphorischer Kommentar auf Protestbewegungen und herrschende Verhältnisse, ein assoziativ-surreales Traum-, Denk-, Schau-, End- und Schattenspiel: Der unbescholtene Kassierer einer Bank (Ernst Jacobi) hat den Hausmeister mit der Axt erschlagen, eines schönen Sonntags, einfach so. Lediglich der ermittelnde Staatsanwalt (Bernhard Wicki) bringt für diese rätselhafte Tat Verständnis auf, verbrennt seine Akten, schlüpft seinerseits in die Rolle des legendären Grafen Öderland, zieht axtmordend durchs Land, haut alle um, die sich seinem Freiheitszug in den Weg stellen: »Der Graf von Öderland / mit der Axt in der Hand. / Oh, wehe, weh euch allen. / Ich sehe euch fallen / wie Bäume im Wald.« Ausgehend vom acte gratuit des kleinen Angestellten entwickelt sich ein spukhaftes Stationendrama durch eine Welt, die nur Arbeit und Lohn kennt, kein Geschenk und keine Freude: »Man macht sich ein Gewissen daraus, daß man lebt.« Der Amoklauf des rebellierenden Staatsanwaltes, dem sich die (weitgehend gesichtlosen) Massen anschließen, führt zum Kollaps der Regierungsgewalt, freilich ohne daß sich irgendetwas zum Besseren wendete: »Wer, um frei zu sein, die Macht stürzt, übernimmt das Gegenteil der Freiheit: die Macht.« Rolf Hädrich taucht die Moritat von Max Frisch in eine hermetisch-somnambule Stimmung: durch das angespannte, aber seltsam unpersönliche Spiel der Darsteller, durch eine stilisierte, am expressionistischen Film geschulte Schwarzweiß-Fotografie, durch die Verschiebung aller Momente von äußerer Dramatik zwischen die Auftritte oder ins Off – Blut fließt nur hinter der Szene, die Revolution ist nichts weiter als eine Geräuschkulisse. Szenenbildner Hein Heckroth, der einst grandiose Kinolandschaften für Powell & Pressburger baute, intensiviert die phantastischen (Fernseh-)Wirklichkeit des Stücks durch die Kombination von artifiziellen Dekors (das Büro des Staatsanwaltes, die Zelle des Mörders, eine Kaschemme, die Kanalisation, eine Dachstube) mit emblematischen Originalschauplätzen (ein Segelschiff im Hafen, dessen Takelage die Ferne zerschneidet; die barocke Residenz, in deren prächtigen Sälen sich die fallende Elite ihrer selbst versichert). Das Ende der extravaganten Vorstellung bleibt offen und geheimnisvoll. »Man hat mich geträumt«, sagt der Staatsanwalt und blickt entgeistert auf seine Stiefel, an denen der Schlamm des mörderischen Umsturzes klebt – ein Gefangener zwischen Ausbruch aus falscher Hoffnung und Ersticken an der Zivilisation: »Öd’ ist unser Leben, / Tag für Tag. / Und so wird es sein / Tag für Tag, / bis ich alt bin / und sterbe. / Aber einmal, wenn ich aufseh’, / wie immer und immer, / ob alles von vorn beginnt / wie immer und immer, / da steht er vor mir, plötzlich, / der Graf von Öderland / mit der Axt in der Hand.«
B Rolf Hädrich V Max Frisch K Wilfried Huber M Peter Thomas A Hein Heckroth S Karin Kittel, Brigitte Lässig P HR (Dieter von Volkmann) D Bernhard Wicki, Agnes Fink, Hans Caninenberg, Nicole Heesters, Ernst Jacobi | 95 min | 8. Dezember 1968
Alma Mater
»Mit dem Herzen war man in Deutschland immer schon dabei.« Professor Freudenberg (gespielt von Karl Guttmann, einem niederländischen Theaterregisseur österreichisch-jüdischer Herkunft), Historiker an der Freien Universität Berlin, geht zum zweiten Mal ins Exil. 1933 mußte er Deutschland verlassen, weil ihm als Jude Verfolgung und Tod drohten; 1968 will er ein Zeichen setzten gegen die Destruktion des demokratischen Reglements durch eine radikalisierte Studentenschaft. »Alma Mater«, ein wütender (wenn man so will: parteilicher) Schuß vor den Bug des Zeitgeistes, erzählt in Rückblenden die Vorgeschichte von Freundenbergs zweiter Emigration. Die 68er-Bewegung und ihre Revolte gegen das Establishment erscheinen dabei als kaum verhüllte Wiederkehr jener anderen »Bewegung«, die einst ein verhaßtes »System« in Scherben fallen ließ. Autor Dieter Meichsner (der 1948 von der Ostberliner Humboldt-Universität an die neugegründete FU im Westen der Stadt wechselte) und Regisseur Rolf Hädrich (der sein Studium in Jena begann und 1951 nach Westberlin flüchtete) bringen ganz persönliche Erfahrungen mit Ideologisierung und Dogmatismus in ihr Drama ein, das in zugespitzten Diskussions- und Dialogszenen (insbesondere in Fakultätssitzungen und Vollversammlungen, aber auch in Vieraugengesprächen bei Spaziergängen durchs »Dahlemer Ghetto«) eine aufgeheizte Atmosphäre von bockiger Streitsucht und megaphonverstärkter Sprachlosigkeit ausmalt. Die Rollen in diesem (Fernseh-)Spiel der antagonistischen Widersprüche sind klar verteilt: Die (abgewogenen) Professoren sehen, bei aller hilflosen Verstocktheit, die Notwendigkeit von (universitärer ≈ gesellschaftlicher) Reform, während die (aggressiven) Studenten in »legalistischer« Umgestaltung der Verhältnisse letztlich nur die »Perpetuierung der Scheiße« erkennen können. Daß es den großen Schraubenschlüssel zur schlagartigen Lösung aller Probleme nicht gibt, mußten die Alten schmerzlich erfahren; die Jungen wollen von dieser Erkenntnis nichts wissen – und so wird der Schlüssel wohl einmal mehr dazu dienen, Köpfe einzuschlagen … Jost Vacanos bewegliche Reportagekamera, biographische Inserts zu den zentralen Figuren, Interviewsequenzen sowie die Verwendung von dokumentarischem Bildmaterial und Originaltönen suggerieren journalistische Authentizität und erzählerische Unmittelbarkeit in diesem geschickt konstruierten akademisch-politischen Lehrstück um Macht(-fragen) und Gewalt(-spiralen), dessen Lehre zu ziehen, dem Zuschauer nicht allzu schwergemacht wird. In der historischen Rückschau, zumal im Wissen um den blutigen Weg, den ein (kleiner) extremistischer Teil der Studentenbewegung gegangen ist, erweist sich »Alma Mater«, bei aller Schwarzweißmalerei, als wichtiges, durchaus hellsichtiges (zudem äußerst kurzweiliges) Dokument (s)einer bewegten Zeit.
B Dieter Meichsner, Rolf Hädrich K Jost Vacano A Mathias Matthies S Gisela von Garssen P NDR (Dieter Meichsner) D Karl Guttmann, Hans Baur, Malte Petzel, Claus Theo Gärtner, Ronald Nitschke | 90 min | 27. November 1969
Erinnerung an einen Sommer in Berlin
»… eine Welt voller Hoffnung, Angst und Haß, voller Sorge und Verzweiflung, oder auch voller Liebe, Grausamkeit und Treue – eine Welt, die Berlin heißt.« Eine komplexe Montage verbindet die (einigermaßen spröde) szenische Einrichtung der Deutschland-Kapitel aus dem nachgelassenen autobiographischen Werk »You Can’t Go Home Again« des amerikanischen Schriftstellers Thomas Wolfe mit Ausschnitten aus Leni Riefenstahls »Olympia«-Filmen sowie Erinnerungen von Zeitzeugen zu einem vielschichtigen Bild des Berliner Sommers 1936. Wolfe, der Deutschland von früheren Besuchen her kannte und emotional tief verbunden war (»Ich fühlte mich hier ganz einfach zu Hause.«), realisiert nach und nach – in Gesprächen mit Freunden und durch unmittelbare Alltagserlebnisse – die gravierenden Veränderungen, die im »gelobten Land seines Herzens« unter dem Zeichen des Hakenkreuzes stattfanden. Widerstrebend muß der Amerikaner in seinem geliebten Berlin zur Kenntnis nehmen, daß hinter den Kulissen des mitreißenden Sport-(und Polit-)Spektakels eine düstere Wirklichkeit von Repression und Rassenhaß liegt. »Deutschland«, resümiert Wolfe schließlich desillusioniert, »war nicht mehr. Es gab keinen Weg zurück.« Rolf Hädrich setzt weniger auf Einfühlung denn auf Distanzierung, und auch wenn die hölzern agierenden Darsteller neben den Erzählungen der Interviewpartner recht blaß wirken, läßt die Mischung von Spiel- und Dokumentarelementen das spezifische Stimmunskonglomerat aus Glücksrausch und schleichender Erkenntnis, aus Faszination und Trauer über unwiederbringlichen Verlust bildhaft und verständlich werden.
