Kino | »L’Odyssée de Cartier« von Bruno Aveillan (2012)
13, rue de la Paix: In der Schaufensterdekoration des Pariser Juweliers Cartier erwacht, von göttlichem (?) Lichtstrahl getroffen, ein diamantener Leopard zu schillerndem Leben. Die elegante Raubkatze springt durch eine imaginäre Glaskuppel, bricht auf zu einer phantastisch-sentimentalen Reise rund um den Globus: durch ein glitzernd-verschneites Rußland, ein von goldenen Drachen beherrschtes China, ein legendäres Indien der Maharadschas und Prachtelefanten; von dort, mit dem Aeroplan des brasilianischen Flugpioniers Santos Dumont, zurück in die erstaunlichste Stadt des Universums, in die Kapitale einer immerwährenden Belle Époque, genauer gesagt auf das Dach des Grand Palais und weiter über die hochklassisch-barocke place Vendôme in einen kostbaren Salon Louis XVI, der, wohl nicht von ungefähr an die Schlußsequenz von Stanley Kubricks Science-Fiction-Edelstein »2001: A Space Odyssey« mit seiner gleißenden Vision der ewigen Wiederkehr erinnert. Der Leopard aber, diese stolze, weitgereiste Kreatur, läßt sich von einer schönen, reichen Frau streicheln und verschwindet handzahm in der erlesenen Geschenkbox des prominenten Schmuckverkäufers. Interessant, wie sich die ungeheuer aufwendige Beschwörung von handwerklicher Tradition und künstlerischer Inspiration mit dem gezielt kühlen Blick auf die Märkte der BRIC-Staaten verbindet, die im Jahre 2001 (!) vom Ökonomen Jim O’Neill als potente Kundschaft der Zukunft ausgemacht wurden. Paris, so scheint es, fügt sich endgültig (vielleicht stellvertretend für das ganze »alte Europa«) in jenes Schicksal, das ihm einst Adolf Hitler zugedacht hatte: Galanteriewarenladen der Welt zu werden.
13. Mai 2012
To love a wild thing
Buch | »Fifth Avenue, 5 A.M.« von Sam Wasson (2010)
Nach seiner fulminanten Blake-Edwards-(Werk-)Biographie »A Splurch in the Kisser« (≈ Ein Ding in die Fresse) liefert Sam Wasson das Close-up jenes Filmes, mit dem der Regisseur zur Meisterschaft fand, auch wenn es sich bei diesem Werk, rückblickend, um eines seiner untypischsten handelte; zugleich richtet der Autor den Blick auf die (Star-) Persönlichkeit der Hauptdarstellerin Audrey Hepburn, die sich mit »Breakfast at Tiffany's« aus der fragilen Unantastbarkeit ihres Prinzessinnen-Images herausspielte, das sie zum Schwiegertochterideal der 1950er Jahre hatte erstarren lassen. Wasson rekapituliert, gut informiert und imaginativ, die Entstehung des Romanvorlage von Truman Capote und die Produktionsgeschichte der Adaption, er schreibt, leichtfüßig und erhellend, anhand eines epochalen Films Kultur- und Geschlechterhistorie. »Breakfast at Tiffany's« wird als Wendemarke zwischen den sittlich betonierten Eisenhower-Ära und der Aufbruchstimmung der Kennedy-Jahre faßbar: Erstmals konnte eine unverheiratete Frau auf der Leinwand Sex haben, ohne deswegen vor die Hunde (oder Katzen) zu gehen – ein Novum, das Holly Golightly (und damit die neuerfundene Audrey) zur Ikone der Präfeministinnen werden ließ. Wasson richtet ein Schlaglicht auf die Schriftstellerin Colette, die sowohl in Capotes als auch in Hepburns Leben eine entscheidende Rolle spielte, er erklärt, inwiefern ein schwarzes Kleid erotische Aufgeschlossenheit signalisiert, er malt das anschaulich-facettenreiche Sittenbild einer Gesellschaft im Umbruch, er zeigt, wieviel Zufall, Chuzpe und Frustration nötig sind, um einen romantisch-komödiantischen Klassiker zu schaffen.
Nach seiner fulminanten Blake-Edwards-(Werk-)Biographie »A Splurch in the Kisser« (≈ Ein Ding in die Fresse) liefert Sam Wasson das Close-up jenes Filmes, mit dem der Regisseur zur Meisterschaft fand, auch wenn es sich bei diesem Werk, rückblickend, um eines seiner untypischsten handelte; zugleich richtet der Autor den Blick auf die (Star-) Persönlichkeit der Hauptdarstellerin Audrey Hepburn, die sich mit »Breakfast at Tiffany's« aus der fragilen Unantastbarkeit ihres Prinzessinnen-Images herausspielte, das sie zum Schwiegertochterideal der 1950er Jahre hatte erstarren lassen. Wasson rekapituliert, gut informiert und imaginativ, die Entstehung des Romanvorlage von Truman Capote und die Produktionsgeschichte der Adaption, er schreibt, leichtfüßig und erhellend, anhand eines epochalen Films Kultur- und Geschlechterhistorie. »Breakfast at Tiffany's« wird als Wendemarke zwischen den sittlich betonierten Eisenhower-Ära und der Aufbruchstimmung der Kennedy-Jahre faßbar: Erstmals konnte eine unverheiratete Frau auf der Leinwand Sex haben, ohne deswegen vor die Hunde (oder Katzen) zu gehen – ein Novum, das Holly Golightly (und damit die neuerfundene Audrey) zur Ikone der Präfeministinnen werden ließ. Wasson richtet ein Schlaglicht auf die Schriftstellerin Colette, die sowohl in Capotes als auch in Hepburns Leben eine entscheidende Rolle spielte, er erklärt, inwiefern ein schwarzes Kleid erotische Aufgeschlossenheit signalisiert, er malt das anschaulich-facettenreiche Sittenbild einer Gesellschaft im Umbruch, er zeigt, wieviel Zufall, Chuzpe und Frustration nötig sind, um einen romantisch-komödiantischen Klassiker zu schaffen.
12. Mai 2012
The Return of the Curse of the Ghost of the Demon of the Nighthmare
Kino | »Dark Shadows« von Tim Burton (2012)
Sicherlich könnte man über »Dark Shadows« mit Fug und Recht sagen, daß Tim Burton sich einmal mehr wiederhole, daß er einmal mehr den knorrigen Baum und das verwunschene Haus bemühe, daß Johnny Depp einmal mehr die Johnny-Depp-spielt-den-Tim-Burton-(Anti-)Helden-Maske trage, man könnte aber auch sagen, daß der Regisseur einmal mehr die Motive seiner Kunst durchspiele: existentielle Einsamkeit und Sehnsucht nach Zugehörigkeit, Unverstandensein und Liebeswahn, ewige Wiederkehr und Hoffnung auf Erlösung, Grauen und Schutz der Dunkelheit. Der Verzicht auf eine konzise Handlung, die Reduzierung der Figuren auf plakative Schablonen hätte »Dark Shadows« zu einem Prachtstück geraten lassen können, wäre Burton über die Klippe der Konsequenz ins Meer der Abstraktion gesprungen. Da er dies nicht tat, da er seine vampiristische Familienaufstellung mit Fragmenten von Inhalt, mit Rudimenten von Psychologie befrachtet, macht sich leise Enttäuschung breit: entweder ist da zu viel (Aktion, Erklärung, Erzählung) oder zu wenig (freies Spiel, Poesie, Erleuchtung). Was bleibt, sind eine ganze Reihe von wunderbaren Momenten (Hippies im Wald, Sex unter Monstren, ein brennender Nachzehrer, Christopher Lee als greiser Seebär und und und) sowie die beruhigende Feststellung, daß Burton, auch wenn er stottert, lallt oder nuschelt, immer (noch) in seinem ganz eigenen Idiom, immer (noch) in der ersten Person spricht.
Sicherlich könnte man über »Dark Shadows« mit Fug und Recht sagen, daß Tim Burton sich einmal mehr wiederhole, daß er einmal mehr den knorrigen Baum und das verwunschene Haus bemühe, daß Johnny Depp einmal mehr die Johnny-Depp-spielt-den-Tim-Burton-(Anti-)Helden-Maske trage, man könnte aber auch sagen, daß der Regisseur einmal mehr die Motive seiner Kunst durchspiele: existentielle Einsamkeit und Sehnsucht nach Zugehörigkeit, Unverstandensein und Liebeswahn, ewige Wiederkehr und Hoffnung auf Erlösung, Grauen und Schutz der Dunkelheit. Der Verzicht auf eine konzise Handlung, die Reduzierung der Figuren auf plakative Schablonen hätte »Dark Shadows« zu einem Prachtstück geraten lassen können, wäre Burton über die Klippe der Konsequenz ins Meer der Abstraktion gesprungen. Da er dies nicht tat, da er seine vampiristische Familienaufstellung mit Fragmenten von Inhalt, mit Rudimenten von Psychologie befrachtet, macht sich leise Enttäuschung breit: entweder ist da zu viel (Aktion, Erklärung, Erzählung) oder zu wenig (freies Spiel, Poesie, Erleuchtung). Was bleibt, sind eine ganze Reihe von wunderbaren Momenten (Hippies im Wald, Sex unter Monstren, ein brennender Nachzehrer, Christopher Lee als greiser Seebär und und und) sowie die beruhigende Feststellung, daß Burton, auch wenn er stottert, lallt oder nuschelt, immer (noch) in seinem ganz eigenen Idiom, immer (noch) in der ersten Person spricht.
11. Mai 2012
Teekanne und Kuchen und Ball (und Geisterreiter am Himmel)
DVD | »Der Kommissar« von Herbert Reinecker und Zbynek Brynych (1969/1970)
Herbert Reineckers Kommissar Herbert Keller war der Willy Brandt unter den deutschen Fernsehermittlern. Beide traten ihr Amt 1969 an, beide versahen es in einer Zeit tiefgreifender gesellschaftlicher und kultureller Umbrüche, beiden eignete die gleiche, stets ein wenig resignative, sozialliberale Toleranz, beide hatten die gleiche hohe Stirn, die gleichen feinen Züge, beide hegten eine Leidenschaft für Zigaretten und sprachen, vielleicht nicht ohne Grund, dem Cognac zu.
Kommissar Keller, verkörpert von Erik Ode, ermittelte mit seinen drei Assistenten – Grabert (der Schöne – Günther Schramm), Heines (der Grobe – Reinhard Glemnitz) und Klein (der Sanfte – Fritz Wepper) – nebst Faktotum »Rehbeinchen« (zuständig für Kaffeekochen, Ausschank von Hochprozentigem und Steno: Helma Seitz) in insgesamt 97 (Todes-) Fällen. (Leider nur) vier Folgen inszenierte der tschechische Regisseur Zbynek Brynych, der Reineckers entrückten Blick auf die ihm nicht geheuren Zeitläufte, sein Faible für unheilschwangere personelle Konstellationen, seine echohaft-zwangsgestörten Wortwechsel bravourös gegen den Strich bürstete und in hintergründig-ausdrucksstarke sittenbildnerische Fieberträume verwandelte:
Herbert Reineckers Kommissar Herbert Keller war der Willy Brandt unter den deutschen Fernsehermittlern. Beide traten ihr Amt 1969 an, beide versahen es in einer Zeit tiefgreifender gesellschaftlicher und kultureller Umbrüche, beiden eignete die gleiche, stets ein wenig resignative, sozialliberale Toleranz, beide hatten die gleiche hohe Stirn, die gleichen feinen Züge, beide hegten eine Leidenschaft für Zigaretten und sprachen, vielleicht nicht ohne Grund, dem Cognac zu.
Kommissar Keller, verkörpert von Erik Ode, ermittelte mit seinen drei Assistenten – Grabert (der Schöne – Günther Schramm), Heines (der Grobe – Reinhard Glemnitz) und Klein (der Sanfte – Fritz Wepper) – nebst Faktotum »Rehbeinchen« (zuständig für Kaffeekochen, Ausschank von Hochprozentigem und Steno: Helma Seitz) in insgesamt 97 (Todes-) Fällen. (Leider nur) vier Folgen inszenierte der tschechische Regisseur Zbynek Brynych, der Reineckers entrückten Blick auf die ihm nicht geheuren Zeitläufte, sein Faible für unheilschwangere personelle Konstellationen, seine echohaft-zwangsgestörten Wortwechsel bravourös gegen den Strich bürstete und in hintergründig-ausdrucksstarke sittenbildnerische Fieberträume verwandelte:
»Ich versuche, die Unberechenbarkeit der Emotionen zu kalkulieren. So komme ich auch zu den oft abrupten Übergängen, zu den Überraschungen und unlogischen Momenten. Durch die zwingt man die Zuschauer, sich zu fragen: Was soll das jetzt?« (Zbynek Brynych in einem Gespräch mit Stefan Ertl und Rainer Knepperges)
Vier alltägliche Verwirrungen
(K Kamera | M Musik | D Darsteller (in allen Episoden Erik Ode, Günter Schramm, Reinhard Glemnitz, Fritz Wepper, Helma Seitz) | E Erstausstrahlung)
Die Schrecklichen
K Rolf Kästel M Peter Thomas D Dirk Dautzenberg, Helga Anders, Karl Walter Diess, Hans Schweikart, Albert Hoerrmann, Thomas Ohrner E 17. Juni 1969 | »Was heute passieren wird, werden die meisten erst morgen erfahren.« Am Isarwehr liegt ein Toter. Besoffen war er. Ertrunken ist er. Und beraubt hat man ihn. Es ist schon der dritte, den man dort findet. Wer aber sind die fünf alten Männer in Schwarz, die immer um das Wehr schleichen? Warum folgt ihnen stets ein kleiner Junge (Tommi ›Timm Thaler‹ Ohrner!) mit einem Ball? Welche Rolle spielt der schmierige Kneipier, der das Opfer am Vorabend der Tat mit Alkohol abfüllte? Hat die (junge) Alte des Wirts, die alle Kerle mit offenen Lippen ansieht, etwas mit der Sache zu tun? Oder seine verstörte Tochter, die auf gepackten Koffern sitzt, bereit, mit jedem zu gehen, der sie fortbringen würde? Oder der abgerissene Nachbar, der einer verlorenen Liebe nachtrinkt? Aber da sind ja schon wieder die fünf unwürdigen Greise. Sie johlen. Sie feixen. Sie warten. Auf wen?
Der Papierblumenmörder
K Manfred Ensinger M Peter Thomas D Christiane Schröder, Gisela Fischer, Thomas Fritsch, Hilde Weissner, Herbert Tiede, Eva Mattes E 16. Januar 1970 | Ein zerbeulter VW-Bus auf dem Autofriedhof. Darin sitzt Billy, blickt dir in die Augen und fleht: »Bitte, schieß doch.« Dann wird sie von der tödlichen Kugel ins Herz getroffen. Billy war ein Mädchen aus dem Fürsorgeheim. Ihre beste Freundin Bonny (Christiane Schröder – eine Art Julianne Moore der alten Bundesrepublik, in einem Augenblick ätherisch-verträumt, dann wieder, ganz plötzlich, feindlich und schrill) glaubt zu wissen, wer den Schuß abfeuerte: Billys reicher Gönner, ein Mann in den besten Jahren, einer, den sie wirklich mochte, weil er der Vater war, den sie vermißte. Durch ein Delirium aus wilden Schwenks und Reißzooms, vorbei an Gammlern und einer reichlich empathischen Jugendpyschologin tastet (und tanzt!) sich der Kommissar an ein weiteres verdächtiges Subjekt heran: »Teekanne« (Thomas Fritsch als zerfranste Sumpfblüte aus dem Blumenkindergarten), der nicht spricht und nichts besitzt, nur eben eine Teekanne und – einen rostigen Revolver.
Tod einer Zeugin
K Manfred Ensinger M Herb Alpert D Götz George, Werner Bruhns, Wolfgang Spier, Klaus Dahlen, Renate Roland E 6. Februar 1970 | Ein Callgirl liegt erschossen auf ihrem Flauschfell. Erschossen? Erschossen. Der Tod der Dame hat, so scheint es, etwas mit Erpressung von Kunden zu tun. Ihr langjähriger Spießgeselle könnte die Tat beauftragt haben, weil sie aussteigen und gegen ihn aussagen wollte. Vielleicht war es aber auch ganz anders. Der querschnittgelähmte Nachbar hat von seinem Fenster aus alles gesehen, will aber nicht raus mit der Sprache. Dabei sind: George als pelz- und nadelstreifentragender Psycho-Lachsack, Dahlen als ewig kuchenfressender Dummkopf, Spier als ertappter Freier, Renate Roland als Gaga-Girl von nebenan. Dazu dudelt von einem Tonband in quälender Endlosschleife Herb Alperts »A Banda« (wozu es die Nutte zu Lebzeiten stets getrieben hat), während irgendjemand immer mal wieder völlig grundlos in schallendes Gelächter ausbricht.
