1. Oktober 2013

Land im Dämmerschein

Vier Heimat-Filme von Niklaus Schilling

Wer kennt noch den Namen Niklaus Schilling? Ende der 1960er Jahre arbeitete er als Kameramann für Klaus Lemke, Rudolf Thome und May Spils. In den 1970er Jahren galt der gebürtige Schweizer als wichtiger Regisseur des (bundes-)deutschen Kinos. »Entschiedener noch als Werner Herzog verweigert er sich der allgemein herrschenden Auffassung vom Film als einem realistischen Medium, als Transportmittel für Inhalte, die man getrost nach Hause tragen kann«, schrieb Hans-Christoph Blumenberg 1978 über Niklaus Schilling. Mit der Krise des Autorenfilms sank in den 1980er Jahren auch Schillings Stern; 1995 drehte er sein bislang letztes Werk, wie alle vorhergehenden produziert von seiner Lebensgefährtin (und häufigen Hauptdarstellerin) Elke Haltaufderheide. Ein Projekt über den Sohn eines Wehrmachtsgenerals, der seit über einem halben Jahrhundert im Labyrinth einer unterirdischen Bunkerstadt südlich von Berlin lebt, ist, wie es heißt, in Vorbereitung. 


1972 | »Nachtschatten«

Blaß ist die Heide, mondbleich und berückend, irgendwie jenseitig. Langsam ist die Heide, todmüde und weltvergessen, seltsam aus der Zeit gefallen. Von Hamburg kommt der Musikverleger Jan Eckmann (John van Dreelen) in die Heide, um ein zum Verkauf stehendes Gutshaus zu besichtigen. Elena Berg (Elke Haltaufderheide), die Besitzerin des Hauses gibt sich merkwürdig spröde, desinteressiert am Geschäft, sie wirkt zerstreut, mysteriös, auf geisterhafte Art absent, ständig verbrennt sie etwas im Kamin, verweigert ohne Erklärung den Zugang zu einem bestimmten Zimmer, und eben wegen ihrer sonderbaren Abwesenheit entfaltet Elena eine unentrinnbare verführerische Wirkung auf den diesseitigen Besucher, fesselt ihn magisch an den ihm so fremden, so vertrauten Ort. Des Nachts träumt Jan von einem weißen Stein, auf dem sein Name steht, er träumt von seinem eigenen Grab, über das sich die Gastgeberin beugt, über das sie blutrote Mohnblüten streut. Ist er vielleicht schon seit drei Jahren tot? Oder ist er der Wiedergänger eines längst Verstorbenen? Ein schlafwandlerischer Heimatfilm um eine sirenenhafte blonde Schönheit, die einen kreglen Geschäftsmann in ihren gespenstigen Abgrund zieht. Am Ende enthüllt Niklaus Schilling das Rätsel seiner ätherischen Heldin. Vielleicht wäre es besser gewesen, ihr Geheimnis zu bewahren, den erzählerischen Zauber nicht zu brechen. Die Auflösung stellt indes klar, daß Heimat kein Idyll ist, sondern ein Reich der Schatten, ein tiefes Moor, in dem man restlos versinken kann. Das solide Haus ist kein geschützter Raum, und der Liebreiz der Landschaft erweist sich als verderbliche Illusion.