B Rolf Hädrich V Thomas Wolfe K Bernd Eismann A Hans-Ulrich Thormann S Inge Bohmann P NDR (Dieter Meichsner) D Burt Nelson, Franziska Bronnen, Moritz Milar & Leni Riefenstahl, Albert Speer, Heinrich Maria Ledig-Rowohlt, William L. Shirer | 85 min | 22. August 1972
Alle beschriebenen Filme sind auf DVD erhältlich, mit Ausnahme von »Alma Mater«, den ich im Archiv der Deutschen Kinemathek sichten konnte. (Vielen Dank an Holger Theuerkauf!) Ebenfalls erschienen sind »Von Mäusen und Menschen« nach John Steinbeck (1968) und eine dreiteilige Adaption des Theodor-Fontane-Romans »Der Stechlin« (1975). Weitere wichtige Fernsehinszenierungen von Rolf Hädrich sind derzeit nicht greifbar – es folgt eine kleine Übersicht mit Zitaten aus verschiedenen Quellen.
Die Abwerbung | B Erich Kuby | 11. September 1958 | »Die Bekanntschaft eines durch die DDR reisenden Mannes mit einer Fabrikbesitzerin in der DDR bringt diese dazu, die Frage, ob sie in den Westen gehen oder doch in der DDR bleiben will, für sich zu entscheiden. Sie bleibt letztlich aus einer persönlichen Verantwortung für die Familie.« Knut Hickethier, epd Medien 97/2002
Nachruf auf Jürgen Trahnke | B Dieter Meichsner nach seinem Roman »Die Studenten von Berlin« | 5. April 1962 | »Jürgen Trahnke ist ein Student, der aus der DDR nach West-Berlin gekommen war, dort an der FU studiert und immer noch Verbindungen in seine DDR-Heimat besitzt. Diese werden von einem Agentenunternehmen ausgenutzt, das Studenten in einer etwas zwielichtigen Weise für seine Interessen einsetzt. Trahnke, der gerade seine Liebe zu einer Studentin entdeckt hat, wird mehr oder weniger gegen seinen Willen in der DDR für einen Kundschafterdienst eingesetzt und kehrt nicht wieder zurück, weil er geschnappt wurde.« Knut Hickethier, epd Medien 97/2002
Die Revolution entläßt ihre Kinder | B Claus Hubalek nach Wolfgang Leonhardt | 3 Teile | 22., 24. und 29. Mai 1962 | »Autor Claus Hubalek: ›Mit diesem Stoff haben wir den einzig möglichen Blick in die Werkstatt für Funktionäre.‹ NDR-Fernsehspielleiter Egon Monk: ›Der Schaden fängt doch schon mit der Unkenntnis an.‹ Regisseur Rolf Hädrich: ›Und deshalb machen wir das – für alle Leute, die das Buch nicht gelesen haben … Jede Dramatisierung muß vermieden werden. Wir wollen Bewußtseinsvorgänge sichtbar, Denkprozesse für Zuschauer offensichtlich machen.‹ So will Hädrich denn auch ›Erschütterungen nicht ausspielen‹ lassen. ›Verlorene Mutter? Es bleibt kein Raum, solche Dinge auszugären. Es gibt gleich Ersatz: die Politik ... Die Schizophrenie setzt ein zwischen Mensch und Partei.‹« Der Spiegel 16/1962
Der Schlaf der Gerechten | B Oliver Storz nach Albrecht Goes | 21. November 1962 | »Das TV-Spiel setzt sich mit der Verhaltensweise von Menschen im Alltag des Dritten Reiches auseinander. Es wird anhand der Geschichte der tüchtigen, aber politisch uninteressierten Metzgers-Ehefrau Margarethe Walker versucht, die Ausweglosigkeit einer moralischen Zwangslage zu zeigen, in die jeder von uns unversehens geraten kann.« ARD-Programmhinweis 1962
Haben | V Julius Hay | 9. Januar 1964 | »In einem ungarischen Dorf sterben ältere Männer unter seltsamen Umständen. Niemand weiß, daß die Hebamme Képes, eine Männerhasserin, dahinter steckt. Zu ihr kommen leidgeprüfte Frauen, die von ihren Gatten nicht länger belästigt werden wollen und bekommen gegen ihre Besitztümer kleine Tütchen mit Gift.« Die Krimihomepage
Nach Ladenschluß | B Dieter Meichsner | 24. März 1964 | »Lisa, die Schallplatten verkauft und mit dem braven, anständigen Rolf verlobt ist, spielt mit Ausbruchsgedanken aus ihrem Alltag. Sie begegnet dem selbstsicheren Ingenieur Horst Radack, dessen Zynismus sie reizt. Sie kann sich der Anziehung des Mannes nicht entziehen und verliebt sich in ihn, obwohl sie ahnt, daß die Liebe ohne Bestand sein wird. Wird es ihr gelingen, in jene Bereiche zurückzufinden, die ihre Welt ausmachen, zu Rolf, zum bürgerlichen Leben?« ARD-Programmhinweis 1964
Zuchthaus | B Claus Hubalek nach Henry Jaegers Roman »Die bestrafte Zeit« | 25. Mai 1967 | »›Zuchthaus‹ … prangert Mißstände an, die Prügelei, den Sadismus, das obrigkeitliche Denken des Wachpersonals, erklärt die Technik der Himmelstoß-Erben (leise sind die, scheinbar korrekt, eher jovial als perfid) und illustriert die kleinen Tricks, mit deren Hilfe man den Bruder Aufsässig gefügig macht.« Die Zeit 22/1967
Kraft des Gesetzes | V Henri Debluë | 21. Januar 1968 | »Das Stück, das auf einer wahren Begebenheit beruht, spielt während des Zweiten Weltkriegs in der Schweiz. Der junge Matthias Worf wird für einen Polizistenmord zum Tod verurteilt. Während ein Schweizer Bundesgesetz zum Zeitpunkt des Urteils die Todesstrafe bereits abgeschafft hat, gilt in einer zweijährigen Übergangszeit noch kantonales Recht und deshalb auch das Todesurteil. Die strengen Gesetzeshüter beharren auf der Vollstreckung. Und während in Europa der Krieg tobt und Millionen Menschen sterben, muß sich der zuständige Landammann auf den Weg machen, um einen Henker und eine Guillotine zu beschaffen.« Die Krimihomepage
Biographie – Ein Spiel | V Max Frisch | 6. Dezember 1970 | »Der Versuch eines Mannes, nachträglich seine Biographie zu ändern, sieht zunächst einfach aus; doch in der Konfrontation mit den Stationen seines Lebens erscheint er aussichtslos.« Lexikon Filme im Fernsehen
Kennen Sie Georg Linke? | B Dieter Meichsner | 27. Juni 1971 | »Das Fernsehspiel beschreibt einige Tage im Leben eines Berliner Tischlermeisters, der bei der Baader-Befreiung seine ersten Erfahrungen mit politischer Gewalt macht. In der Hauptrolle: der Berliner Karikaturist Oswin.« Der Spiegel 26/1971
Rolf Hädrich verfilmte außerdem Werke von Samuel Beckett, Gottfried Benn, Manfred Bieler, Bertolt Brecht, Albert Camus, Axel Eggebrecht, Marek Hlasko, Halldór Laxness und Slawomir Mrozek.
Den Auftakt von »Studio D« bildet ein Querschnitt durch das Schaffen des TV-Regisseurs Rolf Hädrich (1931-2000). Hädrich war vor allem für den Hessischen und für den Norddeutschen Rundfunk tätig, häufig in Zusammenarbeit mit dem langjährigen NDR-Fernsehspielchef Dieter Meichsner. Seine Filmographie in der IMDb nennt 45 Titel – darunter auch Mehrteiler und Serien –, die zwischen 1958 und 1989 entstanden sind.
Die folgenden Texte zu einzelnen Fernsehspielen werden durch knappe filmographische Angaben ergänzt: B Buch V Vorlage Ü Übersetzung K Kamera M Musik A Ausstattung S Schnitt P Produktion D Darsteller | Länge | Datum der Erstausstrahlung
Der Dank der Unterwelt – Eine Geschichte aus Soho
Rolf Hädrichs Debüt – die deutsche Fassung eines harmlosen BBC-Kriminalstücks. Inspektor Pink (im Original weniger schrill: Charlesworth) beauftragt den gewitzten Taschendieb Slippy mit der Wiederbeschaffung gestohlener Geheimdokumente. Winfried Zilligs Titelmelodie variiert Kurt Weills Moritat von Mackie Messer, aber der Haifisch hat keine Zähne: Joseph Offenbach als Kriminaler und Heinz Reincke als Krimineller liefern sich ein leidlich amüsantes Match, Hädrichs Inszenierung ist so sauber und beschaulich wie die Vorlage. Auf das Soho der Phantome, der Buckligen und der Gorillas muß das deutsche Publikum noch ein paar Jahre warten.