Parkplatz-Hyänen
K Manfred Ensinger M Tom Jones D Marianne Hoppe, Johannes Heesters, Werner Pochath, Ida Krottendorf, Eva Mattes, Günther Neutze, Michael Jakubeck, Raul Fernandez E 27. Februar 1970 | »Their faces gaunt, their eyes were blurred, their shirts all soaked with sweat …« Ein Toter an der Autobahn. Beraubt und erschossen. In Verdacht geraten die Brüder Boszilke. Die mit allerhand dubiosem Geschwärtel bei den Eltern leben. Während Vater Eberhard (›Jopi‹ Heesters als Zirkuskönig ohne Reich) Hähnchen zerfleischt und über imaginäre Krankheiten lamentiert, hat Mutter Lotte (die Hoppe als reizbar-absolutistische Megäre) eine fürsorgliche Schreckensherrschaft über sämtliche Idioten der Familie errichtet, eine Despotie, der niemand entgeht, die alle beschützt. Blut mag dicker sein als Schnaps, dennoch ist es nur eine Frage der Zeit bis unter dem starren Blick des Kommissars der Herbst der Matriarchin anbricht und die Wahrheit ans Licht des trüben Tages kommt. »Yippie yi ohhhhh! / Yippie yi yaaaaay!«
»Ich habe die Ansicht, wenn man in 50 Jahren etwas über die Zeit vor 50 Jahren erfahren will, dann wird man das am ehesten durch die Krimis erfahren.« (Zbynek Brynych)
Vier alltägliche Verwirrungen
(K Kamera | M Musik | D Darsteller (in allen Episoden Erik Ode, Günter Schramm, Reinhard Glemnitz, Fritz Wepper, Helma Seitz) | E Erstausstrahlung)
Die Schrecklichen
K Rolf Kästel M Peter Thomas D Dirk Dautzenberg, Helga Anders, Karl Walter Diess, Hans Schweikart, Albert Hoerrmann, Thomas Ohrner E 17. Juni 1969 | »Was heute passieren wird, werden die meisten erst morgen erfahren.« Am Isarwehr liegt ein Toter. Besoffen war er. Ertrunken ist er. Und beraubt hat man ihn. Es ist schon der dritte, den man dort findet. Wer aber sind die fünf alten Männer in Schwarz, die immer um das Wehr schleichen? Warum folgt ihnen stets ein kleiner Junge (Tommi ›Timm Thaler‹ Ohrner!) mit einem Ball? Welche Rolle spielt der schmierige Kneipier, der das Opfer am Vorabend der Tat mit Alkohol abfüllte? Hat die (junge) Alte des Wirts, die alle Kerle mit offenen Lippen ansieht, etwas mit der Sache zu tun? Oder seine verstörte Tochter, die auf gepackten Koffern sitzt, bereit, mit jedem zu gehen, der sie fortbringen würde? Oder der abgerissene Nachbar, der einer verlorenen Liebe nachtrinkt? Aber da sind ja schon wieder die fünf unwürdigen Greise. Sie johlen. Sie feixen. Sie warten. Auf wen?
Der Papierblumenmörder
K Manfred Ensinger M Peter Thomas D Christiane Schröder, Gisela Fischer, Thomas Fritsch, Hilde Weissner, Herbert Tiede, Eva Mattes E 16. Januar 1970 | Ein zerbeulter VW-Bus auf dem Autofriedhof. Darin sitzt Billy, blickt dir in die Augen und fleht: »Bitte, schieß doch.« Dann wird sie von der tödlichen Kugel ins Herz getroffen. Billy war ein Mädchen aus dem Fürsorgeheim. Ihre beste Freundin Bonny (Christiane Schröder – eine Art Julianne Moore der alten Bundesrepublik, in einem Augenblick ätherisch-verträumt, dann wieder, ganz plötzlich, feindlich und schrill) glaubt zu wissen, wer den Schuß abfeuerte: Billys reicher Gönner, ein Mann in den besten Jahren, einer, den sie wirklich mochte, weil er der Vater war, den sie vermißte. Durch ein Delirium aus wilden Schwenks und Reißzooms, vorbei an Gammlern und einer reichlich empathischen Jugendpyschologin tastet (und tanzt!) sich der Kommissar an ein weiteres verdächtiges Subjekt heran: »Teekanne« (Thomas Fritsch als zerfranste Sumpfblüte aus dem Blumenkindergarten), der nicht spricht und nichts besitzt, nur eben eine Teekanne und – einen rostigen Revolver.
Tod einer Zeugin
K Manfred Ensinger M Herb Alpert D Götz George, Werner Bruhns, Wolfgang Spier, Klaus Dahlen, Renate Roland E 6. Februar 1970 | Ein Callgirl liegt erschossen auf ihrem Flauschfell. Erschossen? Erschossen. Der Tod der Dame hat, so scheint es, etwas mit Erpressung von Kunden zu tun. Ihr langjähriger Spießgeselle könnte die Tat beauftragt haben, weil sie aussteigen und gegen ihn aussagen wollte. Vielleicht war es aber auch ganz anders. Der querschnittgelähmte Nachbar hat von seinem Fenster aus alles gesehen, will aber nicht raus mit der Sprache. Dabei sind: George als pelz- und nadelstreifentragender Psycho-Lachsack, Dahlen als ewig kuchenfressender Dummkopf, Spier als ertappter Freier, Renate Roland als Gaga-Girl von nebenan. Dazu dudelt von einem Tonband in quälender Endlosschleife Herb Alperts »A Banda« (wozu es die Nutte zu Lebzeiten stets getrieben hat), während irgendjemand immer mal wieder völlig grundlos in schallendes Gelächter ausbricht.
Parkplatz-Hyänen
K Manfred Ensinger M Tom Jones D Marianne Hoppe, Johannes Heesters, Werner Pochath, Ida Krottendorf, Eva Mattes, Günther Neutze, Michael Jakubeck, Raul Fernandez E 27. Februar 1970 | »Their faces gaunt, their eyes were blurred, their shirts all soaked with sweat …« Ein Toter an der Autobahn. Beraubt und erschossen. In Verdacht geraten die Brüder Boszilke. Die mit allerhand dubiosem Geschwärtel bei den Eltern leben. Während Vater Eberhard (›Jopi‹ Heesters als Zirkuskönig ohne Reich) Hähnchen zerfleischt und über imaginäre Krankheiten lamentiert, hat Mutter Lotte (die Hoppe als reizbar-absolutistische Megäre) eine fürsorgliche Schreckensherrschaft über sämtliche Idioten der Familie errichtet, eine Despotie, der niemand entgeht, die alle beschützt. Blut mag dicker sein als Schnaps, dennoch ist es nur eine Frage der Zeit bis unter dem starren Blick des Kommissars der Herbst der Matriarchin anbricht und die Wahrheit ans Licht des trüben Tages kommt. »Yippie yi ohhhhh! / Yippie yi yaaaaay!«
»Ich habe die Ansicht, wenn man in 50 Jahren etwas über die Zeit vor 50 Jahren erfahren will, dann wird man das am ehesten durch die Krimis erfahren.« (Zbynek Brynych)
10. Mai 2012
Der Mensch als Unternehmer seiner selbst
DVD | »Yella« von Christian Petzold (2007)
»I been travellin' / Gone a long long time.« Eine Frau geht durch ihre alte Stadt. Wie durch Feindesland. Ein Mann verfolgt die Frau. Wie ein Gespenst aus früherer Zeit. Sie will weg. Er hält sie fest … Ein dunkler Anzug. Ein rotes Auto. Eine Brücke über den Fluß. Ein verzweifeltes »Ich liebe dich«. Ein berstender Lärm. Der Schrei einer Krähe. Der Wind in den Weiden. Das Wasser. Das Wasser … »Yella« erzählt den Kapitalismus als eisig-ergreifende Nahtoderfahrung. Als monotonen Karneval der toten Seelen. Als knallhart-poetischen Zombiefilm, in dem die menschliche Existenz wie die ewige und unausweichliche Wiederkehr des schon Gehörten, des schon Gesehenen, des immer schon Gewußten erscheint. Revolution … war gestern. »Yella« ist von der geisterhaften Schönheit moderner Glasarchitekturen, die durchsichtig wirken, lichterfüllt und schwebend, die in Wirklichkeit aber nichts anderes sind als klimatisierte Särge, in denen man die Lebenden lebendig begräbt. »Scared of what I'd find / I can't I just can't walk down this road.«
9. Mai 2012
Mord ist ein Mord ist ein Mord ist ein Mord
DVD | »Derrick« von Herbert Reinecker (Folgen 31 bis 45 1977/1978)
»Wenn ich an Gott glaube – was zunehmend schwerfällt –, dann muß ich logischerweise feststellen, daß Gott auch die Mörder geschaffen hat.« (Herbert Reinecker)
R Regie | D Darsteller (in allen Folgen: Horst Tappert und Fritz Wepper) | E Erstausstrahlung | +++ ausgezeichnet | ++ sehenswert | + mäßig
Hals in der Schlinge
R Alfred Vohrer D Helga Anders, Herbert Fleischmann, Günter Strack, Christine Kaufmann, Willi Kowalj E 6. Februar 1977 | Eben noch tanzen die Geschwister Geserke mit Freunden einen Sirtaki vor der väterlichen Villa, im nächsten Moment schon finden sie ihren alten Herrn erhängt auf dem Dachboden. Tochter Heli (Anders) will nicht an Freitod glauben: Es gebe keinen Grund! Und wenn schon Hand an sich legen, dann bestimmt nicht mit einem Strick. Aber gibt es ein Motiv für Mord an dem gutsituierten Finanzkaufmann? Dessen Geschäftsführer Ludemann (Fleischmann) spricht von verlustreichen Transaktionen in Venezuela. Doch warum ist Ludemann so nervös? Was bedeutet seine intime Freundschaft zur schönen Tochter des Baulöwen Kless (Strack) – Kless, der sich von ganz unten hocharbeitete, der Austernpartys in Luxusrestaurants gibt, der davon träumt, einmal so etwas Gigantisches wie das Olympiastadion zu bauen, der kurz vor der Pleite steht, der alles verlöre, wenn er nicht endlich das Grundstück in bester Lage erwerben könnte, jenes Areal, das Geserke keinesfalls verkaufen wollte. | ++
Eine Nacht im Oktober
R Wolfgang Becker D Bernhard Wicki, Brigitte Horney, Traugott Buhre, Malte Thorsten, Iris Berben, Gertrud Kückelmann E 6. März 1977 | Die Nacht als Rosy Kramer starb: Das muntere Hausmädchen läßt seinen Freund Werner (Thorsten) in der Disco stehen. Der läuft ihr frustriert nach, sieht wie Rosy (Berben) zu einem Unbekannten in den Wagen steigt. Kurze Zeit später ist vor der Villa ihres Arbeitgebers ein Schrei zu hören: Rosy wurde erstochen. Der Mann, der sie mitnahm, ist schnell gefunden: Steinbrink (Buhre), ein notorischer Aufreißer, der als fliegender Händler Topfputzmittel feilbietet. Rosys Dienstherr, der quecksilbrige Anwalt Dr. Lechner (Wicki), hilft, Beweismittel zur Überführung des Tatverdächtigen beizubringen. Was will er unter dem eilig aufgehäuften Material verstecken? Was weiß Dr. Lechners trübsinnige Ehefrau? Hatte sie Kenntnis von der intimen Beziehung zwischen ihrem Gatten und der Toten? Was haben Dr. Lechners kerzengerade Mutter (Horney) und ihre diskrete Gesellschafterin Schweik (Kückelmann) in jener Nacht wirklich gesehen? Nichts, wie sie behaupten – oder wurden sie vor ihrem unglücklichen Haus Zeugen einer tödlichen Gefühlsexlopsion? | ++
Offene Rechnung
R Alfred Vohrer D Rudolf Platte, Edith Heerdegen, Rudolf Schündler, Rudolf Fernau, Konrad Georg, Alf Marholm E 20. März 1977 | Ein hochbetagter, aus offener Wunde blutender Herr wird von vier Generations genossen, drei Männern und einer Frau, quer durch die Stadt geschleppt, in ein gestohlenes Auto verfrachtet und schließlich vor die Pforte des Seniorenheimes gelegt, in dem sie alle – altersgemäß und ungern – ihren sogenannten Lebensabend verbringen. Diese unwürdigen Greise, von der Gesellschaft, die sie einst mitbauten, die ihnen vieles zu danken hätte, abgeschrieben und ausgemustert, lieblos beiseite geschoben und mit läppischem Taschengeld versehen, verweigern die ihnen gebührliche Lautlosigkeit, das ergebene Warten auf den Antritt der letzten Reise. Sie ziehen heimlich aus, ihren tristen Alltag aufzupeppen, neue Abenteuer zu erleben, sich wieder Flügel wachsen zu lassen. Daß sie dabei ein wenig zu hoch flögen, daß sich in dünner Luft ein Schuß löste, der einen von ihnen tödlich träfe, sie mögen es nicht gewollt, aber vielleicht billigend in Kauf genommen haben: lieber in Stiefeln sterben als im Bett. | +++
Tod des Wucherers
R Zbynek Brynych D Gerd Baltus, Agnes Dünneisen, Peter Kuiper, Ida Krottendorf, Ursula Grabley E 3. April 1977 | Der Tod des in seiner Badewanne bestialisch erschlagenen Kredithais Minsch (Kuiper) – er verlangte von seinen Schuldnern zweieinhalb Prozent Zinsen pro Monat – wird von niemandem beklagt: weder vom linkisch-beflissenen Buchhalter Winterhammer (Baltus), noch vom rechtschreibschwach-koketten Tippfräulein Hensch (Dünneisen), auch nicht von der lustigen Witwe (Krottendorf) und ihrer mopsfidelen Mutter (Grabley), die gleich nach dem Ableben des cholerischen Halsabschneiders ein Freudenfest mit lauter Musik und reichlich Champagner für ihre Liebhaber und für die Freunde der Familie schmeißen. Über die Toten nur Gutes, hieß es bereits im alten Rom, wo man auch schon wußte, daß Geld nicht stinkt – doch was gäbe es über einen asozialen Akkumulanten Positives zu berichten, und wie könnte man am Pesthauch gewissenlos angehäuften Kapitals einfach vorbeiriechen? | +++
Das Kuckucksei
R Alfred Vohrer D Ralf Schermuly, Gerd Böckmann, Werner Hinz, Alexander Kerst, Elisabeth Volkmann, Karin Hardt E 12. Juni 1977 | Fuhrunternehmer Eberhard Horre (Schermuly) droht, den Boden unter den Füßen zu verlieren: Im selben Moment, da er seine geliebte Gattin durch ein Gewaltverbrechen verliert, wird ihm klar, daß er eine heimliche Prostituierte geheiratet hat, die bis zu ihrem Tod weiterhin Kunden empfing, um das schwächelnde Transportgeschäft ihres Mannes finanziell zu unterstützen. Die Angehörigen des Trauernden – Vater, Mutter, Onkel – sind weniger bestürzt über den brutalen Mord als empört darüber, daß sich eine Nutte in die achtbare Familie einschlich. Der alte Horre (Hinz), Patriarch von echtem Schrot und Korn, verkündet gar im Brustton der Selbstüberzeugung, die Schwiegertochter höchstpersönlich erschlagen zu haben, hätte er von ihrem Doppelleben gewußt. Nur Horres aufgeklärter Bruder Alfred (Böckmann) scheint frei von der gutbürgerlichen Ehrauffassung, die einen Menschen lieber tot sieht als sittlich befleckt und die für moralische Probleme endgültige Lösungen anstrebt. | ++
Mord im TEE 91
