19. September 2020

Schwarz sehen (7)

Die »trilogia del milieu« von Fernando Di Leo

Nach einem abgeschlossenen Jurastudium und einigen Semestern am römischen Centro Sperimentale di Cinematografia schrieb Fernando Di Leo (1932-2003) die Drehbücher zu einer Reihe von Italowestern, bevor er 1969 seinen ersten Spielfilm inszenierte. Di Leo, der auch einige Gialli und Erotikfilme drehte, war ein Bewunderer des amerikanischen Noir-Kinos und wurde vor allem für seine Poliziotteschi bekannt. Die italienische Genrevariante des Gangster- und Polizeifilms erfreute sich in den von Terror und Gewalt geprägten 1970er Jahren (den sogenannten »anni di piombo«) besonderer Beliebtheit. Drei Werke, die Di Leo in den Jahren 1972/73 als Autor und Regisseur realisierte, bilden eine thematische (und formale) Einheit, ohne aber eine durchgehende Geschichte zu erzählen.

1972 | »Milano calibro 9« (»Milano Kaliber 9«)

Das fulminante Preludium des Films (getragen von einem feierlich-aggressiven Score des Komponisten Luis Enríquez Bacalov und der Prog-Rock-Formation Osanna) verfolgt den Weg eines mit 300.000 Dollar gefüllten Päckchens durch das novembertriste Mailand. Mehrere Kuriere lassen die Sendung ober- und unterirdisch von Hand zu Hand gehen: ein dicklicher Fliegenträger, ein Verkäufer von Taubenfutter, eine modische Blondine, ein intellektuell wirkender Vollbart. Bei Ablieferung hat sich die Valuta in Papierschnipsel verwandelt, die Empfänger sind wütend, die Boten müssen sterben. (Natürlich werden die Mittelsleute nicht einfach irgendwie abgemurkst, man bringt sie, nach übelster Mißhandlung, mit Dynamit zur Explosion.) Drei Jahre später kommt ein gewisser Ugo Piazza (stoisch: Gastone Moschin) aus dem Gefängnis frei. Seinerzeit wegen eines mißglückten Einbruchs verurteilt, wird er sowohl von seinen ehemaligen Spießgesellen in der Organisation des »Amerikaners« (Lionel Stander als international tätiger Geldwäscher) wie auch von der Ermittlungsbehörde und seiner Geliebten Nelly (fatal à go-go: Barbara Bouchet) dringend verdächtigt, sich die Dollars damals unter den Nagel gerissen zu haben – insbesondere der äußerst reizbare Rocco Musco (Mario Adorf in einer mitreißenden Borderline-Performance) zweifelt an den Unschuldsbeteuerungen seines früheren Kumpans. Di Leos schnörkellose Gangsterballade (nach Motiven des Kriminalromanciers Giorgio Scerbanenco), eine pulpig-coole Fantasie über Berechnung und Irrtum, Argwohn und Solidarität, Vertrauen und Verrat, treibt die rivalisierenden Waffenbrüder umbarmherzig der bitteren Endabrechnung entgegen, während bei der Polizei ein konservativ gestimmter und ein fortschrittlich denkender Kommissar darüber streiten, ob das Verbrechen als Ursache oder als Auswirkung gesellschaftlicher Übelstände zu gelten hat.

1972 | »La mala ordina« (»Der Mafiaboß – Sie töten wie Schakale«)

Einem New Yorker Drogengroßhändler kommt in Mailand eine Heroinlieferung abhanden. Der Geprellte schickt ein schwarzweißes Killerduo – Woody Strout (wortkarg) und Henry Silva (flamboyant) – über den Atlantik, um den mutmaßlichen Beutegreifer auf möglichst abschreckende Weise zu exekutieren. Besagter Luca Canali (Mario Adorf als Zuhälter mit Herz) erweist sich schnell als vom örtlichen Mafiapaten (fühllos: Adolfo Celi) zum Abschuß freigegebener Sündenbock. Vom Syndikat gejagt, entwickelt der ansonsten recht verträgliche Strizzi überraschende Widerstandskräfte und reift nach der Ermordung von Frau und Tochter zum unaufhaltbaren Rächer. Di Leo inszeniert einen energiegeladenen Reißer mit einigen virtuosen Actionsequenzen (unter anderem eine ziemlich unglaubliche Verfolgungsjagd kreuz und quer durch die Stadt) und farbenfrohen Seitenblicken auf die psychedelische Spaßgesellschaft der frühen 1970er Jahre, eine knallige Etüde über den Einzelnen und die (schlechte) Gesellschaft, vor allem aber das eindrückliche Porträt eines Mannes, der nach dem Verlust des Liebsten keine Angst mehr kennt. In einer verrohten (Unter-)Welt, die Fragen der Ehre allemal den Gesetzen der Gier nachordnet, findet der Showdown geradezu zwangsläufig auf dem Schrottplatz statt.

1973 | »Il boss« (»Der Teufel führt Regie«)

Überwachen und Strafen oder (Un-)Ordnung der Dinge: Di Leo konstruiert einen fast abstrakten Thriller über mafiotische Machtkämpfe sowie die Wechselbeziehungen zwischen Kriminalität, Polizei und Politik. Im Mittelpunkt des gewalttätigen Geschehens steht der ambitiöse Killer Nick Lanzetta (gleichmütig: Henry Silva), ein Mann aus dem Nichts, der sich durch eine vorteilsbewußte Mischung aus Loyalität und Tücke, Brutalität und Intelligenz (freilich nicht als einziger) dafür empfiehlt, in die Fußstapfen des in alle Richtungen gut vernetzten und (scheinbar) allmächtigen Palermitaner Paten Don Corrasco (ehrenwert: Richard Conte) zu treten. Di Leo interessiert sich in der Tradition des großen Schwarz- und Klarsehers Fritz Lang nicht so sehr für psychologische Befindlichkeiten, sondern vielmehr für organisatorische Strukturen und die Mechanik betrieblicher Prozesse (in diesem Fall des (des-)organisierten Verbrechens und seiner Konsorten). So entfaltet sich eine nihilistisch-lakonische Milieustudie voller Klang und Wut, ein rabiat-luzides Genrestück, das die ständige Beschwörung von Begriffen wie Familie und Treue, Recht und Gesetz als leeres Geschwätz entlarvt, indem es den systembedingten Sozialdarwinismus aller Beteiligten zu mörderischem Vorschein bringt.

11. September 2020

Tage des Lebens

Vier Filme von Luciano Emmer

Nachdem er seit 1941 rund zwei Dutzend dokumentarische Kurzfilme (zumeist über Künstler oder Kunstwerke) realisiert hatte, drehte Luciano Emmer (1918-2009) in den frühen 1950er Jahren eine Folge von vier Spielfilmen, deren Themen  in nebeneinander laufenden Erzählsträngen ent-(und ver-)wickelt werden. Die zeitlichen beziehungsweise örtlichen Rahmen der jeweiligen Handlungsgeflechte bilden ein Sommersonntag, eine Kurzreise, ein Modeatelier, ein Klassenzimmer. Sergio Amidei, Drehbuchautor von Rossellinis »Roma città aperta« und de Sicas »Sciuscia«, war der geistige Vater dieser von neorealistischen Grundsätzen inspirierten Dramaturgie. Emmer inszenierte die Filme mit durchaus kritischem Wirklichkeitssinn und Freude am pittoresken Detail; er drehte an Originalschauplätzen (überwiegend in und um Rom) und arbeitete größtenteils mit Laien und Nachwuchsschauspielern wie Marcello Mastroianni, Franco Interlenghi und Lucia Bosè.

1950 | »Domenica d’agosto« (»Ein Sonntag im August«)

Sonntag, 7. August: In Rom herrscht brütende Hitze, die Menschen ziehen massenweise hinaus, mit der morschen Familienkutsche oder im flotten Sportwagen, im überfüllten Vorortzug oder auf dem superschnellen Fahrrad geht es ans Meer, und Luciano Emmer begleitet einige dieser Ausflügler in parallel geführten Episoden durch den Tag. Die Erzählung springt zwischen den Erlebnissen der verschiedenen Protagonisten munter hin und her, die aufmerksame Kamera (die auch den einen oder anderen Blick in die fast ausgestorbene Stadt wirft) schafft lockere Verknüpfungen, erzeugt amüsante Gegensätze, betreibt gleichsam soziologische Sonntagsmalerei. Der Strand von Ostia erscheint als Laufsteg und Kontaktbörse, als allgemeines Volksvergnügen und Spiegel der Klassengesellschaft, als Bühne für sachte Romanzen, kleine Melodramen, beiläufige Intrigen, derbe Possenspiele. Es tummeln sich (unter anderem) krakeelende Kleinbürger und versnobte Geldsäcke, ölige Aufschneider und christlich behütete Ferienkinder, schmucke Jungmänner und vergnügungslustige Mädchen. Zusammen mit zwei Wegbereitern des Neorealismus (den Autoren Sergio Amidei und Cesare Zavattini) kreiert der erfahrene Dokumentarist Emmer einen lebensnahen Querschnittsfilm, der Authentizität und Kurzweil leichthändig miteinander verbindet.

