Aktuelle Filme im ersten Halbjahr
Januar
Shoplifters von Hirokazu Koreeda (2018) : Was schafft familiäre Bindung: dasselbe Blut in den Adern oder ein liebevoller Umgang und der gemeinschaftliche Verzehr von Nudelsuppe (aus Plastikbechern, wenn es sein muß)? Koreeda verhandelt das Thema erzählerisch auf ermüdend unspektakuläre Weise; zudem verzichtet sein bis zur Tonlosigkeit stilles Sozialdrama weitgehend auf visuelle Raffinesse.
Spider-Man: Into the Spider-Verse von Bob Persichetti & Peter Ramsey & Rodney Rothman (2018) : »Too much of a good thing can be wonderful!« wußte schon Mae West. Die Macher des Films haben sich das Motto der Diva entschlossen zu eigen gemacht – von einigen offenbar unvermeidlichen (Vater-Sohn-)Gefühligkeiten abgesehen, bietet ihr diversitär-ironisches Spider-Verse teilchenbeschleunigte Kurzweil und eine ingeniös-psychedelische Verschmelzung von Print- und Animationsästhetik.
Der Junge muß an die frische Luft von Caroline Link (2018) : Tragikomischer Familienroman, atmosphärisch dichtes Sittenbild der alten Bundesrepublik, Geschichte einer helldunklen Kindheit. Link gestaltet ihre Adaption der Erinnerungen von Hape Kerkeling als berührende Reise durch Außen- und Innenwelten, in denen Schlagerglück und Depressionen, Eierlikör und Karneval, Zusammenhalt und Tod gleichermaßen ihren Platz haben: »Das Leben muß ja irgendwie weitergehen.«
The Favourite von Yorgis Lanthimos (2018) : »Let’s shoot something!« Kabale und Liebe am Hof der ersten britischen Monarchin. Lanthimos’ parabolische Weitwinkel-Groteske der Macht(losigkeit) leuchtet, bei aller dekorativ-amüsanten Bizarrerie, tief in die Abgründe geschundener Seelen, die, ob Herrscher oder Beherrschte, ob handelnd oder behandelt, zu erbärmlichen Sklaven ihrer (politischen, sozialen, erotischen) Rolle werden.
Februar
The Mule von Clint Eastwood (2018) : Ein alter weißer Mann zeigt hitzigen Latinos, wie man zum erfolgreichen Drogenkurier wird: indem man sich an die Verkehrsregeln hält, mal einen Umweg zum besten Pulled-Pork-Sandwich der Welt macht oder einer netten N-Wort-Familie beim Reifenwechsel hilft. Quasi im Vorbeifahren gelingt dem greisen Helden natürlich auch noch die Versöhnung mit der entfremdeten Familie – wohl nur einem liebenswerten Fossil wie Eastwood ist ein solcher Quatsch zu verzeihen.
Brecht von Heinrich Breloer (2019) : Keine Spur von V-Effekt: Breloer setzt auf kreuzbrav-illusionistische Nacherzählung der B.B.-Biographie – zuerst Jugend und Durchbruch, dann Alter und Denkmalwerdung. Wird Brechts künstlerische Persönlichkeit, vor allem in den dargestellten Probensituationen, dabei noch einigermaßen greifbar, bleiben die zahlreichen Frauenfiguren das, was wohl auch der Dichter am liebsten in ihnen sah: Trabanten, die ums Zentralgestirn kreisen.
Roma von Alfonso Cuarón (2018) : Erinnerungen an das Leben in einem gutbürgerlichen Haushalt in Mexico-City zu Beginn der 1970er Jahre. Während draußen vor der Tür die Gesellschaft in blutigen Aufruhr gerät, bröckelt drinnen das heimische Glück: der Vater verläßt Frau und Kinder, das schwangere Hausmädchen bekommt vom Lover den Laufpaß. Cuarón entwickelt die sozialen und privaten Dramen ohne Aufgeregtheit, reiht präzise choreographierte, visuell hochstilisierte Szenen des Alltags und der Sitten, betrachtet die Spiegelung eines Flugzeugs im hin- und herschwappenden Putzwasser mit derselben beiläufigen Teilnahme wie die Hetzjagd auf Menschen in den Straßen der Stadt.
Der Goldene Handschuh von Fatih Akin (2019) : »Es geht eine Träne auf Reisen.« Drastik als ästhetisches Programm – daß Akin einen Serienmörder zuerst und vor allem als Serienmörder zeigt, daß er auch bei der x-ten Bluttat nicht wegschaut, sondern hinsieht, daß es ihm dabei weniger um Kriminalpsychologie oder Gesellschaftskritik zu tun ist, sondern vielmehr um die Gestaltung einer todtraurig-monströsen BRD-Noir-Horror-Schlager-Show, mag man als Voyeurismus oder Sozialpornographie abtun. Man kann es aber auch künstlerische Konsequenz nennen: »Die Märchen wollen nicht mehr Märchen sein.«
März
Vice von Adam McKay (2018) : Nicht nur in Wyoming, auch mancherorts in Hollywood kennt man den Unterschied zwischen richtig und falsch. In diesem Sinne identifiziert McKay Ex-Vizepräsident Dick Cheney als Fürsten der politischen Finsternis, der für ungefähr jede Schweinerei der jüngeren US-Geschichte verantwortlich zeichnet; vor lauter beifallheischender satirischer Schenkelklopferei wird das Objekt seiner Kritik freilich zum Knuddel-Buhmann nachträglicher (und dementsprechend ziemlich nutzloser) liberaler Wohlfühlpropaganda (mit zugegebenermaßen solidem Unterhaltungswert).
The Sisters Brothers von Jacques Audiard (2018) : In diesem schwarzironischen Post-Western schickt Audiard seine Helden (?) nicht nur auf einen abenteuerlichen Trip durch vorzivilisatorische Gefilde, sondern vor allem auf eine innere Reise durch die widersprüchlichen Landschaften ihrer Schwächen (Habgier, Gleichgültigkeit, Brutalität) und Stärken (Fantasie, Ausdauer, Mitleid), um sie den Hort des Glücks nicht an einem utopischen, sondern an einem altbekannten Ort entdecken zu lassen (Wie es bei Novalis heißt: »Wo gehn wir denn hin?« – »Immer nach Hause.«)
Asche ist reines Weiß von Jia Zhangke (2018) : China zwischen Jahrtausendwende und Gegenwart: Zwei Jahrzehnte drastischer wirtschaftlicher, sozialer (und topographischer) Veränderungen liefern den Hintergrund für Jias elegisch-elliptisches Unterweltmelodram, das seine Protagonisten – einen ziemlich glücklosen Provinzmafioso und eine ziemlich willensstarke Gangsterbraut – durch Land und Zeit spült, ohne den Antriebskräften des gesellschaftlichen Umbruchs besondere Aufmerksamkeit zu schenken.
M – Eine Stadt sucht einen Mörder von David Schalko (2019) : Ein Kindermörder versetzt Wien in Angst und Schrecken, die Polizei tappt im Dunkeln (bzw. im Schnee), das Recht sucht sich seinen Weg. Schalkos figurenreiches Update des Fritz-Lang-Klassikers will alles sein –Soziogramm und Zeitstück, Kunstmärchen und Thriller, Drama und Groteske –, richtet das Augenmerk dabei, anders als das Original, nicht auf die Funktionsweise eines städtischen Organismus, sondern (bisweilen recht oberlehrerhaft) auf das Zusammenspiel einer unheiligen Dreifaltigkeit aus Politik, Medien und gesundem Volksempfinden. In der Summe originelles Entertainment, das Langs künstlerischer Meisterschaft freilich um Längen hinterhinkt.
Us von Jordan Peele (2019) : »Ich bin, was du vergessen hast«, sang einst Ingrid Caven; Peele läßt eine ganze Untergrundarmee von Vergessenen aufmarschieren, um zunächst mit der guten alten (schwarzromantischen) Angst des Menschen vor seinem Doppelgänger (als Symbol des Verdrängten und des drohenden Identitätsverlustes) zu spielen und sodann das blutige Strafgericht (Jeremia 11,11) an einer Gesellschaft zu exekutieren, deren Mitglieder auf Kosten anderer (ihrer entwürdigten Ebenbilder ≈ ihrer selbst) leben: »Who are you people?« – »We’re Americans.« Horror mit Botschaft.
April
Dumbo von Tim Burton (2019) : Ein Film wie ein Elefant mit übergroßen Ohren, der, anders als sein Protagonist, zu keinem Zeitpunkt vom Boden abhebt. Burton irrt durch ein Drehbuchgestrüpp aus Mutterkult und Zirkuskitsch, Tierethik und Familienschnulz, wobei er eben jenen ziel- und lustlosen Vergnügungsterror betreibt, den er – in Gestalt eines absurd diabolischen Unterhaltungsmoguls – anzuprangern vorgibt.
Welcome to Marwen von Robert Zemeckis (2018) : Um das Trauma einer fast tödlichen Prügelattacke zu verarbeiten, läßt Mark Hogancamp die Puppen tanzen: In (s)einer phantastisch-therapeutischen Kunstwelt wird der Überlebende zum US-Offizier, der im Belgien des Zweiten Weltkriegs, sekundiert von einem Trupp heldinnenhafter Damen, gegen schier unverwüstliche Hakenkreuzträger zu Felde zieht. Zemeckis inszeniert das Psychodrama eines versehrten Mannes als bizarr-schlüssige Mischung aus intimer Seelenstudie und knallig animierter Naziploitation.
Mai
La dernière folie de Claire Darling von Julie Bertuccelli (2018) : Deneuve als leicht tüdelige alte Dame, die, von einer plötzlichen Todesahnung ergriffen, ihren großbürgerlichen Haushalt verramscht. Hinter den dekorativen Kulissen spukt ein (eher banales) Familiengeheimnis, dem Bertuccelli, auch wenn Vergangenheit und Gegenwart erzählerisch stellenweise sehr elegant ineinanderfließen und der große Ausverkauf in einer (an Antonioni erinnernden) Explosion der Dingwelt kulminiert, kaum emotionalen Suspense abringen kann.
Das Ende der Wahrheit von Philipp Leinemann (2019) : Leinemanns Pullach-Ausgabe eines Internal-Affairs-Geheimdienstthrillers versammelt zwar ein ansehnliches Ensemble (Fehling, Michelsen, Prahl, Zehrfeld, Zirner), aber leider auch alle Langweiligkeiten des Genres: schablonenhafte Charaktere, öde Lagebesprechungen, stereotype Intrigen, krokodilstränenselige Gewissensprüfungen. Das Ende dieser Wahrheit liegt im Schema F begraben.
Greta von Neil Jordan (2018) : Viel Bekanntes spukt durch diesen trashig-eleganten New Yorker Stalker-Thriller: »The Collector« und »Fatal Attraction«, Märchenhexenwesen und Hagsploitation. Jordan tut gut daran, das (psychotische Störungs-)Feld ohne Wenn und Aber der unfehlbaren Isabelle Huppert zu überlassen, die mit selbstironischem Vergnügen die liebesträumerische (und tödlich durchgeknallte) Titelheldin verkörpert.
Juni
Rocketman von Dexter Fletcher (2019) : Zwar hebt auch Fletcher das narrative Reglement des Biopics nichts aus den Angeln, doch immerhin befüllt er seine Musical-Adaption der Vita von Elton John mit reichlich Camp und Schmaltz (und Sex-Appeal), womit er seinem Werk streckenweise jenen vulgärbarocken Drive verleiht, den es seit Ken Russells Künstlerbiographien im Kino ansonsten kaum mehr zu erleben gibt.
Doubles vies von Olivier Assayas (2018) : »The Martians have notebooks in their little hand / Because they’re strangers in this land.« Ist das Leben ein Roman? Ist Kunst eine Fortsetzung der Realität mit anderen Mitteln? Ist die Digitalisierung der folgerichtige Endpunkt menschlicher Entwicklung? Am Beispiel zweier intellektueller Pariser Paare –Verleger und Schauspielerin, Schriftsteller und Politberaterin – dekliniert Assayas diese (und andere) Fragestellungen wortgewandt-vergnüglich durch, ohne daß er vorgäbe, mit Antworten dienen zu können.
The Dead Don’t Die von Jim Jarmusch (2019) : »This is definitely going to end badly«, ahnt Officer Ronald Peterson schon zu Beginn der (ebenso seltsamen wie menschheitsgeschichtlich gesehen seltsam folgerichtigen) Ereignisse: die Toten steigen aus ihren Gräbern, und, gleich den Lebenden, wollen sie mehr von allem. Jarmusch bewahrheitet in seiner gemächlichen Genre-Variation das ungute Gefühl des defätistischen Polizisten mit gewohnter Deadpan-Attitüde: konsequent dezimiert er seinen All-Star-Cast und läßt (unser aller kleine Stadt) Centerville den Siegeszug des kannibalistischen Kapitalismus erleben. Anders gesagt: »What a fucking world.«
Men in Black: International von F. Gary Gray (2019) : Tritt ein Genre (oder »Franchise«) in die Phase der Selbstbezüglichkeit, schlägt die Stunde der inneren Angelegenheiten. MIB macht da keine Ausnahme und präsentiert im vierten Teil des klotzigen Sci-Fi-Agenten-Action-Spektakels einen internen Schurken, der sich passenderweise mit einer Art von kosmischem Krebsgeschwür assoziiert. Die vom Titel verkündete Internationalität bezieht sich vermutlich auf das wahllose Location-Hopping in schlechtester Bond-Tradition.
