27. Juni 2018

2018 ½

Kinobesuche im ersten Halbjahr 

Januar

Wonder Wheel von Woody Allen (2017) : Allen dreht sich so behäbig um die eigene Achse wie das Riesenrad, das seinem candy-coloured Coney-Island-Drama den Namen gibt. Winslet als frustrierte Kellnerin, die einer verpfuschten Schauspielerkarriere nachtrauert und hinter dem Rücken ihres grobklotzigen Mannes mit einem literarisch ambitionierten Bademeister anbändelt, macht ihre Sache gut, aber das um sie herum arrangierte Stück wirkt wie ein hundemüder Tennessee-Williams-Abklatsch.

L’amant double von François Ozon (2017) : Hitchcock (das Labyrinth der Schuld), De Palma (die Welt als Alptraum), Cronenberg (der Geist und das Fleisch) ruft Ozon auf den Plan, ohne die Meister zu kopieren, sondern um (selbst ein Meister) etwas Originäres aus den Musterbildern zu formen: eine doppelbödige Doppelgänger-Erzählung, eine vielfach gebrochene Lovestory um brüchige Identitäten, einen stilvoll-schaulustigen Psychothriller im Grenzbereich von (fragwürdiger) Realität und (wahnhafter) Imagination.

Februar

Phantom Thread von Paul Thomas Anderson (2017) : Derart plunzige Kostüme muß man sich für einen Film über den angeblich größten Couturier des Vereinigten Königreiches erst einmal zusammenzuschneidern trauen; daß der biederen Stichelei auch noch ein Oscar nachgeworfen wird ... well. Ansonsten pflegt Day-Lewis (hoffentlich wirklich zum letzen Mal) sein outriertes Understatement, und wer (aus welchem Grund auch immer) die Liebe für eine Höllenmacht hält, darf sich von Anderson vollauf bestätigt fühlen.

All the Money in the World
von Ridley Scott (2017) : »Es ist keine Kunst, viel Geld zu machen, wenn man keine anderen Wünsche hat, als viel Geld zu machen«, sagt ein Geschäftsmann in Welles’ »Citizen Kane«. So gesehen wäre J. Paul Getty nicht sonderlich interessant, denn außer Geldmachen kümmert ihn wenig. Dennoch ist der Milliardär (zumal in Plummers abgründiger Darstellung) eine faszinierende Figur, zeigt sein Beispiel doch anschaulich, daß nicht der Mensch das Geld macht, sondern das Geld den Menschen – je mehr, desto extremer.

The Post
von Steven Spielberg (2017) : Ein Film über bedrucktes Papier in der Tradition von Pakulas »All the President's Men«, wenn auch nicht ganz auf der Höhe des unverkennbaren Vorbilds. Spielberg müht sich (und diese Mühe ist ihm zu danken), etwas vom Geist einer Zeit zu vermitteln, in der content noch mit Blei auf ein (an)greifbares Trägermedium gehämmert wurde, in der news nicht ausschließlich formbare Ware, sondern gelegentlich auch revolutionäre Wahrheit waren.

The Shape of Water von Guillermo del Toro (2017) : Eine Stumme und ein Schwuler, eine Schwarze und ein Kommunist retten (im Jahr 1963) ein (bei Jack Arnold geborgtes) Amphibienwesen vor dem sadistischen Zugriff eines weißen, heterosexuellen Chauvinisten (dem, wohl als Symbol seiner wesenhaften Verderbtheit, zwei Finger übelriechend abfaulen). Del Toro zeigt die Randständigen als edle Ritter, als (findige) Vertreter von Gesittung und Nächstenliebe, den Mann des (überkommenen) Systems als das eigentliche (und bezwingbare) Monster – ein hübsch-harmloses Märchen aus der Zeit unter Trump.

März

Red Sparrow von Francis Lawrence (2018) : Irgendein kompetenter Dutzendprofi, der Hollywood zu Zeiten des ersten Kalten Krieges mit solider Durchschnittsware belieferte (ein Karlson, ein Robson, ein Dmytryk), hätte einen halbwegs gelungenen Ost-West-Schablonenquatsch wie »Red Sparrow« mit ein paar kantigen B-Chargen in 75 Minuten fürs double feature im Autokino abgehandelt. Im zweiten Kalten Krieg verbrät ein Lawrence zu diesem Zweck eine Kompanie von großen Namen und zweieinhalb Stunden in Panavision.