R Zbynek Brynych D Alwy Becker, Harry Meyen, Siegfried Rauch, Sepp Wäsche, Erland Erlandsen E 10. Juli 1977 | In einem Abteil des gerade in den Zielbahnhof eingelaufenen Trans-Europ-Express ›Blauer Enzian‹ findet die Zugsekretärin einen Herrn mit Kopfschuß und ohne Papiere. Dem Oberinspektor ist der Tote bekannt, da er mit ihm gelegentlich Schach in seinem Stammlokal zu spielen pflegte. Spätestens als die Ermittler das Apartment des ermordeten Herr Kessmer von Dieben durchwühlt vorfinden, liegt klar, daß der vermeintliche Journalist und Hobbymaler kein zufälliges Gewaltopfer darstellt. Ein weites Feld der Unübersichtlichkeit tut sich auf, eine Landschaft des Verrats, wo Geheimniskrämer Informationen verschachern und die Grenzlinien zwischen den Lagern nicht mehr klar erkennbar sind. Neben anderen fragwürdigen Gestalten erscheinen der sinistre Londoner Kunsthändler Harris (Meyen) und die enigmatische Chefsekretärin Andrea (Becker) als Akteure in einem konfusen Intrigenspiel der Dienste, das um die Identität eines renegatischen Mannes im Hintergrund kreist: Wer ist ›Olaf‹? | ++
Via Bangkok
R Theodor Grädler D Thomas Hotzmann, Cornelia Froboess, Christian Wolff, Gustl Halenke, Peter Capell E 21. August 1977 | Jakob Renz (Holtzmann), Cellist in einem Symphonieorchester, kommt von einer Asientournee nach Hause zurück. Seine querschnittsgelähmte Frau (Halenke) beunruhigt sich über den erschöpft wirkenden Ehemann. Noch am selben Tag begibt sich der Heimkehrer zu einem konspirativen Treffen, wird brutal zusammengeschlagen, stirbt in der Folge an einem Herzanfall. Von seiner am Boden zerstörten Tochter Helga (Froboess) verlangen anonyme Anrufer ultimativ die Herausgabe eines Paketes, das sich in der Obhut ihres Vaters befinde, aber nicht ihm gehöre. Auch Renz’ ungewöhnlich teilnahmsvoller Kollege Rosska (Wolff) rät dringend zur Übergabe der bewußten Fracht an die namenlosen Angstmacher. Durch die rätselhaften Ereignisse hindurch wird das Bild eines hochsensiblen Mannes erkennbar, der aus liebender Sorge um seine invalide Gattin zu einem anderen werden wollte, dessen feindlichen Lebensumständen er nicht gewachsen war. | +
Inkasso
R Helmuth Ashley D Monika Gabriel, Karl Walter Diess, Lisa Kreuzer, Dieter Schidor, Joachim Wichmann E 18. September 1977 | Werner Rombach wird erschossen im Kofferraum seines Autos gefunden. Kollegen und Bekannte des allseits beliebten Gesellschafters sind überrascht: Mord – das paßt nicht zu dem stets gutgelaunten Leichtfuß. Nur die geschiedene Frau (Gabriel) des Opfers weint dem Mann, den sie besser als andere kannte, keine Träne nach. Rombach war der zweite von drei Skatbrüdern, die auf dieselbe Art zu Tode kamen: Der erfolgreiche Modefotograf Hoffmann, auch er kein Kind von Traurigkeit, starb unlängst ebenfalls durch eine Kugel. Der letzte Überlebende des Trios, Apotheker Backhaus (Diess), wartet nun, sprachlos vor Angst, vielleicht auch vor Scham, auf seinen Mörder. Die Erinnerung an einen ausgelassenen und folgenschweren Herrenabend verband die drei Freunde, die stets ungefragt nahmen, was sie wollten, die sich zwar staatlicher Gerechtigkeit erfolgreich entziehen konnten, die ihre Schuld jedoch begleichen müssen, die zu Adressaten tödlicher Grüße aus dem Jenseits werden. | ++
Tote im Wald
R Helmuth Ashley D Martin Lüttge, Gaby Dohm, Günther Neutze, Max Grießer E 16. Oktober 1977 | Hans Beck (Lüttge) ist in der Nähe, als an einem sonnigen, wonnigen Tag im Wald ein erwürgtes Mädchen gefunden wird. Sofort gerät der nervenschwache Zoohändler ins Schwitzen, war er doch vor acht Jahren der Vergewaltigung und des Mordversuchs bezichtigt worden. Zwar hatte er seinerzeit beteuert, das vermeintliche Opfer habe sich zunächst keineswegs gesträubt, gleichwohl verknackte ihn das Gericht zu fünf Jahren Haft, aus der er vorzeitig auf Bewährung entlassen wurde. Beck, dessen rechtschaffene Ehefrau Lore (Dohm) nichts vom Vorleben ihres Mannes ahnt, bittet seinen besten Freund Manfred Donk (Neutze), die Ermittler über den dunklen Punkt in seiner Biographie aufzuklären und seine damalige Unschuld zu betonen, damit die einschlägige Vorstrafe nicht zu einer schnellen Vor-Verurteilung führe. Aber seiner Vergangenheit kann sich niemand entziehen – sie klebt an einem wie Kaugummi unter der Schuhsohle. Und auch auf gute Freundschaft ist nicht unbedingt Verlaß, wenn die ganze Welt zusammenfällt. | +
Der Fotograf
R Helmuth Ashley D Bruno Dietrich, Jürgen Goslar, Christine Buchegger, Mijou Kovacs, Rudolf Wessely E 6. Januar 1978 | Als Fotograf ist Alwin Merz (Dietrich) »nicht so besonders«. Er macht, wie alle Gebrauchslichtbildner, Paßbilder und Porträts, knipst auf Hochzeiten und Betriebsfeiern. Ein »kleines Format« nennt ihn der große Blodin (Goslar), der sich von Merz gelegentlich mit pornografischem Foto- und Filmmaterial für seine diversen Nachtclubs beliefern ließ. Dann plötzlich, durch Zufall, hat Merz ein Motiv vor der Linse, das reichen Gewinn verspricht, und gerät damit selbst in ein anderes Licht: heraus aus dem Dunkel der alltäglichen Brotarbeit, hinein in den grellen Suchscheinwerfer derer, die aus gutem Grund unbeobachtet bleiben wollen. Blicke werden getauscht, Perspektiven verwischen … Wer sieht – wer wird gesehen? Wer schaut durch das Objektiv – wer steht im Fokus? | ++
Tod eines Fans
R Alfred Vohrer D Tommy Piper, Christian Kohlund, Eva Kotthaus, Wolfgang Wahl, Stefan Behrens, Hannes Messemer, Helga Anders E 3. Februar 1978 | »We can climb so high / I never wanna die.« Kurz nachdem Harry Dugan (Piper) einen zum Bersten vollen Saal gerockt hat, findet er in seinem Hotelbett die Leiche eines nackten Mädchens. Panisch schleppt der – auch für seine Fleischeslust – berühmte Sänger das Corpus Delicti aus dem Zimmer und wird ausgerechnet in diesem prekären Moment von einem Fotoreporter abgelichtet: Künstlerpech. Die mit einem Stich ins Herz ermordete Marianne Golz, Arbeiterin in einer Kartonagenfabrik, war dem Star mit Haut und Haaren verfallen: Seit der Abgott von der Bühne herunter ihre Hand geschüttelt, ein Schnappschuß dieser Szene sogar sein Konzertplakat geziert hatte, kannte die Hingabe des Fans keine Grenze mehr. Ihren Kolleginnen, ihrer Mutter (Kotthaus), ihrem Freund Konrad (Kohlund) war diese kultische Verehrung, diese hysterische Preisgabe der eigenen Identität nicht geheuer, doch Marianne wollte nichts anderes, als mit ihrem Idol zu verschmelzen, gab alles darum, einmal in den Armen des Helden ihrer Träume zu liegen – und sei es als Tote. | ++
Abendfrieden
R Helmuth Ashley D Inge Birkmann, Alice Treff, Vitus Zeplichal, Thomas Fritsch, Dietlinde Turban, Klaus Höhne E 24. Februar 1978 | Den Lebensherbst in Würde und behaglicher Atmosphäre unter gleichgestimmten Menschen zu verbringen – wer wünschte sich das nicht? Die musikbegeisterte Frau Oshaupt wählte das von den Schwestern Helene und Margarete Schübel (Birkmann und Treff) geleitete ›Haus Abendfrieden‹ als letzte Adresse. Für ihren Großneffen Jakob Stanz (Zeplichal), der ihr eine gute Nachricht zu überbringen hätte, ist die betagte Dame dort jedoch merkwürdigerweise nicht zu sprechen. Als der junge Mann kurz nach seinem offenkundig ungebeten Besuch von einem rasenden Auto um- und totgefahren wird, rücken die undurchsichtigen Besitzerinnen sowie die schrulligen »Gäste« der stilvollen Altersresidenz ins Zentrum des ermittlerischen Interesses: Handelt es sich um einen harmlosen Freundeskreis liebenswürdiger Senioren? Oder um eine raffinierte Clique weißhaariger Verschwörer? Und wo zum Kuckuck ist das mysteriöse Dodererhaus? | ++
Ein Hinterhalt
R Alfred Vohrer D Ruth Leuwerik, Traugott Buhre, Hans-Georg Panczak, Toni Berger, Heiner Lauterbach E 31. März 1978 | Nur durch einen Zufall entgeht Landärztin Dr. Schwenn (Leuwerik) einem Mordanschlag. Statt ihrer wird ein Unbeteiligter in den tödlichen Autounfall verwickelt, den ein auf die Fahrbahn gezogenen Baumstamm verursacht. Die Schwenn ist in ihrem rustikalen Umfeld nicht sonderlich beliebt: zu gefühlskalt, zu rational, zu mitleidlos erscheint sie vielen. Mancher haßt sie sogar inbrünstig – der Bauer etwa, dem sie den geistig behinderten Sohn wegnehmen ließ, oder ihr eigener Bruder Albert (Buhre), der nach dem Tod seiner Frau Glücksspiel und Alkohol verfiel, der sich von der harten Schwester als Schwächling verachtet fühlt, oder ihr geringgeschätzter Neffe Bruno (Panczak), der sich über die Ängste seines »Tantchens« zynisch lustig macht. Erst im Moment, da sie erkennen muß, daß ihr der Tod wenn schon nicht unumwunden gewünscht so doch immerhin insgeheim gegönnt wird, begreift die Medizinerin, daß Heilen und Helfen nicht nur mit Vernunft und Disziplin zu tun haben, sondern auch mit Einfühlung und Verständnis. | +++
Steins Tochter
R Wolfgang Becker D Thomas Holtzmann, Katerina Jacob, Markus Boysen, Hartmut Becker, Stephan Schwartz E 5. Mai 1978 | Lange Zeit mußte Oswald Stein (Holtzmann) hilflos und gramzerfurcht zuschauen, wie seine schöne Tochter Cosima (Jacob) von ihren, wie er meinte, falschen Freunden in einen Abgrund des Lasters und Verderbens gezogen wird, in ein wildes Leben voller Sex und lauter Musik und Rauchwaren, die nicht nur Tabak enthalten. Was den Augen und Ohren der Eltern unbegreiflich und zerstörerisch erscheint, ist für ihre Kinder Abenteuer und Ekstase – zwischen den Altersklassen klafft ein weltanschaulicher Graben. Dabei will Cosima doch nur spielen und halbnackt durch die Straßen tanzen. Nach Ansicht (und Willen) der Väter wird sie dafür zu leiden und zu büßen haben – und tatsächlich muß das Mädchen Schreckliches erleben: Ihr Lover, den sie eben noch heiß umschlang, wird in ihren Armen abgeknallt. Der intergenerationelle Abgrund manifestiert sich als Schußlinie. | ++
Klavierkonzert
R Helmuth Ashley D Peter Fricke, Maria Schell, Eric Pohlman, Heinz Ehrenfreund, Iris Berben, Jutta Speidel, Sky Dumont E 16. Juni 1978 | Szenen einer Ehe: Der Aufstieg des Pianisten Robert van Doom (Fricke) ist nicht allein auf seine außerordentliche musikalische Begabung zurückzuführen sondern auch auf das beträchtliche Vermögen seiner Gattin, das dem hoffnungsvollen jungen Talent eine sorglose Studienzeit in Paris und Rom ermöglichte. Nun, da der Stern des Künstlers am internationalen Konzerthimmel aufgegangen ist, verlangt Luisa van Doom (Schell) die Rückzahlung des Darlehens in Form dauerhaft ergebener Dankbarkeit. Doch Robert entzieht sich den Forderungen seiner immer unbeherrschter auf ihre Rechte pochenden Frau – so verwandelt sich ein Bund fürs Leben, den manche freilich schon immer als Geschäft auf Gegenseitigkeit betrachteten, in eine Beziehung zum Verzweifeln: Verwünschungen auf der einen, Bezichtigungen auf der anderen Seite. Dann fällt ein Schuß, und es stirbt, wie so oft in dieser schnöden Welt, eine Person, die mit der ganzen Sache nichts zu tun hatte. | +++
»›Derrick‹-Folgen kommen wieder, auch wenn keiner mehr welche dreht.« (Daniel Hermsdorf)
»Wenn ich an Gott glaube – was zunehmend schwerfällt –, dann muß ich logischerweise feststellen, daß Gott auch die Mörder geschaffen hat.« (Herbert Reinecker)
R Regie | D Darsteller (in allen Folgen: Horst Tappert und Fritz Wepper) | E Erstausstrahlung | +++ ausgezeichnet | ++ sehenswert | + mäßig
Hals in der Schlinge
R Alfred Vohrer D Helga Anders, Herbert Fleischmann, Günter Strack, Christine Kaufmann, Willi Kowalj E 6. Februar 1977 | Eben noch tanzen die Geschwister Geserke mit Freunden einen Sirtaki vor der väterlichen Villa, im nächsten Moment schon finden sie ihren alten Herrn erhängt auf dem Dachboden. Tochter Heli (Anders) will nicht an Freitod glauben: Es gebe keinen Grund! Und wenn schon Hand an sich legen, dann bestimmt nicht mit einem Strick. Aber gibt es ein Motiv für Mord an dem gutsituierten Finanzkaufmann? Dessen Geschäftsführer Ludemann (Fleischmann) spricht von verlustreichen Transaktionen in Venezuela. Doch warum ist Ludemann so nervös? Was bedeutet seine intime Freundschaft zur schönen Tochter des Baulöwen Kless (Strack) – Kless, der sich von ganz unten hocharbeitete, der Austernpartys in Luxusrestaurants gibt, der davon träumt, einmal so etwas Gigantisches wie das Olympiastadion zu bauen, der kurz vor der Pleite steht, der alles verlöre, wenn er nicht endlich das Grundstück in bester Lage erwerben könnte, jenes Areal, das Geserke keinesfalls verkaufen wollte. | ++
Eine Nacht im Oktober
R Wolfgang Becker D Bernhard Wicki, Brigitte Horney, Traugott Buhre, Malte Thorsten, Iris Berben, Gertrud Kückelmann E 6. März 1977 | Die Nacht als Rosy Kramer starb: Das muntere Hausmädchen läßt seinen Freund Werner (Thorsten) in der Disco stehen. Der läuft ihr frustriert nach, sieht wie Rosy (Berben) zu einem Unbekannten in den Wagen steigt. Kurze Zeit später ist vor der Villa ihres Arbeitgebers ein Schrei zu hören: Rosy wurde erstochen. Der Mann, der sie mitnahm, ist schnell gefunden: Steinbrink (Buhre), ein notorischer Aufreißer, der als fliegender Händler Topfputzmittel feilbietet. Rosys Dienstherr, der quecksilbrige Anwalt Dr. Lechner (Wicki), hilft, Beweismittel zur Überführung des Tatverdächtigen beizubringen. Was will er unter dem eilig aufgehäuften Material verstecken? Was weiß Dr. Lechners trübsinnige Ehefrau? Hatte sie Kenntnis von der intimen Beziehung zwischen ihrem Gatten und der Toten? Was haben Dr. Lechners kerzengerade Mutter (Horney) und ihre diskrete Gesellschafterin Schweik (Kückelmann) in jener Nacht wirklich gesehen? Nichts, wie sie behaupten – oder wurden sie vor ihrem unglücklichen Haus Zeugen einer tödlichen Gefühlsexlopsion? | ++
Offene Rechnung