1951 | »Parigi è sempre Parigi«

»Les ennuis / y’en a pas qu’à Paris, / y’en a dans l’monde entier ...« 24 Stunden aus den Leben einiger Römer in Paris – eigentlich sind sie angereist, um beim Länderspiel Italien gegen Frankreich dabeizusein, doch die meisten der Gruppe (unter ihnen Familien, Kumpane, Verlobte, Einzelgänger – allesamt eher kleinkariert als weltläufig) gehen (gewollt der ungewollt) andere Wege. Man sucht (und verfehlt großteils) den mondänen Chic und das sprichwörtliche Oh-là-là, auf große Erwartungen folgen (in den meisten Fällen) bittersüße Enttäuschungen. Jagt der Film bei Tage im Schweinsgalopp in den Louvre und auf den Eiffelturm, zu Sacre Cœur und über die Champs-Élysées, geht es bei Nacht durch Transvestitenschuppen und Nepplokale, Kellerbars und Music Halls (mit einem Auftritt des leibhaftigen Yves Montand). Aus allerlei Aufregungen und Zufällen, Mißverständnissen und Frivolitäten zaubert Luciano Emmer einen anekdotischen Bilderbogen ohne unnötige Schwere, eine sanft ironische Betrachtung des um sich greifenden touristischen Rummels mit viel Sinn für Atmosphäre und Situationskomik – und immerhin einer der Kurzurlauber findet in Paris (par hasard) sein Glück »... Oui, mais dans l’monde entier / y’a pas partout Paris, / v’là l’ennui.«

1952 | »Le ragazze di piazza di Spagna« (»Die Mädchen vom Spanischen Platz«)

Luciano Emmers dritter Ensemblefilm verfolgt die Schicksale dreier junger Frauen, die als Schneiderinnen in einem exklusiven römischen Modehaus (das reale Vorbild liefert das Atelier der berühmten Sorelle Fontana) an der Piazza di Spagna arbeiten. Ein soignierter Professor, der das Trio als außenstehender Beobachter mit taktvollem Interesse begleitet, fungiert als Erzähler und beschreibt neben dem beruflichen Alltag die (zumeist turbulenten) Familienverhältnisse, die (eher bescheidenen) Lebenswelten und die (generell komplizierten) Liebesangelegenheiten des Trios: Die temperamentvolle Marisa läßt sich zum Mißvergnügen ihres proletarischen Freundes Augusto als Mannequin engagieren, die introvertierte Elena leidet unter der Bigotterie ihres spießbürgerlichen Verlobten Alberto, die schnippische Lucia übergeht ihren kurzgeratenen Verehrer Amleto immer wieder zugunsten hochgewachsenerer Kandidaten. Auch wenn – dem Zeitgeist der hochkonjunkturell-konservativen Nachkriegsjahre geschuldet – die Sehnsüchte der Protagonistinnen (fast) ganz auf den Lebensbund mit einem passenden Traumprinzen (zum Beispiel in Gestalt eines netten Taxifahrers) gerichtet sind, beweist Emmer, wie schon in seinen früheren Werken, ein sympathisches Gespür für stimmige Milieuschilderung und plastische Figurenzeichnung.

1954 | »Terza liceo« (»Der letzte Schultag«)

In vierten (und letzten) seiner filmischen Gruppenbilder nimmt Luciano Emmer eine Handvoll Schülerinnen und Schüler der Abschlußklasse eines römischen Gymnasiums in den Blick, wobei – vom Beginn des Schuljahres bis zum Tag der Reifeprüfung – in erster Linie die amourösen Irrungen und Wirrungen der Adoleszenten thematisiert werden: die Beziehung zwischen dem Eisenbahnersohn Andrea und der höheren Tochter Lucia scheitert an den unüberwindlichen Klassenschranken, Giulia verliebt sich in den Schwarm ihrer besten Freundin Maria, die kokette Teresa hält sich mehrere männliche Optionen offen und so weiter, und so fort. Zwar sorgt das ungekünstelte Spiel der jungen Laiendarsteller für eine gewisse Lebensnähe, doch Emmers skizzenhafte Prägnanz weicht in diesem Falle einer gefälligen Oberflächlichkeit, zumal die eher klischeeartigen Begebenheiten das Werk bisweilen wie eine reportagig angehauchte Seifenoper erscheinen lassen.

1. April 2020

Zwanzig Zwanzig

Idee für ein kleines Welttheater

Personen der Handlung
Markus Möglich (42)
Melanie Möglich (39)
Mia Möglich (12)
Max Möglich (9)
Tschiang Tsching, chinesisches Au-pair-Mädchen bei Möglichs
Hausarzt Dr. Mabuse
Präsident
Gesundheitsministerin
Wissenschaftsredakteur einer überregionalen Tageszeitung
Patient Null
Panikforscherin
Pizzabote
Alter Mann mit Fieberthermometer
Junge Frau mit Geldbündeln
Nachtschwester Angela
Glaube, Liebe, Hoffnung
Ritter, Tod, Teufel
Paare, Passanten, Polizisten
Angehörige von Risikogruppen
Arbeitskräfte in systemrelevanten Berufen
Drei Hexen (Anne, Maybritt, Sandra)
Chor der Viren
Chor der Virologen

I. Akt (Exposition)
in der Wohnküche der Möglichs
Irgendwo bricht eine Krankheit aus.

II. Akt (Steigerung)
im Supermarkt
Das Klopapier wird knapp.

III. Akt (Höhepunkt)
im Bunker
Die Regierung verbietet das Leben.

IV. Akt (Retardierendes Moment)
auf der Straße
Das Volk maskiert sich.

V. Akt (Auflösung)
im Garten der Möglichs
a) Es kommt zur Katastrophe: alle sind glücklich.
oder
b) Es geht gut aus: alle sind tot.

1. Januar 2020

2019 2/2

Aktuelle Filme im zweiten Halbjahr

Juli


Yesterday von Danny Boyle (2019) : Die hübsche Prämisse ihrer kontrafaktischen Erzählung – einzig ein (ziemlich erfolgloser) Musiker erinnert sich nach einem rätselhaften globalen Zwischenfall an die Songs der Beatles – nutzen Regisseur Boyle und Autor Curtis nicht zur Kreation einer popkulturellen Anderswelt sondern lediglich als Grundlage einer soliden romcom mit kontinuierlich ansteigendem Schnulzpegel (»All You Need is Love« as usual). Weder ›tangerine trees‹ noch ›marmalade skies‹ – aber mit einer überzeugenden Besetzung und launigen Seitenhieben auf Funktionsweisen der Unterhaltungsindustrie schlägt sich »Yesterday« redlich ins (leicht modifizierte) Hier und Jetzt durch.

Kursk von Thomas Vinterberg (2018) : Ein Drama ohne Rettung: wie im historischen Fall, so geht auch in Vinterbergs durchaus bewegender Adaption die Besatzung des Atom-U-Bootes Kursk ihrem von den Weltläuften gesponnenen Schicksal entgegen. Die Rolle, die im richtigen Leben Wladimir Putin spielte, übernimmt im Film der greise Max von Sydow – sein fiktiver Admiral erscheint wie die Wiederkehr des russischen Erzschurken vergangener Kinozeiten als unsagbar trauriges Gespenst.

Dolor y gloria von Pedro Almodóvar (2019) : Nach »La ley del deseo« und »La mala educación« erzählt Almodovar zum dritten Mal mit autobiographischem Unterton von Glanz und Elend der filmemacherischen Kreativität. War das erste Stück der losen Reihe noch von wilder Leidenschaft erfüllt, ertrank das Folgewerk in nostalgisch-selbstreferentieller Melancholie, zeichnet der gereifte Meister nun (in gewohnt erlesenen Farben) das versteinert-redselige, kokett-selbstmitleidige Bildnis des Künstler als (schöner) alter (kranker) Mann.

August

La chute de l’empire américain von Denys Arcand (2018) : »Komödie ums Geld« heißt ein Film von Ophüls, und auch Arcands herzensgut-blutiger Traktat über die zersetzenden Kräfte des Kapitals und deren subversive Unterwanderung könnte diesen Titel tragen, oder: »Das Geld anderer Leute«, oder: »Für ein paar Dollar mehr«, oder »Die Farbe des Geldes« oder: »Jagd nach Millionen«, oder ganz einfach: »Das Geld« PS: »The more I see of the moneyed classes, the more I understand the guillotine.« (Shaw)

Toy Story 4 von Josh Cooley (2019) : Eine Wiederbegegnung mit den üblichen Verdächtigen aus dem Kinderzimmer (und ein paar bizarren Neuzugängen): wieder eine abenteuerliche Rettungsmission und wieder das grüblerische Ringen der Objekte um die Subjekthaftigkeit. Ein wenig redundant das alles, dabei aber immer noch einigermaßen unterhaltsam.