V Berkely Mather Ü Georg Hensel K Wilfried Huber M Winfried Zillig A Rudolf Küfner S Gabriele Kleinicke P HR D Joseph Offenbach, Heinz Reincke, Erni Mangold, Friedrich Schönfelder, Albert Matterstock | 45 min | 1. August 1958
Die Stimme aus dem Hut – Eine Geschichte aus Soho
In der zweiten Geschichte aus der Unterwelt der englischen Hauptstadt spielt Inspektor Pink nur eine Nebenrolle; im Mittelpunkt steht der genialische Tüftelgangster Cripps (Karl Maria Schley), der mit einer Truppe von funkgesteuerten Handlangern Londons Buchmacher austricksen will. Daß die Technik dem Technizisten letztlich ein Schnippchen schlägt, ist kein süffisanter Kommentar auf den modernen Machbarkeitswahn sondern die schlichte Pointe eines schlichten Krimi-Komödchens. Rolf Hädrich inszeniert noch behäbiger als im ersten Fall; die Einrichtung der dritten und letzten Soho-Episode (»Instinkt ist alles«) wird er einem anderen Regisseur überlassen – um sich fürderhin interessanteren Aufgaben zu widmen.
V Berkely Mather Ü Georg Hensel K Wilfried Huber M Peter Thomas A Horst Klös S Hilde Grabow P HR (Helmut Krapp) D Joseph Offenbach, Karl Maria Schley, Robert Lossen, Hans Timerding, Hein ten Hoff | 45 min | 20. Oktober 1959
Verspätung in Marienborn (Stop Train 349)
Eine frühe Film-Fernsehen-Koproduktion mit internationaler Beteiligung und einem veritablen Oscar-Preisträger in einer der Hauptrollen. Basierend auf einem Drehbuch von Will Tremper (der den Film wegen des Konkurses der vorgesehenen Produktionsfirma nicht selbst realisieren konnte) inszeniert Rolf Hädrich auf engem Raum eine spannende deutsch-deutsch-alliierte Flüchtlingsstory, die einem Ereignis aus dem Dezember 1961 folgt: Bei einem kurzen Zwischenhalt irgendwo in der Zone springt ein junger DDR-Bürger auf den US-Militärzug von Berlin nach Frankfurt; seine Anwesenheit bleibt nicht unbemerkt: Eine Krankenschwester hilft ihm sich zu verstecken; ein mitreisender Journalist (knurrig: José Ferrer) wittert einen Knüller und führt mit dem Republikflüchtling, der seinen Eltern in den Westen folgen will, ein exklusives Tonband-Interview; schließlich schöpfen auch östliche Transportpolizisten Verdacht und melden die Sache ihren Vorgesetzten. Nur der junge amerikanische Kommandant (Sean Flynn, ein Sohn von Errol) ahnt von alldem nichts, schwört Stein und Bein, daß sich kein blinder Passagier an Bord befände, als die Sowjets den Zug am Kontrollpunkt festhalten und die Lokomotive abkoppeln … Als Musterbeispiel eines geschlossenen Dramas wahrt »Verspätung in Marienborn« strikt die Einheit von Zeit (eine Nacht und ein Tag), Ort (ein versiegelter Zug und ein abgeriegelter Grenzbahnhof) und Handlung. Von Interesse erscheinen weniger die Überzeugungen oder Motivationen der knapp gezeichneten Charaktere, sondern ihre Gefangenschaft in einem abstrakten System technisch-administrativer Mechanismen, das weder persönlichen Handlungsspielraum noch individuelle Rücksichtnahme zuläßt – nicht einmal die rivalisierenden Ideologien der feindlichen Mächte spielen in diesem kalten (Nerven-)Krieg noch eine wesentliche Rolle. Am Ende sind es folgerichtig nicht die Personen des Stücks sondern anonyme Instanzen, die per Telefonbefehl das Schicksal des Flüchtlings besiegeln.
B Will Tremper, Victor Vicas (englische Fassung) K Roger Fellous M Peter Thomas, Claude Vasori A Dieter Bartels, Albrecht Hennings S Margot Jahn, Georges Arnstam P Hans Oppenheimer, HR D José Ferrer, Sean Flynn, Nicole Courcel, Jess Hahn, Hans-Joachim Schmiedel | 94 min | 4. Juli 1963
Doktor Murkes gesammeltes Schweigen
»Das ist alles sehr, sehr gut.« Dieter Hildebrandt, der auch die Adaption der Erzählung von Heinrich Böll besorgte, spielt die Titelrolle, einen Redakteur der Abteilung ›Kulturelles Wort‹ bei einem ungenannt bleibenden deutschen Rundfunksender. (Gedreht wurde das Stück im gläsernen Funkhaus-Rundbau des Hessischen Rundfunks, der Ende der 1940er Jahre von der Stadt Frankfurt, etwas vorschnell, als Sitz des Bundestages errichtet worden war.) Das Fernsehspiel schildert einen Tag aus dem Arbeitsleben des ironisch-distanzierten Doktor Murke, angereichert mit leicht surrealisierten erzählerischen Vignetten aus dem Betriebstrott einer öffentlich-rechtlichen Anstalt. Den zentralen Handlungsfaden bildet die Überarbeitung eines Vortrages des dampfplaudernden Mikrofon-Professors Bur-Malottke (mit Goethemähne: Robert Meyn) über das Wesen der Kunst: Der Referent möchte das glaubensvolle (27 mal verwendete) Wort »Gott« jeweils durch die neutrale Formulierung »jenes höhere Wesen, das wir verehren« ersetzt wissen. Um diese einigermaßen absurde Verrichtung gruppieren sich – in Fluren, Büros, Studios, Paternostern, Toiletten und (natürlich) in der Kantine – schwadronierende Schauspieler und abgebrühte Techniker, aalglatte Journalisten und ein von seiner leitenden (will sagen: leidenden) Funktion vollkommen abgeschliffener Intendant (Dieter Borsche). Rolf Hädrich präsentiert das Medium Funk, mit reichlich intellektueller Situationskomik, als selbstreferentielle Maschinerie, die hauptsächlich vom verzweifelten Dünkel und vom süffisanten Fatalismus ihres Personals in Schwung gehalten wird, als raumschiffartige Behörde, die weit über jener (Um-)Welt schwebt, auf die sie doch gemeinwohlig formend und staatsbürgerlich bildend einwirken will (und soll).
B Dieter Hildebrandt, Rolf Hädrich V Heinrich Böll K Klaus König M Peter Thomas A Arno Richter S Ursula van den Berg P HR (Eberhard Krause) D Dieter Hildebrandt, Dieter Borsche, Robert Meyn, Thomas Fabian, Heinz Schubert | 45 min | 6. Februar 1964
Doktor Murkes gesammelte Nachrufe
»Wir begrüßen Sie zum Abendprogramm des deutschen Fernsehens, das Sie auch heute wieder durch seine Vielseitigkeit erfreuen soll.« Kulturredakteur Doktor Murke wurde zum Fernsehen versetzt und mit der Leitung der neugeschaffenen Abteilung ›Pro Memoria‹ betraut, die ante mortem Nachrufe auf bedeutende Persönlichkeiten produziert. Der aus dem Vorgängerfilm bekannte Professor Bur-Malottke wendet sich in einer Voraufzeichnung seiner eigenen Grabrede gleich selbst an die spätere Nachwelt … Die Fortsetzung der Böll-Satire, läßt, wohl hauptsächlich wegen Verdoppelung der Spielzeit, Prägnanz (und damit auch Unterhaltungswert) des ersten Teils weitgehend vermissen. Das Fernsehen, dieses selbsternannte »Bergwerk des Geistes«, erweist sich als Apparat der Einflußnahmen und des Geschachers, als wirklichkeitsfernes Amt für Proporz und Popanz, als schlagendes Beispiel für Parkinsons Gesetze der Bürokratie. In nervenzerrender Breite schildert Hädrich die Ödnis von Gremiensitzungen, er beweist die strukturelle Bedeutung von Klogesprächen, illustriert das Ringen von Bild und Wort, von Manipulation und Wahrheit, zieht schließlich sogar das Rundfunkgesetz unter dem Arm des Titelhelden hervor, um ihn ausführlich daraus zitieren zu lassen. Kurioserweise geistern auch noch die vier Jacob Sisters durch das unkonzentrierte Stück, um Show zu machen und Kanon zu singen: »Oh, wie wohl ist mir am A-abend, mir am A-abend, / denn das Fernseh’n ist erla-abend, ist erla-abend. / Fern-seh’n, Fern-seh’n. / Alles kommt zu mir nach Hau-ause, ohne Pau-ause.« Irgendwann sagt eine Cutterin: »Die wahre Kunst ist die Kunst des Weglassens.« Leider besorgte sie nicht den Schnitt des Fernsehspiels, in dem sie auftritt.