O Beautiful Night von Xaver Böhm (2019) : Die nächtliche Stadt als Jenseits im Diesseits, als transzendentes Licht- und Schattenspiel: ein hypochondrischer Jungmann zieht (eher ungewollt) mit dem Tod (in diesem Fall ein osteuropäischer Schluri) um die Häuser und findet die Liebe (in Gestalt einer philosophisch interessierten Peepshow-Tänzerin). Wie alle guten Trips gibt Böhms makaber-farbstarkes Neon-Nocturno weniger auf konventionelle Handlung denn auf ephemere Eindrücke, Emotionen, Erleuchtungen.
26. Juni 2019
19. April 2019
Schwarz sehen (6)
Zwei italienische Noir-Variationen
1943 | »Ossessione« (»Ossessione – Von Liebe besessen«) von Luchino Visconti
Unter den Titeln der Ausblick durch die geteilte Frontscheibe eines Lastwagens: vorne die staubige Straße, links der breite Fluß, rechts das platte Land, über allem der nackte Himmel – eine eintönige Gegend, wie geschaffen für ein mörderisches Drama. Der Lastwagen hält an einer Trattoria mit Zapfstelle. Ein Vagabund steigt von der Ladefläche, argwöhnisch beäugt vom Wirt, einem brummigen Dickwanst. In der Küche trifft der Ankömmling auf die junge Gattin des Besitzers, die sich singend die Nägel lackiert, und schon ihr erster Blickwechsel ist ein gegenseitiges Verschlingen, Ausdruck einer Gier, die kommendes Unheil erahnen läßt. Luchino Visconti verlegt für seinen Debütfilm die Handlung von James M. Cains schwarzem Kriminalroman »The Postman Always Rings Twice« aus dem ländlichen Kalifornien der Depressionszeit in die Tristesse der oberitalienischen Poebene. Prekäre soziale Lage und personelle Konstellation – der attraktiv-willensschwache Drifter (Gino: Massimo Girotti), die frustriert-materialistische Frau (Giovanna: Clara Calamai), der begütert-ahnungslose Alte (Giuseppe: Juan da Landa) – gleichen einander, auch folgt der fatale Ablauf der Geschehnisse – leidenschaftliche Affäre, halbherziger Fluchtversuch, berechnender Mord – weitgehend der Vorlage; doch immer wieder bereichern Visconti und seine Koautoren den Plot um präzise Milieustudien – ein Tanzvergnügen im Gasthaus, das Getriebe eines Marktplatzes, ein volkstümlicher Gesangswettbewerb – und lassen eine Figur auftreten, die einen Ausweg aus dem Teufelskreis von Verlangen, Abhängigkeit, Enttäuschung aufzeigt: der »Spanier«, ein Straßenkünstler, der wie Gino am Rande der Gesellschaft lebt, bietet ein Beispiel für Uneigennützigkeit, Solidarität, Kameradschaft, ein Beispiel das allerdings im konkreten Fall den tödlichen Lauf der Dinge nicht aufhalten kann, sondern (günstigenfalls) Hoffnung auf eine bessere Zukunft macht.
1950 | »Cronaca di un amore« (»Chronik einer Liebe«) von Michelangelo Antonioni
Nein, es sei nicht die alte Geschichte, sagt der Chef einer Mailänder Auskunftei zu dem Mitarbeiter, den er auf die Spur einer attraktiven jungen Frau setzt, deren vermögender Gatte, nach Auffinden einiger alter Fotos, etwas über das Vorleben jener Paola erfahren möchte, die er sieben Jahre zuvor, gegen Ende des Zweiten Weltkrieges, Hals über Kopf geheiratet hat. Mit finsterer Ironie nutzt (und bricht) Michelangelo Antonioni im Folgenden visuelle und narrative Ingredienzen des Film noir, um das von der detektivischen Recherche (die auch nach Ferrara, die Heimatstadt des Regisseurs, führt) in Gang gesetzte Geschehen zu schildern, das eine lange erloschene Liebe hitzig wiederaufflammen läßt und im Tod des wißbegierigen Ehemannes gipfelt. In der Nachfolge Viscontis variiert Antonioni den Erzählkern von Cains Thriller »The Postman Always Rings Twice«, indem er gutbürgerliche Kreise zum Schauplatz der Handlung macht – in langen, sorgfältig arrangierten Einstellungen erzählt er von den Schatten der Vergangenheit und einem Dreieck der Leidenschaft, von Eifersucht und Argwohn, Überdruß und Verachtung, spricht aber auch (und vor allem) von moralischer und emotionaler Indifferenz der Nachkriegszeit, von Eigensucht und Desillusion des beginnenden italienischen Wirtschaftswunders, zieht Parallelen zwischen winterlichen Straßen und verlassenen Plätze, die den inneren Zustand der Protagonisten spiegeln, und der leeren Welt der »weißen Telefone«, ihren teuren Roben, schnellen Autos, luxuriösen Wohnungen, portraitiert mit Lucia Bosè und Massimo Girotti (der eine vergleichbare Rolle zuvor »Ossessione« spielte) schon in seinem ersten Spielfilm ein Paar, das der Krankheit der Gefühle erliegt.
1943 | »Ossessione« (»Ossessione – Von Liebe besessen«) von Luchino Visconti
Unter den Titeln der Ausblick durch die geteilte Frontscheibe eines Lastwagens: vorne die staubige Straße, links der breite Fluß, rechts das platte Land, über allem der nackte Himmel – eine eintönige Gegend, wie geschaffen für ein mörderisches Drama. Der Lastwagen hält an einer Trattoria mit Zapfstelle. Ein Vagabund steigt von der Ladefläche, argwöhnisch beäugt vom Wirt, einem brummigen Dickwanst. In der Küche trifft der Ankömmling auf die junge Gattin des Besitzers, die sich singend die Nägel lackiert, und schon ihr erster Blickwechsel ist ein gegenseitiges Verschlingen, Ausdruck einer Gier, die kommendes Unheil erahnen läßt. Luchino Visconti verlegt für seinen Debütfilm die Handlung von James M. Cains schwarzem Kriminalroman »The Postman Always Rings Twice« aus dem ländlichen Kalifornien der Depressionszeit in die Tristesse der oberitalienischen Poebene. Prekäre soziale Lage und personelle Konstellation – der attraktiv-willensschwache Drifter (Gino: Massimo Girotti), die frustriert-materialistische Frau (Giovanna: Clara Calamai), der begütert-ahnungslose Alte (Giuseppe: Juan da Landa) – gleichen einander, auch folgt der fatale Ablauf der Geschehnisse – leidenschaftliche Affäre, halbherziger Fluchtversuch, berechnender Mord – weitgehend der Vorlage; doch immer wieder bereichern Visconti und seine Koautoren den Plot um präzise Milieustudien – ein Tanzvergnügen im Gasthaus, das Getriebe eines Marktplatzes, ein volkstümlicher Gesangswettbewerb – und lassen eine Figur auftreten, die einen Ausweg aus dem Teufelskreis von Verlangen, Abhängigkeit, Enttäuschung aufzeigt: der »Spanier«, ein Straßenkünstler, der wie Gino am Rande der Gesellschaft lebt, bietet ein Beispiel für Uneigennützigkeit, Solidarität, Kameradschaft, ein Beispiel das allerdings im konkreten Fall den tödlichen Lauf der Dinge nicht aufhalten kann, sondern (günstigenfalls) Hoffnung auf eine bessere Zukunft macht.
1950 | »Cronaca di un amore« (»Chronik einer Liebe«) von Michelangelo Antonioni
Nein, es sei nicht die alte Geschichte, sagt der Chef einer Mailänder Auskunftei zu dem Mitarbeiter, den er auf die Spur einer attraktiven jungen Frau setzt, deren vermögender Gatte, nach Auffinden einiger alter Fotos, etwas über das Vorleben jener Paola erfahren möchte, die er sieben Jahre zuvor, gegen Ende des Zweiten Weltkrieges, Hals über Kopf geheiratet hat. Mit finsterer Ironie nutzt (und bricht) Michelangelo Antonioni im Folgenden visuelle und narrative Ingredienzen des Film noir, um das von der detektivischen Recherche (die auch nach Ferrara, die Heimatstadt des Regisseurs, führt) in Gang gesetzte Geschehen zu schildern, das eine lange erloschene Liebe hitzig wiederaufflammen läßt und im Tod des wißbegierigen Ehemannes gipfelt. In der Nachfolge Viscontis variiert Antonioni den Erzählkern von Cains Thriller »The Postman Always Rings Twice«, indem er gutbürgerliche Kreise zum Schauplatz der Handlung macht – in langen, sorgfältig arrangierten Einstellungen erzählt er von den Schatten der Vergangenheit und einem Dreieck der Leidenschaft, von Eifersucht und Argwohn, Überdruß und Verachtung, spricht aber auch (und vor allem) von moralischer und emotionaler Indifferenz der Nachkriegszeit, von Eigensucht und Desillusion des beginnenden italienischen Wirtschaftswunders, zieht Parallelen zwischen winterlichen Straßen und verlassenen Plätze, die den inneren Zustand der Protagonisten spiegeln, und der leeren Welt der »weißen Telefone«, ihren teuren Roben, schnellen Autos, luxuriösen Wohnungen, portraitiert mit Lucia Bosè und Massimo Girotti (der eine vergleichbare Rolle zuvor »Ossessione« spielte) schon in seinem ersten Spielfilm ein Paar, das der Krankheit der Gefühle erliegt.
2. Februar 2019
Schwarz sehen (5)
Zwei Verfilmungen eines Romans von Raymond Chandler
1944 | »Murder, My Sweet« (»Mord, mein Liebling«) von Edward Dmytryk
»I’m afraid I don’t like your manner.« – »Yeah, I’ve had complaints about it, but it keeps getting worse.« Ein Mann mit bandagierten Augen, umgeben von ungemütlichen, huttragenden Gestalten in einem zellenartigen, dunklen Raum: Philip Marlowe (Dick Powell), Privatdetektiv in Los Angeles, hat alle Mühe, seinen polizeilichen Vernehmern die Hintergründe der fatalen Affäre, in die er verwickelt ist, plausibel zu machen ... Zuerst war da ›Moose‹ Malloy, ein hünenhafter Exknacki, der Marlowe anheuerte, um seine verschollene ehemalige Geliebte Vilma Valento zu finden, dann kam Lindsay Marriott ins Spiel, ein lackierter Affe, der das gestohlene Jadecollier einer Gesellschaftsdame zurückkaufen sollte und Marlowe als Begleiter für die nächtliche Übergabe engagierte. Es gibt einen Toten, zwielichtige Herren und versoffene Witwen, höhere Töchter und süchtige Drogenärzte mischen sich ein. »I don’t know which side anybody’s on. I don’t even know who’s playing today.« Edward Dmytryk und sein Autor John Paxton lassen den Protagonisten mehr oder weniger blind durch die tiefen Schatten und giftigen Nebel des von Chandler in seinem zweiten Marlowe-Roman »Farewell, My Lovely« angelegten Großstadtlabyrinths trudeln, bedienen sich wirkungsvoll noirischer Gestaltungselemente wie Rückblenden und Off-Kommentare, scharfer Hell-Dunkel-Kontraste und schräger Perspektiven – freilich ohne sich mit der frustrierenden Komplexität und dem sozialkritischen Unterton der Vorlage messen zu können, zumal ein gemütvolles happy ending Chandlers gallige Lakonie in romantisches Wohlgefallen auflöst.
1975 | »Farewell, My Lovely« (»Fahr zur Hölle, Liebling«) von Dick Richards
»What a world.« Er bräuchte einen Drink, er bräuchte eine Lebensversicherung, er bräuchte Urlaub ... und alles, was er hat, sind ein Mantel, ein Hut und eine Knarre. Dick Richards (zu Ruhm gekommen als Fotograf und Werbefilmer) nutzt Chandlers unerhört verwickelte Geschichte des (doppelten) Abschieds von einem Leben und von einer Liebe als Ausgangsmaterial für eine melancholisch-süffisante (und ziemlich stylishe) Retro-Noir-Etüde, deren (alp-)traumhafte Stimmung sich vor allem einem sinnlich-coolen Jazz-Score (David Shire), den dunkel-nostalgischen Technicolor-Bildern (John A. Alonzo) und ihrem Hauptdarsteller verdankt: Robert Mitchum, legendärer Star schwarzer Kino-Klassiker wie »Out of the Past«, »Angel Face« oder »The Night of the Hunter«, wird in der Rolle des nicht minder legendären Hardboiled-Detektivs Philip Marlowe zum leibhaftigen Wiedergänger einer fernen Epoche, dessen Erscheinen die hochpolierte Pulpstory um eine verschwundene Perlenkette und eine verschwundene Frau in die Vision einer verschwundenen Welt verwandelt, die sich bei aller nostalgischen Verklärung als genau so korrupt und desolat erweist wie die Ära von Vietnam und Watergate. So wird Richards’ Adaption – trotz der wie in Dmytryks 1944er-Fassung vorgenommenen Simplifizierung der Vorlage – zu einer Art filmischem Doppelspiegel, der Stimmungen und Mentalitäten von Vergangenheit und Gegenwart zu einem irisierenden Bild zusammenfließen läßt. »I wished it was part of my nightmare, but it wasn’t.«
1944 | »Murder, My Sweet« (»Mord, mein Liebling«) von Edward Dmytryk
»I’m afraid I don’t like your manner.« – »Yeah, I’ve had complaints about it, but it keeps getting worse.« Ein Mann mit bandagierten Augen, umgeben von ungemütlichen, huttragenden Gestalten in einem zellenartigen, dunklen Raum: Philip Marlowe (Dick Powell), Privatdetektiv in Los Angeles, hat alle Mühe, seinen polizeilichen Vernehmern die Hintergründe der fatalen Affäre, in die er verwickelt ist, plausibel zu machen ... Zuerst war da ›Moose‹ Malloy, ein hünenhafter Exknacki, der Marlowe anheuerte, um seine verschollene ehemalige Geliebte Vilma Valento zu finden, dann kam Lindsay Marriott ins Spiel, ein lackierter Affe, der das gestohlene Jadecollier einer Gesellschaftsdame zurückkaufen sollte und Marlowe als Begleiter für die nächtliche Übergabe engagierte. Es gibt einen Toten, zwielichtige Herren und versoffene Witwen, höhere Töchter und süchtige Drogenärzte mischen sich ein. »I don’t know which side anybody’s on. I don’t even know who’s playing today.« Edward Dmytryk und sein Autor John Paxton lassen den Protagonisten mehr oder weniger blind durch die tiefen Schatten und giftigen Nebel des von Chandler in seinem zweiten Marlowe-Roman »Farewell, My Lovely« angelegten Großstadtlabyrinths trudeln, bedienen sich wirkungsvoll noirischer Gestaltungselemente wie Rückblenden und Off-Kommentare, scharfer Hell-Dunkel-Kontraste und schräger Perspektiven – freilich ohne sich mit der frustrierenden Komplexität und dem sozialkritischen Unterton der Vorlage messen zu können, zumal ein gemütvolles happy ending Chandlers gallige Lakonie in romantisches Wohlgefallen auflöst.