Call Me by Your Name von Luca Guadagnino (2017) : Ein Pfirsich ist ein Pfirsich ist ein Pfirsich. Meistens jedenfalls. Gelegentlich sieht sich die saftige Steinfrucht auch zur pornösen Metapher bestellt: Auf dem (wenn man so will) Höhepunkt der ästhetizistisch überlangen, in märchenhafter intello-bukolischer Kulisse angesiedelten, alles explizit Schwule bedachtsam umschiffenden Heißer-Sommer-Erste-Liebe-Geschichte um Elio/Oliver und Oliver/Elio greift Guadagnino zum drastischen Bild einer Obstvergewaltigung – bittersüße éducation sentimentale meets tropfende Natursymbolik.

April

A Quiet Place von John Krasinski (2017) : Prämisse: Das Überleben hängt davon ab, keinerlei Lärm zu verursachen. Konsequente Verhaltensweisen der Filmmischpoke: Man bewohnt ein Haus mit Dielenböden (»knirsch«), man läßt jede Menge Krimskrams herumliegen, der zu Boden fallen könnte (»knall«), Mom und Dad produzieren weiteren Nachwuchs (»kreisch«). Eine-Million-Dollar-Frage: Welches ist der wunde Punkt böser Aliens, die lediglich über ein einziges Sinnesorgan verfügen? PS: Nächstes Mal doch lieber wieder »Mars Attacks!« (More noise, less family values.)

Transit von Christian Petzold (2018) : Eine Welt in Aufruhr, Menschen auf der Flucht, eine Stadt am Meer, die Hoffnung zu entkommen, bis auf weiteres aber: warten, warten, warten. Petzold koppelte seine minimalistischen Studien der (zutiefst gespensterhaften) conditio humana oftmals an Klassiker des Genrekinos, von »The Postman Always Rings Twice« bis »Carnival of Souls«; seine Adaption des Seghers-Romans – die unzeitige Liebe, die Jagd nach rettenden Papieren, die Entscheidung zwischen Eigennutz und Verantwortung – läßt an »Casablanca« denken. Der Kunstgriff, den historischen Stoff nicht einfach ins Hier und Jetzt zu verschieben, sondern die Erzählung aus dem Zweiten Weltkrieg in einem aktuellen Setting zu vergegenwärtigen, schafft gleichermaßen emotionale Distanzierung und bedrohliche Brisanz, erlaubt sowohl Einfühlung wie die Erkenntnis: gestern ist heute ist immer.

Lady Bird von Greta Gerwig (2017) : Wie in allen Genres ist im Coming-of-Age-Film weniger das Was (die Handlung) als das Wie (die Haltung) entscheidend. Auch in »Lady Bird« geht es um die Reibungsenergie, die vom körperlichen und psychosozialen – nun ja – Reifungsprozeß Heranwachsender freigesetzt wird; daß Gerwig dabei nicht nur ihre um Orientierung ringende Titelheldin, sondern auch deren (bisweilen stark gebeuteltes) familiäres und schulisches Umfeld mit (liebevoller) Klarsicht und (ironischer) Sensibilität betrachtet (sowie nebenbei noch das facettenreiche Porträt einer vermeintlich langweiligen Provinzstadt zeichnet), machen Charme und Klugheit ihres unprätentiösen Werkes aus – von den außerordentlichen schauspielerischen Leistungen der Hauptdarstellerinnen Ronan und Metcalf, die sich als Tochter und Mutter McPherson weiß Gott nichts schenken, mal ganz abgesehen.

You Were Never Really Here von Lynne Ramsay (2017) : Auftragsmord als Traumatherapie: Joe (Phoenix) ist im amerikanischen Kindersexdschungel unterwegs, um gegen Geld verschwundene Mädchen wiederzubeschaffen. Sein Arbeitsgerät ist der Hammer, sein Antrieb sind fragmentarische Erinnerungen an schreckliche Erlebnisse in früher Jugend und Krieg. In deutlicher Anlehnung an Vorbilder wie »Taxi Driver« und »Léon«, mit spürbarer visueller Ambition sowie großem (bisweilen enervierenden) musikalischen Aufheben, mengt Ramsay stilisiertes Thrillermärchen und tiefschwarzes Zeitbild (und viel Blut), ohne daraus ein zwingendes Ganzes zu fügen.