1977 | »Die Vertreibung aus dem Paradies«

Nach dem Tod der Mutter kehrt Filmschauspieler Andy Pauls (Geburtsname: Anton Paulisch) abgebrannt in seine Geburtsstadt München zurück. Mit der großen Karriere hat es weder in Rom noch in Hollywood geklappt; über Nebenrollen in Italowestern und einen TV-Auftritt als »Mechanical Man« ist Andy Pauls nie hinausgekommen. Herb Andress (Geburtsname: Herbert Andreas Greuz), mit dessen großer Karriere es auch nicht so recht geklappt hat, der sich als Nebendarsteller in Italowestern verdingte und als »Mechanical Man« im Fernsehen auftrat, spielt Andy Pauls, dem statt des erhofften Geldes als Erbe lediglich eine dickgerahmte Reproduktion von Gustave Dorés Bibelgraphik »Die Vertreibung aus dem Paradies« zufällt … Niklaus Schilling erzählt in einer Abfolge von kurzen, mal ironischen, mal elegischen, bald zugespitzt sketchartigen, bald opernhaft surrealen Szenen aus dem Leben der Vertriebenen – neben Andy Pauls sind das dessen sanftmütige Schwester Astrid (Elke Haltaufderheide), die sich redlich müht, das verschuldete mütterliche Fotogeschäft weiterzuführen, und der schmierige Bankfilialleiter Berens und die mondäne Heiratsschwindlerin Isolde Gräfin zu Rosenburg und das allzeitbereite Starlet Evi. Die Personen der Handlung verwickeln sich in eine inszestuöse Liebesgeschichte und in eine gallige Satire auf den mausetoten bundesdeutschen Filmbetrieb und in ein schwüles Hochstapler(innen)drama und in einen kleinbürgerlichen Betrugsthriller. Auf allen Ebenen geht es um Geld und Träume, um Kunst und Wirklichkeit, um Spiel und Zwang. Am Ende weist ein Engel den Weg zurück ins Paradies; die Insel der Seligen aber ist nichts anderes als das Kino selbst.

1978 | »Rheingold«

»Jetzt machen wir ein Unglück.« Eine Eisenbahnfahrt entlang des deutschesten aller Flüsse, eine sentimentale Reise in den Tod, ein melodramatisches Dreieck: eine schöne Frau mit goldblonden Locken, ihr Geliebter, ihr eifersüchtiger Ehemann … Im Trans-Europ-Express »Rheingold« trifft Elisabeth Drossbach (Elke Haltaufderheide) eines Tages ihren besten Freund aus Kindertagen wieder, der auf der legendären Strecke als Zugkellner arbeitet. Eine Liebesgeschichte nach Fahrplan nimmt ihren Lauf, bis der gehörnte Gatte die Treulose im Affekt mit einem goldenen Brieföffner ersticht. Während Elisabeth langsam und geschmackvoll verblutet, ziehen vor dem Fenster ihres Abteils malerische Landschaften, nationale Mythen und persönliche Erinnerungen vorüber. Fremde steigen zu und wieder aus, begleiten die Sterbende jeweils einige Stationen auf ihrem letzten Weg: ein Mon-Chéri-süchtiger Astrologe, der Erfinder der kleinsten Nähmaschine der Welt, eine geheimnisvoll lächelnde Rothaarige, ein weißhaariger Großvater, der seiner gretelhaften Enkelin Geschichten erzählt, von der Loreley und ihren Opfern, von Raubrittern und ihren Burgen. Woge, du Welle, walle zur Wiege! Schäumende Klangwolken eines wagnerianischer Synthesizer-Sounds ballen sich über dem pathetischen Geschehen, durch das Niklaus Schilling immer wieder helle Blitze der Ironie zucken läßt. »Rheingold« – ein kinematographischer Luxuszug, ein Erster-Klasse-Bewußtseinsstrom, eine schillernde Assoziationskette aus Schwulst und Spott.