1975 | »Farewell, My Lovely« (»Fahr zur Hölle, Liebling«) von Dick Richards
»What a world.« Er bräuchte einen Drink, er bräuchte eine Lebensversicherung, er bräuchte Urlaub ... und alles, was er hat, sind ein Mantel, ein Hut und eine Knarre. Dick Richards (zu Ruhm gekommen als Fotograf und Werbefilmer) nutzt Chandlers unerhört verwickelte Geschichte des (doppelten) Abschieds von einem Leben und von einer Liebe als Ausgangsmaterial für eine melancholisch-süffisante (und ziemlich stylishe) Retro-Noir-Etüde, deren (alp-)traumhafte Stimmung sich vor allem einem sinnlich-coolen Jazz-Score (David Shire), den dunkel-nostalgischen Technicolor-Bildern (John A. Alonzo) und ihrem Hauptdarsteller verdankt: Robert Mitchum, legendärer Star schwarzer Kino-Klassiker wie »Out of the Past«, »Angel Face« oder »The Night of the Hunter«, wird in der Rolle des nicht minder legendären Hardboiled-Detektivs Philip Marlowe zum leibhaftigen Wiedergänger einer fernen Epoche, dessen Erscheinen die hochpolierte Pulpstory um eine verschwundene Perlenkette und eine verschwundene Frau in die Vision einer verschwundenen Welt verwandelt, die sich bei aller nostalgischen Verklärung als genau so korrupt und desolat erweist wie die Ära von Vietnam und Watergate. So wird Richards’ Adaption – trotz der wie in Dmytryks 1944er-Fassung vorgenommenen Simplifizierung der Vorlage – zu einer Art filmischem Doppelspiegel, der Stimmungen und Mentalitäten von Vergangenheit und Gegenwart zu einem irisierenden Bild zusammenfließen läßt. »I wished it was part of my nightmare, but it wasn’t.«
30. Dezember 2018
2018 2/2
Aktuelle Filme im zweiten Halbjahr
Juli
On Chesil Beach von Dominic Cooke (2017) : Liebe 1962 – Florence und Edward, sie ätherisch-verkrampft, er rustikal-empfindlich, stolpern in die Ehe hinein und nach einer katastrophal verlaufenden Hochzeitsnacht wieder hinaus. Die einigermaßen disparaten (und jeweils auf ihre Art problematischen) Biographien des jungen Paares werden in betulichen Rückblenden beleuchtet, bevor die Erzählung einer tränenzieherischen Pointe entgegenschlingert. Das engagierte Spiel der beiden Hauptdarsteller macht Cookes kieselknirschende Mc-Ewan-Adaption leider auch nicht flott.
Love, Cecil von Lisa Immordino Vreeland (2017) : Eine konventionelle Dokumentation über einen unkonventionellen Mann. Cecil Beaton war Fotograf, Zeichner, Autor, Kostüm- und Bühnenbildner – ein ruheloser Dandy, ein »terrible homosexualist«, ein unverbesserlicher Ästhet, der den Schrecken des 20. Jahrhunderts ein künstliches Paradies der Schönheit entgegenträumte (und -lebte). Vreeland erzählt die Biographie des Mulitalents zwischen Bright Young Things und Swinging London, zwischen Vogue und Blitz, zwischen Buckingham Palace und Hollywood gewissenhaft nach, ohne sich dessen Leitspruch »Be daring, be different, be impractical!« gestalterisch zu Herzen zu nehmen.
August
Thoroughbreds von Cory Finley (2017) : Ein lakonisch-böser, dabei erfreulich formbewußter Thriller über Indolenz und Berechnung, Nutzlosigkeit und Ehrgeiz. Mit seiner klinischen Studie der unheilvollen Beziehung zweier heranwachsender Frauen aus besseren Kreisen gibt Debütant Finley ein Beispiel für verzweifelt-coole Wohlstandsverwahrlosung, das auch gesellschaftskritischen Kapazitäten wie Lang, Chabrol oder Seidl durchaus zur filmischen Ehre gereichen würde.
September
Gundermann von Andreas Dresen (2018) : Wer sind »wir«? Was wollen »sie«? Und wo bleibe »ich«? Dresens Biographie eines singenden Schaufelradbaggerfahrers, eines schaufelradbaggerfahrenden Sängers stellt diese Fragen mit ungetrübtem Blick auf gesellschaftliche Realitäten (in diesem Fall die des real-existierenden Sozialismus) und ohne den Anschein zu erwecken, abschließende Antworten geben zu können. Gundermann: einfühlsamer Dichter und fusselhaariger Sonderling, querulantischer Idealist und larmoyanter Verräter – ein faszinierender Antiheld wie er (nicht nur im roten) Buche steht: »Wir wissen, daß alles was kommt, auch wieder geht. / Warum tut es dann immer wieder und immer mehr weh?«
Asphaltgorillas von Detlev Buck (2018) : Bucks Versuch, neonglänzende Cinéma-du-Look-Synthetik und brutalistisches Referenzkino à la Tarantino zu einem romantisch-burlesken Berliner Gangsta-Buddy-Noir-Märchen zu verschmelzen, scheitert nicht am Abfeiern von Storyklischees, Figurenstereotypen oder Gefühlssimulationen, sondern an grenzdebilen Dialogen, linkischen Drehbuchkonstruktionen und heillos überforderten Darstellern – einzig der grandiose Georg Friedrich läßt etwas von den besseren Möglichkeiten dieses fehlgeschlagenen Vorhabens ahnen.
Kulenkampffs Schuhe von Regina Schilling (2018) : »... und sie werden nicht mehr frei ihr ganzes Leben.« Nachrede auf einen frühverstorbenen Vater (Jahrgang 1925) im Spiegel der bundesdeutschen Fernsehunterhaltung: Schilling setzt die TV-Legenden Hans-Joachim Kulenkampff, Peter Alexander, Hans Rosenthal ins Verhältnis zu Schuld, Traumatisierung, Sprachlosigkeit unter besonderer Berücksichtigung der eigenen Familiengeschichte in Nationalsozialismus, Nachkrieg, Wirtschaftswunder – persönlich-mediale Erinnerungsarbeit als bewegendes historisches Lehrstück.
The Predator von Shane Black (2018) : Die Frage, ob das titelgebende extraterrestrische Wesen einfach nur seinen Mordspaß sucht (und massenhaft findet), oder ob das Töten in dessen beutegreifenden Natur begründet liegt, bleibt letztlich unbeantwortet. Der stahlharte Profi Black stellt hingegen keinen Zweifelsfall dar: ihm hat die einfältige Action-Metzelei – unter ungebremstem Einsatz von Massakerhumor, Pathosimitat und enthusiastisch stampfender Klingt-fast-wie-aus-den-Eighties-Mucke – erkennbar Vergnügen bereitet.
Searching von Aneesh Chaganty (2018) : Indem er für sein missing-person mystery die Kinoleinwand mit der Oberfläche eines Computermonitors kurzschließt, schützt Chaganty formale Originalität vor, wenngleich er über altbekannte POV-Strategien und Split-screen-Effekte selten hinauskommt. Auch für die (Ver-)Formung unseres Lebens durch digitale Medien interessiert sich der Ex-Google-Laborant nur als Erzählantrieb, wohingegen sein kühler Blick auf (beiderseits) gestörte Eltern-Kind-Verhältnisse einen beklemmenden Thrill auszulösen vermag.
Oktober
The Man Who Killed Don Quixote von Terry Gilliam (2018) : Das Schicksal hat mehrfach und deutlich mit dem Zaunpfahl gewinkt – Gilliam ist unbeirrt gegen die widrigen Umstände geritten, um einen montrösen filmischen Trümmerhaufen aus Spanien-, Russen- und Künstler-Klischees, aus Schmierentheater, Fundusstaub und dramaturgischen Dysfunktionen aufzuschütten: Lost in La Mancha II. Wer will, mag in dieser ungefügen Donquichotterie das surreal-dekonstruktivistische Spiel mit einem Mythos erkennen.
A Star Is Born von Bradley Cooper (2018) : Aufstieg und Fall, Euphorie und Tristesse, Liebe und Tod: »It’s the same story told over and over, forever.« Cooper erzählt die uralte Geschichte vom angezählten Star und vom emporkommenden Talent in seiner ersten Regiearbeit ohne Scheu vor sentimentaler Zuspitzung, mit (auch in visueller Hinsicht) hoher Musikalität und viel Spielraum für Lady Gagas charismatische Präsenz – ein Melodrama im besten Sinne des Wortes.
Todos lo saben von Asghar Farhadi (2018) : Anfangs gleicht der Film einem Werbeclip für Spanienurlaub – Fiestastimmung wie weiland in Villarriba und Villabajo –, doch das Unheil schwebt schon dräuend über den Köpfen: Ein Entführungsfall bringt die unterdrückten Konflikte in einer einstmals bemittelten Sippschaft ans Licht. Leider geht Farhadi nicht wirklich ans familiär Eingemachte, und auch der Grundidee seines rührstückhaften Thrillerplots (Stichwort: Wissen und Nichtwissen) mangelt es ganz erheblich an Plausibilität.
Place publique von Agnès Jaoui (2018) : Seit einem Vierteljahrhundert kultivieren Jaoui und Bacri eine spezifische Form von einfühlsamem Sarkasmus, um Hochgefühle und Weltschmerzen der genießenden Klasse differenziert abzuschildern. Auch die jüngste Zusammenarbeit des (Ex-Ehe-)Paares, eine figurenreiche Studie über Öffentlichkeit und Intimität im allgemeinen Medienzirkus, bietet Kultursoziologie von beneidenswerter Nonchalance.
November
Bohemian Rhapsody von Bryan Singer (2018) : Widersetzlichkeit und Erfolg, Ruhm und Dünkel, Absturz und Reue, Neugeburt und Verklärung – Singer gießt das Leben eines extravaganten Rockstars routiniert in tausendfach bewährte Biopic-Form; hätte er die Tiefen des Dramas abgründiger gestaltet, wären ihm Freddie Mercurys Höhenflüge vielleicht schillernder geraten.
In My Room von Ulrich Köhler (2018) : Ohne erkennbare ironische Brechung schraubt Köhler das große »Letzter-Mann-auf Erden«-Drama zur weitschweifigen Befindlichkeitsstudie (inklusive gelebtem Jungstraum von selbstgebastelter Autarkie) herunter. Sein Protagonist sieht sich nicht mit Zombies oder Aliens konfrontiert sondern mit Pferden, Ziegen, Hunden sowie der letzten Frau auf Erden nebst den dazugehörigen Problemen – wobei es dem Langweiler gelingt, auch in außergewöhnlichen Umständen ein Langweiler zu bleiben.
Loro von Paolo Sorrentino (2018) : Aus der Erkenntnis, daß die von Berlusconi und Konsorten geschaffene Bunga-Bunga-Welt im Grunde unerklärlich ist, zieht Sorrentino die einzig mögliche Konsequenz: er beschränkt sich auf reine Phänomenologie. Die hochgestylte Leere seines Werks entspricht der nihilistischen Vergnügungswut des (von Toni Servillo mit hermetischer Grandezza verkörperten) Cavaliere – die hierzulande gezeigte, um eine knappe Stunde gekürzte, internationale Fassung des Films wirkt allerdings lückenhaft und unausgewogen.
Zimna wojna von Paweł Pawlikowski (2018) : Melodramatisches Epochenbild und komplizierte Liebesgeschichte zwischen Anziehung und Abstoßung, Kunst und Politik, Ost und West: ein Pianist und eine Sängerin bald aufgehoben, bald verloren in den Klängen der europäischen Nachkriegszeit. Pawlikowski komponiert aus Volksliedern und Propagandakantaten, aus Jazz und Chansons, aus Filmmusik und Schlagern eine frostig-bewegende (und bestechend fotografierte) Sinfonie der Emotionen.
