25. September 2012

Der Riß oder Es gibt immer ein Morgen

DVD | »Deine besten Jahre« von Dominik Graf (1999)

Vera Kemp (Martina Gedeck) hat alles. Sie hat einen liebevollen Mann und einen tollen Sohn, ein großes Haus und eine angenehme Familie, viel Geld und viel Zeit, um ihrer Leidenschaft zu frönen. Als Kunsthistorikerin beschäftigt sich Vera mit dem Phantastischen in der Darstellung des Paradieses (!) oder mit dem Bild von Kindheit  und Familie (!) in der Malerei. Die Geschicke des mittelständischen Unternehmens, das Vera einst von ihrem Vater erbte, werden von ihrem Gatten und einem Geschäftsführer gelenkt. Vera lebt in einer Blase des Behagens, einer Wolke der Ignoranz, einem Käfig der Unreife. Dann schlägt das Schicksal zu, mehrfach gleich: Eine Frau taucht auf, die behauptet, seit Monaten schon mit Veras Mann zu schlafen; bevor die Angelegenheit geklärt werden kann, sterben Mann und Sohn bei einem Autounfall; der Geschäftsführer will Vera um ihre Firma bringen; dunkle Familiengeheimnisse blubbern hervor wie Sumpfgas aus der Tiefe eines schlammigen Teiches. Veras bislang gelebtes Glück erweist sich als Fiktion, der gläserne Bungalow wird zur Alptraumkulisse, der schmucke Garten zum unheimlichen Leerraum, der angrenzende Wald zum Labyrinth der Zweifel. An diesen scheinbar alltäglichen Orten inszeniert Dominik Graf virtuose Szenen der Schattenhaftigkeit, der Verstörung, der Fremdheit. Wo aber Gefahr ist, wächst das Rettende auch: »Deine besten Jahre« – ein bisweilen tranceartiges Drama aus der schönen Hölle der besitzenden Klasse, eine irritierende Mischung von praller Kolportage und dramaturgischen Brüchen, eine extravagante Kollision von feiner psychologischer Ziselierung und dämonischer Überzeichnung – erzählt nicht nur die Geschichte eines totalen Zusammenbruchs, sondern schildert auch den Prozeß einer schmerzhaften Neugeburt, eines heulenden Erwachens, eines zitternden Auftauchens aus dem lähmenden Eisbad der Gefühle.

Kommentare:

  1. Das tust du mit Absicht: Gerade jetzt, wo ich mich mal wieder einer Besprechung zuwenden sollte, lockst du mit einem Graf nach dem anderen. :motz: - Wo doch längst nicht alle Leute so zügig formulieren wie du.

    War zwar ein kleines Off-Topic; aber du wirst die eigentliche Botschaft schon verstehen: Vielen Dank für die spannenden Tipps! Ich kann zwar nicht alles berücksichtigen, wenn ich über Graf herfalle, habe jetzt aber jede Menge Hinweise. :)

    AntwortenLöschen
    Antworten
    1. Bei mir liegt noch ein hoher Stapel mit Graf-Filmen, die auf Wieder- bzw. Erstsichtung warten. In nächster Zeit könnten also weitere Tips und Hinweise über Dich hereinbrechen. Nicht verrückt machen lassen! :)

      Löschen