1979 | »Der Willi-Busch-Report«

»Mädchen, 5, sagt Wiedervereinigung voraus! Wie verhält sich Bonn?« Was der Antike die Säulen des Herakles waren, bedeutet zu Zeiten des Kalten Krieges der Eiserne Vorhang: non plus ultra … Friedheim ist ein Nest an der innerdeutschen Grenze; die ›Werra-Post‹ ist ein Provinzblättchen, dessen Verlaufszahlen seit Jahrzehnten rückläufig sind. Willi Busch (Tilo Prückner) und seine Schwester Adelheid betreiben die ererbte ›Werra-Post‹ im abgeschiedenen Friedheim mit dem liebenswert-vernagelten Eigensinn echter Hinterwäldler. Weil im Nichts der welthistorischen Peripherie nichts passiert, erfindet Lokalreporter Willi (»Wie wohl ist dem, der dann und wann / Sich etwas Schönes dichten kann!«) zur Steigerung der Auflage kurzerhand packende Neuigkeiten: einen mysteriösen Telefonzellenvandalen, ein politisches Verkündigungswunder, die mörderischen Aktivitäten eines Agentenrings. Die journalistische Imagination wird schließlich von der Wirklichkeit ein- und überholt: Das Leben ahmt nicht nur die Kunst nach sondern auch die Sensationspresse … In Niklaus Schillings schizophrener Heimat-Humoreske knattert (oder fliegt?) der rasende Berichterstatter in einem Messerschmitt Kabinenroller durch das Zonenrandgebiet; dem besessenen Nachrichtenjäger folgt, gleichsam schwerelos, das erste Steadicam-Equipment der Kinogeschichte (Kamera: Wolfgang Dickmann). Die ins Surreal-Hysterische kippende Borderline-Story verquickt Liebe und Spionage, Geschichte und Geschichten, Schöpfergeist und Wahnsinn; am Ende der mehr und mehr zerflatternden Schose steigen Wahrlügner Willi die selbsterdachten Nachrichten derart zu Kopfe, daß er nach einem schweren Anfall von Grenzkoller abtransportiert werden muß: »Na, jetzt hat er seine Ruh! / Ratsch! Man zieht den Vorhang zu.«

Alle Filme von Niklaus Schilling sind auf DVD im Direktvertrieb bei visualfilm.de erhältlich.

Kommentare:

  1. Wer kennt noch den Namen Niklaus Schilling?

    Ich! Der Kabinenroller mit dem Ofenrohr war ja fast schon eine Ikone des Neuen Deutschen Films. Schade, dass Schilling keine so konstante Langzeitkarriere wie z.B. Thome verfolgen konnte. Also schön, dass Du ihn wieder mal in Erinnerung rufst. An NACHTSCHATTEN kann ich mich nur noch dunkel erinnern, und die VERTREIBUNG und RHEINGOLD hab ich noch nicht gesehen, obwohl sie ja schon gelegentlich im Fernsehen liefen.

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    1. Ich muß gestehen, daß Schilling mir, bevor ich mitbekommen habe, daß es seine Filme auf DVD gibt, nur aus Büchern und Kritiken (vom erwähnten Blumenberg und von Frieda Grafe) bekannt war. Eine sehr interessante Entdeckung für mich, die mir wieder einmal deutlich macht, wie formal und erzählerisch gleichgeschaltet der deutsche Film mittlerweile doch ist. Womit ich nicht sagen will, daß die vier Filme lupenreine Meisterwerke sind, aber Schilling pflegt schon eine sehr, sehr eigenwillige Kinosprache. – Mit Thomes Karriere sieht es ja nach den Turbulenzen bei der Degeto auch nicht besonders rosig aus; einigen Einträgen in seinem Blog zufolge, denkt er über ein ganz billiges Crowdfunding-Projekt nach. Für ihn wäre das wohl so etwas wie ein Zurück in die 70er, als er nach den kommerziellen Mißerfolgen seiner Münchner Filme in Berlin zwei sehr kostengünstige Guerilla-Werke realisierte.

      (Nach Diktat verreist)

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  2. Ja, Schilling! Keiner hat so gute Filme über Deutschland gemacht wie er, vermutlich weil er Schweizer ist und zudem noch an mehreren Grenzen aufgewachsen ist, in Basel. "Rheingold" ist für mich d e r Film über die alte Bundesrepublik. Zu den vier oben genannten muss man unbedingt aber auch noch "Der Westen leuchtet" (1982) dazunehmen.
    Jetzt gibt es im Verbrecher Verlag, Berlin, ein ganz ausgezeichnetes Buch von Karl Prümm über Schilling, eine Ehrung, die er schon lange verdient hat: "Ein notorischer Grenzverletzer. Niklaus Schilling und seine Filme". Unbedingt lesen!

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    1. "Der Westen leuchtet“ kenne ich leider noch nicht, aber die DVD werde ich mir sicherlich irgendwann beschaffen (allein schon die Besetzung ist ja ein Knaller) … Und vielen Dank für den Buch-Tip – die 'Filit'-Reihe finde ich eh klasse. Wird bestimmt gelesen! :-)

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