Suspiria von Luca Guadagnino (2018) : Guadagnino zelebriert den wohl abgedrehtesten Berlin-Horror seit Zulawskis »Possession«: eine Phantasmagorie von Teilung, Terror und Tanz, eine unheimlich deutsche Mischung aus überschnappendem Mutterkult, zuckendem Volkskörper und rituellem Bluterguß, einen frauengepowerten Siebzigerjahrealptraum, der spleenige Diven wie Caven, Soutendijk und Winkler zum orgiastischen Hexensabbat versammelt.
Dezember
Widows von Steve McQueen (2018) : Thematisch-atmosphärisch-irgendwie-auch-sozialkritische Verquickung von Thriller und Melodram, Verbrechen und Politik, Trauer und Wut, Ghetto und Luxus – Spannungseffekte eines Heistmovies bleiben dabei weitgehend auf der Strecke. Zudem müssen McQueens taffe Heldinnen die Rollen ihrer toten Kerle fortspielen, womit nolens volens die Ansicht des von Robert Duvall verkörperten Seniorschurken bestätigt wird, daß am bösen Lauf der Welt eh nicht zu rütteln sei.
Under the Silver Lake von David Robert Mitchell (2018) : »Rub Dean’s head and wait under Newton.« Ein Film wie die Verfolgung eines Kojoten kreuz und quer durch Los Angeles: Mitchells bizarres Pop’n’Paranoia-Pasticcio erkundet, in der Tradition labyrinthischer Verschwörungsphantasien wie Pynchons »The Crying of Lot 49«, Roszaks »Flicker« oder Clowes’ »Like a Velvet Glove Cast in Iron«, Unter- Neben- und Überwelten, deren Geheimnisse, wie die der sogenannten Wirklichkeit, letzten Endes unergründlich bleiben. PS: »Keep quiet.«
Plaire, aimer et courir vite von Christophe Honoré (2018) : »One is the loneliest number that you’ll ever do.« Das Jahr 1993: Sie gefallen sich, sie verlieben sich, sie müssen sich beeilen – Jacques, Ende 30, Schriftsteller aus Paris, und Arthur, um die 20, Student aus Rennes, einer, der (an AIDS) sterben wird, und einer, der das Leben vor sich hat. Honoré, ein Meister des kitschfreien Gefühlskinos, erzählt, fröhlich, traurig, taktvoll, offenherzig, von erster und von letzter Liebe, von Aufbruch und Abschied, von Freude und Schmerz, vom Jetzt, das sich – allen Widrigkeiten zum Trotz – zwischen ein verlorenes Gestern und ein ungewisses Morgen schiebt.
Juli
On Chesil Beach von Dominic Cooke (2017) : Liebe 1962 – Florence und Edward, sie ätherisch-verkrampft, er rustikal-empfindlich, stolpern in die Ehe hinein und nach einer katastrophal verlaufenden Hochzeitsnacht wieder hinaus. Die einigermaßen disparaten (und jeweils auf ihre Art problematischen) Biographien des jungen Paares werden in betulichen Rückblenden beleuchtet, bevor die Erzählung einer tränenzieherischen Pointe entgegenschlingert. Das engagierte Spiel der beiden Hauptdarsteller macht Cookes kieselknirschende Mc-Ewan-Adaption leider auch nicht flott.
Love, Cecil von Lisa Immordino Vreeland (2017) : Eine konventionelle Dokumentation über einen unkonventionellen Mann. Cecil Beaton war Fotograf, Zeichner, Autor, Kostüm- und Bühnenbildner – ein ruheloser Dandy, ein »terrible homosexualist«, ein unverbesserlicher Ästhet, der den Schrecken des 20. Jahrhunderts ein künstliches Paradies der Schönheit entgegenträumte (und -lebte). Vreeland erzählt die Biographie des Mulitalents zwischen Bright Young Things und Swinging London, zwischen Vogue und Blitz, zwischen Buckingham Palace und Hollywood gewissenhaft nach, ohne sich dessen Leitspruch »Be daring, be different, be impractical!« gestalterisch zu Herzen zu nehmen.
August
Thoroughbreds von Cory Finley (2017) : Ein lakonisch-böser, dabei erfreulich formbewußter Thriller über Indolenz und Berechnung, Nutzlosigkeit und Ehrgeiz. Mit seiner klinischen Studie der unheilvollen Beziehung zweier heranwachsender Frauen aus besseren Kreisen gibt Debütant Finley ein Beispiel für verzweifelt-coole Wohlstandsverwahrlosung, das auch gesellschaftskritischen Kapazitäten wie Lang, Chabrol oder Seidl durchaus zur filmischen Ehre gereichen würde.
September
Gundermann von Andreas Dresen (2018) : Wer sind »wir«? Was wollen »sie«? Und wo bleibe »ich«? Dresens Biographie eines singenden Schaufelradbaggerfahrers, eines schaufelradbaggerfahrenden Sängers stellt diese Fragen mit ungetrübtem Blick auf gesellschaftliche Realitäten (in diesem Fall die des real-existierenden Sozialismus) und ohne den Anschein zu erwecken, abschließende Antworten geben zu können. Gundermann: einfühlsamer Dichter und fusselhaariger Sonderling, querulantischer Idealist und larmoyanter Verräter – ein faszinierender Antiheld wie er (nicht nur im roten) Buche steht: »Wir wissen, daß alles was kommt, auch wieder geht. / Warum tut es dann immer wieder und immer mehr weh?«
Asphaltgorillas von Detlev Buck (2018) : Bucks Versuch, neonglänzende Cinéma-du-Look-Synthetik und brutalistisches Referenzkino à la Tarantino zu einem romantisch-burlesken Berliner Gangsta-Buddy-Noir-Märchen zu verschmelzen, scheitert nicht am Abfeiern von Storyklischees, Figurenstereotypen oder Gefühlssimulationen, sondern an grenzdebilen Dialogen, linkischen Drehbuchkonstruktionen und heillos überforderten Darstellern – einzig der grandiose Georg Friedrich läßt etwas von den besseren Möglichkeiten dieses fehlgeschlagenen Vorhabens ahnen.
Kulenkampffs Schuhe von Regina Schilling (2018) : »... und sie werden nicht mehr frei ihr ganzes Leben.« Nachrede auf einen frühverstorbenen Vater (Jahrgang 1925) im Spiegel der bundesdeutschen Fernsehunterhaltung: Schilling setzt die TV-Legenden Hans-Joachim Kulenkampff, Peter Alexander, Hans Rosenthal ins Verhältnis zu Schuld, Traumatisierung, Sprachlosigkeit unter besonderer Berücksichtigung der eigenen Familiengeschichte in Nationalsozialismus, Nachkrieg, Wirtschaftswunder – persönlich-mediale Erinnerungsarbeit als bewegendes historisches Lehrstück.
The Predator von Shane Black (2018) : Die Frage, ob das titelgebende extraterrestrische Wesen einfach nur seinen Mordspaß sucht (und massenhaft findet), oder ob das Töten in dessen beutegreifenden Natur begründet liegt, bleibt letztlich unbeantwortet. Der stahlharte Profi Black stellt hingegen keinen Zweifelsfall dar: ihm hat die einfältige Action-Metzelei – unter ungebremstem Einsatz von Massakerhumor, Pathosimitat und enthusiastisch stampfender Klingt-fast-wie-aus-den-Eighties-Mucke – erkennbar Vergnügen bereitet.
Searching von Aneesh Chaganty (2018) : Indem er für sein missing-person mystery die Kinoleinwand mit der Oberfläche eines Computermonitors kurzschließt, schützt Chaganty formale Originalität vor, wenngleich er über altbekannte POV-Strategien und Split-screen-Effekte selten hinauskommt. Auch für die (Ver-)Formung unseres Lebens durch digitale Medien interessiert sich der Ex-Google-Laborant nur als Erzählantrieb, wohingegen sein kühler Blick auf (beiderseits) gestörte Eltern-Kind-Verhältnisse einen beklemmenden Thrill auszulösen vermag.
Oktober
The Man Who Killed Don Quixote von Terry Gilliam (2018) : Das Schicksal hat mehrfach und deutlich mit dem Zaunpfahl gewinkt – Gilliam ist unbeirrt gegen die widrigen Umstände geritten, um einen montrösen filmischen Trümmerhaufen aus Spanien-, Russen- und Künstler-Klischees, aus Schmierentheater, Fundusstaub und dramaturgischen Dysfunktionen aufzuschütten: Lost in La Mancha II. Wer will, mag in dieser ungefügen Donquichotterie das surreal-dekonstruktivistische Spiel mit einem Mythos erkennen.
A Star Is Born von Bradley Cooper (2018) : Aufstieg und Fall, Euphorie und Tristesse, Liebe und Tod: »It’s the same story told over and over, forever.« Cooper erzählt die uralte Geschichte vom angezählten Star und vom emporkommenden Talent in seiner ersten Regiearbeit ohne Scheu vor sentimentaler Zuspitzung, mit (auch in visueller Hinsicht) hoher Musikalität und viel Spielraum für Lady Gagas charismatische Präsenz – ein Melodrama im besten Sinne des Wortes.
Todos lo saben von Asghar Farhadi (2018) : Anfangs gleicht der Film einem Werbeclip für Spanienurlaub – Fiestastimmung wie weiland in Villarriba und Villabajo –, doch das Unheil schwebt schon dräuend über den Köpfen: Ein Entführungsfall bringt die unterdrückten Konflikte in einer einstmals bemittelten Sippschaft ans Licht. Leider geht Farhadi nicht wirklich ans familiär Eingemachte, und auch der Grundidee seines rührstückhaften Thrillerplots (Stichwort: Wissen und Nichtwissen) mangelt es ganz erheblich an Plausibilität.
Place publique von Agnès Jaoui (2018) : Seit einem Vierteljahrhundert kultivieren Jaoui und Bacri eine spezifische Form von einfühlsamem Sarkasmus, um Hochgefühle und Weltschmerzen der genießenden Klasse differenziert abzuschildern. Auch die jüngste Zusammenarbeit des (Ex-Ehe-)Paares, eine figurenreiche Studie über Öffentlichkeit und Intimität im allgemeinen Medienzirkus, bietet Kultursoziologie von beneidenswerter Nonchalance.
November
Bohemian Rhapsody von Bryan Singer (2018) : Widersetzlichkeit und Erfolg, Ruhm und Dünkel, Absturz und Reue, Neugeburt und Verklärung – Singer gießt das Leben eines extravaganten Rockstars routiniert in tausendfach bewährte Biopic-Form; hätte er die Tiefen des Dramas abgründiger gestaltet, wären ihm Freddie Mercurys Höhenflüge vielleicht schillernder geraten.
In My Room von Ulrich Köhler (2018) : Ohne erkennbare ironische Brechung schraubt Köhler das große »Letzter-Mann-auf Erden«-Drama zur weitschweifigen Befindlichkeitsstudie (inklusive gelebtem Jungstraum von selbstgebastelter Autarkie) herunter. Sein Protagonist sieht sich nicht mit Zombies oder Aliens konfrontiert sondern mit Pferden, Ziegen, Hunden sowie der letzten Frau auf Erden nebst den dazugehörigen Problemen – wobei es dem Langweiler gelingt, auch in außergewöhnlichen Umständen ein Langweiler zu bleiben.
Loro von Paolo Sorrentino (2018) : Aus der Erkenntnis, daß die von Berlusconi und Konsorten geschaffene Bunga-Bunga-Welt im Grunde unerklärlich ist, zieht Sorrentino die einzig mögliche Konsequenz: er beschränkt sich auf reine Phänomenologie. Die hochgestylte Leere seines Werks entspricht der nihilistischen Vergnügungswut des (von Toni Servillo mit hermetischer Grandezza verkörperten) Cavaliere – die hierzulande gezeigte, um eine knappe Stunde gekürzte, internationale Fassung des Films wirkt allerdings lückenhaft und unausgewogen.
Zimna wojna von Paweł Pawlikowski (2018) : Melodramatisches Epochenbild und komplizierte Liebesgeschichte zwischen Anziehung und Abstoßung, Kunst und Politik, Ost und West: ein Pianist und eine Sängerin bald aufgehoben, bald verloren in den Klängen der europäischen Nachkriegszeit. Pawlikowski komponiert aus Volksliedern und Propagandakantaten, aus Jazz und Chansons, aus Filmmusik und Schlagern eine frostig-bewegende (und bestechend fotografierte) Sinfonie der Emotionen.
Suspiria von Luca Guadagnino (2018) : Guadagnino zelebriert den wohl abgedrehtesten Berlin-Horror seit Zulawskis »Possession«: eine Phantasmagorie von Teilung, Terror und Tanz, eine unheimlich deutsche Mischung aus überschnappendem Mutterkult, zuckendem Volkskörper und rituellem Bluterguß, einen frauengepowerten Siebzigerjahrealptraum, der spleenige Diven wie Caven, Soutendijk und Winkler zum orgiastischen Hexensabbat versammelt.
Dezember
Widows von Steve McQueen (2018) : Thematisch-atmosphärisch-irgendwie-auch-sozialkritische Verquickung von Thriller und Melodram, Verbrechen und Politik, Trauer und Wut, Ghetto und Luxus – Spannungseffekte eines Heistmovies bleiben dabei weitgehend auf der Strecke. Zudem müssen McQueens taffe Heldinnen die Rollen ihrer toten Kerle fortspielen, womit nolens volens die Ansicht des von Robert Duvall verkörperten Seniorschurken bestätigt wird, daß am bösen Lauf der Welt eh nicht zu rütteln sei.