Ich war zuhause, aber ... von Angela Schanelec (2019) : (»There’s such a lot of world to see.«) Vielleicht hat Schanelec ja einen Science-Fiction-Film gemacht, einen Film über Wesen, die aussehen wie Menschen, aber eigentlich Aliens sind, die zu verstehen versuchen, was es heißt, ein Mensch zu sein, die sich herumschlagen (müssen) mit den Fragen von Sein und Werden, Lüge und Wahrheit, Liebe und Tod. (Oder ist es ein Film über die Welt, gesehen mit den Augen eines Esels, eines Hundes, eines Hasen, einer Wachtel?)

September

Late Night von Nisha Ganatra (2019) : Nach 28 Jahren auf Sendung schlägt Moderatorin (Dame) Katherine Newbury die Stunde: zu alt, zu weiß, zu unpersönlich sei ihre allnächtliche Performance. »Wo aber Gefahr ist, wächst / Das Rettende auch«, wußte schon Hölderlin – als da in diesem Falle wären: Frische, Farbe, Selbstentblößung. (Dame) Emma Thompsons (ziemlich fulminante) The-Show-Must-Go-On-Darbietung muß Ganatras (ziemlich lahmer) Medienposse unterdies immer wieder aus der sentimentalen Patsche helfen.

Synonymes von Nadav Lapid (2019) : Stationendrama einer Identitätskrise oder Ein Israeli in Paris. Lapid folgt seinem verrückt spielenden (oder tatsächlich verrückten?) Protagonisten auf der (einigermaßen enervierenden) Flucht vor dem eigenen Herkommen durch eine ((Alp-)Traum-)Welt, die nicht zur neuen Heimat werden will. Das vaterländisch-muttersprachliche Ideen-Pêle-Mêle wird von Tom Mercier in der Hauptrolle auf atemberaubende Weise zusammengehalten.

Once Upon a Time ... in Hollywood von Quentin Tarantino (2019) : Im Grunde gleicht Tarantino einem Sammler, der kaum an den Objekten seiner Begierde interessiert ist, dem es vielmehr um deren massenweises Zusammenraffen und stolze Zurschaustellung geht. Über das Unbehagen in der Kulturindustrie hat er so wenig Erhellendes (oder Originelles) zu sagen (oder zu zeigen) wie über die Abgründe der Gegenkultur – so bleiben am Ende nur inhaltsleeres Gerede und fanfictionhaftes Entweichen in ein Es-war-einmal-Spiegelland, wo die Toten heute noch leben. (Aber gestorben sind sie leider doch.)

Ad Astra von James Gray (2019) : Was beginnt wie eine Weltraumodyssee ins Herz der Finsternis (Suche nach außerirdischer Intelligenz meets Wahnsinn im Grenzgebiet der Zivilisation), endet als trivialpathetischer Vater-Sohn-Konflikt. Weder die außergewöhnliche audiovisuelle Eleganz der Inszenierung noch Grays bohrende introspektive Ernsthaftigkeit (einsame Männer in unendlichen Weiten) können verhindern, daß die ins Kosmische zielende Erzählung abschmiert wie eine feuchte Silvesterrakete.

The White Crow
von Ralph Fiennes (2019) : Was Callas für die Oper und Picasso für die moderne Malerei sind, ist Nurejew für den Tanz: ein Inbegriff. Fiennes liefert einen (formal äußerst gediegenen) filmbiographischen Abglanz der Ikone, der den ichbefangen-hochfahrenden Charakter des Protagonisten halbwegs zu fassen kriegt, von dessen künstlerischer Bedeutung aber kaum eine Ahnung gibt; gegen Ende der Erzählung gelingt ihm immerhin die spannungsreiche Darstellung einer ebenso folgenschweren wie denkwürdigen Lebensentscheidung.

Oktober

Gemini Man von Ang Lee (2019) : Will Smith und Will Smith (und Will Smith) in einem ultrakünstlichen Action-Killer-Thriller, dessen thematisches Potential (Individualität, Genmanipulation, Kriegsindustrie) von Lee gelegentlich touchiert, zumeist aber im hektischen Hin und Her zwischen Lüttich und Georgia, Kolumbien und Budapest ungerührt weggeballert wird.

Joker von Todd Phillips (2019) : Ein kaputter Typ in einer kaputten Gesellschaft lacht kaputt, was ihn kaputt macht. Mit seiner auf New Hollywood geschminkten exzentrisch-brutalen Sozialallegorie nimmt Phillips sich so wichtig wie der apokalyptische Protagonist. Daß Robert De Niro, der vergleichbare Rollen einst deutlich abgründiger zu gestalten wußte, in diesem Fall lediglich Stichworte geben darf, sagt mehr als tausend Clownsmasken.

Terminator: Dark Fate von Tim Miller (2019) : Ewige Wiederkunft des Gleichen: Mensch gegen Maschine gegen optimierte Mensch-Maschine gegen optimierte Maschinen-Maschine. Einer respektvoll erschüttertem Welt wird offenbar, welch dunkles Schicksal Arnold Schwarzenegger und Linda Hamilton ereilt hat, und Miller läßt dazu die Trümmer der jüngeren Filmgeschichte tanzen.

November

Lara von Jan Ole Gerster (2019) : Vierundzwanzig Stunden aus dem (nicht gelebten) Leben einer Frau – nach dem episodischen Oh-Boy-Prinzip heftet sich Gerster einen Tag lang an die Fersen einer ziemlich unliebenswürdigen Sechzigerin (Corinna »Stone Face« Harfouch). Geriet dem Regisseur das Debüt zum salopp-pointierten Zeitbild, reiht sein lang erwarteter Zweitling nur mehr stylisch-verquälte Abziehbilder aneinander.

Last Christmas von Paul Feig (2019) : Sentimentale Weihnachtsromanze aus einem London, das so unwirklich erscheint wie die Anwesenheit einer Elfe in der Suppenküche für Obdachlose. Trotz beiläufiger Fingerzeige auf Brexit-Problematik und fortschreitende Prekarisierung versinkt diese übersinnliche Herzensangelegenheit (zu schmusigen George-Michael-Klängen) vollständig im eigenen Schmalz.

Dezember

The Good Liar von Bill Condon (2019) : Was beginnt wie eine gemächliche Trickster-Romanze unter wohlerhaltenen Senioren (Ian McKellen meets Helen Mirren), entwickelt sich sukzessive zum (ziemlich unglaubhaften) Rache-Melodram um die Begleichung uralter Rechnungen. Condon verliert sich so tief in abstrusen Rückblenden, daß auch die böse Schlußpointe keine rechte Wirkung mehr entfalten kann.

A Rainy Day in New York von Woody Allen (2019) : Eine elegante Petitesse über junge Leute in der großen Stadt. Mit der sogenannten Realität hatte Allen nie besonders viel am Hut, und so bewegen sich seine Figuren auch in dieser leichtgewichtigen Liebes- und Gesellschaftskomödie durch ein kinematographisch-literarisches Paralleluniversum, das mit dem Hier und Jetzt höchstenfalls dekorative Äußerlichkeiten gemein hat.

Motherless Brooklyn von Edward Norton (2019) : Anklänge an Polanskis »Chinatown« sind überdeutlich: die Aufklärung eines Mordfalles führt in ein schier undurchdringliches Gestrüpp aus Sex, Verbrechen und (Macht-)Politik. Nortons geschmackvoll-überlange Adaption des Romans von Jonathan Lethem ersetzt Los Angeles durch New York, die 1930er durch die 1950er, die coole Spürnase durch einen Schnüffler mit Tourette-Syndrom. Die Auflösung erscheint jedoch banal gemessen an der behaupteten Größe des Mysteriums.

Deux moi von Cédric Klapisch (2019) : Rémy und Mélanie, beide um die 30, wohnen Wand an Wand mit Blick über Bahngleise und die Dächer des grauen Pariser Nordens. Sie ist ständig müde, er kann nicht schlafen, sie trauert ihrem Ex nach, er findet keine Freundin, sie grollt mit ihrer Mutter, er lebt auf Distanz zur Familie. Klapisch inszeniert eine kluge psychologische Tragikomödie über Menschen, die sich nah sind, ohne voneinander zu wissen, folgt dem Weg zweier Parallelen, die sich (mit etwas Glück) nicht erst im Unendlichen treffen.