R Alfred Vohrer D Rudolf Platte, Edith Heerdegen, Rudolf Schündler, Rudolf Fernau, Konrad Georg, Alf Marholm E 20. März 1977 | Ein hochbetagter, aus offener Wunde blutender Herr wird von vier Generations genossen, drei Männern und einer Frau, quer durch die Stadt geschleppt, in ein gestohlenes Auto verfrachtet und schließlich vor die Pforte des Seniorenheimes gelegt, in dem sie alle – altersgemäß und ungern – ihren sogenannten Lebensabend verbringen. Diese unwürdigen Greise, von der Gesellschaft, die sie einst mitbauten, die ihnen vieles zu danken hätte, abgeschrieben und ausgemustert, lieblos beiseite geschoben und mit läppischem Taschengeld versehen, verweigern die ihnen gebührliche Lautlosigkeit, das ergebene Warten auf den Antritt der letzten Reise. Sie ziehen heimlich aus, ihren tristen Alltag aufzupeppen, neue Abenteuer zu erleben, sich wieder Flügel wachsen zu lassen. Daß sie dabei ein wenig zu hoch flögen, daß sich in dünner Luft ein Schuß löste, der einen von ihnen tödlich träfe, sie mögen es nicht gewollt, aber vielleicht billigend in Kauf genommen haben: lieber in Stiefeln sterben als im Bett. | +++
Tod des Wucherers
R Zbynek Brynych D Gerd Baltus, Agnes Dünneisen, Peter Kuiper, Ida Krottendorf, Ursula Grabley E 3. April 1977 | Der Tod des in seiner Badewanne bestialisch erschlagenen Kredithais Minsch (Kuiper) – er verlangte von seinen Schuldnern zweieinhalb Prozent Zinsen pro Monat – wird von niemandem beklagt: weder vom linkisch-beflissenen Buchhalter Winterhammer (Baltus), noch vom rechtschreibschwach-koketten Tippfräulein Hensch (Dünneisen), auch nicht von der lustigen Witwe (Krottendorf) und ihrer mopsfidelen Mutter (Grabley), die gleich nach dem Ableben des cholerischen Halsabschneiders ein Freudenfest mit lauter Musik und reichlich Champagner für ihre Liebhaber und für die Freunde der Familie schmeißen. Über die Toten nur Gutes, hieß es bereits im alten Rom, wo man auch schon wußte, daß Geld nicht stinkt – doch was gäbe es über einen asozialen Akkumulanten Positives zu berichten, und wie könnte man am Pesthauch gewissenlos angehäuften Kapitals einfach vorbeiriechen? | +++
Das Kuckucksei
R Alfred Vohrer D Ralf Schermuly, Gerd Böckmann, Werner Hinz, Alexander Kerst, Elisabeth Volkmann, Karin Hardt E 12. Juni 1977 | Fuhrunternehmer Eberhard Horre (Schermuly) droht, den Boden unter den Füßen zu verlieren: Im selben Moment, da er seine geliebte Gattin durch ein Gewaltverbrechen verliert, wird ihm klar, daß er eine heimliche Prostituierte geheiratet hat, die bis zu ihrem Tod weiterhin Kunden empfing, um das schwächelnde Transportgeschäft ihres Mannes finanziell zu unterstützen. Die Angehörigen des Trauernden – Vater, Mutter, Onkel – sind weniger bestürzt über den brutalen Mord als empört darüber, daß sich eine Nutte in die achtbare Familie einschlich. Der alte Horre (Hinz), Patriarch von echtem Schrot und Korn, verkündet gar im Brustton der Selbstüberzeugung, die Schwiegertochter höchstpersönlich erschlagen zu haben, hätte er von ihrem Doppelleben gewußt. Nur Horres aufgeklärter Bruder Alfred (Böckmann) scheint frei von der gutbürgerlichen Ehrauffassung, die einen Menschen lieber tot sieht als sittlich befleckt und die für moralische Probleme endgültige Lösungen anstrebt. | ++
Mord im TEE 91
R Zbynek Brynych D Alwy Becker, Harry Meyen, Siegfried Rauch, Sepp Wäsche, Erland Erlandsen E 10. Juli 1977 | In einem Abteil des gerade in den Zielbahnhof eingelaufenen Trans-Europ-Express ›Blauer Enzian‹ findet die Zugsekretärin einen Herrn mit Kopfschuß und ohne Papiere. Dem Oberinspektor ist der Tote bekannt, da er mit ihm gelegentlich Schach in seinem Stammlokal zu spielen pflegte. Spätestens als die Ermittler das Apartment des ermordeten Herr Kessmer von Dieben durchwühlt vorfinden, liegt klar, daß der vermeintliche Journalist und Hobbymaler kein zufälliges Gewaltopfer darstellt. Ein weites Feld der Unübersichtlichkeit tut sich auf, eine Landschaft des Verrats, wo Geheimniskrämer Informationen verschachern und die Grenzlinien zwischen den Lagern nicht mehr klar erkennbar sind. Neben anderen fragwürdigen Gestalten erscheinen der sinistre Londoner Kunsthändler Harris (Meyen) und die enigmatische Chefsekretärin Andrea (Becker) als Akteure in einem konfusen Intrigenspiel der Dienste, das um die Identität eines renegatischen Mannes im Hintergrund kreist: Wer ist ›Olaf‹? | ++
Via Bangkok
R Theodor Grädler D Thomas Hotzmann, Cornelia Froboess, Christian Wolff, Gustl Halenke, Peter Capell E 21. August 1977 | Jakob Renz (Holtzmann), Cellist in einem Symphonieorchester, kommt von einer Asientournee nach Hause zurück. Seine querschnittsgelähmte Frau (Halenke) beunruhigt sich über den erschöpft wirkenden Ehemann. Noch am selben Tag begibt sich der Heimkehrer zu einem konspirativen Treffen, wird brutal zusammengeschlagen, stirbt in der Folge an einem Herzanfall. Von seiner am Boden zerstörten Tochter Helga (Froboess) verlangen anonyme Anrufer ultimativ die Herausgabe eines Paketes, das sich in der Obhut ihres Vaters befinde, aber nicht ihm gehöre. Auch Renz’ ungewöhnlich teilnahmsvoller Kollege Rosska (Wolff) rät dringend zur Übergabe der bewußten Fracht an die namenlosen Angstmacher. Durch die rätselhaften Ereignisse hindurch wird das Bild eines hochsensiblen Mannes erkennbar, der aus liebender Sorge um seine invalide Gattin zu einem anderen werden wollte, dessen feindlichen Lebensumständen er nicht gewachsen war. | +
Inkasso
R Helmuth Ashley D Monika Gabriel, Karl Walter Diess, Lisa Kreuzer, Dieter Schidor, Joachim Wichmann E 18. September 1977 | Werner Rombach wird erschossen im Kofferraum seines Autos gefunden. Kollegen und Bekannte des allseits beliebten Gesellschafters sind überrascht: Mord – das paßt nicht zu dem stets gutgelaunten Leichtfuß. Nur die geschiedene Frau (Gabriel) des Opfers weint dem Mann, den sie besser als andere kannte, keine Träne nach. Rombach war der zweite von drei Skatbrüdern, die auf dieselbe Art zu Tode kamen: Der erfolgreiche Modefotograf Hoffmann, auch er kein Kind von Traurigkeit, starb unlängst ebenfalls durch eine Kugel. Der letzte Überlebende des Trios, Apotheker Backhaus (Diess), wartet nun, sprachlos vor Angst, vielleicht auch vor Scham, auf seinen Mörder. Die Erinnerung an einen ausgelassenen und folgenschweren Herrenabend verband die drei Freunde, die stets ungefragt nahmen, was sie wollten, die sich zwar staatlicher Gerechtigkeit erfolgreich entziehen konnten, die ihre Schuld jedoch begleichen müssen, die zu Adressaten tödlicher Grüße aus dem Jenseits werden. | ++
Tote im Wald
R Helmuth Ashley D Martin Lüttge, Gaby Dohm, Günther Neutze, Max Grießer E 16. Oktober 1977 | Hans Beck (Lüttge) ist in der Nähe, als an einem sonnigen, wonnigen Tag im Wald ein erwürgtes Mädchen gefunden wird. Sofort gerät der nervenschwache Zoohändler ins Schwitzen, war er doch vor acht Jahren der Vergewaltigung und des Mordversuchs bezichtigt worden. Zwar hatte er seinerzeit beteuert, das vermeintliche Opfer habe sich zunächst keineswegs gesträubt, gleichwohl verknackte ihn das Gericht zu fünf Jahren Haft, aus der er vorzeitig auf Bewährung entlassen wurde. Beck, dessen rechtschaffene Ehefrau Lore (Dohm) nichts vom Vorleben ihres Mannes ahnt, bittet seinen besten Freund Manfred Donk (Neutze), die Ermittler über den dunklen Punkt in seiner Biographie aufzuklären und seine damalige Unschuld zu betonen, damit die einschlägige Vorstrafe nicht zu einer schnellen Vor-Verurteilung führe. Aber seiner Vergangenheit kann sich niemand entziehen – sie klebt an einem wie Kaugummi unter der Schuhsohle. Und auch auf gute Freundschaft ist nicht unbedingt Verlaß, wenn die ganze Welt zusammenfällt. | +
Der Fotograf
R Helmuth Ashley D Bruno Dietrich, Jürgen Goslar, Christine Buchegger, Mijou Kovacs, Rudolf Wessely E 6. Januar 1978 | Als Fotograf ist Alwin Merz (Dietrich) »nicht so besonders«. Er macht, wie alle Gebrauchslichtbildner, Paßbilder und Porträts, knipst auf Hochzeiten und Betriebsfeiern. Ein »kleines Format« nennt ihn der große Blodin (Goslar), der sich von Merz gelegentlich mit pornografischem Foto- und Filmmaterial für seine diversen Nachtclubs beliefern ließ. Dann plötzlich, durch Zufall, hat Merz ein Motiv vor der Linse, das reichen Gewinn verspricht, und gerät damit selbst in ein anderes Licht: heraus aus dem Dunkel der alltäglichen Brotarbeit, hinein in den grellen Suchscheinwerfer derer, die aus gutem Grund unbeobachtet bleiben wollen. Blicke werden getauscht, Perspektiven verwischen … Wer sieht – wer wird gesehen? Wer schaut durch das Objektiv – wer steht im Fokus? | ++
Tod eines Fans
R Alfred Vohrer D Tommy Piper, Christian Kohlund, Eva Kotthaus, Wolfgang Wahl, Stefan Behrens, Hannes Messemer, Helga Anders E 3. Februar 1978 | »We can climb so high / I never wanna die.« Kurz nachdem Harry Dugan (Piper) einen zum Bersten vollen Saal gerockt hat, findet er in seinem Hotelbett die Leiche eines nackten Mädchens. Panisch schleppt der – auch für seine Fleischeslust – berühmte Sänger das Corpus Delicti aus dem Zimmer und wird ausgerechnet in diesem prekären Moment von einem Fotoreporter abgelichtet: Künstlerpech. Die mit einem Stich ins Herz ermordete Marianne Golz, Arbeiterin in einer Kartonagenfabrik, war dem Star mit Haut und Haaren verfallen: Seit der Abgott von der Bühne herunter ihre Hand geschüttelt, ein Schnappschuß dieser Szene sogar sein Konzertplakat geziert hatte, kannte die Hingabe des Fans keine Grenze mehr. Ihren Kolleginnen, ihrer Mutter (Kotthaus), ihrem Freund Konrad (Kohlund) war diese kultische Verehrung, diese hysterische Preisgabe der eigenen Identität nicht geheuer, doch Marianne wollte nichts anderes, als mit ihrem Idol zu verschmelzen, gab alles darum, einmal in den Armen des Helden ihrer Träume zu liegen – und sei es als Tote. | ++
Abendfrieden
R Helmuth Ashley D Inge Birkmann, Alice Treff, Vitus Zeplichal, Thomas Fritsch, Dietlinde Turban, Klaus Höhne E 24. Februar 1978 | Den Lebensherbst in Würde und behaglicher Atmosphäre unter gleichgestimmten Menschen zu verbringen – wer wünschte sich das nicht? Die musikbegeisterte Frau Oshaupt wählte das von den Schwestern Helene und Margarete Schübel (Birkmann und Treff) geleitete ›Haus Abendfrieden‹ als letzte Adresse. Für ihren Großneffen Jakob Stanz (Zeplichal), der ihr eine gute Nachricht zu überbringen hätte, ist die betagte Dame dort jedoch merkwürdigerweise nicht zu sprechen. Als der junge Mann kurz nach seinem offenkundig ungebeten Besuch von einem rasenden Auto um- und totgefahren wird, rücken die undurchsichtigen Besitzerinnen sowie die schrulligen »Gäste« der stilvollen Altersresidenz ins Zentrum des ermittlerischen Interesses: Handelt es sich um einen harmlosen Freundeskreis liebenswürdiger Senioren? Oder um eine raffinierte Clique weißhaariger Verschwörer? Und wo zum Kuckuck ist das mysteriöse Dodererhaus? | ++
Ein Hinterhalt
R Alfred Vohrer D Ruth Leuwerik, Traugott Buhre, Hans-Georg Panczak, Toni Berger, Heiner Lauterbach E 31. März 1978 | Nur durch einen Zufall entgeht Landärztin Dr. Schwenn (Leuwerik) einem Mordanschlag. Statt ihrer wird ein Unbeteiligter in den tödlichen Autounfall verwickelt, den ein auf die Fahrbahn gezogenen Baumstamm verursacht. Die Schwenn ist in ihrem rustikalen Umfeld nicht sonderlich beliebt: zu gefühlskalt, zu rational, zu mitleidlos erscheint sie vielen. Mancher haßt sie sogar inbrünstig – der Bauer etwa, dem sie den geistig behinderten Sohn wegnehmen ließ, oder ihr eigener Bruder Albert (Buhre), der nach dem Tod seiner Frau Glücksspiel und Alkohol verfiel, der sich von der harten Schwester als Schwächling verachtet fühlt, oder ihr geringgeschätzter Neffe Bruno (Panczak), der sich über die Ängste seines »Tantchens« zynisch lustig macht. Erst im Moment, da sie erkennen muß, daß ihr der Tod wenn schon nicht unumwunden gewünscht so doch immerhin insgeheim gegönnt wird, begreift die Medizinerin, daß Heilen und Helfen nicht nur mit Vernunft und Disziplin zu tun haben, sondern auch mit Einfühlung und Verständnis. | +++
Steins Tochter
R Wolfgang Becker D Thomas Holtzmann, Katerina Jacob, Markus Boysen, Hartmut Becker, Stephan Schwartz E 5. Mai 1978 | Lange Zeit mußte Oswald Stein (Holtzmann) hilflos und gramzerfurcht zuschauen, wie seine schöne Tochter Cosima (Jacob) von ihren, wie er meinte, falschen Freunden in einen Abgrund des Lasters und Verderbens gezogen wird, in ein wildes Leben voller Sex und lauter Musik und Rauchwaren, die nicht nur Tabak enthalten. Was den Augen und Ohren der Eltern unbegreiflich und zerstörerisch erscheint, ist für ihre Kinder Abenteuer und Ekstase – zwischen den Altersklassen klafft ein weltanschaulicher Graben. Dabei will Cosima doch nur spielen und halbnackt durch die Straßen tanzen. Nach Ansicht (und Willen) der Väter wird sie dafür zu leiden und zu büßen haben – und tatsächlich muß das Mädchen Schreckliches erleben: Ihr Lover, den sie eben noch heiß umschlang, wird in ihren Armen abgeknallt. Der intergenerationelle Abgrund manifestiert sich als Schußlinie. | ++
Klavierkonzert
R Helmuth Ashley D Peter Fricke, Maria Schell, Eric Pohlman, Heinz Ehrenfreund, Iris Berben, Jutta Speidel, Sky Dumont E 16. Juni 1978 | Szenen einer Ehe: Der Aufstieg des Pianisten Robert van Doom (Fricke) ist nicht allein auf seine außerordentliche musikalische Begabung zurückzuführen sondern auch auf das beträchtliche Vermögen seiner Gattin, das dem hoffnungsvollen jungen Talent eine sorglose Studienzeit in Paris und Rom ermöglichte. Nun, da der Stern des Künstlers am internationalen Konzerthimmel aufgegangen ist, verlangt Luisa van Doom (Schell) die Rückzahlung des Darlehens in Form dauerhaft ergebener Dankbarkeit. Doch Robert entzieht sich den Forderungen seiner immer unbeherrschter auf ihre Rechte pochenden Frau – so verwandelt sich ein Bund fürs Leben, den manche freilich schon immer als Geschäft auf Gegenseitigkeit betrachteten, in eine Beziehung zum Verzweifeln: Verwünschungen auf der einen, Bezichtigungen auf der anderen Seite. Dann fällt ein Schuß, und es stirbt, wie so oft in dieser schnöden Welt, eine Person, die mit der ganzen Sache nichts zu tun hatte. | +++