Under the Silver Lake von David Robert Mitchell (2018) : »Rub Dean’s head and wait under Newton.« Ein Film wie die Verfolgung eines Kojoten kreuz und quer durch Los Angeles: Mitchells bizarres Pop’n’Paranoia-Pasticcio erkundet, in der Tradition labyrinthischer Verschwörungsphantasien wie Pynchons »The Crying of Lot 49«, Roszaks »Flicker« oder Clowes’ »Like a Velvet Glove Cast in Iron«, Unter- Neben- und Überwelten, deren Geheimnisse, wie die der sogenannten Wirklichkeit, letzten Endes unergründlich bleiben. PS: »Keep quiet.«
Plaire, aimer et courir vite von Christophe Honoré (2018) : »One is the loneliest number that you’ll ever do.« Das Jahr 1993: Sie gefallen sich, sie verlieben sich, sie müssen sich beeilen – Jacques, Ende 30, Schriftsteller aus Paris, und Arthur, um die 20, Student aus Rennes, einer, der (an AIDS) sterben wird, und einer, der das Leben vor sich hat. Honoré, ein Meister des kitschfreien Gefühlskinos, erzählt, fröhlich, traurig, taktvoll, offenherzig, von erster und von letzter Liebe, von Aufbruch und Abschied, von Freude und Schmerz, vom Jetzt, das sich – allen Widrigkeiten zum Trotz – zwischen ein verlorenes Gestern und ein ungewisses Morgen schiebt.
26. Oktober 2018
Standbild (20)
Tiergarten
Außen. Park. Tag. Ein trampelpfadartiger, etwa anderthalb Meter breiter Sandweg verläuft in einer weiten Rechtsbiegung durch eine mit kleinen Birkengruppen bestandene ungemähte Wiese, die ringsumher von Buschwerk und dichtbelaubten Bäume begrenzt wird. Auf dem Weg, gegenüber einem zylinderförmiger Mülleimer und einer Bank, deren geschwungene Holzbelattung auf schmiedelackierten Metallgestellen befestigt ist, verharrt eine junge Frau von sechzehn oder siebzehn Jahren. Ihr Outfit besteht aus weißen Turnschuhen, einer schwarzen Hose sowie einem schlabberig sitzenden, königsblauen Oberteil mit tiefem v-förmigen Ausschnitt, überlangen Ärmeln und eckigem Rückenkragen; ihr glattes dunkelbraunes Haar, das als Pony in die Stirn fällt und seitlich die Ohren bedeckt, ist am Hinterkopf zu einem nackenlangen offenen Zopf zusammengebunden. In den Händen hält die junge Frau eine aufwendig gearbeitete Brieftasche aus hellgrauem Leder und darauf ein entfaltetes Blatt Papier der Größe DIN A4, das sie einem Fach der Mappe entnommen hat. Auf den Bogen sind, in waagerechter Folge, vier quadratische Schwarzweißbilder montiert: links die Reproduktion der Fotografie eines etwa zweijährigen Mädchens, daneben drei computergenerierte Bildnisse, die das mögliche Aussehen desselben Mädchens im Alter von jeweils ungefähr sechs, zwölf und sechzehn Jahren zeigen. Das letzte Bild der Reihe besitzt eine auffallende Ähnlichkeit mit der jungen Frau, die es in diesem Moment ausdruckslos betrachtet, nachdem sie kurz zuvor der Besitzerin der Brieftasche, einer ihr unbekannten Französin mittleren Alters, begegnet ist. Die Französin behauptete, in der jungen Frau ihre vor langer Zeit verschwundene Tochter erkannt zu haben, ein Vorgang, der sich allerdings, wie bald deutlich wurde, aufgrund einer durch diesen Verlust ausgelösten psychischen Erkrankung in der Vergangenheit bereits viele Male wiederholt hatte, so daß auch das Vorhandensein gewisser Identifizierungsmerkmale am Körper der jungen Frau – einer Narbe am Knöchel, eines herzförmigen Muttermals auf dem Rücken – für den treusorgenden Ehemann der schwer traumatisierten gewesenen Mutter letztendlich keine Überzeugungskraft besaß.
Außen. Park. Tag. Ein trampelpfadartiger, etwa anderthalb Meter breiter Sandweg verläuft in einer weiten Rechtsbiegung durch eine mit kleinen Birkengruppen bestandene ungemähte Wiese, die ringsumher von Buschwerk und dichtbelaubten Bäume begrenzt wird. Auf dem Weg, gegenüber einem zylinderförmiger Mülleimer und einer Bank, deren geschwungene Holzbelattung auf schmiedelackierten Metallgestellen befestigt ist, verharrt eine junge Frau von sechzehn oder siebzehn Jahren. Ihr Outfit besteht aus weißen Turnschuhen, einer schwarzen Hose sowie einem schlabberig sitzenden, königsblauen Oberteil mit tiefem v-förmigen Ausschnitt, überlangen Ärmeln und eckigem Rückenkragen; ihr glattes dunkelbraunes Haar, das als Pony in die Stirn fällt und seitlich die Ohren bedeckt, ist am Hinterkopf zu einem nackenlangen offenen Zopf zusammengebunden. In den Händen hält die junge Frau eine aufwendig gearbeitete Brieftasche aus hellgrauem Leder und darauf ein entfaltetes Blatt Papier der Größe DIN A4, das sie einem Fach der Mappe entnommen hat. Auf den Bogen sind, in waagerechter Folge, vier quadratische Schwarzweißbilder montiert: links die Reproduktion der Fotografie eines etwa zweijährigen Mädchens, daneben drei computergenerierte Bildnisse, die das mögliche Aussehen desselben Mädchens im Alter von jeweils ungefähr sechs, zwölf und sechzehn Jahren zeigen. Das letzte Bild der Reihe besitzt eine auffallende Ähnlichkeit mit der jungen Frau, die es in diesem Moment ausdruckslos betrachtet, nachdem sie kurz zuvor der Besitzerin der Brieftasche, einer ihr unbekannten Französin mittleren Alters, begegnet ist. Die Französin behauptete, in der jungen Frau ihre vor langer Zeit verschwundene Tochter erkannt zu haben, ein Vorgang, der sich allerdings, wie bald deutlich wurde, aufgrund einer durch diesen Verlust ausgelösten psychischen Erkrankung in der Vergangenheit bereits viele Male wiederholt hatte, so daß auch das Vorhandensein gewisser Identifizierungsmerkmale am Körper der jungen Frau – einer Narbe am Knöchel, eines herzförmigen Muttermals auf dem Rücken – für den treusorgenden Ehemann der schwer traumatisierten gewesenen Mutter letztendlich keine Überzeugungskraft besaß.
24. September 2018
Standbild (19)
Unterwegs
Außen. Flußufer. Tag. Der kaum bewegten Oberfläche des breiten Wasserlaufs eignet die gleiche bleierne Farblosigkeit wie der geschlossenen Wolkendecke des Himmels. Auf der gegenüberliegenden Seite des Flusses, in deren unmittelbarer Nähe zwei Frachtkähne hintereinander gegen die Strömung anfahren, sind dichte Reihen kahler Bäume sowie ein stattliches weißes Landhaus mit eingeschossigen Anbauten auszumachen, die von einem im Dunst verschwimmenden Höhenrücken überragt werden. Am diesseitigen Ufer, einer seichten, teilweise mit Holzbohlen gesicherten, von dürrem Gezweig spärlich bewachsenen Böschung aus planierten Schutt- und Erdklumpen, steht, die Füße von den flachen Wellen des Flusses umspült, eine Frau in weit vorgebeugter Haltung. Sie trägt einen knielangen schwarzen Mantel mit Dreiviertelärmeln, ihr schulterlanges, leicht gewelltes Haar fällt strähnig herab und verdeckt so das Gesicht. In der linken Hand hält die Frau ihren linken Schuh, einen schwarzen Riemchenpumps, den sie ins Wasser taucht, während sie ihn mit der rechten Hand zu säubern versucht. Seitlich hinter ihr, kaum einen halben Meter von der Uferkante entfernt, liegt eine geöffnete Handtasche auf dem nassen Boden, daneben steht ein großer schwarzer Koffer mit silbernen Beschlägen. Die Frau, Tochter jüdischer Eltern, vor einiger Zeit als Flüchtling ins Land gekommen, wegen mehrerer Fälle von Diebstahl und Mietbetrug zur Fahndung ausgeschrieben, wird sich in naher Zukunft den Behörden stellen, um ihr erwartetes Kind im Gefängnis zur Welt zu bringen und dabei zu helfen, die Unterlagen für ihre Bestrafung zusammenzustellen.
Außen. Flußufer. Tag. Der kaum bewegten Oberfläche des breiten Wasserlaufs eignet die gleiche bleierne Farblosigkeit wie der geschlossenen Wolkendecke des Himmels. Auf der gegenüberliegenden Seite des Flusses, in deren unmittelbarer Nähe zwei Frachtkähne hintereinander gegen die Strömung anfahren, sind dichte Reihen kahler Bäume sowie ein stattliches weißes Landhaus mit eingeschossigen Anbauten auszumachen, die von einem im Dunst verschwimmenden Höhenrücken überragt werden. Am diesseitigen Ufer, einer seichten, teilweise mit Holzbohlen gesicherten, von dürrem Gezweig spärlich bewachsenen Böschung aus planierten Schutt- und Erdklumpen, steht, die Füße von den flachen Wellen des Flusses umspült, eine Frau in weit vorgebeugter Haltung. Sie trägt einen knielangen schwarzen Mantel mit Dreiviertelärmeln, ihr schulterlanges, leicht gewelltes Haar fällt strähnig herab und verdeckt so das Gesicht. In der linken Hand hält die Frau ihren linken Schuh, einen schwarzen Riemchenpumps, den sie ins Wasser taucht, während sie ihn mit der rechten Hand zu säubern versucht. Seitlich hinter ihr, kaum einen halben Meter von der Uferkante entfernt, liegt eine geöffnete Handtasche auf dem nassen Boden, daneben steht ein großer schwarzer Koffer mit silbernen Beschlägen. Die Frau, Tochter jüdischer Eltern, vor einiger Zeit als Flüchtling ins Land gekommen, wegen mehrerer Fälle von Diebstahl und Mietbetrug zur Fahndung ausgeschrieben, wird sich in naher Zukunft den Behörden stellen, um ihr erwartetes Kind im Gefängnis zur Welt zu bringen und dabei zu helfen, die Unterlagen für ihre Bestrafung zusammenzustellen.
6. Juli 2018
Standbild (18)
Lumpen
Innen. Fabrikhalle. Abend. Im Raum stehen neben einem hüfthohen Holzbottich von etwa zwei Meter Durchmesser, aus dem die beiden oberen Blätter eines propellerartigen Rührwerks ragen, zahlreiche Maschinen, die während der Werkstunden von diagonal durch die Halle laufenden Transmissionsriemen angetrieben werden. Aus dem gekalkten Ziegelmauerwerk streben schlichte langarmige Gasleuchten hervor, in deren bauchigen Glaskolben schwache Lichter brennen. Der Blick durch die metallenen Sprossenfenster geht zur Rechten in den Hof des Gebäudes, im Hintergrund in die angrenzende Produktionshalle. Eine eng gewendelte Treppe führt ins Obergeschoß. Schlanke gußeiserne Säulen tragen die hell verputzte Kappendecke, unter der sich große, mit Schnüren zusammengebundene Packen aus zerschlissenen, verschmutzten, in Fetzen gerissenen Stoffresten türmen. In einem schmalen Spalt zwischen den hoch aufgestapelten Bündeln liegen ein schwarzglänzender Zylinder und ein mit weißen Straußenfedern reich besetzter Kapotthut. Die eleganten Kopfbedeckungen gehören dem Fabrikbesitzer und der Dame seines Herzens, die, für den Beobachter unsichtbar, in einer versteckten Kuhle des zerklüfteten Textilgebirges ein heimliches Schäferstündchen halten. An derselben Stelle wird der Fabrikbesitzer wenige Tage später einen jungen Arbeiter bemerken, der seiner von täglicher Mühsal fast bis zur Bewußtlosigkeit erschöpften, hochschwangeren Frau beisteht, um die beiden sogleich voller Empörung wegen Unzucht zu entlassen.
Innen. Fabrikhalle. Abend. Im Raum stehen neben einem hüfthohen Holzbottich von etwa zwei Meter Durchmesser, aus dem die beiden oberen Blätter eines propellerartigen Rührwerks ragen, zahlreiche Maschinen, die während der Werkstunden von diagonal durch die Halle laufenden Transmissionsriemen angetrieben werden. Aus dem gekalkten Ziegelmauerwerk streben schlichte langarmige Gasleuchten hervor, in deren bauchigen Glaskolben schwache Lichter brennen. Der Blick durch die metallenen Sprossenfenster geht zur Rechten in den Hof des Gebäudes, im Hintergrund in die angrenzende Produktionshalle. Eine eng gewendelte Treppe führt ins Obergeschoß. Schlanke gußeiserne Säulen tragen die hell verputzte Kappendecke, unter der sich große, mit Schnüren zusammengebundene Packen aus zerschlissenen, verschmutzten, in Fetzen gerissenen Stoffresten türmen. In einem schmalen Spalt zwischen den hoch aufgestapelten Bündeln liegen ein schwarzglänzender Zylinder und ein mit weißen Straußenfedern reich besetzter Kapotthut. Die eleganten Kopfbedeckungen gehören dem Fabrikbesitzer und der Dame seines Herzens, die, für den Beobachter unsichtbar, in einer versteckten Kuhle des zerklüfteten Textilgebirges ein heimliches Schäferstündchen halten. An derselben Stelle wird der Fabrikbesitzer wenige Tage später einen jungen Arbeiter bemerken, der seiner von täglicher Mühsal fast bis zur Bewußtlosigkeit erschöpften, hochschwangeren Frau beisteht, um die beiden sogleich voller Empörung wegen Unzucht zu entlassen.
