30. Dezember 2013

Wiedersehen mit der Hölle

DVD | »L’enfer d’Henri-Georges Clouzot« von Serge Bromberg (2009)

Ein erfahrener Regisseur auf dem Zenith seines Ruhms, eine junge Schauspielerin auf der Suche nach neuen Herausforderungen. Henri-Georges Clouzot hatte Großes mit Romy Schneider vor – und er hielt einen Blankoscheck seiner Produzenten in Händen. »L’enfer«, die kinematographische Studie der krankhaften Eifersucht eines Mannes in den sogenannten besten Jahren sollte kein simples Meisterwerk werden sondern der Film aller Filme. Clouzot suchte nicht die die Außenansicht sondern die Innenperspektive der Umnachtung. Der Thriller als Seelenschau: Die Kamera würde gleichsam mit den Augen eines Wahnsinnigen eine junge, schöne Frau betrachten, sie fixieren, sie verfolgen, um aus verzerrten Blicken eine monströse Gefühlslandschaft zu erschaffen. Testweise ließ Clouzot Kilometer von Zelluloid mit visuellen Experimenten belichten, die sich auf Vorbildern aus Op Art und kinetischer Kunst bezogen: Romy buntschillernd, Romy silberglitzernd, Romy feuerflackernd … Mit dem Beginn der Dreharbeiten wurde aus der erdachten Höllenfahrt des Protagonisten und seiner Geliebten die reale Höllenfahrt des Regisseurs und seines Teams. Clouzot scheiterte an seinem manischen Perfektionismus und an der ungeheuren schöpferischer Freiheit, die er genoß. Drei Kamerateams warten gleichzeitig auf die Inspiration des Meisters, der seinerseits nichts unterließ, Crew und Cast mit seinen Ansprüchen zur Weißglut zu treiben. Nach drei Wochen reiste Hauptdarsteller Serge Reggiani enerviert ab, kurz darauf erlitt Clouzot einen Herzinfarkt. Die Produktion wurde abgebrochen. Fast ein halbes Jahrhundert lang lagen Proben und Muster im Safe der Film­versicherung begraben, bis der Dokumentarist Serge Bromberg den Schatz hob. Aus dem bemerkenswerten Material und Interviews mit Zeitzeugen komponierte er einen abgründigen Essay über Kraft und Qual künstlerischer Obsessionen, eine aufregende Reise in die Grenzbereiche der Kreativität – so atemberaubend wie ein Film von Henri-Georges Clouzot.

Kommentare:

  1. Ein faszinierender Film über einen Film, der sicher faszinierend geworden wäre. Zur Abrundung hätte ich mir nur noch eine Aussage von Trintignant gewünscht, aber vielleicht hatte der ja keine Lust. Hast Du LA PRISONNIÈRE auch schon gesehen?

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    1. Nein, noch nicht. Ich habe nur mal reingeschnuppert … »L’enfer d’H.-G. C.« habe ich schon einmal vor einigen Jahren im ›Arsenal‹ gesehen. (Bérénice Bejo, die die Romy-Schneider-Rolle nachspielt, kannte ich damals noch nicht.) Bromberg war anwesend und hat sehr amüsant von den langjährigen Recherchen und den diversen Schwierigkeiten des Projekts erzählt. Auch beim Wiedersehen ein starkes Werk.

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