»›Derrick‹-Folgen kommen wieder, auch wenn keiner mehr welche dreht.« (Daniel Hermsdorf)
Fortsetzung folgt …
6. Mai 2012
Wenn Leute unser Land verlassen
Kino | »Barbara« von Christian Petzold (2012)
Natürlich geht es in »Barbara« auch um die Stasi, um das Leben unter vormundschaftlicher Überwachung, um die Angst vor einem Klingeln in der Nacht, um vorsätzlich-fachgerechte Entwürdigung, Zermürbung, Zersetzung. Im Zentrum aber steht die geduldige, detaillierte, unvoreingenommene (und gerade nicht beschattende, argwöhnische, parteiische) Beobachtung der unter spezifischen (politischen) Umständen langsam wachsenden Beziehung zwischen zwei (verletzten) Menschen – Barbara (Nina Hoss) will weg aus der DDR und wird dafür gedemütigt; André (Ronald Zehrfeld) hat einen Fehler gemacht und muß dafür büßen –, um die (nicht kalt-protokollierende sondern aufmerksam-sensible) Erfassung menschlicher Interaktionen im Spannungsverhältnis von Gleichgültigkeit und Interesse, Annäherung und Abwehr, Skepsis und Vertrauen. Aus der, die kammerspielhafte Erzählung in Gang setzenden (und haltenden), Frage von (im Osten) Bleiben oder (in den Westen) Gehen entwickelt Christian Petzold zudem eine intensive, nicht an Zeit und Ort gebundene, psychologische Studie über Zurückweisen und Einlassen, über Separieren und Akzeptieren. Schade nur, daß Petzold, der ein unglaubliches Ohr für Geräusche und Tonlagen, ein unbestechliches Auge für Situationen und Ausdrücke hat, der sich dankenswerterweise alleserklärender Backstorys ebenso enthält wie allesbeschwatzender Dialoge, nicht auf offenkundige Kolportageelemente (das Fluchtgeld – aus unerfindlichen Gründen erst in die Zone hineingeschmuggelt, dort kompliziert versteckt, dann wieder herausgeschmuggelt –, eine nächtliche Notoperation – angesetzt just auf den Zeitpunkt des geplanten »ungesetzlichen Grenzübertritts«) und schematischen Symbolfiguren (einen jugendlichen Selbstmörder, eine halbwüchsige Ausreißerin) verzichten mag. Jenseits dieser gestalterischen Halbherzig- und Eindeutigkeiten überzeugt »Barbara« jedoch als subtile Reminiszenz an eine brüchige Welt, als unsentimentale Reise durch eine schwierige Gefühlslandschaft. PS: »Was sollen wir mit solchen Leuten? / Ist gut, daß man sie ziehen läßt.« (Oktoberklub, 1988)
Natürlich geht es in »Barbara« auch um die Stasi, um das Leben unter vormundschaftlicher Überwachung, um die Angst vor einem Klingeln in der Nacht, um vorsätzlich-fachgerechte Entwürdigung, Zermürbung, Zersetzung. Im Zentrum aber steht die geduldige, detaillierte, unvoreingenommene (und gerade nicht beschattende, argwöhnische, parteiische) Beobachtung der unter spezifischen (politischen) Umständen langsam wachsenden Beziehung zwischen zwei (verletzten) Menschen – Barbara (Nina Hoss) will weg aus der DDR und wird dafür gedemütigt; André (Ronald Zehrfeld) hat einen Fehler gemacht und muß dafür büßen –, um die (nicht kalt-protokollierende sondern aufmerksam-sensible) Erfassung menschlicher Interaktionen im Spannungsverhältnis von Gleichgültigkeit und Interesse, Annäherung und Abwehr, Skepsis und Vertrauen. Aus der, die kammerspielhafte Erzählung in Gang setzenden (und haltenden), Frage von (im Osten) Bleiben oder (in den Westen) Gehen entwickelt Christian Petzold zudem eine intensive, nicht an Zeit und Ort gebundene, psychologische Studie über Zurückweisen und Einlassen, über Separieren und Akzeptieren. Schade nur, daß Petzold, der ein unglaubliches Ohr für Geräusche und Tonlagen, ein unbestechliches Auge für Situationen und Ausdrücke hat, der sich dankenswerterweise alleserklärender Backstorys ebenso enthält wie allesbeschwatzender Dialoge, nicht auf offenkundige Kolportageelemente (das Fluchtgeld – aus unerfindlichen Gründen erst in die Zone hineingeschmuggelt, dort kompliziert versteckt, dann wieder herausgeschmuggelt –, eine nächtliche Notoperation – angesetzt just auf den Zeitpunkt des geplanten »ungesetzlichen Grenzübertritts«) und schematischen Symbolfiguren (einen jugendlichen Selbstmörder, eine halbwüchsige Ausreißerin) verzichten mag. Jenseits dieser gestalterischen Halbherzig- und Eindeutigkeiten überzeugt »Barbara« jedoch als subtile Reminiszenz an eine brüchige Welt, als unsentimentale Reise durch eine schwierige Gefühlslandschaft. PS: »Was sollen wir mit solchen Leuten? / Ist gut, daß man sie ziehen läßt.« (Oktoberklub, 1988)
29. April 2012
Leben und Sterben in Deutschland
DVD | »Derrick« von Herbert Reinecker (Folgen 16 bis 30 1976/1977)
»Eine träge Abhängigkeit scheint die Republik an Reineckers Ware zu ketten.« (Stefan Ertl / Rainer Knepperges)
R Regie | D Darsteller (in allen Folgen: Horst Tappert und Fritz Wepper) | E Erstausstrahlung | +++ ausgezeichnet | ++ sehenswert | + mäßig
Tod der Kolibris
R Dietrich Haugk D Ernst Schröder, Sylvia Manas, Edith Heerdegen, Paul Bürks E 11. Januar 1976 | Ein beschickertes Pärchen findet im Kofferraum seines Wagens eine asiatischen Frauenleiche, die ihnen offenbar untergeschoben wurde, während sie sich auf einer Party amüsierten. Ein anonymer Anruf führt die Ermittler in eine herrschaftliche Villa, wo der soignierte Unternehmer Dr. Scheibnitz (Schröder) mit seiner körperlich behinderten, latent depressiven Tochter Anita (Manas) lebt. Wie sich herausstellt, schlägt der Geschäftemacher seinen Profit nicht nur aus der (legalen) Verschandelung der Stadt durch gesichtslose Betonblöcke sondern, indirekt, auch aus dem (strafbaren) Import von weiblichem Menschenmaterial zur Verwertung in der örtlichen Sexindustrie. Die invalide Anita erscheint wie die Personifizierung von verdrängten Schuldgefühlen, wie eine ständige, schmerzvolle Erinnerung an das Leid, das der ehrenwerte Geldmann in die Welt trägt. | ++
Tod des Trompeters
R Zbynek Brynych D Bernd Herberger, Bernd Herzsprung, Sabine von Maydell, Sky Dumont E 8. Februar 1976 | »Ohne dich ist es Nacht / Ohne dich …« Eine Gruppe junger Leute, die gemeinsam Musik machen, entführt den Supermarkt-Unternehmer Schrahl. (Theo Albrecht läßt grüßen.) Einer, der nicht mitmachen will, der die anderen an die Polizei zu verraten droht, findet den Tod. Die Menschenräuber handeln ohne ideologische Motivation im Auftrag des organisierten Verbrechens; es geht ihnen nicht um revolutionäre Zeichensetzung sondern ums Geld für die neue Verstärkeranlage, mithin um künstlerische Selbstverwirklichung. Vielleicht spiegelt sich im asozialen Kalkül der Täter ein gesellschaftlicher Zustand zwischen allgemeinem gesellschaftspolitischen Verdruß und radikalem Rückzug auf private Positionen. »Viel versprachst du mir / In der Einsamkeit. / Schön war diese Zeit.« | ++
Angst
R Theodor Grädler D Hans Dieter Zeidler, Heidelinde Weis, Uschi Glas, Bernd Herzsprung E 7. März 1976 | Dr. Hertel (Zeidler) erwürgt seine junge Geliebte (Glas), weil sie ihm den Laufpaß geben will – einen tyrannischen Egozentriker verläßt man nicht! Seine verhuscht-kleinlaute Gattin Franzsika (Weis) nötigt der chauvinistische Mörder, ihm ein Alibi zu verschaffen. Doch im Moment, da eine Armbanduhr, das Indiz, das den Täter verraten könnte, in die Hände der Ehefrau gelangt, bricht der (kurze) Herbst des Patriarchen an. Das hergebrachte Macht- und Angstgefüge der Beziehung beginnt zu bröckeln: Die Panik, auf deren Verbreitung er seine totale Herrschaft gründete, trifft Dr. Hertel wie ein Bumerang. Der eisig-brutale Befreiungsschlag, den der hysterisierte Autokrat schließlich führt, ist denn auch so kopf- wie nutzlos. Angst essen Seele auf. | +++
Tote Vögel singen nicht
R Alfred Vohrer D Hans Korte, Hans Caninenberg, Doris Kunstmann, Tilly Lauenstein, Harald Leipnitz, Lola Müthel E 24. April 1976 | Aus einem Koffer auf der Müllkippe purzelt die Leiche eines ermordeten Mädchens. Der unappetitliche Todesfall eröffnet eine Reihe weiterer Bluttaten, die sich im Umfeld des leutselig wirkenden Rotlicht-Fürsten Malenke (Korte) ereignen – die Variationsbreite der Tötungsarten reicht von Erschießen über Erstechen bis hin zum Ersäufen im Moorbad. Zwischen krimineller Ereignisdichte, ironischem Spielwitz und diversen Schußwechseln bleibt Raum für prägnante Charakterstudien: Da sind ein ehrvergessener Anwalt (Caninenberg) und seine ausgekochte Exfrau (Müthel), eine gleichgültige Zimmerwirtin (Lauenstein) und ihre verzweifelt-frivole Tochter (Kunstmann), kalte Killer und aalglatte Nachtclubpächter – sie alle leben hinter einer potemkinschen Fassade der Achtbarkeit, die zu böser Letzt umfällt wie ein morscher Bretterzaun, um den Blick freizugeben auf den großen Puff, den diese beste aller Welten darstellt. | +++
Schock
R Alfred Vohrer D Vadim Glowna, Karin Baal, Dirk Galuba, Johanna von Koczian E 5. Mai 1976 | Recke (Glowna), ein linkischer Autoknacker, erschießt im Affekt den Besitzer einer Luxuskarosse. Dessen zehnjähriger Sohn muß den Mord mitansehen – und verstummt in Schockstarre. Der Todeschütze scheint kaum weniger erschüttert als der Beobachter der Tat. Reckes hochkrimineller Chef Lusseck (Galuba) fürchtet (zu Recht), daß der Täter die Nerven verlieren und der Augenzeuge seine Stimme wiederfinden könnte – während Reckes, um das Schicksal ihres desolaten Mannes besorgte, Ehefrau (Baal) den eigenen zehnjährigen Jungen ausschickt, damit er den gleichaltrigen Hinterbliebenen des Opfers aushorche. Der Fall endet in reziproker Schuld-und-Sühne-Symmetrie: Ein Sohn hat seinen Vater verloren – ein Vater muß seinen Sohn verlieren. PS: Noch ein Schock: Zweiter Auftritt von Derricks Freundin. | ++
Kalkutta
R Alfred Weidenmann D Pinkas Braun, Karl Michael Vogler, Eva Christian, Walter Bluhm, Richard Münch E 30. Mai 1976 | Eine Frau rennt vor ein Auto und stirbt – kurz zuvor hatte sie noch aus der schicken Flamingo-Bar die Polizei um Hilfe antelefoniert: Sie sei in Lebensgefahr. Hinter den Kulissen des Nobelschuppens, wo ominöse Toilettenfrauen und scheinheilige Garderobenwärterinnen ihr Wesen treiben, lockt, wie sich herausstellt, ein illegales Spielcasino Schöne und Reiche, die nach verbotenen Abenteuern dürsten. Doch dies ist nicht die einzige gesetzesbrecherische Aktivität, die den mabusehaften Dunkelmann Keppler (Vogler) umtreibt: In einem Altersheim der Luxusklasse zieht er wohlstandssatten Senioren das Geld aus der Tasche, indem er sie bei regelmäßigen Filmschauen mit Hungerbildern aus Indien konfrontiert. Ob Ennui der Überflußgesellschaft oder Sühnebedürfnis ihres schlechten Gewissens – der psychologisch versierte Geschäftsmann weiß, seine saturierten Pappenheimer dort abzuholen, wo sie stehen. | ++
Kein schöner Sonntag
R Leopold Lindtberg D Ullrich Haupt, Andreas Seyferth, Henning Schlüter, Johanna Hofer E 27. Juni 1976 | Der Generationenvertrag als Familienthriller: Vater Schirmer (Haupt), ein äußerlich pflichteifriger Prokurist, beging, weil er den Seinen einen gehobenen Lebensstandard bieten wollte, Unterschlagungen im sechsstelligen D-Mark-Bereich; um diese irreguläre Aneignung zu vertuschen, knackt dessen guter, aber dilettantischer Sohn (Seyferth) den prall gefüllten Firmensafe. Das sorgsam konstruierte Alibi gerät ins Wanken, als überraschend ein Nachtwächter auftaucht, den der technisch perfekt instruierte, innerlich jedoch ungerüstete Einbrecher im Zweikampf tödlich verletzt. Schirmer junior wird von moralischem Katzenjammer überfallen, womit die existentielle Verunsicherung der Nachwachsenden zum Ausdruck kommt. Die Alten konnten sich derartig selbstquälerische Sentimentalität nicht leisten: »Wir haben ganz andere Sachen vergessen müssen.« | ++
Auf eigene Faust
R Zbynek Brynych D Horst Frank, Karl John, Helmut Käutner, Siegfried Rauch E 11. Juli 1976 | Geld oder Leben! Oder beides. Der Kriminalbeamte Winterstein (Rauch) wird auf offener Straße erschossen – er war einer Falschmünzerbande auf der Spur und im Weg. Unterstützung erhielt der spröde Einzelgänger lediglich von seinem pensionierten Kollegen Euler (John), der im Fälscher den schöpferischen Visionär erkennt: »Geld so viel man will. Das Leben, das man dafür kaufen kann. Für etwas, das nichts wert ist.« Vom billigen Reichtum phantasierte auch der kriminelle Lebemann Schenke (Frank), der nun, vorzeitig aus der Haft entlassen, die stockenden Ermittlungen unterstützt. Menschen wie er – oder wie der alte Gauner Duktus (Käutner) – stemmen sich gegen das Gesetz des Geldes, das die Welt zum Rechenexempel degradiert. Mit ihren Blütenträumen von der selbstgedruckten Freiheit kommen sie gegen die, wie es scheint, ewige Realität des Mammons freilich nicht an. | +++
Ein unbegreiflicher Typ
R Theodor Grädler D Carl-Heinz Schroth, Hilde Krahl, Jürgen Goslar, Hans-Michael Rehberg, Walter Gross E 25. Juli 1976 | Koller (Schroth), ein freundlicher älterer Herr, tauscht ein Schriftstück gegen einen Koffer mit einer halben Million D-Mark. Sein Geschäftspartner Schündler (Goslar) bewahrt nur mühsam die wohlerzogene Fassung. Der Killer, der dem gewieften Senioren nachgeschickt wird, erwischt einen anderen Mann, den das potentielle Opfer in weiser Voraussicht an eigener Statt in Abschußposition brachte. Die herzlose Transaktion erweist sich als erpresserischer Handel unter Agenten: Koller, grau und müde geworden im ewigen Zwielicht des nichtöffentlichen Dienstes, will seinen Lebensabend absichern. Er gedenkt, seine alten Tage an der Seite von Frau Bösenhaupt (Krahl) zu verbringen, der Mutter seiner Tochter, die er vor 20 Jahren verließ. Doch vergangene Zeiten kehren niemals wieder, nur einmal blühet des Lebens Mai – der verlorene Gatte, der verlorene Vater, er bleibt ein Fremder, der für seine Sünden keine Vergebung erhält. | ++