Mai

Herrliche Zeiten von Oskar Roehler (2018) : Beleuchtet Roehlers grelle Gesellschaftsfarce zunächst (nicht ohne spätrömisch-dekadenten Witz) die Dialektik von Herrschen und Dienen im real existierenden Kapitalismus, wandelt sich das Stück im letzten Drittel zu einer blutigen (und einigermaßen platten) Racheburleske, die nahelegt, daß hinter den gepflegten Fassaden deutscher Villenvororte dieselben rohen Kräfte walten wie in den Folterkellern diktatorischer Potentaten. In diesem Sinne: »Auf uns!«

Isle of Dogs von Wes Anderson (2018) : Ein Hohelied auf Freundschaft und Freiheit oder »Lassie« meets »Papillon«: Anderson erzählt zum einen – in der vertrauten Mischung aus Ultralakonie und Detailfetischismus – die Geschichte des 12jährigen Atari, der seinen im Zuge einer allgemeinen Hundedeportation auf eine Müllinsel verfrachteten Vierbeiner Spots sucht (wobei ihm »a pack of scary indestructible alpha dogs« hilfreich zur Seite steht), zum anderen beschreibt seine dystopisch-japonistische Stop-Motion-Animation (sehr spielerisch und nicht ohne Hoffnung auf Besserung) die Aushöhlung demokratischer Gesellschaften durch populistischen Extremismus: »Somebody is up to something.«

In den Gängen von Thomas Stuber (2018) : Christian, der »Frischling« in der Belegschaft des Großmarktes, Bruno, der den jungen Kollegen unter seine Fittiche nimmt, und Marion, die der Neue mit scheuer Zuneigung bedenkt, verständigen (und verstehen) sich weniger durch Worte als vielmehr durch Blicke, Gesten, Mienenspiel, durch gemeinsames Arbeiten, Rauchen, Schweigen. Stuber inszeniert Rogowski, Kurth und Hüller als (stille) Helden einer einfühlsamen Sozial- und Seelendramödie zwischen insistierender Beobachtung im Stil der Berliner Schule, choreographischer Komik à la Jacques Tati und spröder Alltagspoesie, die das Meeresrauschen im Summen der Gabelstapler hörbar macht.

Juni

Tully von Jason Reitman (2018) : Drei fordernde Kinder, ein Mann, der sich aus allem heraushält, kein Moment der Ruhe, kein Raum für sich selbst – Marlo ist eine Frau am Rande des Nerven­zusam­men­bruchs (oder darüber hinaus). Ohne Rücksicht auf ästhetische Verluste spielt Theron den Präzedenzfall einer zwischen Erwartungen und Ansprüchen aufgeriebenen Mutter, die sich in Gestalt der jungen, achtsamen, leidenschaftlichen night nanny Tully mit den Idealen der eigenen Sturm-und-Drang-Zeit konfrontiert sieht. Reitmans tragikomische Anti-Idylle zeigt (nicht ohne das Bedienen von Klischees) den ganz alltäglichem Wahnsinn und einen irren Traum vom Glück, dessen Realisierung bestenfalls eine vorübergehende sein kann.

3 Tage in Quiberon von Emily Atef (2018) : Die Konstellation – Reporter und Fotograf einer Millionen-Illustrierten treffen eine berühmte Schauspielerin mit Borderline-Störung zum Interview – hätte durchaus die Grundlage für eine facettenreiche Studie über das Zeitalter der Medien und der Promi­nenz abgeben können. Atef beschränkt sich darauf, einen sensationslüsternen Kotzbrocken, einen bärigen Voyeur und eine kapriziös-schmerzensreiche Diva (sowie deren dramaturgisch gänzlich überflüssige Sandkastenfreundin) beim schier endlo­sen Seelenstriptease (mit jeder Menge Alk und K(l)ippen) vorzuführen.

Ocean’s 8 von Gary Ross (2018) : Du sollst nicht stehlen, mahnt das siebente Gebot, doch schon Marilyn Monroe wußte: »Diamonds are a girl’s best friend.« In diesem Sinne macht sich eine Clique von (mehr oder weniger hochhackigen) Spezialistinnen daran, Juwelen im Wert von einigen hundert Millionen Dollar abzugreifen. Ross poliert Soderberghs Heist-Klassiker (der selbst ein hochgetuntes Update war) mit einem weiblichen All-Star-Cast modisch auf, ohne dem Genre neue Facetten abzugewinnen – aber zu sehen, wie clevere Menschen erfolgreich das Institut des Eigentums untergraben, bereitet immer wieder ein gewisses Vergnügen.

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