B Dieter Hildebrandt, Rolf Hädrich V Heinrich Böll K Karl Schröder M Peter Thomas A Arno Richter S Stefanie Möbius P HR (Eberhard Krause) D Dieter Hildebrandt, Dieter Borsche, Robert Meyn, Thomas Fabian, Gisela Trowe | 85 min | 5. Oktober 1965
Der neue Mann
»Patterns« (≈ Muster, Strukturen) von Rod Serling (berühmt geworden als Schöpfer der Serie »Twilight Zone«) machte 1955 Furore im amerikanischen Fernsehen: Das live ausgestrahlte teleplay über die Abwrackung einer alt(gedient)en Führungskraft und das Emporkommen eines vielversprechenden »neuen Mannes« in einem New Yorker Unternehmen wurde aufgrund des großen Zuspruchs von Publikum und Kritik einen Monat nach Erstaufführung mit gleicher Besetzung wiederholt. Im Jahr darauf entstand die Kinofassung des Stoffes, und ein Jahrzehnt später adaptierte Rolf Hädrich das Stück fürs Abendprogramm des deutschen Fernsehens … Ramsey & Company, die Firma, deren Zentrale im 40. Stockwerk eines Wolkenkratzers auf der Insel Manhattan residiert, könnte als Metapher für die Auseinandersetzung rivalisierender Kräfte innerhalb der »Maschine Kapitalismus« stehen: Andy Sloane (Ernst Fritz Fürbringer), langjähriger Vizepräsident der Gesellschaft, inzwischen ein Magenkranker auf dem absteigenden Ast, vertritt einen Kapitalismus mit menschlichem Antlitz, will sagen: die soziale Marktwirtschaft, die Wohlstand für alle verspricht; Ramsey jun. (Carl Lange), der knochenharte Herr des Hauses, ein Wachstumsfetischist, der (buchstäblich) über Leichen geht, sieht die Wirtschaft als mitleidlosen Kampf und Selektionsprozeß; dazwischen steht Fred Staples (Hanns Lothar), der Neuzugang aus der Provinz, Protegé des Chefs, Bewunderer des Stellvertreters, den er beerben soll – Fred möchte gewinnen, ohne daß es einen Verlierer gibt, er glaubt an das Herzensgute und bewundert die Schonungslosigkeit, er will den Kuchen essen und ihn behalten. Rolf Hädrichs Inszenierung ist schnörkellos und plausibel, die Darsteller agieren überzeugend und nachvollziehbar, die unauflöslichen Widersprüche und der Verbrauchscharakter des Systems (inklusive der Mechanik von Aufstieg und Untergang der Beteiligten) werden nach allen Regeln der Kunst bloßgelegt – aber an die kraftvolle Direktheit des amerikanischen Originals kommt das gedämpft nachgespielte bundesdeutsche Remake nicht heran.
V Rod Serling Ü Irene Dodel, Horst van Diemen K Wilfried Huber M Peter Thomas A Siegfried Stepanek S Brigitte Siara P HR (Hartmut Grund) D Hanns Lothar, Carl Lange, Ernst Fritz Fürbringer, Brigitte Rau, Eva Bubat | 70 min | 11. November 1965
Mord in Frankfurt
Das bundesdeutsche Kino der Nachkriegszeit finde im Fernsehen statt, sagte Rolf Hädrich (– jedenfalls laut seines Kollegen Oliver Storz). »Mord in Frankfurt« erfüllt den nicht unbescheidenden Anspruch, der in dieser Behauptung liegt, mit Bravour. Zwei Tage in einer deutschen Großstadt – Schatten der Vergangenheit und Erschütterung der Gegenwart, hektische Alltagsnormalität und plötzlicher Gewaltausbruch, routinierte Trauerarbeit und echte Gewissensprüfung, gestörte Kommunikation und versuchte Kontaktaufnahme. Mehrere Handlungsstränge werden teils verknüpft, laufen teils parallel, kommentieren sich wechselseitig: Der polnische KZ-Überlebende Dr. Markowski (Václav Voska) reist als Zeuge zum Prozeß gegen die Lagerärzte von Auschwitz nach Frankfurt; ein Taxifahrer wird ermordet, woraufhin seine Kollegen einen wilden Streik ausrufen und die Todesstrafe für Bluttäter fordern; ein Theaterensemble probt und diskutiert Peter Weiss’ Dokumentarstück »Die Ermittlung«, das den ersten Frankfurter Auschwitzprozeß thematisiert; eine Stewardess, Freundin eines der Schauspieler, hat den Taximörder gesehen und erhält durch ihre Zeugenaussage Schlagzeilenprominenz … Der Film gleicht weniger einer Erzählung als einer Materialsammlung; Hädrich (der auch das Drehbuch schrieb) führt keine Verhandlung mit strenger Beweisführung, er organisiert eine Enquete mit offenem Ergebnis, ein erzählerisches Spiegelkabinett, dessen Konstruktion an keiner Stelle zum Selbstzweck wird. Jost Vacanos mobile Handkamera dynamisiert das Geschehen, schafft eine außergewöhnliche physische und psychische Intensität der Ereignisse, die von Peter Thomas’ sparsamem Soundtrack bald jazzig-groovig, bald abstrakt-minimalistisch akzentuiert wird; der Spielort, die Stadt Frankfurt am Main, gewinnt filmisches Leben zwischen dem Glas-und-Beton-Modernismus des bundesdeutschen Wohlstands und den Winkeln kleinbürgerlicher Gemütlichkeit. Hädrich gelingen eindrückliche Szenen, etwa wenn Markowski einem Herrn des Prozeßvorbereitungskomitees gegenübersitzt, der von den Zeugengeldern spricht (»Die Deutschen sind in diesen Dingen diesmal großzügig.« – »Sie sind nicht Deutscher?« – »Doch, doch.« – »Ach so …«) oder wenn er ratlos-erschöpft die Theateraufführung einer Sozialgroteske verläßt oder wenn er von aufgebrachten Taxifahrer mit den Worten »Wir fahren keine Mörder!« angepöbelt wird. Nach einem offenen Gespräch mit einer jungen deutschen Zeugenbetreuerin – beim Äppelwoi in Sachsenhausen (!) – gerät Markowski schließlich ins Räderwerk der juristischen Wahrheitsfindung, von der das Opfer eiskalt in die Rolle des Angeklagten gedrängt wird … »Mord in Frankfurt« ist weder provokatorischer Themen-Krimi noch wohlfeile Vergangenheitsbewältigung, vielmehr ein auf- und anregender Versuch über Recht und Gerechtigkeit, Erinnerung und Verdrängen, Gewissen und Verantwortung, ein Versuch, der nicht unbedingt zur Identifikation einlädt, eher zum Mitdenken und Erkennen.