Das Bordfest
R Alfred Weidenmann D Ernst Schröder, Judy Winter, Mathieu Carrière, Walter Schmidinger, Wolfgang Reichmann E 8. August 1976 | Eine Konfektionsfirma feiert ihr Jahresfest mit einer sommerlichen Schiffspartie über den Starnberger See. Kettwig (Reichmann), einer der beiden Chefs, geht unterwegs mit einem Messer im Rücken über Bord. Tatmotive gibt es reichlich: Kompagnon Solms (Schröder) stand vor der Entlassung, weil dessen Sohn Walter (Carrière) eine Affäre mit Kettwigs junger Gattin hatte. Während der Ermordete als eher bedächtiger Zeitgenosse galt, vibriert sein überlebender Partner vor unternehmerischer Energie – das heiße Blut des geborenen Entrepreneurs belebte, wie Solms’ desillusionierte Ehefrau (Winter) zu berichten weiß, neben dem Geschäft auch die intimen Kontakte zwischen Kapital und Arbeit. Die Verquickung von sozialem Engagement und erotischem Interesse schuf ein gewittriges Betriebsklima, das schließlich zu tragischer Entladung fand. | ++
Das Superding
R Wolfgang Becker D Horst Buchholz, Gottfried John, Christine Schuberth, Ullrich Haupt, Fritz Hakl E 5. September 1976 | Direktor Veicht (Haupt) erhält die telefonische Mitteilung, daß der Tresorraum seine Geldhauses auf spektakuläre Weise ausgeraubt werden solle. Bevor er Details verraten kann, stirbt der Informant im Kugelhagel vor dem Portal des privaten Kreditinstitutes. Recherchen im, recht liederlichen, Umfeld des Toten führen in einen hippen Rockschuppen vis à vis der Bank. Von hier aus führt Clubbesitzer Gerke (Buchholz), ein ehemaliger Mathematiklehrer, der infolge eines Unfalls Konzentrationsfähigkeit und bürgerlichen Beruf verlor, den Beweis, daß es mit seiner Intelligenz immer noch zum Besten bestellt ist. Die Fähigkeit zum Verbrechen als Ausdruck geistiger Gesundheit! Während Gogo-Girls im Takt der stampfenden Musik ihre Brüste wippen lassen, wird hinter den glitzernden Discokulissen hart am Durchbruch zum ganz großen Geld gearbeitet – den schließlich der sehr kleine Herr Kranz (Hakl) ermöglicht. | +++
Risiko
R Franz Peter Wirth D Wolfgang Müller, Christian Reiner, Kristina Nel, Günther Ungeheuer E 19. September 1976 | »Das Fürchten, das sollst du schon lernen, aber dein Brot wirst du damit nicht verdienen.« Was sich die Alten schwer erarbeiten mußten, bekommen die Jungen spendiert – doch die Freude am anstrengungslos Erworbenen bleibt ohne lange Wirkung. Horst (Reiner) und Alex (Müller), Gymnasiasten, unzertrennliche Freunde, Söhne vermögender Väter, brausen auf geschenkten Motorrädern durch die schönen Nächte eines reichen Landes. Der Fahrtwind ist ihnen bald nicht mehr nicht genug – sie jagen nach Freiheit und Risiko, sie wollen sich spüren in Augenblicken blanker Gefahr, sie suchen das Leben und finden den Tod. Die Konsumgesellschaft zeigt ihr Janusgesicht: Zerstreuungssucht schlägt um in Zerstörungslust, und was kälberiges Abenteuer war, ist plötzlich ausgewachsenes Verbrechen. | ++
Pecko
R Zbynek Brynych D Pierre Franckh, Karl Walter Diess, Harald Juhnke, Stefan Behrens, Alexander Malachowsky E 3. Oktober 1976 | Ein verlor'nes Herz / bleibt für immer leer.« Ein Junge will nach oben. Pecko (Franckh) träumt davon, Weltmeister im Radball zu werden. Er will der Welt ein Spektakel bieten. Denn die Welt verlangt danach. Mit seinen Kumpels trainiert er wie ein Besessener. Eines Tages fliegt der Ball über eine Mauer in den nächsten Hof. Pecko springt hinterher und sieht wie ein Mädchen aus einem Hausflur taumelt. Sie schreit um Hilfe. Sie hat ein Messer im Rücken. Sie stirbt. Pecko behauptet, den Mörder nicht erkannt zu haben. Da sei nur ein Schatten gewesen, der verschwand. Auch die Tote träumte vom Erfolg. Sie tanzte Ballett, war gebucht für eine Tournee: Die Agentur des flotten Herrn Prinx (Juhnke), für den auch Peckos älterer Bruder Horst (Diess) arbeitet, legte ihr die Welt zu Füßen. Doch das Glücksversprechen bedeutete nicht Fortkommen sondern Endstation. Die Welt, das wird Pecko lernen, begünstigt nicht jene, die für etwas brennen, sie beloht die kalten Herzen. Pecko! | ++
Der Mann aus Portofino
R Dietrich Haugk D Kurt Meisel, Reinhard Kolldehoff, Alexander Golling, Amedeo Nazzari E 28. November 1976 | Spektakuläre Befreiung eines Untersuchungshäftlings aus dem Gerichtsgebäude! Kurze Zeit später wird der Flüchtige gefunden: erschossen an der Isar. Gesessen hatte er wegen einer Lappalie: Autodiebstahl. Der Alfa Romeo, mit dem er erwischt worden war, gehörte einem Dr. Pinaldi (Nazzari) aus Portofino. Im tristen deutschen Herbst hatte der gebrechliche Italiener Urlaub in einem Hotel auf dem Lande gemacht und war bei einem Ausflug zu einem nahgelegenen Gutshof verschwunden. Der zerstreute Herr von Parenge (Meisel), der ungehobelte Verwalter Kremp (Kolldehoff), der bärbeißige Pächter Bachler (Golling), sie alle leugnen, den Vermißten gesehen zu haben – aber die Art, wie sie es tun, läßt tief blicken: bis in den Kern einer Schuld, die diese Männer verbindet, bis in den Abgrund einer Ehre, die immer noch Treue heißt, bis auf den blutigen Boden des Meeres bei Portofino. | +++
Yellow He
R Zbynek Brynych D Martin Semmelrogge, Susanne Beck, Volker Eckstein, Maria Schell, Karl Lieffen E 23. Januar 1977 | »Bei mir bist du schoen / Please let me explain …« Eine proppenvolle Disco. Spot an: Auftritt der exaltierten Yellow He (Beck). Sie greift sich den stotternden Ali (Semmelrogge), tanzt mit ihm, nimmt ihn mit nach Hause, und am nächsten Morgen, beim Frühtück im Bett, macht sie ihm einen Heiratsantrag. Zur selben Zeit wird Alis Onkel erschossen. Dessen Witwe (Schell), dessen Bruder (Lieffen) sind ratlos aber nicht gerade am Boden zerstört. Der Tote war ein Alleinherrscher, in der Familie und im Familienunternehmen, das nun die allzu sanfte Witwe und der bislang zurüchgesetzte Bruder führen werden. Ali aber kümmert sich nicht um die Zukunft der Dynastie, er hat nur Sinn für Freundin, Braut, Ehefrau Yellow He, die ihrerseits lüsterne Blicke auf Alis besten Freund Benocha (Eckstein) richtet, der seinerseits von Alis Villa, Garten und zu erwartendem Vermögen träumt: »I've tried to explain / Bei mir bist du schoen / So kiss me and say that you will understand.« | +++
»Mensch zu sein ist ein unmöglicher Zustand.« (Herbert Reinecker)
Fortsetzung folgt …
»Eine träge Abhängigkeit scheint die Republik an Reineckers Ware zu ketten.« (Stefan Ertl / Rainer Knepperges)
R Regie | D Darsteller (in allen Folgen: Horst Tappert und Fritz Wepper) | E Erstausstrahlung | +++ ausgezeichnet | ++ sehenswert | + mäßig
Tod der Kolibris
R Dietrich Haugk D Ernst Schröder, Sylvia Manas, Edith Heerdegen, Paul Bürks E 11. Januar 1976 | Ein beschickertes Pärchen findet im Kofferraum seines Wagens eine asiatischen Frauenleiche, die ihnen offenbar untergeschoben wurde, während sie sich auf einer Party amüsierten. Ein anonymer Anruf führt die Ermittler in eine herrschaftliche Villa, wo der soignierte Unternehmer Dr. Scheibnitz (Schröder) mit seiner körperlich behinderten, latent depressiven Tochter Anita (Manas) lebt. Wie sich herausstellt, schlägt der Geschäftemacher seinen Profit nicht nur aus der (legalen) Verschandelung der Stadt durch gesichtslose Betonblöcke sondern, indirekt, auch aus dem (strafbaren) Import von weiblichem Menschenmaterial zur Verwertung in der örtlichen Sexindustrie. Die invalide Anita erscheint wie die Personifizierung von verdrängten Schuldgefühlen, wie eine ständige, schmerzvolle Erinnerung an das Leid, das der ehrenwerte Geldmann in die Welt trägt. | ++
Tod des Trompeters
R Zbynek Brynych D Bernd Herberger, Bernd Herzsprung, Sabine von Maydell, Sky Dumont E 8. Februar 1976 | »Ohne dich ist es Nacht / Ohne dich …« Eine Gruppe junger Leute, die gemeinsam Musik machen, entführt den Supermarkt-Unternehmer Schrahl. (Theo Albrecht läßt grüßen.) Einer, der nicht mitmachen will, der die anderen an die Polizei zu verraten droht, findet den Tod. Die Menschenräuber handeln ohne ideologische Motivation im Auftrag des organisierten Verbrechens; es geht ihnen nicht um revolutionäre Zeichensetzung sondern ums Geld für die neue Verstärkeranlage, mithin um künstlerische Selbstverwirklichung. Vielleicht spiegelt sich im asozialen Kalkül der Täter ein gesellschaftlicher Zustand zwischen allgemeinem gesellschaftspolitischen Verdruß und radikalem Rückzug auf private Positionen. »Viel versprachst du mir / In der Einsamkeit. / Schön war diese Zeit.« | ++
Angst
R Theodor Grädler D Hans Dieter Zeidler, Heidelinde Weis, Uschi Glas, Bernd Herzsprung E 7. März 1976 | Dr. Hertel (Zeidler) erwürgt seine junge Geliebte (Glas), weil sie ihm den Laufpaß geben will – einen tyrannischen Egozentriker verläßt man nicht! Seine verhuscht-kleinlaute Gattin Franzsika (Weis) nötigt der chauvinistische Mörder, ihm ein Alibi zu verschaffen. Doch im Moment, da eine Armbanduhr, das Indiz, das den Täter verraten könnte, in die Hände der Ehefrau gelangt, bricht der (kurze) Herbst des Patriarchen an. Das hergebrachte Macht- und Angstgefüge der Beziehung beginnt zu bröckeln: Die Panik, auf deren Verbreitung er seine totale Herrschaft gründete, trifft Dr. Hertel wie ein Bumerang. Der eisig-brutale Befreiungsschlag, den der hysterisierte Autokrat schließlich führt, ist denn auch so kopf- wie nutzlos. Angst essen Seele auf. | +++
Tote Vögel singen nicht
R Alfred Vohrer D Hans Korte, Hans Caninenberg, Doris Kunstmann, Tilly Lauenstein, Harald Leipnitz, Lola Müthel E 24. April 1976 | Aus einem Koffer auf der Müllkippe purzelt die Leiche eines ermordeten Mädchens. Der unappetitliche Todesfall eröffnet eine Reihe weiterer Bluttaten, die sich im Umfeld des leutselig wirkenden Rotlicht-Fürsten Malenke (Korte) ereignen – die Variationsbreite der Tötungsarten reicht von Erschießen über Erstechen bis hin zum Ersäufen im Moorbad. Zwischen krimineller Ereignisdichte, ironischem Spielwitz und diversen Schußwechseln bleibt Raum für prägnante Charakterstudien: Da sind ein ehrvergessener Anwalt (Caninenberg) und seine ausgekochte Exfrau (Müthel), eine gleichgültige Zimmerwirtin (Lauenstein) und ihre verzweifelt-frivole Tochter (Kunstmann), kalte Killer und aalglatte Nachtclubpächter – sie alle leben hinter einer potemkinschen Fassade der Achtbarkeit, die zu böser Letzt umfällt wie ein morscher Bretterzaun, um den Blick freizugeben auf den großen Puff, den diese beste aller Welten darstellt. | +++
Schock
R Alfred Vohrer D Vadim Glowna, Karin Baal, Dirk Galuba, Johanna von Koczian E 5. Mai 1976 | Recke (Glowna), ein linkischer Autoknacker, erschießt im Affekt den Besitzer einer Luxuskarosse. Dessen zehnjähriger Sohn muß den Mord mitansehen – und verstummt in Schockstarre. Der Todeschütze scheint kaum weniger erschüttert als der Beobachter der Tat. Reckes hochkrimineller Chef Lusseck (Galuba) fürchtet (zu Recht), daß der Täter die Nerven verlieren und der Augenzeuge seine Stimme wiederfinden könnte – während Reckes, um das Schicksal ihres desolaten Mannes besorgte, Ehefrau (Baal) den eigenen zehnjährigen Jungen ausschickt, damit er den gleichaltrigen Hinterbliebenen des Opfers aushorche. Der Fall endet in reziproker Schuld-und-Sühne-Symmetrie: Ein Sohn hat seinen Vater verloren – ein Vater muß seinen Sohn verlieren. PS: Noch ein Schock: Zweiter Auftritt von Derricks Freundin. | ++
Kalkutta
R Alfred Weidenmann D Pinkas Braun, Karl Michael Vogler, Eva Christian, Walter Bluhm, Richard Münch E 30. Mai 1976 | Eine Frau rennt vor ein Auto und stirbt – kurz zuvor hatte sie noch aus der schicken Flamingo-Bar die Polizei um Hilfe antelefoniert: Sie sei in Lebensgefahr. Hinter den Kulissen des Nobelschuppens, wo ominöse Toilettenfrauen und scheinheilige Garderobenwärterinnen ihr Wesen treiben, lockt, wie sich herausstellt, ein illegales Spielcasino Schöne und Reiche, die nach verbotenen Abenteuern dürsten. Doch dies ist nicht die einzige gesetzesbrecherische Aktivität, die den mabusehaften Dunkelmann Keppler (Vogler) umtreibt: In einem Altersheim der Luxusklasse zieht er wohlstandssatten Senioren das Geld aus der Tasche, indem er sie bei regelmäßigen Filmschauen mit Hungerbildern aus Indien konfrontiert. Ob Ennui der Überflußgesellschaft oder Sühnebedürfnis ihres schlechten Gewissens – der psychologisch versierte Geschäftsmann weiß, seine saturierten Pappenheimer dort abzuholen, wo sie stehen. | ++
Kein schöner Sonntag
R Leopold Lindtberg D Ullrich Haupt, Andreas Seyferth, Henning Schlüter, Johanna Hofer E 27. Juni 1976 | Der Generationenvertrag als Familienthriller: Vater Schirmer (Haupt), ein äußerlich pflichteifriger Prokurist, beging, weil er den Seinen einen gehobenen Lebensstandard bieten wollte, Unterschlagungen im sechsstelligen D-Mark-Bereich; um diese irreguläre Aneignung zu vertuschen, knackt dessen guter, aber dilettantischer Sohn (Seyferth) den prall gefüllten Firmensafe. Das sorgsam konstruierte Alibi gerät ins Wanken, als überraschend ein Nachtwächter auftaucht, den der technisch perfekt instruierte, innerlich jedoch ungerüstete Einbrecher im Zweikampf tödlich verletzt. Schirmer junior wird von moralischem Katzenjammer überfallen, womit die existentielle Verunsicherung der Nachwachsenden zum Ausdruck kommt. Die Alten konnten sich derartig selbstquälerische Sentimentalität nicht leisten: »Wir haben ganz andere Sachen vergessen müssen.« | ++