27. Juni 2018
2018 1/2
Aktuelle Filme im ersten Halbjahr
Januar
Wonder Wheel von Woody Allen (2017) : Allen dreht sich so behäbig um die eigene Achse wie das Riesenrad, das seinem candy-coloured Coney-Island-Drama den Namen gibt. Winslet als frustrierte Kellnerin, die einer verpfuschten Schauspielerkarriere nachtrauert und hinter dem Rücken ihres grobklotzigen Mannes mit einem literarisch ambitionierten Bademeister anbändelt, macht ihre Sache gut, aber das um sie herum arrangierte Stück wirkt wie ein hundemüder Tennessee-Williams-Abklatsch.
L’amant double von François Ozon (2017) : Hitchcock (das Labyrinth der Schuld), De Palma (die Welt als Alptraum), Cronenberg (der Geist und das Fleisch) ruft Ozon auf den Plan, ohne die Meister zu kopieren, sondern um (selbst ein Meister) etwas Originäres aus den Musterbildern zu formen: eine doppelbödige Doppelgänger-Erzählung, eine vielfach gebrochene Lovestory um brüchige Identitäten, einen stilvoll-schaulustigen Psychothriller im Grenzbereich von (fragwürdiger) Realität und (wahnhafter) Imagination.
Februar
Phantom Thread von Paul Thomas Anderson (2017) : Derart plunzige Kostüme muß man sich für einen Film über den angeblich größten Couturier des Vereinigten Königreiches erst einmal zusammenzuschneidern trauen; daß der biederen Stichelei auch noch ein Oscar nachgeworfen wird ... well. Ansonsten pflegt Day-Lewis (hoffentlich wirklich zum letzen Mal) sein outriertes Understatement, und wer (aus welchem Grund auch immer) die Liebe für eine Höllenmacht hält, darf sich von Anderson vollauf bestätigt fühlen.
All the Money in the World von Ridley Scott (2017) : »Es ist keine Kunst, viel Geld zu machen, wenn man keine anderen Wünsche hat, als viel Geld zu machen«, sagt ein Geschäftsmann in Welles’ »Citizen Kane«. So gesehen wäre J. Paul Getty nicht sonderlich interessant, denn außer Geldmachen kümmert ihn wenig. Dennoch ist der Milliardär (zumal in Plummers abgründiger Darstellung) eine faszinierende Figur, zeigt sein Beispiel doch anschaulich, daß nicht der Mensch das Geld macht, sondern das Geld den Menschen – je mehr, desto extremer.
The Post von Steven Spielberg (2017) : Ein Film über bedrucktes Papier in der Tradition von Pakulas »All the President's Men«, wenn auch nicht ganz auf der Höhe des unverkennbaren Vorbilds. Spielberg müht sich (und diese Mühe ist ihm zu danken), etwas vom Geist einer Zeit zu vermitteln, in der content noch mit Blei auf ein (an)greifbares Trägermedium gehämmert wurde, in der news nicht ausschließlich formbare Ware, sondern gelegentlich auch revolutionäre Wahrheit waren.
The Shape of Water von Guillermo del Toro (2017) : Eine Stumme und ein Schwuler, eine Schwarze und ein Kommunist retten (im Jahr 1963) ein (bei Jack Arnold geborgtes) Amphibienwesen vor dem sadistischen Zugriff eines weißen, heterosexuellen Chauvinisten (dem, wohl als Symbol seiner wesenhaften Verderbtheit, zwei Finger übelriechend abfaulen). Del Toro zeigt die Randständigen als edle Ritter, als (findige) Vertreter von Gesittung und Nächstenliebe, den Mann des (überkommenen) Systems als das eigentliche (und bezwingbare) Monster – ein hübsch-harmloses Märchen aus der Zeit unter Trump.
März
Red Sparrow von Francis Lawrence (2018) : Irgendein kompetenter Dutzendprofi, der Hollywood zu Zeiten des ersten Kalten Krieges mit solider Durchschnittsware belieferte (ein Karlson, ein Robson, ein Dmytryk), hätte einen halbwegs gelungenen Ost-West-Schablonenquatsch wie »Red Sparrow« mit ein paar kantigen B-Chargen in 75 Minuten fürs double feature im Autokino abgehandelt. Im zweiten Kalten Krieg verbrät ein Lawrence zu diesem Zweck eine Kompanie von großen Namen und zweieinhalb Stunden in Panavision.
Call Me by Your Name von Luca Guadagnino (2017) : Ein Pfirsich ist ein Pfirsich ist ein Pfirsich. Meistens jedenfalls. Gelegentlich sieht sich die saftige Steinfrucht auch zur pornösen Metapher bestellt: Auf dem (wenn man so will) Höhepunkt der ästhetizistisch überlangen, in märchenhafter intello-bukolischer Kulisse angesiedelten, alles explizit Schwule bedachtsam umschiffenden Heißer-Sommer-Erste-Liebe-Geschichte um Elio/Oliver und Oliver/Elio greift Guadagnino zum drastischen Bild einer Obstvergewaltigung – bittersüße éducation sentimentale meets tropfende Natursymbolik.
April
A Quiet Place von John Krasinski (2017) : Prämisse: Das Überleben hängt davon ab, keinerlei Lärm zu verursachen. Konsequente Verhaltensweisen der Filmmischpoke: Man bewohnt ein Haus mit Dielenböden (»knirsch«), man läßt jede Menge Krimskrams herumliegen, der zu Boden fallen könnte (»knall«), Mom und Dad produzieren weiteren Nachwuchs (»kreisch«). Eine-Million-Dollar-Frage: Welches ist der wunde Punkt böser Aliens, die lediglich über ein einziges Sinnesorgan verfügen? PS: Nächstes Mal doch lieber wieder »Mars Attacks!« (More noise, less family values.)
Transit von Christian Petzold (2018) : Eine Welt in Aufruhr, Menschen auf der Flucht, eine Stadt am Meer, die Hoffnung zu entkommen, bis auf weiteres aber: warten, warten, warten. Petzold koppelte seine minimalistischen Studien der (zutiefst gespensterhaften) conditio humana oftmals an Klassiker des Genrekinos, von »The Postman Always Rings Twice« bis »Carnival of Souls«; seine Adaption des Seghers-Romans – die unzeitige Liebe, die Jagd nach rettenden Papieren, die Entscheidung zwischen Eigennutz und Verantwortung – läßt an »Casablanca« denken. Der Kunstgriff, den historischen Stoff nicht einfach ins Hier und Jetzt zu verschieben, sondern die Erzählung aus dem Zweiten Weltkrieg in einem aktuellen Setting zu vergegenwärtigen, schafft gleichermaßen emotionale Distanzierung und bedrohliche Brisanz, erlaubt sowohl Einfühlung wie die Erkenntnis: gestern ist heute ist immer.
Lady Bird von Greta Gerwig (2017) : Wie in allen Genres ist im Coming-of-Age-Film weniger das Was (die Handlung) als das Wie (die Haltung) entscheidend. Auch in »Lady Bird« geht es um die Reibungsenergie, die vom körperlichen und psychosozialen – nun ja – Reifungsprozeß Heranwachsender freigesetzt wird; daß Gerwig dabei nicht nur ihre um Orientierung ringende Titelheldin, sondern auch deren (bisweilen stark gebeuteltes) familiäres und schulisches Umfeld mit (liebevoller) Klarsicht und (ironischer) Sensibilität betrachtet (sowie nebenbei noch das facettenreiche Porträt einer vermeintlich langweiligen Provinzstadt zeichnet), machen Charme und Klugheit ihres unprätentiösen Werkes aus – von den außerordentlichen schauspielerischen Leistungen der Hauptdarstellerinnen Ronan und Metcalf, die sich als Tochter und Mutter McPherson weiß Gott nichts schenken, mal ganz abgesehen.
You Were Never Really Here von Lynne Ramsay (2017) : Auftragsmord als Traumatherapie: Joe (Phoenix) ist im amerikanischen Kindersexdschungel unterwegs, um gegen Geld verschwundene Mädchen wiederzubeschaffen. Sein Arbeitsgerät ist der Hammer, sein Antrieb sind fragmentarische Erinnerungen an schreckliche Erlebnisse in früher Jugend und Krieg. In deutlicher Anlehnung an Vorbilder wie »Taxi Driver« und »Léon«, mit spürbarer visueller Ambition sowie großem (bisweilen enervierenden) musikalischen Aufheben, mengt Ramsay stilisiertes Thrillermärchen und tiefschwarzes Zeitbild (und viel Blut), ohne daraus ein zwingendes Ganzes zu fügen.
Mai
Herrliche Zeiten von Oskar Roehler (2018) : Beleuchtet Roehlers grelle Gesellschaftsfarce zunächst (nicht ohne spätrömisch-dekadenten Witz) die Dialektik von Herrschen und Dienen im real existierenden Kapitalismus, wandelt sich das Stück im letzten Drittel zu einer blutigen (und einigermaßen platten) Racheburleske, die nahelegt, daß hinter den gepflegten Fassaden deutscher Villenvororte dieselben rohen Kräfte walten wie in den Folterkellern diktatorischer Potentaten. In diesem Sinne: »Auf uns!«
Isle of Dogs von Wes Anderson (2018) : Ein Hohelied auf Freundschaft und Freiheit oder »Lassie« meets »Papillon«: Anderson erzählt zum einen – in der vertrauten Mischung aus Ultralakonie und Detailfetischismus – die Geschichte des 12jährigen Atari, der seinen im Zuge einer allgemeinen Hundedeportation auf eine Müllinsel verfrachteten Vierbeiner Spots sucht (wobei ihm »a pack of scary indestructible alpha dogs« hilfreich zur Seite steht), zum anderen beschreibt seine dystopisch-japonistische Stop-Motion-Animation (sehr spielerisch und nicht ohne Hoffnung auf Besserung) die Aushöhlung demokratischer Gesellschaften durch populistischen Extremismus: »Somebody is up to something.«
In den Gängen von Thomas Stuber (2018) : Christian, der »Frischling« in der Belegschaft des Großmarktes, Bruno, der den jungen Kollegen unter seine Fittiche nimmt, und Marion, die der Neue mit scheuer Zuneigung bedenkt, verständigen (und verstehen) sich weniger durch Worte als vielmehr durch Blicke, Gesten, Mienenspiel, durch gemeinsames Arbeiten, Rauchen, Schweigen. Stuber inszeniert Rogowski, Kurth und Hüller als (stille) Helden einer einfühlsamen Sozial- und Seelendramödie zwischen insistierender Beobachtung im Stil der Berliner Schule, choreographischer Komik à la Jacques Tati und spröder Alltagspoesie, die das Meeresrauschen im Summen der Gabelstapler hörbar macht.
Juni
Tully von Jason Reitman (2018) : Drei fordernde Kinder, ein Mann, der sich aus allem heraushält, kein Moment der Ruhe, kein Raum für sich selbst – Marlo ist eine Frau am Rande des Nervenzusammenbruchs (oder darüber hinaus). Ohne Rücksicht auf ästhetische Verluste spielt Theron den Präzedenzfall einer zwischen Erwartungen und Ansprüchen aufgeriebenen Mutter, die sich in Gestalt der jungen, achtsamen, leidenschaftlichen night nanny Tully mit den Idealen der eigenen Sturm-und-Drang-Zeit konfrontiert sieht. Reitmans tragikomische Anti-Idylle zeigt (nicht ohne das Bedienen von Klischees) den ganz alltäglichem Wahnsinn und einen irren Traum vom Glück, dessen Realisierung bestenfalls eine vorübergehende sein kann.
3 Tage in Quiberon von Emily Atef (2018) : Die Konstellation – Reporter und Fotograf einer Millionen-Illustrierten treffen eine berühmte Schauspielerin mit Borderline-Störung zum Interview – hätte durchaus die Grundlage für eine facettenreiche Studie über das Zeitalter der Medien und der Prominenz abgeben können. Atef beschränkt sich darauf, einen sensationslüsternen Kotzbrocken, einen bärigen Voyeur und eine kapriziös-schmerzensreiche Diva (sowie deren dramaturgisch gänzlich überflüssige Sandkastenfreundin) beim schier endlosen Seelenstriptease (mit jeder Menge Alk und K(l)ippen) vorzuführen.
Ocean’s 8 von Gary Ross (2018) : Du sollst nicht stehlen, mahnt das siebente Gebot, doch schon Marilyn Monroe wußte: »Diamonds are a girl’s best friend.« In diesem Sinne macht sich eine Clique von (mehr oder weniger hochhackigen) Spezialistinnen daran, Juwelen im Wert von einigen hundert Millionen Dollar abzugreifen. Ross poliert Soderberghs Heist-Klassiker (der selbst ein hochgetuntes Update war) mit einem weiblichen All-Star-Cast modisch auf, ohne dem Genre neue Facetten abzugewinnen – aber zu sehen, wie clevere Menschen erfolgreich das Institut des Eigentums untergraben, bereitet immer wieder ein gewisses Vergnügen.
Januar
Wonder Wheel von Woody Allen (2017) : Allen dreht sich so behäbig um die eigene Achse wie das Riesenrad, das seinem candy-coloured Coney-Island-Drama den Namen gibt. Winslet als frustrierte Kellnerin, die einer verpfuschten Schauspielerkarriere nachtrauert und hinter dem Rücken ihres grobklotzigen Mannes mit einem literarisch ambitionierten Bademeister anbändelt, macht ihre Sache gut, aber das um sie herum arrangierte Stück wirkt wie ein hundemüder Tennessee-Williams-Abklatsch.