B Rolf Hädrich K Jost Vacano M Peter Thomas A Herbert Labusga S Brigitte Lässig P WDR (Günter Rohrbach) D Václav Voska, Christiane Schröder, Joachim Ansorge, Monika Lundi, Karl-Heinz von Hassel, Dirk Dautzenberg | 77 min | 30. Januar 1968
Graf Öderland
»Es gibt Augenblicke, wo man sich wundert über alle, die keine Axt ergreifen.« Ein transzendenter Politthriller, eine schwarze Gesellschaftskomödie, ein metaphorischer Kommentar auf Protestbewegungen und herrschende Verhältnisse, ein assoziativ-surreales Traum-, Denk-, Schau-, End- und Schattenspiel: Der unbescholtene Kassierer einer Bank (Ernst Jacobi) hat den Hausmeister mit der Axt erschlagen, eines schönen Sonntags, einfach so. Lediglich der ermittelnde Staatsanwalt (Bernhard Wicki) bringt für diese rätselhafte Tat Verständnis auf, verbrennt seine Akten, schlüpft seinerseits in die Rolle des legendären Grafen Öderland, zieht axtmordend durchs Land, haut alle um, die sich seinem Freiheitszug in den Weg stellen: »Der Graf von Öderland / mit der Axt in der Hand. / Oh, wehe, weh euch allen. / Ich sehe euch fallen / wie Bäume im Wald.« Ausgehend vom acte gratuit des kleinen Angestellten entwickelt sich ein spukhaftes Stationendrama durch eine Welt, die nur Arbeit und Lohn kennt, kein Geschenk und keine Freude: »Man macht sich ein Gewissen daraus, daß man lebt.« Der Amoklauf des rebellierenden Staatsanwaltes, dem sich die (weitgehend gesichtlosen) Massen anschließen, führt zum Kollaps der Regierungsgewalt, freilich ohne daß sich irgendetwas zum Besseren wendete: »Wer, um frei zu sein, die Macht stürzt, übernimmt das Gegenteil der Freiheit: die Macht.« Rolf Hädrich taucht die Moritat von Max Frisch in eine hermetisch-somnambule Stimmung: durch das angespannte, aber seltsam unpersönliche Spiel der Darsteller, durch eine stilisierte, am expressionistischen Film geschulte Schwarzweiß-Fotografie, durch die Verschiebung aller Momente von äußerer Dramatik zwischen die Auftritte oder ins Off – Blut fließt nur hinter der Szene, die Revolution ist nichts weiter als eine Geräuschkulisse. Szenenbildner Hein Heckroth, der einst grandiose Kinolandschaften für Powell & Pressburger baute, intensiviert die phantastischen (Fernseh-)Wirklichkeit des Stücks durch die Kombination von artifiziellen Dekors (das Büro des Staatsanwaltes, die Zelle des Mörders, eine Kaschemme, die Kanalisation, eine Dachstube) mit emblematischen Originalschauplätzen (ein Segelschiff im Hafen, dessen Takelage die Ferne zerschneidet; die barocke Residenz, in deren prächtigen Sälen sich die fallende Elite ihrer selbst versichert). Das Ende der extravaganten Vorstellung bleibt offen und geheimnisvoll. »Man hat mich geträumt«, sagt der Staatsanwalt und blickt entgeistert auf seine Stiefel, an denen der Schlamm des mörderischen Umsturzes klebt – ein Gefangener zwischen Ausbruch aus falscher Hoffnung und Ersticken an der Zivilisation: »Öd’ ist unser Leben, / Tag für Tag. / Und so wird es sein / Tag für Tag, / bis ich alt bin / und sterbe. / Aber einmal, wenn ich aufseh’, / wie immer und immer, / ob alles von vorn beginnt / wie immer und immer, / da steht er vor mir, plötzlich, / der Graf von Öderland / mit der Axt in der Hand.«
B Rolf Hädrich V Max Frisch K Wilfried Huber M Peter Thomas A Hein Heckroth S Karin Kittel, Brigitte Lässig P HR (Dieter von Volkmann) D Bernhard Wicki, Agnes Fink, Hans Caninenberg, Nicole Heesters, Ernst Jacobi | 95 min | 8. Dezember 1968
Alma Mater
»Mit dem Herzen war man in Deutschland immer schon dabei.« Professor Freudenberg (gespielt von Karl Guttmann, einem niederländischen Theaterregisseur österreichisch-jüdischer Herkunft), Historiker an der Freien Universität Berlin, geht zum zweiten Mal ins Exil. 1933 mußte er Deutschland verlassen, weil ihm als Jude Verfolgung und Tod drohten; 1968 will er ein Zeichen setzten gegen die Destruktion des demokratischen Reglements durch eine radikalisierte Studentenschaft. »Alma Mater«, ein wütender (wenn man so will: parteilicher) Schuß vor den Bug des Zeitgeistes, erzählt in Rückblenden die Vorgeschichte von Freundenbergs zweiter Emigration. Die 68er-Bewegung und ihre Revolte gegen das Establishment erscheinen dabei als kaum verhüllte Wiederkehr jener anderen »Bewegung«, die einst ein verhaßtes »System« in Scherben fallen ließ. Autor Dieter Meichsner (der 1948 von der Ostberliner Humboldt-Universität an die neugegründete FU im Westen der Stadt wechselte) und Regisseur Rolf Hädrich (der sein Studium in Jena begann und 1951 nach Westberlin flüchtete) bringen ganz persönliche Erfahrungen mit Ideologisierung und Dogmatismus in ihr Drama ein, das in zugespitzten Diskussions- und Dialogszenen (insbesondere in Fakultätssitzungen und Vollversammlungen, aber auch in Vieraugengesprächen bei Spaziergängen durchs »Dahlemer Ghetto«) eine aufgeheizte Atmosphäre von bockiger Streitsucht und megaphonverstärkter Sprachlosigkeit ausmalt. Die Rollen in diesem (Fernseh-)Spiel der antagonistischen Widersprüche sind klar verteilt: Die (abgewogenen) Professoren sehen, bei aller hilflosen Verstocktheit, die Notwendigkeit von (universitärer ≈ gesellschaftlicher) Reform, während die (aggressiven) Studenten in »legalistischer« Umgestaltung der Verhältnisse letztlich nur die »Perpetuierung der Scheiße« erkennen können. Daß es den großen Schraubenschlüssel zur schlagartigen Lösung aller Probleme nicht gibt, mußten die Alten schmerzlich erfahren; die Jungen wollen von dieser Erkenntnis nichts wissen – und so wird der Schlüssel wohl einmal mehr dazu dienen, Köpfe einzuschlagen … Jost Vacanos bewegliche Reportagekamera, biographische Inserts zu den zentralen Figuren, Interviewsequenzen sowie die Verwendung von dokumentarischem Bildmaterial und Originaltönen suggerieren journalistische Authentizität und erzählerische Unmittelbarkeit in diesem geschickt konstruierten akademisch-politischen Lehrstück um Macht(-fragen) und Gewalt(-spiralen), dessen Lehre zu ziehen, dem Zuschauer nicht allzu schwergemacht wird. In der historischen Rückschau, zumal im Wissen um den blutigen Weg, den ein (kleiner) extremistischer Teil der Studentenbewegung gegangen ist, erweist sich »Alma Mater«, bei aller Schwarzweißmalerei, als wichtiges, durchaus hellsichtiges (zudem äußerst kurzweiliges) Dokument (s)einer bewegten Zeit.
B Dieter Meichsner, Rolf Hädrich K Jost Vacano A Mathias Matthies S Gisela von Garssen P NDR (Dieter Meichsner) D Karl Guttmann, Hans Baur, Malte Petzel, Claus Theo Gärtner, Ronald Nitschke | 90 min | 27. November 1969
Erinnerung an einen Sommer in Berlin
»… eine Welt voller Hoffnung, Angst und Haß, voller Sorge und Verzweiflung, oder auch voller Liebe, Grausamkeit und Treue – eine Welt, die Berlin heißt.« Eine komplexe Montage verbindet die (einigermaßen spröde) szenische Einrichtung der Deutschland-Kapitel aus dem nachgelassenen autobiographischen Werk »You Can’t Go Home Again« des amerikanischen Schriftstellers Thomas Wolfe mit Ausschnitten aus Leni Riefenstahls »Olympia«-Filmen sowie Erinnerungen von Zeitzeugen zu einem vielschichtigen Bild des Berliner Sommers 1936. Wolfe, der Deutschland von früheren Besuchen her kannte und emotional tief verbunden war (»Ich fühlte mich hier ganz einfach zu Hause.«), realisiert nach und nach – in Gesprächen mit Freunden und durch unmittelbare Alltagserlebnisse – die gravierenden Veränderungen, die im »gelobten Land seines Herzens« unter dem Zeichen des Hakenkreuzes stattfanden. Widerstrebend muß der Amerikaner in seinem geliebten Berlin zur Kenntnis nehmen, daß hinter den Kulissen des mitreißenden Sport-(und Polit-)Spektakels eine düstere Wirklichkeit von Repression und Rassenhaß liegt. »Deutschland«, resümiert Wolfe schließlich desillusioniert, »war nicht mehr. Es gab keinen Weg zurück.« Rolf Hädrich setzt weniger auf Einfühlung denn auf Distanzierung, und auch wenn die hölzern agierenden Darsteller neben den Erzählungen der Interviewpartner recht blaß wirken, läßt die Mischung von Spiel- und Dokumentarelementen das spezifische Stimmunskonglomerat aus Glücksrausch und schleichender Erkenntnis, aus Faszination und Trauer über unwiederbringlichen Verlust bildhaft und verständlich werden.
B Rolf Hädrich V Thomas Wolfe K Bernd Eismann A Hans-Ulrich Thormann S Inge Bohmann P NDR (Dieter Meichsner) D Burt Nelson, Franziska Bronnen, Moritz Milar & Leni Riefenstahl, Albert Speer, Heinrich Maria Ledig-Rowohlt, William L. Shirer | 85 min | 22. August 1972
Alle beschriebenen Filme sind auf DVD erhältlich, mit Ausnahme von »Alma Mater«, den ich im Archiv der Deutschen Kinemathek sichten konnte. (Vielen Dank an Holger Theuerkauf!) Ebenfalls erschienen sind »Von Mäusen und Menschen« nach John Steinbeck (1968) und eine dreiteilige Adaption des Theodor-Fontane-Romans »Der Stechlin« (1975). Weitere wichtige Fernsehinszenierungen von Rolf Hädrich sind derzeit nicht greifbar – es folgt eine kleine Übersicht mit Zitaten aus verschiedenen Quellen.