Auf eigene Faust
R Zbynek Brynych D Horst Frank, Karl John, Helmut Käutner, Siegfried Rauch E 11. Juli 1976 | Geld oder Leben! Oder beides. Der Kriminalbeamte Winterstein (Rauch) wird auf offener Straße erschossen – er war einer Falschmünzerbande auf der Spur und im Weg. Unterstützung erhielt der spröde Einzelgänger lediglich von seinem pensionierten Kollegen Euler (John), der im Fälscher den schöpferischen Visionär erkennt: »Geld so viel man will. Das Leben, das man dafür kaufen kann. Für etwas, das nichts wert ist.« Vom billigen Reichtum phantasierte auch der kriminelle Lebemann Schenke (Frank), der nun, vorzeitig aus der Haft entlassen, die stockenden Ermittlungen unterstützt. Menschen wie er – oder wie der alte Gauner Duktus (Käutner) – stemmen sich gegen das Gesetz des Geldes, das die Welt zum Rechenexempel degradiert. Mit ihren Blütenträumen von der selbstgedruckten Freiheit kommen sie gegen die, wie es scheint, ewige Realität des Mammons freilich nicht an. | +++
Ein unbegreiflicher Typ
R Theodor Grädler D Carl-Heinz Schroth, Hilde Krahl, Jürgen Goslar, Hans-Michael Rehberg, Walter Gross E 25. Juli 1976 | Koller (Schroth), ein freundlicher älterer Herr, tauscht ein Schriftstück gegen einen Koffer mit einer halben Million D-Mark. Sein Geschäftspartner Schündler (Goslar) bewahrt nur mühsam die wohlerzogene Fassung. Der Killer, der dem gewieften Senioren nachgeschickt wird, erwischt einen anderen Mann, den das potentielle Opfer in weiser Voraussicht an eigener Statt in Abschußposition brachte. Die herzlose Transaktion erweist sich als erpresserischer Handel unter Agenten: Koller, grau und müde geworden im ewigen Zwielicht des nichtöffentlichen Dienstes, will seinen Lebensabend absichern. Er gedenkt, seine alten Tage an der Seite von Frau Bösenhaupt (Krahl) zu verbringen, der Mutter seiner Tochter, die er vor 20 Jahren verließ. Doch vergangene Zeiten kehren niemals wieder, nur einmal blühet des Lebens Mai – der verlorene Gatte, der verlorene Vater, er bleibt ein Fremder, der für seine Sünden keine Vergebung erhält. | ++
Das Bordfest
R Alfred Weidenmann D Ernst Schröder, Judy Winter, Mathieu Carrière, Walter Schmidinger, Wolfgang Reichmann E 8. August 1976 | Eine Konfektionsfirma feiert ihr Jahresfest mit einer sommerlichen Schiffspartie über den Starnberger See. Kettwig (Reichmann), einer der beiden Chefs, geht unterwegs mit einem Messer im Rücken über Bord. Tatmotive gibt es reichlich: Kompagnon Solms (Schröder) stand vor der Entlassung, weil dessen Sohn Walter (Carrière) eine Affäre mit Kettwigs junger Gattin hatte. Während der Ermordete als eher bedächtiger Zeitgenosse galt, vibriert sein überlebender Partner vor unternehmerischer Energie – das heiße Blut des geborenen Entrepreneurs belebte, wie Solms’ desillusionierte Ehefrau (Winter) zu berichten weiß, neben dem Geschäft auch die intimen Kontakte zwischen Kapital und Arbeit. Die Verquickung von sozialem Engagement und erotischem Interesse schuf ein gewittriges Betriebsklima, das schließlich zu tragischer Entladung fand. | ++
Das Superding
R Wolfgang Becker D Horst Buchholz, Gottfried John, Christine Schuberth, Ullrich Haupt, Fritz Hakl E 5. September 1976 | Direktor Veicht (Haupt) erhält die telefonische Mitteilung, daß der Tresorraum seine Geldhauses auf spektakuläre Weise ausgeraubt werden solle. Bevor er Details verraten kann, stirbt der Informant im Kugelhagel vor dem Portal des privaten Kreditinstitutes. Recherchen im, recht liederlichen, Umfeld des Toten führen in einen hippen Rockschuppen vis à vis der Bank. Von hier aus führt Clubbesitzer Gerke (Buchholz), ein ehemaliger Mathematiklehrer, der infolge eines Unfalls Konzentrationsfähigkeit und bürgerlichen Beruf verlor, den Beweis, daß es mit seiner Intelligenz immer noch zum Besten bestellt ist. Die Fähigkeit zum Verbrechen als Ausdruck geistiger Gesundheit! Während Gogo-Girls im Takt der stampfenden Musik ihre Brüste wippen lassen, wird hinter den glitzernden Discokulissen hart am Durchbruch zum ganz großen Geld gearbeitet – den schließlich der sehr kleine Herr Kranz (Hakl) ermöglicht. | +++
Risiko
R Franz Peter Wirth D Wolfgang Müller, Christian Reiner, Kristina Nel, Günther Ungeheuer E 19. September 1976 | »Das Fürchten, das sollst du schon lernen, aber dein Brot wirst du damit nicht verdienen.« Was sich die Alten schwer erarbeiten mußten, bekommen die Jungen spendiert – doch die Freude am anstrengungslos Erworbenen bleibt ohne lange Wirkung. Horst (Reiner) und Alex (Müller), Gymnasiasten, unzertrennliche Freunde, Söhne vermögender Väter, brausen auf geschenkten Motorrädern durch die schönen Nächte eines reichen Landes. Der Fahrtwind ist ihnen bald nicht mehr nicht genug – sie jagen nach Freiheit und Risiko, sie wollen sich spüren in Augenblicken blanker Gefahr, sie suchen das Leben und finden den Tod. Die Konsumgesellschaft zeigt ihr Janusgesicht: Zerstreuungssucht schlägt um in Zerstörungslust, und was kälberiges Abenteuer war, ist plötzlich ausgewachsenes Verbrechen. | ++
Pecko
R Zbynek Brynych D Pierre Franckh, Karl Walter Diess, Harald Juhnke, Stefan Behrens, Alexander Malachowsky E 3. Oktober 1976 | Ein verlor'nes Herz / bleibt für immer leer.« Ein Junge will nach oben. Pecko (Franckh) träumt davon, Weltmeister im Radball zu werden. Er will der Welt ein Spektakel bieten. Denn die Welt verlangt danach. Mit seinen Kumpels trainiert er wie ein Besessener. Eines Tages fliegt der Ball über eine Mauer in den nächsten Hof. Pecko springt hinterher und sieht wie ein Mädchen aus einem Hausflur taumelt. Sie schreit um Hilfe. Sie hat ein Messer im Rücken. Sie stirbt. Pecko behauptet, den Mörder nicht erkannt zu haben. Da sei nur ein Schatten gewesen, der verschwand. Auch die Tote träumte vom Erfolg. Sie tanzte Ballett, war gebucht für eine Tournee: Die Agentur des flotten Herrn Prinx (Juhnke), für den auch Peckos älterer Bruder Horst (Diess) arbeitet, legte ihr die Welt zu Füßen. Doch das Glücksversprechen bedeutete nicht Fortkommen sondern Endstation. Die Welt, das wird Pecko lernen, begünstigt nicht jene, die für etwas brennen, sie beloht die kalten Herzen. Pecko! | ++
Der Mann aus Portofino
R Dietrich Haugk D Kurt Meisel, Reinhard Kolldehoff, Alexander Golling, Amedeo Nazzari E 28. November 1976 | Spektakuläre Befreiung eines Untersuchungshäftlings aus dem Gerichtsgebäude! Kurze Zeit später wird der Flüchtige gefunden: erschossen an der Isar. Gesessen hatte er wegen einer Lappalie: Autodiebstahl. Der Alfa Romeo, mit dem er erwischt worden war, gehörte einem Dr. Pinaldi (Nazzari) aus Portofino. Im tristen deutschen Herbst hatte der gebrechliche Italiener Urlaub in einem Hotel auf dem Lande gemacht und war bei einem Ausflug zu einem nahgelegenen Gutshof verschwunden. Der zerstreute Herr von Parenge (Meisel), der ungehobelte Verwalter Kremp (Kolldehoff), der bärbeißige Pächter Bachler (Golling), sie alle leugnen, den Vermißten gesehen zu haben – aber die Art, wie sie es tun, läßt tief blicken: bis in den Kern einer Schuld, die diese Männer verbindet, bis in den Abgrund einer Ehre, die immer noch Treue heißt, bis auf den blutigen Boden des Meeres bei Portofino. | +++
Yellow He
R Zbynek Brynych D Martin Semmelrogge, Susanne Beck, Volker Eckstein, Maria Schell, Karl Lieffen E 23. Januar 1977 | »Bei mir bist du schoen / Please let me explain …« Eine proppenvolle Disco. Spot an: Auftritt der exaltierten Yellow He (Beck). Sie greift sich den stotternden Ali (Semmelrogge), tanzt mit ihm, nimmt ihn mit nach Hause, und am nächsten Morgen, beim Frühtück im Bett, macht sie ihm einen Heiratsantrag. Zur selben Zeit wird Alis Onkel erschossen. Dessen Witwe (Schell), dessen Bruder (Lieffen) sind ratlos aber nicht gerade am Boden zerstört. Der Tote war ein Alleinherrscher, in der Familie und im Familienunternehmen, das nun die allzu sanfte Witwe und der bislang zurüchgesetzte Bruder führen werden. Ali aber kümmert sich nicht um die Zukunft der Dynastie, er hat nur Sinn für Freundin, Braut, Ehefrau Yellow He, die ihrerseits lüsterne Blicke auf Alis besten Freund Benocha (Eckstein) richtet, der seinerseits von Alis Villa, Garten und zu erwartendem Vermögen träumt: »I've tried to explain / Bei mir bist du schoen / So kiss me and say that you will understand.« | +++
»Mensch zu sein ist ein unmöglicher Zustand.« (Herbert Reinecker)
Fortsetzung folgt …
18. April 2012
Wege ins Verbrechen
DVD | »Derrick« von Herbert Reinecker (Folgen 1 bis 15 1974/1975)
»›Derrick‹ war immer schon da.« (Jörg Lau)
»Der Kommissar«, die erste Kriminalserie des deutschen Fernsehens mit fester Ermittlerfigur, läuft bereits fünf Jahre, als sich ihr alleiniger Autor Herbert Reinecker an die Konzeption eines weiteren Spannungsformats für das Zweite Deutsche Fernsehen macht. Im Gegensatz zu Kommissar Keller (Erik Ode) soll der Nachfolger keine klassischen Whodunits lösen – der Entwurf für die neue Serie sieht eine offene Täterführung vor: Die Tat selbst, ihre Hintergründe und ihre Auslöser, mithin der Täter, sein Antrieb und seine psychologische Disposition, stehen im Mittelpunkt des erzählerischen Interesses: »Wie eigentlich wird der Mensch zum Mörder?« Der ermittelnde Beamte fungiert in erster Linie als Indikator, der die Beweggründe der kriminell Handelnden sichtbar werden läßt, der mit seinen Recherchen die »Wege ins Verbrechen« nachzeichnet. 15 Folgen lang arbeitet Reinecker nach diesem Prinzip, bis er seinen narrativen Leitgedanken wegen mangelnden Publikumszuspruchs modifizieren muß.
Oberinspektor Stephan Derrick ist ein Mann ohne besondere Kennzeichen, ohne sichtbare Gemütsbewegungen, fast ohne Privatleben; Horst Tappert verkörpert ihn mit einem Höchstmaß an gestischer und stimmlicher Beherrschung. Derricks/Tapperts zumeist völlig ausdrucksloses Gesicht wirkt wie eine fortwährende Bestätigung des Kuleschow-Effektes: Die wechselnden Emotionen der zentralen Figur lassen sich allein aus den verschiedenen Objekten seiner nüchternen Betrachtung ableiten. Derricks jüngerer Assistent, Inspektor Harry Klein (!), folgsam gespielt von Fritz Wepper, zeigt zwar gelegentlich so etwas wie menschliche Regungen, erfüllt aber kaum eine andere Funktion als die des echohaft antwortenden Ansprechpartners, bleibt dramaturgische Rückkopplung des Titel-»Helden«. Die berüchtigte, oft parodierte Redundanz des Reineckerschen Dialogs erweist sich an dieser Stelle als ein auf zwei Stimmen verteiltes Selbstgespräch, das den Gegenstand der Ermittlung, die (mehr oder weniger) komplexen Fragen von Schuld und Verantwortung (mehr oder weniger) nachdenklich umkreist.
Die erfolgreiche Herstellungsweise des »Kommissar« wird von Produzent Helmut Ringelmann kurzerhand auf »Derrick« übertragen: ein Autor, zahlreiche Regisseure (zehn verschiedene allein für die ersten 15 Folgen), prominente Darsteller in den Episodenrollen; die Arbeit eines Chefarchitekten (Wolf Englert) sowie zweier, einander abwechselnder Bildgestalter (Rolf Kästel und Manfred Ensinger) sorgen für kreative Kontinuität. Im Gegensatz zur Vorläuferserie, die (ungewöhnlich genug für die 1970er Jahre) bis zur letzten Folge in Schwarzweiß gedreht wird, erscheint »Derrick« in Farbe. Auf die sorgfältig komponierten, kontrastreichen Einstellungsfolgen des »Kommissar«, die eine formal hochklassige, expressive Sachlichkeit entwickeln, folgt die beweglich-suchende, gespannt-nervöse, häufig mit Zooms und schnellen Schwenks operierende Kamera von »Derrick«. Dieser dokumentarische Gestus, angewandt auf künstlich überhöhte, bisweilen fast surreal verzerrte Handlungsmilieus, führt – in den besten Momenten der Serie – zu einer Art von abstraktem Naturalismus, der die bundesdeutsche(n) Wirklichkeit(en) zugleich schöpferisch ausschlachtet und in Form greller Travestien enthüllt.
Bürgerliche Trauerspiele oder Furcht und Elend der Mittelschicht
Herbert Reinecker nannte Georges Simenons Pariser Kommissar Jules Maigret als Vorbild für seine Münchner Ermittler Herbert Keller und Stephan Derrick: Das Verstehen der Tat sowie das Ergründen von Motiven gehen stets vor kriminalistischer Routinearbeit. Während sich Keller praktisch ganz auf die verbale Umzingelung der Täter beschränkt, greift Derrick gelegentlich zum Schießeisen, doch auch seine Waffen sind in erster Linie das insistierende Gespräch, die psychologische Einfühlung: »Derrick findet die Wahrheit am Ende nicht deshalb heraus, weil er so verteufelt intelligent ist, sondern weil er Verständnis für seinen Gesprächspartner hat.« (Umberto Eco) Immer wieder aber verläßt Reinecker das Terrain simenonscher Lakonie zugunsten eines chabrolesken Sardonismus – denn ebenso wie der französische Regisseur richtet der deutsche Autor sein Augenmerk bevorzugt auf die Gier (nach Geld, nach Sex, nach Macht) des nur äußerlich gesitteten Bürgertums. Das Verbrechen bleibt bei Reinecker (fast) gänzlich privat; politisch oder gesellschaftlich motivierte Straftaten finden im (Parallel-)Universum von »Derrick« nicht statt. Die »revolutionäre Gewalt«, von der die Bundesrepublik in den 1970er Jahren erschüttert wurde, existiert in »Derrick« bestenfalls als ferner Widerhall, der sich in den Krisen dysfunktionaler (und nicht selten unvollständiger) Familien oder im massiv gestörten Verhältnis der Generationen offenbart.