31. Dezember 2019

Es, wir und die anderen

Die Spielfilme von Ulrich Schamoni

Am 9. November 2019 wäre der Berliner Regisseur und Medienunternehmer Ulrich Schamoni (1939-1998) 80 Jahre alt geworden. Der Berliner Zeughauskino zeigte aus diesem Anlaß in den vergangenen Wochen unter dem Titel »
Biotop der Frechheit« eine umfangreiche Retrospektive seines filmischen Schaffens.

1966 | »Es«


Es: das Kind, das sie (Sabine Sinjen) nicht will, weil sie glaubt, daß er (Bruno Dietrich) es nicht will. Es: das ungestüme Bauwesen, das auch das noch zerstört, was der Bombenkrieg verschonte. Es: das Westberlin kurz nach dem Mauerbau – Stadt der Brachflächen und Brandmauern, der Schnellstraßen und Friedhöfe, der Witwen und Abschreibungsritter, der modischen jungen Paare und der alten Tanten aus dem Osten. Schamonis dynamisches Debüt offeriert weniger tieflotende Analyse denn feuilletonistische Momentaufnahmen, weniger Soziologie einer abgewrackten Metropole denn Kaleidoskop eines weltläufigen Provinzkaffs; als intuitiv-impulsiver Sammler von Augenblicken und Tonfällen, als rasender Reporter der privaten, beruflichen, gesellschaftlichen Beziehungen stellt der Autor die Lockerheit des Entwurfs über die Präzision der Ausführung. So entsteht, stickpunktartig, notizenhaft, elliptisch, das anschauliche Stimmungsbild eines Ortes zwischen Aufbruch und Erstarrung, einer Ära zwischen Ungezwungenheit und Sprachlosigkeit. »Es«: eine Zeitkapsel.

1967 | »Alle Jahre wieder«


»Entweder regnets hier, oder die Glocken läuten, oder es wird mal wieder ne Kneipe eröffnet.« ›Hier‹, das ist Münster, wohin alljährlich zu Weihnachten Hannes Lücke (Hans Dieter Schwarze) zurückkehrt, der schon seit Jahren als erfolgreicher Werbetexter in Frankfurt lebt, um mit Frau Lore (Ulla Jacobsson) und Kindern die Feiertage zu verbringen – und um sich im Kreise alter Saufkumpane einen (oder zwei oder drei) hinter die Binde zu gießen. Erstmals kommt Hannes nicht allein, sondern in Begleitung seiner jungen Freundin Inge (Sabine Sinjen); ihre hellhörig-kritische Außenseiterperspektive auf Sitten und Bräuche der westfälischen Kapitale machen sich auch die Erzähler zu eigen, die gleichwohl über eine intime Kennerschaft des geschilderten Milieus verfügen: Schamoni (Regie) und Michael Lentz (Buch) wuchsen in Münster auf, sind der Stadt und ihren Bewohnern in zärtlich-bissiger Haßliebe verbunden. »Alle Jahre wieder« beschreibt, in scheinbar beiläufigen Beobachtungen, eine Gesellschaft, deren moralische Normen und überkommene Etiketteregeln nur mehr als historische Fassade aufrecht erhalten werden; zugleich zeichnet der Film das süffisant-trostlose Bild einer arrivierten und doch verlorenen (Männer-)Generation.

1968 | »Quartett im Bett«


»Berlin ist immer eine Reise wert. Börlin olwaiß iß wörß ä träwel.« 1968: Während sich in den Straßen Westberlins wildgewordene Studenten (»Radikalinskis«) und tschakobehelmte Polizisten (»Bullenschweine«) rabiate Scharmützel liefern, läßt der spätbourgeoise Kino-Bohèmien Schamoni, eher indifferent gegenüber den semirevolutionären Zeitläuften, einen gänzlich unpolitschen, dafür hochgradig albernen culture clash der vierten Art abrollen: ›Insterburg & Co‹ (»Auf einem Himmelbett der Zeisig / er hat ein Mädchen bei sich.«) gegen ›Jacob Sisters‹ (»Klatsch, Klatsch, Schenkelchen / Opa wünscht sich Enkelchen!«) – gehobener Berliner Brettl-Blödsinn (zumeist vorgetragen auf selbstgebastelten Instrumenten) gegen zappelige sächsische Schlager-Munterkeit (begleitet von wohlfrisierten weißen Pudeln). In der Art einer aufgekratzten musikalischen Nummernrevue, nicht unbeeinflußt von Richard Lesters Running-Jumping-&-Standing-Still-Ästhetik, führt »Quartett im Bett« durch ungeheizte Schafzimmer und elegante Hotelsuiten, über ruinöse Hinterhöfe und klapprige Studiobühnen, durch Kneipen und Fernsehateliers, zum Kurfürstendamm und an die Mauer. Ein hektisch-fröhliches Stimmungsbild ohne Ziel und Plan, aber mit einem gerüttelt Maß an zeitgeschichtlichem Mutter- und Vaterwitz.

1970 | »Wir – zwei«


»Warum denn nicht?« Seit der Schulzeit haben sie sich nicht mehr gesehen, nach zehn Jahren treffen sie sich wieder: Andreas (Christoph Bantzer), nunmehr Doktorand der Mathematik mit Gelegenheitsfreundin, und Hella (Sabine Sinjen), inzwischen Gattin eines wohlhabenden Herrn Meier und Mutter einer dreijährigen Tochter. Damals mochten sie sich sehr, ohne einander ihre Gefühle zu offenbaren, jetzt versuchen sie herauszufinden, wie es (gewesen) wäre, wenn ... Er sieht sie eines Tages zufällig in der Stadt und fährt ihr nach – bis zum Friedhof. Der Ort der Wiederbegegnung hat, wie sich erweisen wird, symbolischen Charakter: eine tote Liebe läßt sich nicht reanimieren. Schamoni folgt dem Paar, das nie eines war und letztendlich keines wird, durch ein – von Michael Ballhaus leckerschmeckerisch fotografiertes – zunächst spätsommerliches, dann septembermildes, schließlich herbstgraues (West-)Berlin: Gartenpartys und Tanzvergnügen, Rummelbesuche und Bootsfahrten. Der verspätete Liebesversuch hinterläßt bei den Beteiligten weder Trauer noch Enttäuschung, allenfalls einen bittersüßen Nachgeschmack von halbherziger Vergeblichkeit.

1971 | »Eins«


Eine zwanglose Gesellschaftskomödie, ein boulevardeskes Roadmovie: Autorenfilmer und Hauptdarsteller Schamoni verkörpert einen wohlgenährten Nachwuchskapitalisten, dessen Betriebsmittel das vom Großvater ererbte todsichere Roulette-System darstellt. Unterwegs in Südfrankreich, läßt der Geldsack drei Herumtreiber (in hinlänglich gutsitzende Smokings gesteckt) gegen überschaubare Entlohnung an den Casinotischen für sich spielen, während er selbst, am Strand oder im Bett, mit seiner (stets leichtbekleideten) Freundin die Früchte des Mehrwerts genießt. Die launige Etüde über Abhängigkeitsverhältnisse und Interessengegensätze gipfelt – nach wiederholten Zwistigkeiten zwischen den Sozialpartnern – in einer unverblümten Selbstdiagnose des Chefs: »Ich bin dreißig Jahre, Mensch, ich fühl mich sauwohl. Ich weiß gar nicht, warum ich mich ändern soll. Mein Leben lebe ich, und ich will mein Leben leben und nichts anderes. Das ist das Problem.« Es bleibt die Frage, ob es sein Problem ist oder das der anderen.

1974 | »Chapeau Claque«


Nichtstun als schöne Kunst betrachtet: Schamoni erzählt (wiederum mit sich selbst in der Hauptrolle) vom (weitgehend ereignislosen) Leben eines Pleitiers, der sich mit dem, was er aus dem Konkurs des traditionsreichen Berliner Familenunternehmens (Produktion von Zylinderhüten) retten konnte, in seine kleine Grunewald-Villa zurückgezogen hat und dem genüßlich-asozialen Müßiggang frönt. Der Privatier vertrödelt die Zeit mit einem (meist unbekleideten) jungen Mädchen, kultiviert seine Sammelleidenschaft (Emailschilder, Reklamebilder, Porzellanhasen aller Provenienz) und schlurft ansonsten – alte Kaufmannsweisheiten zitierend (»Wer gute Nächte sucht, verliert gute Tage.« oder: »Manchmal muß man spielen, wie es die Geige will.« oder, auch schön: »Reiche Leute haben fette Katzen.«) – in abgetragenen Frottee-Bademänteln durch diesen nostalgischer Abgesang auf die kultur- und wohlstandsbürgerliche Welt. In Nebenrollen glänzen die wunderbare Anna Henkel (nackt und verschmollt), Wolfgang Neuss (»Denken heißt machen!«) sowie Karl Dall als gestreßter Jung-Unternehmer (!). Eine gänzlich undeutsche Perle voll verkrachtem Esprit, angeschmuddelter Lässigkeit, schlampiger Eleganz.