L’amant double von François Ozon (2017) : Hitchcock (das Labyrinth der Schuld), De Palma (die Welt als Alptraum), Cronenberg (der Geist und das Fleisch) ruft Ozon auf den Plan, ohne die Meister zu kopieren, sondern um (selbst ein Meister) etwas Originäres aus den Musterbildern zu formen: eine doppelbödige Doppelgänger-Erzählung, eine vielfach gebrochene Lovestory um brüchige Identitäten, einen stilvoll-schaulustigen Psychothriller im Grenzbereich von (fragwürdiger) Realität und (wahnhafter) Imagination.
Februar
Phantom Thread von Paul Thomas Anderson (2017) : Derart plunzige Kostüme muß man sich für einen Film über den angeblich größten Couturier des Vereinigten Königreiches erst einmal zusammenzuschneidern trauen; daß der biederen Stichelei auch noch ein Oscar nachgeworfen wird ... well. Ansonsten pflegt Day-Lewis (hoffentlich wirklich zum letzen Mal) sein outriertes Understatement, und wer (aus welchem Grund auch immer) die Liebe für eine Höllenmacht hält, darf sich von Anderson vollauf bestätigt fühlen.
All the Money in the World von Ridley Scott (2017) : »Es ist keine Kunst, viel Geld zu machen, wenn man keine anderen Wünsche hat, als viel Geld zu machen«, sagt ein Geschäftsmann in Welles’ »Citizen Kane«. So gesehen wäre J. Paul Getty nicht sonderlich interessant, denn außer Geldmachen kümmert ihn wenig. Dennoch ist der Milliardär (zumal in Plummers abgründiger Darstellung) eine faszinierende Figur, zeigt sein Beispiel doch anschaulich, daß nicht der Mensch das Geld macht, sondern das Geld den Menschen – je mehr, desto extremer.
The Post von Steven Spielberg (2017) : Ein Film über bedrucktes Papier in der Tradition von Pakulas »All the President's Men«, wenn auch nicht ganz auf der Höhe des unverkennbaren Vorbilds. Spielberg müht sich (und diese Mühe ist ihm zu danken), etwas vom Geist einer Zeit zu vermitteln, in der content noch mit Blei auf ein (an)greifbares Trägermedium gehämmert wurde, in der news nicht ausschließlich formbare Ware, sondern gelegentlich auch revolutionäre Wahrheit waren.
The Shape of Water von Guillermo del Toro (2017) : Eine Stumme und ein Schwuler, eine Schwarze und ein Kommunist retten (im Jahr 1963) ein (bei Jack Arnold geborgtes) Amphibienwesen vor dem sadistischen Zugriff eines weißen, heterosexuellen Chauvinisten (dem, wohl als Symbol seiner wesenhaften Verderbtheit, zwei Finger übelriechend abfaulen). Del Toro zeigt die Randständigen als edle Ritter, als (findige) Vertreter von Gesittung und Nächstenliebe, den Mann des (überkommenen) Systems als das eigentliche (und bezwingbare) Monster – ein hübsch-harmloses Märchen aus der Zeit unter Trump.
März
Red Sparrow von Francis Lawrence (2018) : Irgendein kompetenter Dutzendprofi, der Hollywood zu Zeiten des ersten Kalten Krieges mit solider Durchschnittsware belieferte (ein Karlson, ein Robson, ein Dmytryk), hätte einen halbwegs gelungenen Ost-West-Schablonenquatsch wie »Red Sparrow« mit ein paar kantigen B-Chargen in 75 Minuten fürs double feature im Autokino abgehandelt. Im zweiten Kalten Krieg verbrät ein Lawrence zu diesem Zweck eine Kompanie von großen Namen und zweieinhalb Stunden in Panavision.
Call Me by Your Name von Luca Guadagnino (2017) : Ein Pfirsich ist ein Pfirsich ist ein Pfirsich. Meistens jedenfalls. Gelegentlich sieht sich die saftige Steinfrucht auch zur pornösen Metapher bestellt: Auf dem (wenn man so will) Höhepunkt der ästhetizistisch überlangen, in märchenhafter intello-bukolischer Kulisse angesiedelten, alles explizit Schwule bedachtsam umschiffenden Heißer-Sommer-Erste-Liebe-Geschichte um Elio/Oliver und Oliver/Elio greift Guadagnino zum drastischen Bild einer Obstvergewaltigung – bittersüße éducation sentimentale meets tropfende Natursymbolik.
April
A Quiet Place von John Krasinski (2017) : Prämisse: Das Überleben hängt davon ab, keinerlei Lärm zu verursachen. Konsequente Verhaltensweisen der Filmmischpoke: Man bewohnt ein Haus mit Dielenböden (»knirsch«), man läßt jede Menge Krimskrams herumliegen, der zu Boden fallen könnte (»knall«), Mom und Dad produzieren weiteren Nachwuchs (»kreisch«). Eine-Million-Dollar-Frage: Welches ist der wunde Punkt böser Aliens, die lediglich über ein einziges Sinnesorgan verfügen? PS: Nächstes Mal doch lieber wieder »Mars Attacks!« (More noise, less family values.)
Transit von Christian Petzold (2018) : Eine Welt in Aufruhr, Menschen auf der Flucht, eine Stadt am Meer, die Hoffnung zu entkommen, bis auf weiteres aber: warten, warten, warten. Petzold koppelte seine minimalistischen Studien der (zutiefst gespensterhaften) conditio humana oftmals an Klassiker des Genrekinos, von »The Postman Always Rings Twice« bis »Carnival of Souls«; seine Adaption des Seghers-Romans – die unzeitige Liebe, die Jagd nach rettenden Papieren, die Entscheidung zwischen Eigennutz und Verantwortung – läßt an »Casablanca« denken. Der Kunstgriff, den historischen Stoff nicht einfach ins Hier und Jetzt zu verschieben, sondern die Erzählung aus dem Zweiten Weltkrieg in einem aktuellen Setting zu vergegenwärtigen, schafft gleichermaßen emotionale Distanzierung und bedrohliche Brisanz, erlaubt sowohl Einfühlung wie die Erkenntnis: gestern ist heute ist immer.
Lady Bird von Greta Gerwig (2017) : Wie in allen Genres ist im Coming-of-Age-Film weniger das Was (die Handlung) als das Wie (die Haltung) entscheidend. Auch in »Lady Bird« geht es um die Reibungsenergie, die vom körperlichen und psychosozialen – nun ja – Reifungsprozeß Heranwachsender freigesetzt wird; daß Gerwig dabei nicht nur ihre um Orientierung ringende Titelheldin, sondern auch deren (bisweilen stark gebeuteltes) familiäres und schulisches Umfeld mit (liebevoller) Klarsicht und (ironischer) Sensibilität betrachtet (sowie nebenbei noch das facettenreiche Porträt einer vermeintlich langweiligen Provinzstadt zeichnet), machen Charme und Klugheit ihres unprätentiösen Werkes aus – von den außerordentlichen schauspielerischen Leistungen der Hauptdarstellerinnen Ronan und Metcalf, die sich als Tochter und Mutter McPherson weiß Gott nichts schenken, mal ganz abgesehen.
You Were Never Really Here von Lynne Ramsay (2017) : Auftragsmord als Traumatherapie: Joe (Phoenix) ist im amerikanischen Kindersexdschungel unterwegs, um gegen Geld verschwundene Mädchen wiederzubeschaffen. Sein Arbeitsgerät ist der Hammer, sein Antrieb sind fragmentarische Erinnerungen an schreckliche Erlebnisse in früher Jugend und Krieg. In deutlicher Anlehnung an Vorbilder wie »Taxi Driver« und »Léon«, mit spürbarer visueller Ambition sowie großem (bisweilen enervierenden) musikalischen Aufheben, mengt Ramsay stilisiertes Thrillermärchen und tiefschwarzes Zeitbild (und viel Blut), ohne daraus ein zwingendes Ganzes zu fügen.
Mai
Herrliche Zeiten von Oskar Roehler (2018) : Beleuchtet Roehlers grelle Gesellschaftsfarce zunächst (nicht ohne spätrömisch-dekadenten Witz) die Dialektik von Herrschen und Dienen im real existierenden Kapitalismus, wandelt sich das Stück im letzten Drittel zu einer blutigen (und einigermaßen platten) Racheburleske, die nahelegt, daß hinter den gepflegten Fassaden deutscher Villenvororte dieselben rohen Kräfte walten wie in den Folterkellern diktatorischer Potentaten. In diesem Sinne: »Auf uns!«
Isle of Dogs von Wes Anderson (2018) : Ein Hohelied auf Freundschaft und Freiheit oder »Lassie« meets »Papillon«: Anderson erzählt zum einen – in der vertrauten Mischung aus Ultralakonie und Detailfetischismus – die Geschichte des 12jährigen Atari, der seinen im Zuge einer allgemeinen Hundedeportation auf eine Müllinsel verfrachteten Vierbeiner Spots sucht (wobei ihm »a pack of scary indestructible alpha dogs« hilfreich zur Seite steht), zum anderen beschreibt seine dystopisch-japonistische Stop-Motion-Animation (sehr spielerisch und nicht ohne Hoffnung auf Besserung) die Aushöhlung demokratischer Gesellschaften durch populistischen Extremismus: »Somebody is up to something.«
In den Gängen von Thomas Stuber (2018) : Christian, der »Frischling« in der Belegschaft des Großmarktes, Bruno, der den jungen Kollegen unter seine Fittiche nimmt, und Marion, die der Neue mit scheuer Zuneigung bedenkt, verständigen (und verstehen) sich weniger durch Worte als vielmehr durch Blicke, Gesten, Mienenspiel, durch gemeinsames Arbeiten, Rauchen, Schweigen. Stuber inszeniert Rogowski, Kurth und Hüller als (stille) Helden einer einfühlsamen Sozial- und Seelendramödie zwischen insistierender Beobachtung im Stil der Berliner Schule, choreographischer Komik à la Jacques Tati und spröder Alltagspoesie, die das Meeresrauschen im Summen der Gabelstapler hörbar macht.
Juni
Tully von Jason Reitman (2018) : Drei fordernde Kinder, ein Mann, der sich aus allem heraushält, kein Moment der Ruhe, kein Raum für sich selbst – Marlo ist eine Frau am Rande des Nervenzusammenbruchs (oder darüber hinaus). Ohne Rücksicht auf ästhetische Verluste spielt Theron den Präzedenzfall einer zwischen Erwartungen und Ansprüchen aufgeriebenen Mutter, die sich in Gestalt der jungen, achtsamen, leidenschaftlichen night nanny Tully mit den Idealen der eigenen Sturm-und-Drang-Zeit konfrontiert sieht. Reitmans tragikomische Anti-Idylle zeigt (nicht ohne das Bedienen von Klischees) den ganz alltäglichem Wahnsinn und einen irren Traum vom Glück, dessen Realisierung bestenfalls eine vorübergehende sein kann.
3 Tage in Quiberon von Emily Atef (2018) : Die Konstellation – Reporter und Fotograf einer Millionen-Illustrierten treffen eine berühmte Schauspielerin mit Borderline-Störung zum Interview – hätte durchaus die Grundlage für eine facettenreiche Studie über das Zeitalter der Medien und der Prominenz abgeben können. Atef beschränkt sich darauf, einen sensationslüsternen Kotzbrocken, einen bärigen Voyeur und eine kapriziös-schmerzensreiche Diva (sowie deren dramaturgisch gänzlich überflüssige Sandkastenfreundin) beim schier endlosen Seelenstriptease (mit jeder Menge Alk und K(l)ippen) vorzuführen.
Ocean’s 8 von Gary Ross (2018) : Du sollst nicht stehlen, mahnt das siebente Gebot, doch schon Marilyn Monroe wußte: »Diamonds are a girl’s best friend.« In diesem Sinne macht sich eine Clique von (mehr oder weniger hochhackigen) Spezialistinnen daran, Juwelen im Wert von einigen hundert Millionen Dollar abzugreifen. Ross poliert Soderberghs Heist-Klassiker (der selbst ein hochgetuntes Update war) mit einem weiblichen All-Star-Cast modisch auf, ohne dem Genre neue Facetten abzugewinnen – aber zu sehen, wie clevere Menschen erfolgreich das Institut des Eigentums untergraben, bereitet immer wieder ein gewisses Vergnügen.
27. März 2018
Madame a des envies
Stéphane Audran 1932 / 2018
Fünf Lieblingsrollen:
• als untreue Gattin Hélène in Claude Chabrols »La femme infidèle« (1969)
• als verhinderte Gastgeberin Alice in Luis Buñuels »Le charme discret de la bourgeoisie« (1972)
• als wohlgesinnte Exfrau Catherine in Claude Sautest »Vincent, François, Paul ... et les autres« (1974)
• als erbarmungswürdige Dame in Grau in Claude Millers »Mortelle randonnée« (1983)
• als exilierte Köchin Babette in Gabriel Axels »Babettes Gæstebud« (1987)
Fünf Lieblingsrollen:
• als untreue Gattin Hélène in Claude Chabrols »La femme infidèle« (1969)
• als verhinderte Gastgeberin Alice in Luis Buñuels »Le charme discret de la bourgeoisie« (1972)
• als wohlgesinnte Exfrau Catherine in Claude Sautest »Vincent, François, Paul ... et les autres« (1974)
• als erbarmungswürdige Dame in Grau in Claude Millers »Mortelle randonnée« (1983)
• als exilierte Köchin Babette in Gabriel Axels »Babettes Gæstebud« (1987)
26. Februar 2018
Welten von Gestern
Drei Kostümfilme der 1950er Jahre ...