Die Abwerbung | B Erich Kuby | 11. September 1958 | »Die Bekanntschaft eines durch die DDR reisenden Mannes mit einer Fabrikbesitzerin in der DDR bringt diese dazu, die Frage, ob sie in den Westen gehen oder doch in der DDR bleiben will, für sich zu entscheiden. Sie bleibt letztlich aus einer persönlichen Verantwortung für die Familie.« Knut Hickethier, epd Medien 97/2002
Nachruf auf Jürgen Trahnke | B Dieter Meichsner nach seinem Roman »Die Studenten von Berlin« | 5. April 1962 | »Jürgen Trahnke ist ein Student, der aus der DDR nach West-Berlin gekommen war, dort an der FU studiert und immer noch Verbindungen in seine DDR-Heimat besitzt. Diese werden von einem Agentenunternehmen ausgenutzt, das Studenten in einer etwas zwielichtigen Weise für seine Interessen einsetzt. Trahnke, der gerade seine Liebe zu einer Studentin entdeckt hat, wird mehr oder weniger gegen seinen Willen in der DDR für einen Kundschafterdienst eingesetzt und kehrt nicht wieder zurück, weil er geschnappt wurde.« Knut Hickethier, epd Medien 97/2002
Die Revolution entläßt ihre Kinder | B Claus Hubalek nach Wolfgang Leonhardt | 3 Teile | 22., 24. und 29. Mai 1962 | »Autor Claus Hubalek: ›Mit diesem Stoff haben wir den einzig möglichen Blick in die Werkstatt für Funktionäre.‹ NDR-Fernsehspielleiter Egon Monk: ›Der Schaden fängt doch schon mit der Unkenntnis an.‹ Regisseur Rolf Hädrich: ›Und deshalb machen wir das – für alle Leute, die das Buch nicht gelesen haben … Jede Dramatisierung muß vermieden werden. Wir wollen Bewußtseinsvorgänge sichtbar, Denkprozesse für Zuschauer offensichtlich machen.‹ So will Hädrich denn auch ›Erschütterungen nicht ausspielen‹ lassen. ›Verlorene Mutter? Es bleibt kein Raum, solche Dinge auszugären. Es gibt gleich Ersatz: die Politik ... Die Schizophrenie setzt ein zwischen Mensch und Partei.‹« Der Spiegel 16/1962
Der Schlaf der Gerechten | B Oliver Storz nach Albrecht Goes | 21. November 1962 | »Das TV-Spiel setzt sich mit der Verhaltensweise von Menschen im Alltag des Dritten Reiches auseinander. Es wird anhand der Geschichte der tüchtigen, aber politisch uninteressierten Metzgers-Ehefrau Margarethe Walker versucht, die Ausweglosigkeit einer moralischen Zwangslage zu zeigen, in die jeder von uns unversehens geraten kann.« ARD-Programmhinweis 1962
Haben | V Julius Hay | 9. Januar 1964 | »In einem ungarischen Dorf sterben ältere Männer unter seltsamen Umständen. Niemand weiß, daß die Hebamme Képes, eine Männerhasserin, dahinter steckt. Zu ihr kommen leidgeprüfte Frauen, die von ihren Gatten nicht länger belästigt werden wollen und bekommen gegen ihre Besitztümer kleine Tütchen mit Gift.« Die Krimihomepage
Nach Ladenschluß | B Dieter Meichsner | 24. März 1964 | »Lisa, die Schallplatten verkauft und mit dem braven, anständigen Rolf verlobt ist, spielt mit Ausbruchsgedanken aus ihrem Alltag. Sie begegnet dem selbstsicheren Ingenieur Horst Radack, dessen Zynismus sie reizt. Sie kann sich der Anziehung des Mannes nicht entziehen und verliebt sich in ihn, obwohl sie ahnt, daß die Liebe ohne Bestand sein wird. Wird es ihr gelingen, in jene Bereiche zurückzufinden, die ihre Welt ausmachen, zu Rolf, zum bürgerlichen Leben?« ARD-Programmhinweis 1964
Zuchthaus | B Claus Hubalek nach Henry Jaegers Roman »Die bestrafte Zeit« | 25. Mai 1967 | »›Zuchthaus‹ … prangert Mißstände an, die Prügelei, den Sadismus, das obrigkeitliche Denken des Wachpersonals, erklärt die Technik der Himmelstoß-Erben (leise sind die, scheinbar korrekt, eher jovial als perfid) und illustriert die kleinen Tricks, mit deren Hilfe man den Bruder Aufsässig gefügig macht.« Die Zeit 22/1967
Kraft des Gesetzes | V Henri Debluë | 21. Januar 1968 | »Das Stück, das auf einer wahren Begebenheit beruht, spielt während des Zweiten Weltkriegs in der Schweiz. Der junge Matthias Worf wird für einen Polizistenmord zum Tod verurteilt. Während ein Schweizer Bundesgesetz zum Zeitpunkt des Urteils die Todesstrafe bereits abgeschafft hat, gilt in einer zweijährigen Übergangszeit noch kantonales Recht und deshalb auch das Todesurteil. Die strengen Gesetzeshüter beharren auf der Vollstreckung. Und während in Europa der Krieg tobt und Millionen Menschen sterben, muß sich der zuständige Landammann auf den Weg machen, um einen Henker und eine Guillotine zu beschaffen.« Die Krimihomepage
Biographie – Ein Spiel | V Max Frisch | 6. Dezember 1970 | »Der Versuch eines Mannes, nachträglich seine Biographie zu ändern, sieht zunächst einfach aus; doch in der Konfrontation mit den Stationen seines Lebens erscheint er aussichtslos.« Lexikon Filme im Fernsehen
Kennen Sie Georg Linke? | B Dieter Meichsner | 27. Juni 1971 | »Das Fernsehspiel beschreibt einige Tage im Leben eines Berliner Tischlermeisters, der bei der Baader-Befreiung seine ersten Erfahrungen mit politischer Gewalt macht. In der Hauptrolle: der Berliner Karikaturist Oswin.« Der Spiegel 26/1971
Rolf Hädrich verfilmte außerdem Werke von Samuel Beckett, Gottfried Benn, Manfred Bieler, Bertolt Brecht, Albert Camus, Axel Eggebrecht, Marek Hlasko, Halldór Laxness und Slawomir Mrozek.
6. Juli 2013
Geld. Macht. Sex.
Wiedergesehen auf DVD | »Unter dir die Stadt« von Christoph Hochhäusler (2010)
Quellende Wolken über der Stadt. Ein Aufzug nach oben. Macher unter sich: »Es wird ein bißchen scheppern, aber probieren wir’s.« … Frostiger Versuch über eine Welt, in der man zum Lachen auf die Dachterrasse geht – und sich dann doch lieber in die Tiefe stürzen möchte. Christoph Hochhäusler benutzt das Frankfurt der Banken, wie Michelangelo Antonioni einst das Mailand der Verlage, das Rom der Börsianer, das Ravenna der Chemiewerke benutzte: als Folie für eine hermetische Beziehungsstudie, die mittels der präzisen Beobachtung zwischenmenschlicher (und (stadt-)räumlicher) Verhältnisse gesellschaftliche Zustände konstatiert. Das Wechselspiel von Beherrschung und Selbstbeherrschung, von Berechnung und Abstraktion, das die beschriebene Welt determiniert, wird konsequenterweise zum Gestaltungsprinzip des Films: Eine hochgradig kalkulierte Kamera (Bernhard Keller) setzt extrem distanzierte Darsteller (Robert Hunger-Bühler, Nicolette Krebitz, Mark Waschke, Corinna Kirchhoff) in anonym-ästhetische Bilder. Die (privaten und sozialen) Leidenschaften wallen hinter spiegelndem Glas, und erst ganz am Ende – in einem knappen, visionären Epilog – gerät die äußerste Kontrolle schließlich und endlich außer Kontrolle: »Es geht los.«
Quellende Wolken über der Stadt. Ein Aufzug nach oben. Macher unter sich: »Es wird ein bißchen scheppern, aber probieren wir’s.« … Frostiger Versuch über eine Welt, in der man zum Lachen auf die Dachterrasse geht – und sich dann doch lieber in die Tiefe stürzen möchte. Christoph Hochhäusler benutzt das Frankfurt der Banken, wie Michelangelo Antonioni einst das Mailand der Verlage, das Rom der Börsianer, das Ravenna der Chemiewerke benutzte: als Folie für eine hermetische Beziehungsstudie, die mittels der präzisen Beobachtung zwischenmenschlicher (und (stadt-)räumlicher) Verhältnisse gesellschaftliche Zustände konstatiert. Das Wechselspiel von Beherrschung und Selbstbeherrschung, von Berechnung und Abstraktion, das die beschriebene Welt determiniert, wird konsequenterweise zum Gestaltungsprinzip des Films: Eine hochgradig kalkulierte Kamera (Bernhard Keller) setzt extrem distanzierte Darsteller (Robert Hunger-Bühler, Nicolette Krebitz, Mark Waschke, Corinna Kirchhoff) in anonym-ästhetische Bilder. Die (privaten und sozialen) Leidenschaften wallen hinter spiegelndem Glas, und erst ganz am Ende – in einem knappen, visionären Epilog – gerät die äußerste Kontrolle schließlich und endlich außer Kontrolle: »Es geht los.«