1980 | »Das Traumhaus«


Zum dritten (und letzten) Mal nutzt Schamoni das eigene Haus (Furtwänglerstraße 19 in Berlin-Grunewald) als Bühne eines kleinen kinematographischen Welttheaters: vier junge Leute (drei Mädchen, ein Junge) verwirklichen in einem verwunschenen Anwesen den Traum vom alternativen Leben jenseits des allgemeinen Rattenrennens. Doch das Idyll ist bedroht – die eiskalte Baulöwin Sybille Schacht-Blessmann (Judy Winter) plant den Abriß des irdischen Paradieses zugunsten einer modern-beliebigen Eigenheimsiedlung. Beistand erhält die weltferne Wohngemeinschaft in Gestalt des Ingenieurs Conrad Kolberg (Horst Frank), der die Villa Kunterbunt vor der Zerstörung bewahrt, indem er sie mit technokratischer Radikalität zum ökologischen Musterbau umgestaltet. Im Ergebnis bleibt eine zeitgerechte Hülle bestehen, indes der unverwechselbare Geist des Ortes ausgetrieben ist. Mit ironischer Wehmut veranschaulicht Schamoni (nach einem zivilisationskritischen (wiewohl recht umständlichen) Drehbuch von Wolfgang Menge) den unauflöslichen Widerspruch von Utopie und Realität.

29. September 2019

Böhmische Dörfer (2)

Die frühen Filme von Jiří Menzel

Jiří Menzel wurde 1938 in Prag geboren. Nach dem Studium an der Prager Filmhochschule FAMU gehörte er neben seinen Kommilitonen Miloš Forman und Věra Chytilová zu den wichtigsten Vertretern der Tschechoslowakischen Neuen Welle. Sein erster Spielfilm wurde 1968 mit dem Oscar für den besten fremdsprachigen Film ausgezeichnet.


1966 | »Ostře sledované vlaky« (»Scharf beobachtete Züge« | »Liebe nach Fahrplan«)

Ort: ein kleiner Bahnhof in Böhmen. Zeit: gegen Ende der großdeutschen Okkupation. Der unbedarfte Jüngling Miloš Hrma (›Golden Kid‹ Václav Neckář) – Sproß einer Familie von Träumern und Faulenzern – tritt, von der Mutter mit einer Schirmmütze gekrönt, seine Stelle als Bahnwärterlehrling an. Umgeben von einem kleintierzüchtenden Stationsvorsteher, einem schürzenjagenden Fahrdienstleiter und einem kollaborateurischen Bahnrat erwirbt Hrma Grundkenntnisse des Eisenbahnwesens, während er gleichzeitig einigermaßen linkische Versuche unternimmt, der angehimmelten Schaffnerin Máša (seelisch wie auch körperlich) näherzukommen. Nach einer Erzählung von Bohumil Hrabal (der während des Zweiten Weltkriegs selbst Dienst auf einem Provinzbahnhof schob) bringt Menzel eine detailverliebte Bildungsburleske ins Rollen, die den liebeskranken Protagonisten immer neuen (persönlichen wie auch historischen) Bewährungsproben aussetzt und dabei Komik und Schrecken wirkungsvoll miteinander verschmilzt – bis hin zur doppelten Explosion eines sexuellen Erwachens und eines in die Luft fliegenden Munitionszuges.

1968 | »Rozmarné léto« (»Launischer Sommer«)

Ein wechselhafter Juni auf dem Lande: drei Freunde in den (sogenannten) besten Jahren – ein Priester, ein Major im Ruhestand, der Besitzer eines Flußbades – schwimmen und angeln, bechern und philosophieren. Die Ankunft eines kauzigen Artisten und seiner bezaubernden Assistentin reißt die Herren aus dem gewohnt behaglichen Alltagstrott: nacheinander buhlen sie (jeder seinem Temperament entsprechend) um die Gunst des blonden Zirkusfräuleins, während die patente Frau des Bademeisters dem Charme des spillerigen Akrobaten erliegt. Menzel blättert in einem Album aus der (sogenannten) guten alten Zeit (die durchaus Kälte, Mißgunst und Bosheit kennt), entbreitet eine wehmütige Idylle der romantischen Sehnsüchte, der zarten Enttäuschungen, der bittersüßen Erkenntnisse, gibt eine heiter-bewölkte Hommage an das Leben, das, so oder so, immer weitergeht.

1969 | »Skřivánci na niti« (»Lerchen am Faden«)

Zu Beginn der 1950er Jahre – der Stalinismus hat die östliche Hälfte der ideologisch geteilten Welt fest im Griff – schuften klassenfeindliche Elemente (männliche und weibliche Delinquenten streng getrennt) auf dem Schrottplatz eines tschechischen Hüttenwerks, um (aus Schreibmaschinen und Kruzifixen, Lokomotiven und Gitterbetten) Rohstoff für die volkseigene Stahlproduktion zu gewinnen: hier (u. a.) ein Philosophieprofessor und ein Saxophonist (dekadentes Instrument!), ein Staatsanwalt und ein junger Koch (der aus religiösen Gründen die samstägliche Arbeit verweigert), dort eine Gruppe von Frauen (die allesamt beim Versuch, das Arbeiterparadies unerlaubt zu verlassen, hopsgenommen wurden), dazwischen ein sanftmütiger Wachmann (der seine liebe Not mit der frisch angetrauten Gattin hat) sowie ein mopsiger Apparatschik (der privat einer Leidenschaft für das Abseifen heranwachsender Mädchen frönt). Menzel inszeniert (einmal mehr nach einer Geschichte von Bohumil Hrabal) kein hartes Drama der Unterdrückung, sondern ein kleines Welttheater der Anpassung und des Ungehorsams, der Kontrolle und des Eigensinns, ein menschenfreundlich-märchenhaftes Gesellschaftsstück voller tragikomischer Zwischentöne und ironischer Anspielungen (der kirmeshafte Werksbesuch eines senilen Ministers, ein nelkendekorierter Propagandadreh der staatlichen Wochenschau), ein sanftes Hohelied der Liebe, die noch im grauesten Grau der volksdemokratischen Gegebenheiten erglimmt.

Unmittelbar nach der Fertigstellung verboten, erlebte »Skřivánci na niti« seine Uraufführung auf der Berlinale 1990, wo der Film den Goldenen Bären erhielt. Menzel, der sich anders als Miloš Forman dazu entschlossen hatte, nach der Niederschlagung des Prager Frühlings in seiner Heimat zu bleiben, wurde mit einem Berufsverbot belegt, bevor er seine Arbeit als Regisseur für das Kino Mitte der 1970er Jahre erfolgreich fortsetzen konnte.

17. August 2019

Böhmische Dörfer (1)

Die frühen Filme von Miloš Forman

Miloš Forman kam 1932 in der tschechischen Kleinstadt Čáslav zur Welt. Seine Eltern wurden in deutschen Konzentrationslagern ermordet. Nach dem Krieg besuchte er ein Internat für Kriegswaisen, das er aus politischen Gründen vor dem Abitur verlassen mußte. Seit Anfang der 1950er Jahre studierte Forman Dramaturgie an der Prager Filmhochschule FAMU. 1963 realisierte er seine ersten Werke als Regisseur, zwei mittellange »Halbdokumentationen«. 


1964 | »Konkurs« (»Wettbewerb«)

Die Betreiber der Prager Kleinkunstbühne ›Semafor‹ veranstalten einen Wettbewerb, um eine neue Vokalistin für das Ensemble zu finden. Vor den Musikern Jiří Suchý und Jiří Šlitr (in der wirklichen Wirklichkeit Betreiber der Prager Kleinkunstbühne ›Semafor‹) demonstrieren Dutzende junger Kandidatinnen mehr oder weniger überzeugend ihr stimmliches Können – unter ihnen eine Fußpflegerin mit Drang zu Höherem und die schmollmündig-hochnäsige Sängerin einer Rock’n’Roll-Combo, die im entscheidenden Augenblick keinen Ton herausbringt. Forman betrachtet die (halb arrangierte, halb lebensechte) Talentschau mit dokumentarischer Distanz, ohne sich über Hingabe und Zuversicht der Aspirantinnen lustig zu machen.