... die statt penibler Rekonstruktion von Vergangenheit auf Verfremdungseffekte setzen, auf Erweiterung filmischer Möglichkeiten mit den Mitteln des Theaters, der Oper, des Zirkus.
Kleines Welttheater | »Le carrosse d’or« (Jean Renoir, 1952)
»Where is truth? Where does the theatre end and life begin?« Der rote Samtvorhang hebt sich. Die Kamera fährt durch das Portal auf die Szene. Das Spiel beginnt. Es zeigt eine Frau zwischen Bühne und Leben, eine Schauspielerin zwischen drei Männern, dazu eine prächtige Kutsche als goldenes Objekt aller Begierden: Die naturgewaltige Anna Magnani als Camilla (im (Film-)Leben) und Colombine (auf der (Kino-)Bühne) – quirlige Protagonistin einer Commedia-dell’arte-Truppe auf Gastspiel in einer spanischen Kolonie Südamerikas – verdreht die Köpfe eines honetten Offiziers, eines großtuerischen Stierkämpfers, eines genußfreudigen Vizekönigs, dessen eigenmächtiger Umgang mit dem titelgebenden Fuhrwerk allerhand Aufregung verursacht ... In leuchtendem Technicolor, animiert von den Klängen Antonio Vivaldis verschachtelt Jean Renoir eine Aufführung in eine andere Aufführung, verwischt die Grenzen zwischen Darstellung der Realität und der Realität selbst, stiftet Verwirrung zwischen dem Spiel auf der Bühne und dem Spiel im Leben: hier wie dort Masken und Kostüme, Perücken und Requisiten, Verstellung und Posen, Kabale und Liebe – oder um es mit Shakespeare zu sagen: »Die ganze Welt ist Bühne und alle Frauen und Männer bloße Spieler, sie treten auf und gehen wieder ab.« Am Ende triumphiert die Darstellung über das sogenannte richtige Leben. Glück ist für Camilla/Colombine nur auf eine Art zu haben, »on the stage and in platform and in public place during those two little hours when you become another person, your true self.«
Phantome der Oper | »Senso« (Luchino Visconti, 1954)
Luchino Visconti beginnt seine Adaption der Novelle von Camillo Boito programmatisch mit einer Aufführung im Teatro La Fenice. An einem Abend des Frühjahrs 1866 – Venedig steht (noch) unter österreichischer Herrschaft – wird Giuseppe Verdis »Troubadour« gegeben. Wichtiger als das Geschehen auf der Bühne sind die Vorgänge im Zuschauerraum: unter die weiß uniformierten Offiziere der Besatzungsarmee mischen sich schwarz gekleidete Zivilisten, italienische Patrioten, die Flugblätter und Blumengebinde in den Farben der Tricolore zur Verteilung bringen. Grüne, weiße, rote Papiere und Blüten fliegen durch den goldgeschmückten Saal – ein Konfettiregen des Widerstandes. Die Vorstellung endet im Tumult. Bei dieser Gelegenheit (kurz vor Ausbruch des Dritten Unabhängigkeitskrieges) begegnet die nationalstolze Contessa Livia Serpieri (Alida Valli), Gattin eines opportunistischen Aristokraten und geheime Unterstützerin des Risorgimento, dem feschen k. k. Leutnant Franz Mahler (Farley Granger). Die anfängliche Antipathie zwischen der gestrengen Gräfin und dem leichtlebigen Schönling wandelt sich bald schon in unkontrollierbare Leidenschaft, doch die gefährliche Liaison bringt in den Partnern das jeweils Schlechteste zum Vorschein ... Visconti inszeniert – in erlesenen tableaux vivants und eruptiven Ausbrüchen von Farbe, Bewegung, Emotion – ein vornehm-ungezügeltes Melodram von opernhafter Stilisierung: abgrundtiefe Gefühle, theatralische Posen, malerische Szenerien, spätromantische Untergangsstimmung in Arien, Duetten, Chören. Wenn Livia ihre Ideale verrät, wenn Franz an seiner Charakterschwäche zerbricht, gehen nicht nur zwei Menschen zugrunde, dann fällt eine ganze (schöne schlimme) Welt ins Dunkel.
Star in der Manege | »Lola Montès« (Max Ophüls, 1955)
»La vie, c’est pour moi le mouvement«, sagt Lola Montez (Martine Carol) mit wehmütig-lüsternem Unterton zu einem Liebhaber, dem sie in allernächster Zukunft den Laufpaß geben wird. »Le cinéma, c’est pour moi le mouvement«, könnte Max Ophüls gesagt haben, ein Regisseur, der auch in diesem (seinem letzten) Film der Kamera kaum einen Moment des Innehaltens gestattet, der mit den äußeren Bewegungen des Apparates den inneren Bewegungen seiner Figuren nachzuspüren sucht. Ironischerweise läßt Ophüls die Titelfigur seiner biographischen Phantasie, die zu ihrer Zeit skandalumwittertste Frau der Welt (Ballerina, Kurtisane, Libertinerin), wie ein kostbares Denkmal ihrer selbst fast unbewegt im Drehpunkt eines buntschillernden kinematographischen Karussells Platz nehmen. So wird Lola, die im Rahmen eines extravaganten Zirkusprogramms (mit reichlich Zwergen und Artisten, Musikern und Clowns) allabendlich vor schaulustigem Publikum ihr bewegtes Leben Revue passieren läßt, zum Spiegel von Illusionen, zur Projektionsfläche von Wünschen, zur Katalysatorin, die vielfältige emotionale Reaktionen bei ihren schnell wechselnden Partnern auslöst: die unsentimetale Genußfreude eines illustren Klavierstars (Will Quadflieg als Franz Liszt), die machohafte Zudringlichkeit eines versoffenen Offiziers (Ivan Desny), die hitzige Schwärmerei eines jungen Studenten (Oskar Werner), das erotische Heimweh eines alternden Monarchen (Adolf Wohlbrück als Bayernkönig Ludwig I.) und nicht zuletzt die ausbeuterische Zuneigung des (von Peter Ustinov gespielten) peitscheschwingenden Conférenciers. Im nonchalanten Hin und Her zwischen Manegennummern und Rückblenden, im freien Spiel der Bildausschnitte erfindet Ophüls ein opulentes Spektakel der (kurzlebigen) Liebe und des (flüchtigen) Geldes, der (zerfallenden) Macht und des (vergänglichen) Ruhms, einen intimes Panorama von Aufstieg (»Plus haut, Lola, plus haut!«) und schließlichem Fall einer öffentlichen Person. Der letzte Auftritt zeigt Lola, die gewesene machine à scandale, zwischen den anderen wilden Tieren der Menagerie in einem Käfig thronend, für jedermann gegen kleines Geld zu begaffen und betatschen: »Venez, venez, venez! Un dollar seulement!«
... die statt penibler Rekonstruktion von Vergangenheit auf Verfremdungseffekte setzen, auf Erweiterung filmischer Möglichkeiten mit den Mitteln des Theaters, der Oper, des Zirkus.
Kleines Welttheater | »Le carrosse d’or« (Jean Renoir, 1952)
»Where is truth? Where does the theatre end and life begin?« Der rote Samtvorhang hebt sich. Die Kamera fährt durch das Portal auf die Szene. Das Spiel beginnt. Es zeigt eine Frau zwischen Bühne und Leben, eine Schauspielerin zwischen drei Männern, dazu eine prächtige Kutsche als goldenes Objekt aller Begierden: Die naturgewaltige Anna Magnani als Camilla (im (Film-)Leben) und Colombine (auf der (Kino-)Bühne) – quirlige Protagonistin einer Commedia-dell’arte-Truppe auf Gastspiel in einer spanischen Kolonie Südamerikas – verdreht die Köpfe eines honetten Offiziers, eines großtuerischen Stierkämpfers, eines genußfreudigen Vizekönigs, dessen eigenmächtiger Umgang mit dem titelgebenden Fuhrwerk allerhand Aufregung verursacht ... In leuchtendem Technicolor, animiert von den Klängen Antonio Vivaldis verschachtelt Jean Renoir eine Aufführung in eine andere Aufführung, verwischt die Grenzen zwischen Darstellung der Realität und der Realität selbst, stiftet Verwirrung zwischen dem Spiel auf der Bühne und dem Spiel im Leben: hier wie dort Masken und Kostüme, Perücken und Requisiten, Verstellung und Posen, Kabale und Liebe – oder um es mit Shakespeare zu sagen: »Die ganze Welt ist Bühne und alle Frauen und Männer bloße Spieler, sie treten auf und gehen wieder ab.« Am Ende triumphiert die Darstellung über das sogenannte richtige Leben. Glück ist für Camilla/Colombine nur auf eine Art zu haben, »on the stage and in platform and in public place during those two little hours when you become another person, your true self.«
Phantome der Oper | »Senso« (Luchino Visconti, 1954)
Luchino Visconti beginnt seine Adaption der Novelle von Camillo Boito programmatisch mit einer Aufführung im Teatro La Fenice. An einem Abend des Frühjahrs 1866 – Venedig steht (noch) unter österreichischer Herrschaft – wird Giuseppe Verdis »Troubadour« gegeben. Wichtiger als das Geschehen auf der Bühne sind die Vorgänge im Zuschauerraum: unter die weiß uniformierten Offiziere der Besatzungsarmee mischen sich schwarz gekleidete Zivilisten, italienische Patrioten, die Flugblätter und Blumengebinde in den Farben der Tricolore zur Verteilung bringen. Grüne, weiße, rote Papiere und Blüten fliegen durch den goldgeschmückten Saal – ein Konfettiregen des Widerstandes. Die Vorstellung endet im Tumult. Bei dieser Gelegenheit (kurz vor Ausbruch des Dritten Unabhängigkeitskrieges) begegnet die nationalstolze Contessa Livia Serpieri (Alida Valli), Gattin eines opportunistischen Aristokraten und geheime Unterstützerin des Risorgimento, dem feschen k. k. Leutnant Franz Mahler (Farley Granger). Die anfängliche Antipathie zwischen der gestrengen Gräfin und dem leichtlebigen Schönling wandelt sich bald schon in unkontrollierbare Leidenschaft, doch die gefährliche Liaison bringt in den Partnern das jeweils Schlechteste zum Vorschein ... Visconti inszeniert – in erlesenen tableaux vivants und eruptiven Ausbrüchen von Farbe, Bewegung, Emotion – ein vornehm-ungezügeltes Melodram von opernhafter Stilisierung: abgrundtiefe Gefühle, theatralische Posen, malerische Szenerien, spätromantische Untergangsstimmung in Arien, Duetten, Chören. Wenn Livia ihre Ideale verrät, wenn Franz an seiner Charakterschwäche zerbricht, gehen nicht nur zwei Menschen zugrunde, dann fällt eine ganze (schöne schlimme) Welt ins Dunkel.
Star in der Manege | »Lola Montès« (Max Ophüls, 1955)
»La vie, c’est pour moi le mouvement«, sagt Lola Montez (Martine Carol) mit wehmütig-lüsternem Unterton zu einem Liebhaber, dem sie in allernächster Zukunft den Laufpaß geben wird. »Le cinéma, c’est pour moi le mouvement«, könnte Max Ophüls gesagt haben, ein Regisseur, der auch in diesem (seinem letzten) Film der Kamera kaum einen Moment des Innehaltens gestattet, der mit den äußeren Bewegungen des Apparates den inneren Bewegungen seiner Figuren nachzuspüren sucht. Ironischerweise läßt Ophüls die Titelfigur seiner biographischen Phantasie, die zu ihrer Zeit skandalumwittertste Frau der Welt (Ballerina, Kurtisane, Libertinerin), wie ein kostbares Denkmal ihrer selbst fast unbewegt im Drehpunkt eines buntschillernden kinematographischen Karussells Platz nehmen. So wird Lola, die im Rahmen eines extravaganten Zirkusprogramms (mit reichlich Zwergen und Artisten, Musikern und Clowns) allabendlich vor schaulustigem Publikum ihr bewegtes Leben Revue passieren läßt, zum Spiegel von Illusionen, zur Projektionsfläche von Wünschen, zur Katalysatorin, die vielfältige emotionale Reaktionen bei ihren schnell wechselnden Partnern auslöst: die unsentimetale Genußfreude eines illustren Klavierstars (Will Quadflieg als Franz Liszt), die machohafte Zudringlichkeit eines versoffenen Offiziers (Ivan Desny), die hitzige Schwärmerei eines jungen Studenten (Oskar Werner), das erotische Heimweh eines alternden Monarchen (Adolf Wohlbrück als Bayernkönig Ludwig I.) und nicht zuletzt die ausbeuterische Zuneigung des (von Peter Ustinov gespielten) peitscheschwingenden Conférenciers. Im nonchalanten Hin und Her zwischen Manegennummern und Rückblenden, im freien Spiel der Bildausschnitte erfindet Ophüls ein opulentes Spektakel der (kurzlebigen) Liebe und des (flüchtigen) Geldes, der (zerfallenden) Macht und des (vergänglichen) Ruhms, einen intimes Panorama von Aufstieg (»Plus haut, Lola, plus haut!«) und schließlichem Fall einer öffentlichen Person. Der letzte Auftritt zeigt Lola, die gewesene machine à scandale, zwischen den anderen wilden Tieren der Menagerie in einem Käfig thronend, für jedermann gegen kleines Geld zu begaffen und betatschen: »Venez, venez, venez! Un dollar seulement!«
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