19. März 2012

Wir haben hier keine bleibende Statt

Kino | »Abschied von den Fröschen« von Ulrike Schamoni (2011)

»Manchmal muß man spielen, wie die Geige es will.« Ein Mann, von Krankheit schwer gezeichnet, kauft sich ein Videoequipment, um die Zeit, die ihm bleibt, zu dokumentieren. Es ist Herbst 1996. Der Mann heißt Ulrich Schamoni. Dreißig Jahre zuvor war sein erster Spielfilm »Es« mit fünf Bundesfilmpreisen bedacht worden und als westdeutscher Beitrag auf dem Festival in Cannes gelaufen. Neben Volker Schlöndorff (»Der junge Törless«) und Alexander Kluge (»Abschied von Gestern«) galt Schamoni als Hoffnung des ›Jungen Deutschen Films‹, doch bald schon sollte er aus dem Fokus der öffentlichen und filmpublizistischen Wahrnehmung geraten: Der genuine ›auteur‹ Schamoni entsprach nicht dem landläufigen Bild des progressiven Filmemachers. Er war kein kritischer Intellektueller, kein sublimer Cinéast, eher schon ein spleeniger Kulturbürger, ein quecksilbriger Machertyp. Als ebensolcher, als Kuriositätensammler und Plaudertasche, als Genußmensch und ruheloser Conferencier der eigenen Existenz, betreibt er auch sein letztes autobiographisches Projekt. Bis wenige Tage vor Schamonis Tod am 9. März 1998 entstehen rund 170 Stunden Material, aus denen seine Tochter Ulrike viele Jahre später die 96 Minuten von »Abschied von den Fröschen« kondensiert: Protokoll nicht so sehr eines Sterbens sondern eines Lebens, dem eine unbestimmte Frist gesetzt ist. »Spielort« ist das Haus Furtwänglerstraße 19 in Berlin-Grunewald, das Schamoni von den Erlösen seines publikumswirksamen Debüts erwerben konnte. In dieser mit Kunst und Plunder vollgestopften bourgeoisen Wunderkammer hatte der Autor schon seine beiden letzten Kinofilme, »Chapeau Claque« (1974) und »Das Traumhaus« (1980) realisiert, ganz so als wolle er, der leidenschaftliche Westberliner, seinen von der Mauer begrenzten Wirkungsraum konsequent auf einen hortus conclusus reduzieren: die Welt in der Nußschale. Da sitzt er nun also, der malade Mann, mehr oder weniger gutgelaunt dicke Cohibas schmauchend, im Wohnzimmer, auf der Terrasse, im Garten, räsoniert, erinnert sich, träumt von einem letzten großen Filmprojekt (die wahre Geschichte von Hermann dem Cherusker), gibt diskret Auskunft über seinen gesundheitlichen Zustand, beobachtet den Regen, freut sich, wenn die Vögel seine Kirschen klauen, arrangiert im hohen Gras Plastikfiguren zu sonderbaren Gruppenbildern. Gelegentlich bricht die Tagesaktualität in die von der Krankheit geschenkte Zeitlosigkeit: Mike Tyson beißt Evander Holyfield ein Stück vom rechten Ohr ab, Prinzessin Diana stirbt bei einem Autounfall in Paris. Aus diesem Anlaß trägt Schamoni einen schwarzen Seidenschal, legt ihn aber gleich wieder ab, denn »das Leben geht weiter«. So wie auch nebenan, wo nach Abriß eines alten Hauses (der Besitzer ist verstorben, die Kinder, in alle Welt zerstreut, haben das Grundstück verkauft) unter nervtötendem Krach eine »sogenannte Stadtvilla« entsteht. Einst schaukelte drüben Gretchen Dutschke, während ihr Mann Rudi, auf dem Rasen liegend, mit Gaston Salvatore die Weltrevolution plante: »Das waren schöne, ruhige Zeiten!« An einem milden Spätsommertag im September 1997 filmt Ulrich Schamoni an seinem verwilderten Swimmingpool den letzten Frosch des Jahres. Es ist der letzte Frosch seines Lebens.

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