1964 | »Kdyby ty muziky nebyly« (»Wenn’s keine Musikanten gäbe«)

Eine halbdokumentarische Feldforschung zum Thema Tradition und Nonkonformismus, ein süffisanter Traktat über Eingliederung und Insubordination. Zwei junge Trompeter spielen in verschiedenen Kapellen, die sich auf die Teilnahme an einem bedeutenden Blasmusikfestival vorbereiten. Am Tag der Tage besuchen die Nachwuchsbläser indes lieber ein Motorradrennen. Für die stolzen Kapellmeister bricht eine Welt zusammen, die ehrvergessenen Orchestermitglieder werden umgehend entlassen. Wenig später finden die beiden Gefeuerten in der jeweils anderen Truppe ein neues blasmusikalisches Zuhause. Forman gibt den Stimmen von Disziplin und Reglement reichlich Raum, nur um die Phraseologie in einer aberwitzigen Schlußpointe lakonisch verpuffen zu lassen.

In den folgenden Jahren drehte Forman drei gesellschaftskritische Komödien, die zu den Hauptwerken der Tschechoslowakischen Neuen Welle zählen. Er besetzte fast ausschließlich Laien- oder Nachwuchsschaupieler und arbeitete bei allen Produktionen mit einem festen Team von Mitarbeitern und Freunden zusammen, u. a. Miroslav Ondříček (Kamera), Miroslav Hájek (Schnitt ) Jaroslav Papoušek und Ivan Passer (Drehbuch und Assistenz). 

1964 | »Černý Petr« (»Der schwarze Peter«)

Für Petr (Ladislav Jakim), 17 Jahre alt, beginnt das Berufsleben in einem Lebensmittelgeschäft. Seine erste Aufgabe ist die Überwachung der hochgeschätzten, doch stets verdächtigen Kundschaft. Ein vermeintlicher Langfinger, den der Auszubildende durch die halbe Stadt verfolgt, erweist sich als guter Bekannter des Chefs, eine Diebin, die ihre Handtasche mit Bonbons füllt, läßt der Detektiv wider Willen gleichgültig laufen. Zuhause hält der rechthaberische Vater lange Vorträge über das Leben und wie es richtig zu leben sei, während die liebende Mutter mit passiv-repressiver Ausdauer die Forderung nach Gegenliebe erhebt. Forman zeigt die Welt, in die hineinzuwachsen jedermanns Bestimmung ist, als Bühne eines absurden Theaters, wo sich die Verunsicherung als Gewißheit tarnt und jede Hinwendung zum Vorwurf wird. Aber auch die Wirklichkeit der Jugendlichen – neben dem Protagonisten richtet Miloš Forman seinen Blick insbesondere auf Petrs Flamme Pavla sowie auf die beiden desorientiert-präpotenten Mauerlehrlinge Cenda und Zdenek – erscheint nicht als Himmel auf Erden, sondern als Sphäre der Verklemmung und der Aufschneiderei, der Unübersichtlichkeit und des (Selbst-)Zweifels. Ob im Schwimmbad oder auf der Sommerwiese, ob auf dem Tanzfest oder in der Wohnzimmergruft, überall zeigt Formans skizzenhafter Realismus – mit bissigem Witz und ironischer Anteilnahme –, wie schwer es fällt, sich nicht den schwarzen Peter zuschieben zu lassen.

1965 | »Lásky jedné plavovlásky« (»Die Liebe einer Blondine«)

Die 18jährige Andula (Hana Brejchová) arbeitet in einer Schuhfabrik irgendwo in der langweiligen tschechischen Provinz. Sie geht mit Tonda, der ihr einen Ring geschenkt hat, flirtet mit einem Förster, der ihr vom abwechslungsreichen Paarungsverhalten der Tiere erzählt, landet nach einem Tanzvergnügen mit notgeilen mittelalten Reservisten im Bett des aus Prag angereisten Pianisten Milda, der ihr nach dem Schäferstündchen erklärt, sie sei wie eine Gitarre, aber nicht so weich geschwungen wie eine echte, sondern so kantig wie eine von Picasso gemalte. Ob es sich dabei um ein Kompliment handelt, bleibt offen. Forman komponiert aus sensibel beobachteten Alltagsmomenten das pointillistische Portrait einer ebenso sehnsüchtigen wie launenhaften jungen Frau sowie das Bild einer Gesellschaft, in der die Sehnsüchte und Launen einer jungen Frau keinen Platz haben. Als Andula, von einer glücklichen Zukunft in der großen Stadt träumend, ihrem One-Night-Lover nachfährt, erlebt sie in Mildas Familie Gleichgültigkeit, Befremden, Zurückweisung. Ihre Illusionen läßt sie sich gleichwohl nicht nehmen: Ein wunderschöner Ausflug sei es gewesen, berichtet Andula ihrer besten Freundin nach der Rückkehr in die Fabrik, die Eltern des Geliebten hätten sich als reizend erwiesen, und von nun an werde sie wohl häufiger nach Prag reisen.

1967 | »Hoří, má panenko« (»Der Feuerwehrball)

Ein glanzvoller Abend soll es werden, mit Mißwahl und Tombola und Auszeichung des verdienten ehemaligen Hauptmanns. Die Feuerwehr gibt ein Fest für das ganze Städtchen, und alles geht schief. Die zur Schönheitskonkurrenz ausgewählten (man könnte auch sagen: abkommandierten) jungen Frauen flüchten von der Bühne auf die Damentoilette, die Gewinne der Geschenkverlosung (unter anderem eine Torte, eine Flasche Cognac, eine Preßwurst) werden samt und sonders gestohlen, der greise Ehrengast (von dem alle außer ihm selbst wissen, daß er tödlich erkrankt ist) sieht sich über einen in der Nachbarschaft ausbrechenden Hausbrand schlichtweg vergessen – und nicht einmal ihrer eigentlichen Aufgabe zeigen sich die Feuerwehrleute gewachsen: angesichts der lodernden Flammen streiten sie vor allem darüber, ober der alte Mann, dessen Hof abbrennt, dem unaufhaltsamen Zerstörungswerk des Feuers zusehen sollte oder besser nicht. In ihren schmucken Uniformen, mit ihrem selbstgefälligen Befehlston, im stolzen Bewußtsein ihrer führenden Rolle erweisen sich die Angehörigen der Organisation als Musterbilder von Inkompetenz, Betriebsblindheit, Wichtigtuerei. Die Frage, ob Forman mit seiner kaleidoskopischen (vorzüglich besetzten) Typenkomödie lediglich allzumenschliche Schwächen karikieren will, oder er ob er die parabolische Spiegelung real-existierender Herrschafts- und Lebensverhältnisse im Sinn hat, mag der Betrachter getreu seines Klassenstandpunkts beantworten.

Während der Niederschlagung des Prager Frühlings 1968 hielt sich Forman in New York auf und entschloß sich, nicht in die Tschechoslowakei (wo sein letzter Film inzwischen »für immer« verboten worden war) zurückzukehren. Er konnte – nach gewissen Startschwierigkeiten – seine Karriere in den USA erfolgreich fortsetzen. Miloš Forman starb 2018 in Connecticut. 

8. Juli 2019

Alles Atze

Artur Brauner 1918 / 2019 

Fünf Lieblingsproduktionen:

• Bombenstimmung: »Epilog – Das Geheimnis der Orplid« (Helmut Käutner, 1950)

• Blüten im Schutt: »Die Spur führt nach Berlin« (Franz Cap, 1952)

• Ende einer Bande: »Am Tag, als der Regen kam« (Gerd Oswald, 1959)

• Menschen im Hotel: »Die 1000 Augen des Dr. Mabuse« (Fritz Lang, 1960)

• Gepäck des Grauens: »Der Todesrächer von Soho« (Jess Franco, 1972)

26. Juni 2019

2019 1/2

Aktuelle Filme im ersten Halbjahr

Januar


Shoplifters von Hirokazu Koreeda (2018) : Was schafft familiäre Bindung: dasselbe Blut in den Adern oder ein liebevoller Umgang und der gemeinschaftliche Verzehr von Nudelsuppe (aus Plastikbechern, wenn es sein muß)? Koreeda verhandelt das Thema erzählerisch auf ermüdend unspektakuläre Weise; zudem verzichtet sein bis zur Tonlosigkeit stilles Sozialdrama weitgehend auf visuelle Raffinesse.

Spider-Man: Into the Spider-Verse von Bob Persichetti & Peter Ramsey & Rodney Rothman (2018) : »Too much of a good thing can be wonderful!« wußte schon Mae West. Die Macher des Films haben sich das Motto der Diva ent­schlossen zu eigen gemacht – von einigen offenbar unvermeidlichen (Vater-Sohn-)Gefühligkeiten abgesehen, bietet ihr diversitär-ironisches Spider-Verse teilchenbeschleunigte Kurzweil und eine ingeniös-psychedelische Verschmelzung von Print- und Animation­sästhetik.