3. Juli 2013
Trio Infernal
DVD | »Drei gegen Drei« von Dominik Graf (1985)
Eine Klamotte ist eine Klamotte ist eine Klamotte. Dominik Grafs ehrenwertes Bemühen, mit dem Neue-Deutsche-Welle-Trio Stephan Remmler, Kralle Krawinkel und Peter Behrens so etwas wie eine anarchische Filmkomödie zu verfertigen, gerät zum staksig arrangierten Wust aus Zoten und Flachwitzen, Klischees und Geblödel. Die Grundidee klingt vielversprechend: Die drei südamerikanischen Foltergeneräle Weingarten, Ludovico und Klotz planen, sich mit ihren (dem Volk abgepreßten) Reichtümern zur Ruhe zu setzen, nachdem an ihrer Statt drei (unfreiwillige) Doubles während eines Staatsbesuches (in Berlin) bei einem Attentat ins Jenseits gesprengt wurden … So weit, so gut, aber »Drei gegen Drei« eiert ohne Plan (und leider auch ohne jeden Wahnsinn) zwischen dem Dadadaismus der drei Haupt- bzw. Selbstdarsteller, lahmer Politsatire, unbeholfen imitiertem Zucker-Abrahams-Zucker-Slapstick und plump kopierter Richard-Lester-Exzentrik. Zwar gibt es den einen oder anderen hübschen Einfall – wie Sunnyi Melles’ Ritt auf einer Panzerkanone (»Das is’n Rohr, wa?«) oder die Erschießung eines außer Kontrolle geratenen Maschinengewehrs –, doch allzumeist verpufft der schale Spaß dieser untergärigen Überproduktion in seltsam toten Bildern. Um es mit den Worten von Sicherheitsmann Kaminski (Ralf Wolter) zu sagen: »Oh ... verdammt ... eine Apokalypse.«
Eine Klamotte ist eine Klamotte ist eine Klamotte. Dominik Grafs ehrenwertes Bemühen, mit dem Neue-Deutsche-Welle-Trio Stephan Remmler, Kralle Krawinkel und Peter Behrens so etwas wie eine anarchische Filmkomödie zu verfertigen, gerät zum staksig arrangierten Wust aus Zoten und Flachwitzen, Klischees und Geblödel. Die Grundidee klingt vielversprechend: Die drei südamerikanischen Foltergeneräle Weingarten, Ludovico und Klotz planen, sich mit ihren (dem Volk abgepreßten) Reichtümern zur Ruhe zu setzen, nachdem an ihrer Statt drei (unfreiwillige) Doubles während eines Staatsbesuches (in Berlin) bei einem Attentat ins Jenseits gesprengt wurden … So weit, so gut, aber »Drei gegen Drei« eiert ohne Plan (und leider auch ohne jeden Wahnsinn) zwischen dem Dadadaismus der drei Haupt- bzw. Selbstdarsteller, lahmer Politsatire, unbeholfen imitiertem Zucker-Abrahams-Zucker-Slapstick und plump kopierter Richard-Lester-Exzentrik. Zwar gibt es den einen oder anderen hübschen Einfall – wie Sunnyi Melles’ Ritt auf einer Panzerkanone (»Das is’n Rohr, wa?«) oder die Erschießung eines außer Kontrolle geratenen Maschinengewehrs –, doch allzumeist verpufft der schale Spaß dieser untergärigen Überproduktion in seltsam toten Bildern. Um es mit den Worten von Sicherheitsmann Kaminski (Ralf Wolter) zu sagen: »Oh ... verdammt ... eine Apokalypse.«
30. Juni 2013
Mama schläft an der Decke
DVD | »Tatort – Frau Bu lacht« von Dominik Graf (1995)
Schmetterlinge fliegen durch diesen Film, sie trinken den Schweiß der Lust und die Tränen des Mißbrauchs. Und ein Unwetter braut sich zusammen, ein gewaltiger Sturm, der wie ein Strafgericht über die Welt hinwegzufegen droht … Ein Toter liegt in einem längst nicht mehr gemeinschaftlich genutzten Gemeinschaftsraum in einem Münchner Neubaublock, der längst nicht mehr neu ist, sondern nur noch graukalter Beton, ein Wabenhaus der Einsamkeiten. Dem Mann, der im Leben als Konditor in einem Traditionsbetrieb arbeitete, wurde mit einer alten Armeepistole durch den Hals geschossen. Sita, die Witwe des Opfers, eine Thailänderin, die vor zwei Jahren mit ihrer kleinen Tochter Soey von der Heiratsvermittlung Flügel (!) an den Zuckerbäcker vermittelt wurde, stellt die Ermittlern vor abgründige Rätsel: Die Kommissare Batic und Leitmayr geraten in ein Jenseits im Diesseits, fallen hinab in eine fremde Welt, gerade so wie Alice in den Kaninchenbau. In dieser unheimlichen Tiefe, die nichts anderes ist als ein Spiegel des zum Greifen nahen Nebenan, treiben Knusperfrösche und beherzte russische Huren ihr Wesen, lauern Totengeister, die besänftigt werden müssen, und kultivierte Kinderfresser, die die Befriedigung ihrer niederen Instinkte zur höheren Freiheit erklären … Dominik Graf (Regie) und Günter Schütter (Drehbuch) entwickeln erzählerische Meisterschaft nicht dadurch, daß sie schnurstracks auf die Lösung des Falles zustreben, sondern indem sie Umwege nehmen, sich einen Jux machen, innehalten, Déjà-vus zulassen. Aus ebendiesen Abschweifungen, aus den grotesken Streiflichtern, aus dem Stop-and-go durch die Dinge des Lebens, aus den unerbittlichen Ausschnittvergrößerungen der Wirklichkeit erwachsen (voller dunkler Poesie) die Erkenntnis des Schreckens und eine Ahnung des Mitleids. PS: Aber wer ist Frau Bu? Man erfährt es nicht. Frau Bu lacht, sagt Soey. Worüber? Wer weiß …
Schmetterlinge fliegen durch diesen Film, sie trinken den Schweiß der Lust und die Tränen des Mißbrauchs. Und ein Unwetter braut sich zusammen, ein gewaltiger Sturm, der wie ein Strafgericht über die Welt hinwegzufegen droht … Ein Toter liegt in einem längst nicht mehr gemeinschaftlich genutzten Gemeinschaftsraum in einem Münchner Neubaublock, der längst nicht mehr neu ist, sondern nur noch graukalter Beton, ein Wabenhaus der Einsamkeiten. Dem Mann, der im Leben als Konditor in einem Traditionsbetrieb arbeitete, wurde mit einer alten Armeepistole durch den Hals geschossen. Sita, die Witwe des Opfers, eine Thailänderin, die vor zwei Jahren mit ihrer kleinen Tochter Soey von der Heiratsvermittlung Flügel (!) an den Zuckerbäcker vermittelt wurde, stellt die Ermittlern vor abgründige Rätsel: Die Kommissare Batic und Leitmayr geraten in ein Jenseits im Diesseits, fallen hinab in eine fremde Welt, gerade so wie Alice in den Kaninchenbau. In dieser unheimlichen Tiefe, die nichts anderes ist als ein Spiegel des zum Greifen nahen Nebenan, treiben Knusperfrösche und beherzte russische Huren ihr Wesen, lauern Totengeister, die besänftigt werden müssen, und kultivierte Kinderfresser, die die Befriedigung ihrer niederen Instinkte zur höheren Freiheit erklären … Dominik Graf (Regie) und Günter Schütter (Drehbuch) entwickeln erzählerische Meisterschaft nicht dadurch, daß sie schnurstracks auf die Lösung des Falles zustreben, sondern indem sie Umwege nehmen, sich einen Jux machen, innehalten, Déjà-vus zulassen. Aus ebendiesen Abschweifungen, aus den grotesken Streiflichtern, aus dem Stop-and-go durch die Dinge des Lebens, aus den unerbittlichen Ausschnittvergrößerungen der Wirklichkeit erwachsen (voller dunkler Poesie) die Erkenntnis des Schreckens und eine Ahnung des Mitleids. PS: Aber wer ist Frau Bu? Man erfährt es nicht. Frau Bu lacht, sagt Soey. Worüber? Wer weiß …
25. Juni 2013
Ponys lesen keine Zeitung
Die »Immenhof«-Trilogie
In allen Filmen spielen Angelika Meissner (Dick), Heidi Brühl (Dalli), Margarete Haagen (Oma Jantzen), Paul Klinger (Jochen von Roth) und Matthias Fuchs (Ethelbert).