Der Junge muß an die frische Luft von Caroline Link (2018) : Tragikomischer Familienroman, atmosphärisch dichtes Sittenbild der alten Bundesrepublik, Geschichte einer helldunklen Kindheit. Link gestaltet ihre Adaption der Erinnerungen von Hape Kerkeling als berührende Reise durch Außen- und Innenwelten, in denen Schlagerglück und Depressionen, Eierlikör und Karneval, Zusammenhalt und Tod gleichermaßen ihren Platz haben: »Das Leben muß ja irgendwie weitergehen.«

The Favourite von Yorgis Lanthimos (2018) : »Let’s shoot something!« Kabale und Liebe am Hof der ersten britischen Monarchin. Lanthimos’ parabolische Weitwinkel-Groteske der Macht(losigkeit) leuchtet, bei aller dekorativ-amüsanten Bizarrerie, tief in die Abgründe geschundener Seelen, die, ob Herrscher oder Beherrschte, ob handelnd oder behandelt, zu erbärmlichen Sklaven ihrer (politischen, sozialen, erotischen) Rolle werden.

Februar

The Mule von Clint Eastwood (2018) : Ein alter weißer Mann zeigt hitzigen Latinos, wie man zum erfolgreichen Drogenkurier wird: indem man sich an die Verkehrsregeln hält, mal einen Umweg zum besten Pulled-Pork-Sandwich der Welt macht oder einer netten N-Wort-Familie beim Reifenwechsel hilft. Quasi im Vorbeifahren gelingt dem greisen Helden natürlich auch noch die Versöhnung mit der entfremdeten Familie – wohl nur einem liebenswerten Fossil wie Eastwood ist ein solcher Quatsch zu verzeihen.

Brecht von Heinrich Breloer (2019) : Keine Spur von V-Effekt: Breloer setzt auf kreuzbrav-illusionistische Nacherzählung der B.B.-Biographie – zuerst Jugend und Durchbruch, dann Alter und Denkmalwerdung. Wird Brechts künstlerische Persönlichkeit, vor allem in den dargestellten Probensituationen, dabei noch einigermaßen greifbar, bleiben die zahlreichen Frauenfiguren das, was wohl auch der Dichter am liebsten in ihnen sah: Trabanten, die ums Zentralgestirn kreisen.

Roma von Alfonso Cuarón (2018) : Erinnerungen an das Leben in einem gutbürgerlichen Haushalt in Mexico-City zu Beginn der 1970er Jahre. Während draußen vor der Tür die Gesellschaft in blutigen Aufruhr gerät, bröckelt drinnen das heimische Glück: der Vater verläßt Frau und Kinder, das schwangere Hausmädchen bekommt vom Lover den Laufpaß. Cuarón entwickelt die sozialen und privaten Dramen ohne Aufgeregtheit, reiht präzise choreographierte, visuell hochstilisierte Szenen des Alltags und der Sitten, betrachtet die Spiegelung eines Flugzeugs im hin- und herschwappenden Putzwasser mit derselben beiläufigen Teilnahme wie die Hetzjagd auf Menschen in den Straßen der Stadt.

Der Goldene Handschuh von Fatih Akin (2019) : »Es geht eine Träne auf Reisen.« Drastik als ästhetisches Programm – daß Akin einen Serienmörder zuerst und vor allem als Serienmörder zeigt, daß er auch bei der x-ten Bluttat nicht wegschaut, sondern hinsieht, daß es ihm dabei weniger um Kriminalpsychologie oder Gesellschaftskritik zu tun ist, sondern vielmehr um die Gestaltung einer todtraurig-monströsen BRD-Noir-Horror-Schlager-Show, mag man als Voyeurismus oder Sozialpornographie abtun. Man kann es aber auch künstlerische Konsequenz nennen: »Die Märchen wollen nicht mehr Märchen sein.«

März

Vice von Adam McKay (2018) : Nicht nur in Wyoming, auch mancherorts in Hollywood kennt man den Unterschied zwischen richtig und falsch. In diesem Sinne identifiziert McKay Ex-Vizepräsident Dick Cheney als Fürsten der politischen Finsternis, der für ungefähr jede Schweinerei der jüngeren US-Geschichte verantwortlich zeichnet; vor lauter beifallheischender satirischer Schenkelklopferei wird das Objekt seiner Kritik freilich zum Knuddel-Buhmann nachträglicher (und dementsprechend ziemlich nutzloser) liberaler Wohlfühlpropaganda (mit zugegebenermaßen solidem Unterhaltungswert).

The Sisters Brothers von Jacques Audiard (2018) : In diesem schwarzironischen Post-Western schickt Audiard seine Helden (?) nicht nur auf einen abenteuerlichen Trip durch vorzivilisatorische Gefilde, sondern vor allem auf eine innere Reise durch die widersprüchlichen Landschaften ihrer Schwächen (Habgier, Gleichgültigkeit, Brutalität) und Stärken (Fantasie, Ausdauer, Mitleid), um sie den Hort des Glücks nicht an einem utopischen, sondern an einem altbekannten Ort entdecken zu lassen (Wie es bei Novalis heißt: »Wo gehn wir denn hin?« – »Immer nach Hause.«)

Asche ist reines Weiß von Jia Zhangke (2018) : China zwischen Jahrtausendwende und Gegenwart: Zwei Jahrzehnte drastischer wirtschaftlicher, sozialer (und topographischer) Veränderungen liefern den Hintergrund für Jias elegisch-elliptisches Unterweltmelodram, das seine Protagonisten – einen ziemlich glücklosen Provinzmafioso und eine ziemlich willensstarke Gangsterbraut – durch Land und Zeit spült, ohne den Antriebskräften des gesellschaftlichen Umbruchs besondere Aufmerksamkeit zu schenken.

M – Eine Stadt sucht einen Mörder von David Schalko (2019) : Ein Kindermörder versetzt Wien in Angst und Schrecken, die Polizei tappt im Dunkeln (bzw. im Schnee), das Recht sucht sich seinen Weg. Schalkos figurenreiches Update des Fritz-Lang-Klassikers will alles sein –Soziogramm und Zeitstück, Kunstmärchen und Thriller, Drama und Groteske –, richtet das Augenmerk dabei, anders als das Original, nicht auf die Funktionsweise eines städtischen Organismus, sondern (bisweilen recht oberlehrerhaft) auf das Zusammenspiel einer unheiligen Dreifaltigkeit aus Politik, Medien und gesundem Volksempfinden. In der Summe originelles Entertainment, das Langs künstlerischer Meisterschaft freilich um Längen hinterhinkt.

Us von Jordan Peele (2019) : »Ich bin, was du vergessen hast«, sang einst Ingrid Caven; Peele läßt eine ganze Untergrundarmee von Vergessenen aufmarschieren, um zunächst mit der guten alten (schwarzromantischen) Angst des Menschen vor seinem Doppelgänger (als Symbol des Verdrängten und des drohenden Identitätsverlustes) zu spielen und sodann das blutige Strafgericht (Jeremia 11,11) an einer Gesellschaft zu exekutieren, deren Mitglieder auf Kosten anderer (ihrer entwürdigten Ebenbilder ≈ ihrer selbst) leben: »Who are you people?« – »We’re Americans.« Horror mit Botschaft.

April

Dumbo von Tim Burton (2019) : Ein Film wie ein Elefant mit übergroßen Ohren, der, anders als sein Protagonist, zu keinem Zeitpunkt vom Boden abhebt. Burton irrt durch ein Drehbuchgestrüpp aus Mutterkult und Zirkuskitsch, Tierethik und Familienschnulz, wobei er eben jenen ziel- und lustlosen Vergnügungsterror betreibt, den er – in Gestalt eines absurd diabolischen Unterhaltungsmoguls – anzuprangern vorgibt.

Welcome to Marwen von Robert Zemeckis (2018) : Um das Trauma einer fast tödlichen Prügelattacke zu verarbeiten, läßt Mark Hogancamp die Puppen tanzen: In (s)einer phantastisch-therapeutischen Kunstwelt wird der Überlebende zum US-Offizier, der im Belgien des Zweiten Weltkriegs, sekundiert von einem Trupp heldinnenhafter Damen, gegen schier unverwüstliche Hakenkreuzträger zu Felde zieht. Zemeckis inszeniert das Psychodrama eines versehrten Mannes als bizarr-schlüssige Mischung aus intimer Seelenstudie und knallig animierter Naziploitation.

Mai

La dernière folie de Claire Darling von Julie Bertuccelli (2018) : Deneuve als leicht tüdelige alte Dame, die, von einer plötzlichen Todesahnung ergriffen, ihren großbürgerlichen Haushalt verramscht. Hinter den dekorativen Kulissen spukt ein (eher banales) Familiengeheimnis, dem Bertuccelli, auch wenn Vergangenheit und Gegenwart erzählerisch stellenweise sehr elegant ineinanderfließen und der große Ausverkauf in einer (an Antonioni erinnernden) Explosion der Dingwelt kulminiert, kaum emotionalen Suspense abringen kann.

Das Ende der Wahrheit von Philipp Leinemann (2019) : Leinemanns Pullach-Ausgabe eines Internal-Affairs-Geheimdienstthrillers versammelt zwar ein ansehnliches Ensemble (Fehling, Michelsen, Prahl, Zehrfeld, Zirner), aber leider auch alle Langweiligkeiten des Genres: schablonenhafte Charaktere, öde Lagebesprechungen, stereotype Intrigen, krokodilstränenselige Gewissensprüfungen. Das Ende dieser Wahrheit liegt im Schema F begraben.

Greta von Neil Jordan (2018) : Viel Bekanntes spukt durch diesen trashig-eleganten New Yorker Stalker-Thriller: »The Collector« und »Fatal Attraction«, Märchenhexenwesen und Hagsploitation. Jordan tut gut daran, das (psychotische Störungs-)Feld ohne Wenn und Aber der unfehlbaren Isabelle Huppert zu überlassen, die mit selbstironischem Vergnügen die liebesträumerische (und tödlich durchgeknallte) Titelheldin verkörpert.

Juni

Rocketman von Dexter Fletcher (2019) : Zwar hebt auch Fletcher das narrative Reglement des Biopics nichts aus den Angeln, doch immerhin befüllt er seine Musical-Adaption der Vita von Elton John mit reichlich Camp und Schmaltz (und Sex-Appeal), womit er seinem Werk streckenweise jenen vulgärbarocken Drive verleiht, den es seit Ken Russells Künstlerbiographien im Kino ansonsten kaum mehr zu erleben gibt.

Doubles vies von Olivier Assayas (2018) : »The Martians have notebooks in their little hand / Because they’re strangers in this land.« Ist das Leben ein Roman? Ist Kunst eine Fortsetzung der Realität mit anderen Mitteln? Ist die Digitalisierung der folgerichtige Endpunkt menschlicher Entwicklung? Am Beispiel zweier intellektueller Pariser Paare –Verleger und Schauspielerin, Schriftsteller und Politberaterin – dekliniert Assayas diese (und andere) Fragestellungen wortgewandt-vergnüglich durch, ohne daß er vorgäbe, mit Antworten dienen zu können.

The Dead Don’t Die von Jim Jarmusch (2019) : »This is definitely going to end badly«, ahnt Officer Ronald Peterson schon zu Beginn der (ebenso seltsamen wie menschheitsgeschichtlich gesehen seltsam folgerichtigen) Ereignisse: die Toten steigen aus ihren Gräbern, und, gleich den Lebenden, wollen sie mehr von allem. Jarmusch bewahrheitet in seiner gemächlichen Genre-Variation das ungute Gefühl des defätistischen Polizisten mit gewohnter Deadpan-Attitüde: konsequent dezimiert er seinen All-Star-Cast und läßt (unser aller kleine Stadt) Centerville den Siegeszug des kannibalistischen Kapitalismus erleben. Anders gesagt: »What a fucking world.«

Men in Black: International
von F. Gary Gray (2019) : Tritt ein Genre (oder »Franchise«) in die Phase der Selbstbezüglichkeit, schlägt die Stunde der inneren Angelegenheiten. MIB macht da keine Ausnahme und präsentiert im vierten Teil des klotzigen Sci-Fi-Agenten-Action-Spektakels einen internen Schurken, der sich passenderweise mit einer Art von kosmischem Krebsgeschwür assoziiert. Die vom Titel verkündete Internationalität bezieht sich vermutlich auf das wahllose Location-Hopping in schlechtester Bond-Tradition.

O Beautiful Night von Xaver Böhm (2019) : Die nächtliche Stadt als Jenseits im Diesseits, als transzendentes Licht- und Schattenspiel: ein hypochondrischer Jungmann zieht (eher ungewollt) mit dem Tod (in diesem Fall ein osteuropäischer Schluri) um die Häuser und findet die Liebe (in Gestalt einer philosophisch interessierten Peepshow-Tänzerin). Wie alle guten Trips gibt Böhms makaber-farbstarkes Neon-Nocturno weniger auf konventionelle Handlung denn auf ephemere Eindrücke, Emotionen, Erleuchtungen.

19. April 2019

Schwarz sehen (6)

Zwei italienische Noir-Variationen

1943 | »Ossessione« (»Ossessione – Von Liebe besessen«) von Luchino Visconti

Unter den Titeln der Ausblick durch die geteilte Frontscheibe eines Lastwagens: vorne die staubige Straße, links der breite Fluß, rechts das platte Land, über allem der nackte Himmel – eine eintönige Gegend, wie geschaffen für ein mörderisches Drama. Der Lastwagen hält an einer Trattoria mit Zapfstelle. Ein Vagabund steigt von der Ladefläche, argwöhnisch beäugt vom Wirt, einem brummigen Dickwanst. In der Küche trifft der Ankömmling auf die junge Gattin des Besitzers, die sich singend die Nägel lackiert, und schon ihr erster Blickwechsel ist ein gegenseitiges Verschlingen, Ausdruck einer Gier, die kommendes Unheil erahnen läßt. Luchino Visconti verlegt für seinen Debütfilm die Handlung von James M. Cains schwarzem Kriminalroman »The Postman Always Rings Twice« aus dem ländlichen Kalifornien der Depressionszeit in die Tristesse der oberitalienischen Poebene. Prekäre soziale Lage und personelle Konstellation – der attraktiv-willensschwache Drifter (Gino: Massimo Girotti), die frustriert-materialistische Frau (Giovanna: Clara Calamai), der begütert-ahnungslose Alte (Giuseppe: Juan da Landa) – gleichen einander, auch folgt der fatale Ablauf der Geschehnisse – leidenschaftliche Affäre, halbherziger Fluchtversuch, berechnender Mord – weitgehend der Vorlage; doch immer wieder bereichern Visconti und seine Koautoren den Plot um präzise Milieustudien – ein Tanzvergnügen im Gasthaus, das Getriebe eines Marktplatzes, ein volkstümlicher Gesangswettbewerb – und lassen eine Figur auftreten, die einen Ausweg aus dem Teufelskreis von Verlangen, Abhängigkeit, Enttäuschung aufzeigt: der »Spanier«, ein Straßenkünstler, der wie Gino am Rande der Gesellschaft lebt, bietet ein Beispiel für Uneigennützigkeit, Solidarität, Kameradschaft, ein Beispiel das allerdings im konkreten Fall den tödlichen Lauf der Dinge nicht aufhalten kann, sondern (günstigenfalls) Hoffnung auf eine bessere Zukunft macht.

1950 | »Cronaca di un amore« (»Chronik einer Liebe«) von Michelangelo Antonioni

Nein, es sei nicht die alte Geschichte, sagt der Chef einer Mailänder Auskunftei zu dem Mitarbeiter, den er auf die Spur einer attraktiven jungen Frau setzt, deren vermögender Gatte, nach Auffinden einiger alter Fotos, etwas über das Vorleben jener Paola erfahren möchte, die er sieben Jahre zuvor, gegen Ende des Zweiten Weltkrieges, Hals über Kopf geheiratet hat. Mit finsterer Ironie nutzt (und bricht) Michelangelo Antonioni im Folgenden visuelle und narrative Ingredienzen des Film noir, um das von der detektivischen Recherche (die auch nach Ferrara, die Heimatstadt des Regisseurs, führt) in Gang gesetzte Geschehen zu schildern, das eine lange erloschene Liebe hitzig wiederaufflammen läßt und im Tod des wißbegierigen Ehemannes gipfelt. In der Nachfolge Viscontis variiert Antonioni den Erzählkern von Cains Thriller »The Postman Always Rings Twice«, indem er gutbürgerliche Kreise zum Schauplatz der Handlung macht – in langen, sorgfältig arrangierten Einstellungen erzählt er von den Schatten der Vergangenheit und einem Dreieck der Leidenschaft, von Eifersucht und Argwohn, Überdruß und Verachtung, spricht aber auch (und vor allem) von moralischer und emotionaler Indifferenz der Nachkriegszeit, von Eigensucht und Desillusion des beginnenden italienischen Wirtschaftswunders, zieht Parallelen zwischen winterlichen Straßen und verlassenen Plätze, die den inneren Zustand der Protagonisten spiegeln, und der leeren Welt der »weißen Telefone«, ihren teuren Roben, schnellen Autos, luxuriösen Wohnungen, portraitiert mit Lucia Bosè und Massimo Girotti (der eine vergleichbare Rolle zuvor »Ossessione« spielte) schon in seinem ersten Spielfilm ein Paar, das der Krankheit der Gefühle erliegt.