1955 | »Die Mädels vom Immenhof« von Wolfgang Schleif
»Trippetrab und klippeklapp / So geht’s im Ponytrab.« Sommer in der Holsteinischen Schweiz: Wiesen und Seen, Pferde und Backfische, erste Liebe und andere Sorgen. Dick und Dalli leben mit ihrer erwachsenen Schwester Angela bei Oma Jantzen auf dem Ponygestüt Immenhof. Die Eltern sind schon lange tot, die Mädchen kamen vor Jahren zu Fuß aus dem Osten. Die Familie könnte trotz ihrer Unvollständigkeit eigentlich recht zufrieden sein, wäre da nicht der Kummer ums liebe Geld: Niemand will mehr Ponys kaufen. Über dem Idyll kreist der Kuckuck. Oma weiß sich keinen Rat – hundert Jahre lang ist doch (fast) alles gutgegangen. Nachbar Jochen von Roth, von den Zeiten (auf unbestimmte Art) ebenfalls schwer gebeutelt, steckt seine Energie in den Aufbau einer Vollblutzucht – und rettet nebenbei (nicht ohne private Motivation) auch den Immenhof … Die Erschütterungen der Vergangenheit bleiben erzählerisch genauso namenlos-ungefähr wie die wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Umwälzungen der Gegenwart. Das Land ist zwar noch gut (≈ unverfälscht) genug, um den zivilisatorisch verkrüppelten Großstadtschnösel Ethelbert zum vollwertigen Menschen zu formen, doch die überkommene Sittlichkeit geht nachgerade koppheister. Die Dinge ändern sich – aber nicht, um die gleichen zu bleiben. Zum Schluß wird der Konkurs des Hofes mit Ach und Krach abgewendet. Allein zu welchem Ende?
1956 | »Hochzeit auf Immenhof« von Volker von Collande
»Schenk ihm nur ein Stückchen Zucker, / Denn ein Pony nimmt kein Geld.« Die Rückkehr der reitenden Backfische. Selten begann die Fortsetzung eines heiteren Familienfilms so deprimierend: Oma Jantzens Immenhof ist pleite; am Tor klebt das Pfandsiegel. Angela, die ältere Schwester von Dick und Dalli, hat das Zeitliche gesegnet; Jochen von Roth, ihr kaum Angetrauter, ist schon wieder Witwer. Die Hinterbliebenen leben zusammengepfercht wie die Flüchtlinge im alten Forsthaus des Gutes. Bis zur Zwangsversteigerung bleiben noch vier Wochen. Rettung verspricht der Umbau des Immenhofes zum Ponyhotel, mithin die Verwandlung des ländlichen Raums in die Kulisse seiner selbst, in eine Illusionsmaschine für zahlende Besucher. Fast scheint es, als fände der Heimatfilm im Ausmalen dieser Geschäftsidee zu seltener, natürlich unausgesprochener, Ehrlichkeit. Die handelsüblichen Drehbuchverwicklungen versorgen den Immenhof schließlich mit einem reichen Onkel und einer glücklichen Zukunft (notabene für einen dritten Teil der Erzählung), die resche Dick mit einem neuen love interest (hübscher Künstler) und den schneidigen Witwer Jochen mit einer neuen Frau (hübsche Erbin). PS: Außer Ponys nehmen alle Geld.
1957 | »Ferien auf Immenhof« von Hermann Leitner
»Wißt ihr, wo auf der Welt / Man von Sorgen gar nichts hält?« Aus dem Immenhof ist tatsächlich ein Ponyhotel geworden. Nur die Gäste fehlen noch. Jochen von Roth, mittlerweile unangefochtener Herr im Haus, versucht, ganz seriös, das wirtschaftliche Gelingen in Person eines einflußreichen Hamburger Reiseunternehmers herbeizulocken. Die jungen Leute improvisieren, in naßforschem Überschwang, einen werbezirzensischen Reiterkorso durch das nahegelegene Lübeck. Oma Jantzen, zur Grüßauguste des Fremdenverkehrsbetriebs degradiert, macht gute Knittermiene zum (hoffentlich) gewinnbringenden Ausverkauf ihres Holsteinischen Lebenswerkes. Der dritte Teil der Pony-und-Backfisch-Saga öffnet den stürmischen Kräften der Vermarktung alle Gatter. Mit Erfolg. Am Ende kommen Touristen. »Und wer da einmal war, / Der kommt immer wieder.«
In allen Filmen spielen Angelika Meissner (Dick), Heidi Brühl (Dalli), Margarete Haagen (Oma Jantzen), Paul Klinger (Jochen von Roth) und Matthias Fuchs (Ethelbert).
1955 | »Die Mädels vom Immenhof« von Wolfgang Schleif
»Trippetrab und klippeklapp / So geht’s im Ponytrab.« Sommer in der Holsteinischen Schweiz: Wiesen und Seen, Pferde und Backfische, erste Liebe und andere Sorgen. Dick und Dalli leben mit ihrer erwachsenen Schwester Angela bei Oma Jantzen auf dem Ponygestüt Immenhof. Die Eltern sind schon lange tot, die Mädchen kamen vor Jahren zu Fuß aus dem Osten. Die Familie könnte trotz ihrer Unvollständigkeit eigentlich recht zufrieden sein, wäre da nicht der Kummer ums liebe Geld: Niemand will mehr Ponys kaufen. Über dem Idyll kreist der Kuckuck. Oma weiß sich keinen Rat – hundert Jahre lang ist doch (fast) alles gutgegangen. Nachbar Jochen von Roth, von den Zeiten (auf unbestimmte Art) ebenfalls schwer gebeutelt, steckt seine Energie in den Aufbau einer Vollblutzucht – und rettet nebenbei (nicht ohne private Motivation) auch den Immenhof … Die Erschütterungen der Vergangenheit bleiben erzählerisch genauso namenlos-ungefähr wie die wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Umwälzungen der Gegenwart. Das Land ist zwar noch gut (≈ unverfälscht) genug, um den zivilisatorisch verkrüppelten Großstadtschnösel Ethelbert zum vollwertigen Menschen zu formen, doch die überkommene Sittlichkeit geht nachgerade koppheister. Die Dinge ändern sich – aber nicht, um die gleichen zu bleiben. Zum Schluß wird der Konkurs des Hofes mit Ach und Krach abgewendet. Allein zu welchem Ende?
1956 | »Hochzeit auf Immenhof« von Volker von Collande
»Schenk ihm nur ein Stückchen Zucker, / Denn ein Pony nimmt kein Geld.« Die Rückkehr der reitenden Backfische. Selten begann die Fortsetzung eines heiteren Familienfilms so deprimierend: Oma Jantzens Immenhof ist pleite; am Tor klebt das Pfandsiegel. Angela, die ältere Schwester von Dick und Dalli, hat das Zeitliche gesegnet; Jochen von Roth, ihr kaum Angetrauter, ist schon wieder Witwer. Die Hinterbliebenen leben zusammengepfercht wie die Flüchtlinge im alten Forsthaus des Gutes. Bis zur Zwangsversteigerung bleiben noch vier Wochen. Rettung verspricht der Umbau des Immenhofes zum Ponyhotel, mithin die Verwandlung des ländlichen Raums in die Kulisse seiner selbst, in eine Illusionsmaschine für zahlende Besucher. Fast scheint es, als fände der Heimatfilm im Ausmalen dieser Geschäftsidee zu seltener, natürlich unausgesprochener, Ehrlichkeit. Die handelsüblichen Drehbuchverwicklungen versorgen den Immenhof schließlich mit einem reichen Onkel und einer glücklichen Zukunft (notabene für einen dritten Teil der Erzählung), die resche Dick mit einem neuen love interest (hübscher Künstler) und den schneidigen Witwer Jochen mit einer neuen Frau (hübsche Erbin). PS: Außer Ponys nehmen alle Geld.
1957 | »Ferien auf Immenhof« von Hermann Leitner
»Wißt ihr, wo auf der Welt / Man von Sorgen gar nichts hält?« Aus dem Immenhof ist tatsächlich ein Ponyhotel geworden. Nur die Gäste fehlen noch. Jochen von Roth, mittlerweile unangefochtener Herr im Haus, versucht, ganz seriös, das wirtschaftliche Gelingen in Person eines einflußreichen Hamburger Reiseunternehmers herbeizulocken. Die jungen Leute improvisieren, in naßforschem Überschwang, einen werbezirzensischen Reiterkorso durch das nahegelegene Lübeck. Oma Jantzen, zur Grüßauguste des Fremdenverkehrsbetriebs degradiert, macht gute Knittermiene zum (hoffentlich) gewinnbringenden Ausverkauf ihres Holsteinischen Lebenswerkes. Der dritte Teil der Pony-und-Backfisch-Saga öffnet den stürmischen Kräften der Vermarktung alle Gatter. Mit Erfolg. Am Ende kommen Touristen. »Und wer da einmal war, / Der kommt immer wieder.«
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