Derricks vornehmlicher Wirkungskreis ist die Mitte der Gesellschaft und damit, wenn man so will, das unmittelbare Umfeld des Fernsehzuschauers. Die Serie präsentiert diese Welt in ihrer ganzen Vielfalt: von Groß- und Besitz- über Kultur- und Bildungs- bis hin zum Spieß- und Kleinbürgertum. Selten sind die Ausflüge ins proletarische Milieu oder in die Sphäre der superreichen Oberschicht. Die Akteure werden hauptsächlich daheim, in ihren Häusern und Wohnungen, beobachtet und über die spezifische Ausgestaltung dieser Umgebungen beschrieben: »Derrick«-Settings – Orte einer, wie man erfahren muß, brüchigen Normalität – bilden einen umfassenden Katalog bürgerlicher Lebensstile zwischen polsterschwerer Behaglichkeit und farbenfrohem Avantgardismus, zwischen stumpfgeputzter Ordnung und aprilfrischer Repräsentation. Reineckers Aufmerksamkeit gilt den (instabilen) zwischenmenschlichen Beziehungen sowie den (mörderischen) Abgründen, die sich auf diesem weiten Feld unversehens öffnen können; noch wenn der Autor, was er selten tut, den Dunstkreis des Berufsverbrechertums auslotet, charakterisiert er das Milieu vor allem anhand familiärer Verhältnisse und privater Konstellationen.
Mord erscheint bei Reinecker nicht nur als Begleitumstand des bürgerlichen Lebens sondern auch als Domäne der Männer: In seinen ersten 15 Fällen stellt Oberinspektor Derrick ausschließlich männliche Täter, darunter ein Lehrer und ein Handwerker, ein Sangesbruder und ein Student, ein Pfandleiher und ein Gymnasiast. Nur selten haben diese Männer ihre Mordtaten sorgfältig geplant, sich gar Alibis beschafft oder etwaige Konsequenzen bedacht. Bei Reinecker geraten die Täter vielmehr en passant an »jene fließende Grenze, die Legalität und Illegalität trennt«, werden zumeist schockierend plötzlich mit ihrer Fähigkeit konfrontiert, einen anderen Menschen töten zu können. »Ein Mord, den jeder begeht« heißt ein Roman des Schriftstellers Heimito von Doderer. Diesen Titel könnte auch fast jede Folge von »Derrick« tragen.
15 Folgen
R Regie | D Darsteller (in allen Folgen: Horst Tappert und Fritz Wepper) | E Erstausstrahlung | +++ ausgezeichnet | ++ sehenswert | + mäßig
Waldweg
R Dietrich Haugk D Wolfgang Kieling, Lina Carstens, Hilde Weissner, Herbert Bötticher E 20. Oktober 1974 | Herr Manger (Kieling), Lehrer an einer idyllisch im Forst gelegenen Haushaltsschule, wird vom ewig Weiblichen überwältigt. »17, 18, das ist ja das Alter, in dem sie am Aufregendsten sind«, weiß auch Kollege Dackmann (Bötticher), der seine Libido allerdings im Zaume zu halten versteht, sich auf das genußfrohe Betrachten der jeunes filles en fleurs beschränkt. Manger aber, vielleicht allzu streng erzogen von einer passiv-repressiven Mutter (Carstens), bei der er als Erwachsener immer noch wohnt, erlebt die – durchaus wirkungsbewußte – Lockerheit der Mädchen als hemmungslose Zurschaustellung, als Aufforderung zum Übergriff. So verwandelt er sich im dunklen Wald der Verlockung in einen Wolf, nicht in einen großen, bösen freilich, sondern in eine traurige, vom eigenen Jagdtrieb gehetzte Kreatur. | ++
Johanna
R Leopold Lindtberg D Lilli Palmer, Helmuth Lohner, Helga Anders E 3. November 1974 | Ein jüngerer Mann, eine ältere Frau. Er unbemittelt, sie wohlhabend. Das kann nicht gut gehen. Tut es auch nicht. Alfred Balke (Lohner) erdrosselt seine Gattin Martha (Palmer). Des Geldes wegen. Damit er mit seiner attraktiven Geliebten Roswitha (Anders) ein süßeres Leben genießen kann. Aber der Täter, schon immer unausgeglichen, schon immer ein Schwächling, gerät in nervliche Bedrängnis, als Johanna (Palmer), die Schwester der Ermordeten, auftaucht, um bei ihrem Schwager Wohnung zu nehmen: Gleich einer rächenden Wiedergängerin konfrontiert sie den Verbrecher mit seiner charakterlichen Minderwertigkeit und treibt ihn – der zu einer weiteren Gewalttat nicht fähig ist – unbeirrt an den Rand des seelischen Zusammenbruchs. | ++
Stiftungsfest
R Helmut Käutner D Siegfried Lowitz, Bruno Dietrich, Herbert Fleischmann, Andrea Rau E 1. Dezember 1974 | »Wo man singt, da laß dich ruhig nieder, böse Menschen haben keine Lieder.« Mag sein. Doch auch Sänger haben Triebe, die ihnen und anderen zum Verhängnis werden können: August Bark (Lowitz) beispielsweise, jovialer Vorsitzender eines Gesangsvereins, eine feuchtfröhlich schwitzende Seele von Mensch, hat nicht nur Gesang auf den Lippen sondern auch Gelüste. Irene (Rau), die aufreizende Freundin seines Sohnes Helmut (Dietrich), bekommt die stichflammenhaft hervorschießende Begierde des geilen Bocks tödlich zu spüren. August – bald beduselter Orpheus, bald spießbürgerlicher Dionysos, zuletzt nur ein kleinherziges Häufchen Elend – glaubt eine Nacht lang, seiner Verantwortung entfliehen zu können. Schließlich gibt keinen Beweis für seine (auch ihm selbst) unbegreifliche Tat. Aber das Bekenntnis drängt heraus – wie ein Lied, das gesungen werden will. | +++
Mitternachtsbus
R Theodor Grädler D Werner Kreindl, Hartmut Becker, Bruni Löbel, Rudolf Platte, Lambert Hamel E 12. Januar 1975 | Es war einmal in einem kleinen Ort am Rande der Stadt. Ein Mädchen ist schwanger. Ihr Freund (Becker) will weder sie noch das Kind. Er bietet ihr 3.000 Mark. Sie soll »es« wegmachen lassen. Sie weigert sich. Da macht er sie weg. Der Vater des unbeherrschten Schlappschwanzes, ein handfester Gastwirt (Kreindl), nimmt die Sache in die Hand: Er lenkt den Verdacht auf den herzensguten Dorftrottel Bruno (Hamel), dessen alkoholisch-gebrochener Vater (Platte) sich breitschlagen läßt, seinen geistesschwachen Sohn gegen Schnaps zu verkaufen. Mütter gibt es nicht in dieser ganz und gar freudlosen Fabel – sie sind wohl vor langer Zeit schon schreiend davongelaufen vor diesen ganz normalen Monstern, die bezahlen wollen, wenn sie lieben sollten, und töten, wenn man das Geld nicht nimmt. | +++
Tod am Bahngleis
R Alfred Weidenmann D Peter Kuiper, Günter Strack, Mascha Gonska, Arthur Brauss E 9. Februar 1975 | Entlang einer S-Bahnstrecke im Münchner Süden werden die Leichen erwürgter junger Frauen gefunden. Die Ermordeten liegen, wie aufgebahrt, immer ganz dicht am Gleiskörper, immer im rechten Winkel zu den Schienen; sie wurden nicht mißbraucht, lediglich ihre Blusen sind ein Stück weit geöffnet. Der Täter, ein einfältig-freundlicher Streckenarbeiter (Kuiper), von den Kollegen taktlos veralbert, von der Mutter grausam verachtet, hat seine weiblichen Opfern beinahe zärtlich vom Leben zum Tode befördert. Seine Fähigkeit zur Hingabe, seine Liebesbedürftigkeit, dauerhaft lächerlich gemacht oder zurückgewiesen, kippt um in Gewalt: Mord als Resultat einer männlichen Sanftmut, die ihren menschlichen Ausdruck nicht finden kann. | ++
Nur Aufregungen für Rohn
R Wolfgang Becker D Thomas Fritsch, Helmut Käutner, Gustl Halenke, Thomas Astan E 9. März 1975 | Gelegenheit macht Diebe. Notwendigkeit macht Mörder. Eigentlich will der nette blonde Student Rohn (Fritsch) seinen Nachbarn, den netten grauhaarigen Geldboten Seibach (Käutner) lediglich berauben, doch als ihm der Alte wegen eines am Ort des Überfalls verlorenen Kugelschreibers auf die Schliche kommt und die Benachrichtigung der Polizei ankündet, bleibt dem bedrängten Delinquenten keine andere Möglichkeit, als zu töten, um die eigene Haut zu retten. »Was tun Sie mir an?« ist die panische Frage des hilflosen Täters an sein entschlossenes Opfer, das seinerseits gar nicht anders kann, als die Meuchelei sehenden Auges herauszufordern: ein Teufelskreis der Konsequenz. | ++
Madeira
R Theodor Grädler D Curd Jürgens, Susanne Uhlen, Elfriede Kuzmany, Inge Birkmann E 6. April 1975 | Jürgens als mörderischer Witwentröster: Ergreifend und jämmerlich, wie der reife Charmeur Bubach den einsamen weiblichen Herzen mit sonorer Stimme von der klimatisch bevorzugten Trauminsel im Atlantik vorschwärmt, woraufhin die betörten Damen stante pede ihre Konten auflösen. Fast scheint es so, als ginge es dem kultivierten Herrn gar nicht um den pekuniären Gewinn, der ihm wie selbstverständlich zufällt, fast scheint es so, als betreibe er ein psychologisches Experiment, um herauszufinden, ob es möglich wäre, Kaffeehausbekanntschaften kraft schöner Worte zur Aufgabe der Existenz zu bewegen. Eine eindringliche Studie der Sehnsucht – nach Nähe, nach Geld –, die – so oder so – keine Erfüllung findet. | +++
Zeichen der Gewalt
R Theodor Grädler D Gaby Dohm, Joachim Bißmeier, Raimund Harmstorf, Sybil Danning, Jan Hendriks E 4. Mai 1975 | Indem sie seine Gattin mit dem Tode bedrohen, erpressen zwei Gauner den Rechtsanwalt Rieger (Bißmeier), seinem Klienten Hausmann (Harmstorf) eine Knarre in den Knast zu schmuggeln. Der Untersuchungshäftling schießt sich brutal frei und taucht ab. Der entehrte Jurist tötet sich selbst, woraufhin seine Witwe (Dohm) aktiv die Ermittlungen unterstützt, um den Schuldigen zu fassen – der sich als emotional Besessener erweist. Hausmann, Geschäftsführer einer Nachtbar, fiebert nach der Freiheit im Grunde nur, weil er seine sinnliche Frau (Danning) nicht entbehren kann, die auf der Bühne des Clubs allabendlich die Hüllen fallen läßt: Der gewalttätige Berserker, vor dem alle kuschen, ist Sklave seiner Triebe, die ihm letztlich zum Verhängnis gereichen. | ++
Paddenberg
R Franz Peter Wirth D Peter Pasetti, Anaid Iplicjan, Heinz Bennent, Ernst Jacobi E 1. Juni 1975 | Gespenster der Vergangenheit oder Tödliche Wiederbegegnung nach 30 Jahren: Der treuherzige Kunstmaler Hofer (Bennent) trifft auf den imposanten Unternehmer Paddenberg (Pasetti), der ihm unter dem Namen Goldinger in der Kriegsgefangenschaft zum bewunderten Freund geworden war. Der Erkannte legt – aus bestimmten Gründen – keinen Wert auf die Erneuerung der Bekanntschaft und schießt dem alten Kameraden ins Herz. Weit gefährlicher als die polizeiliche Ermittlung wird dem Verbrecher die kühle Witwe des Opfers (Iplicjan), die ihr Wissen um die Identität des Mörders, den sie als viriles Gegenbild ihres energielosen Mannes zu bewundern scheint, vermeintlich zu eigenem Vorteil nutzen will. Das psychologische Duell zweier Machtmenschen endet mit den kleinmütigen Tränen des Täters: Direktor Paddenberg zeigt Schwäche, womit er seinen Untergang besiegelt. | +++
Hoffmanns Höllenfahrt
R Theodor Grädler D Klaus Löwitsch, Judy Winter, Pierre Franckh, Ingrid Steeger E 29. Juni 1975 | Eigentlich will »Onkel« Hoffmann (Löwitsch) die angetüterte Nachbarstochter Anneliese (Steeger) nur nach Hause fahren, dann aber wirft sich ihm das Früchtchen an den Hals. Er kann nicht anders, als die Situation auszunutzen. Sie will es doch auch! Oder doch nicht? Schon droht die Launenhafte, alles ihrem Vater zu erzählen. Da landet sie als Leiche auf dem Schrottplatz. Hoffmann, dessen Verspätung am Mordabend nicht unbemerkt bleibt, schwitzt nun vor Anspannung, während seine kleine Welt in Stücke fällt. Der Sohn will plötzlich nicht mehr mit ihm frühstücken, die Tochter verweigert den Gutenachtkuß, die Gattin (Winter) mag das Ehebett nicht mehr mit ihm teilen: Hat sich Hoffmann nicht immerschon von Frauen aus der Fassung bringen lassen? War er es nicht, der einst als erster Annelieses knospende Brüste bemerkte? »Es ist doch nichts bewiesen!« stammelt der Verdächtige – und läßt böse Ahnung zur Gewißheit werden. | ++
Pfandhaus
R Dietrich Haugk D Max Mairich, Doris Kunstmann, Klaus Maria Brandauer, Johanna von Koczian E 27. Juli 1975 | La femme et le pantin oder Wenn Frauen Männer zur Verzweiflung treiben: Der kleine, unattraktive Pfandhausbesitzer Gustl Karruska (Mairich) liebt das große, schöne Fräulein Mangold (Kunstmann), die zwar sein Geld und seine Villa zu schätzen weiß, ihre körperlichen Bedürfnisse aber anderswo befriedigt. Der Gehörnte greift in tiefem Schmerz zur Waffe, erledigt jedoch nicht den potenten Rivalen (Brandauer) sondern einen Unbeteiligten. Der feixend mit dem Leben davongekommene Kontrahent läßt den unglücklichen Mörder für seine erfolglose Tat bezahlen, indem er das Haus des reichen Mannes zum Territorium seiner nun ganz offen genossenen Lust macht. Die tragische Komödie der Erniedrigung findet ihren Höhepunkt in einem allseits würdelosen Pas de troi. PS: Derrick hat eine Freundin! Sie tut nichts zur Sache. | ++
Ein Koffer aus Salzburg
R Alfred Weidenmann D Ralf Schermuly, Jacques Breuer, Max Eckard, Traugott Buhre, Friedrich Joloff E 24. August 1975 | Eine Putzfrau der Bundesbahn wird erschossen, nachdem sie den Salzburger Zug reinigte. Der flüchtige Täter trägt einen Metallkoffer bei sich, der offenbar Schmuggelware enthält. Psychologisches Einfühlungsvermögen ist bei der Ermittlung nicht unbedingt vonnöten, eher schon technisches Verständnis und analytische Kombinationsgabe. Eine gewisse visuelle Spannung bezieht der unpersönliche Fall aus dem Kontrast zwischen dem popmodernen Lebensumfeld der ausgekochten Pascher – Drogenkurier Scharwedder (Schermuly) residiert im knallfarbigen ›Schwabylon‹ – und der grauen Kleinbürgerlichkeit, in der die Hinterbliebenen des Opfers – ein schuldbeladen-betäubter Ehemann (Eckard) und ein impulsiv-penetranter Sohn (Breuer) – (nicht wirklich) zuhause sind. | +
Kamillas junger Freund
R Alfred Vohrer D Luitgard Im, Gerd Böckmann, Karl Walter Diess, Siegfried Wischnewski, Harry Meyen E 21. September 1975 | Das finanzstarke Elend von vereinsamten Gattinnen wohlsituierter Herren nutzt der glatte Gigolo Kaub (Böckmann) nicht nur zur einfachen Bereicherung, er lauscht den mitteilungsbedürftigen Frauen auch intime häusliche Informationen ab, die seinen Komplizen zur Vorbereitung und Ausführung smart-brutaler (und einträglicher) Überfälle dienen. So fällt die emotionale Wurstigkeit der Ehemänner – des dickfelligen Schrotthändlers (Wischnewski), des frostigen Arztes (Meyen) – mit Wucht auf sie selbst zurück auf: Jeder zahlt für seine Schuld. Aber auch jene, die keine gefühlsmäßigen Verbindlichkeiten haben, werden gelegentlich zur Kasse gebeten, so wie die beherzte Hausangestellte, deren sinnloser Tod die Mordkommission auf den Plan ruft. | ++
Der Tag nach dem Mord
R Helmuth Ashley D Alexander Kerst, Oliver Grimm, Krista Keller, Anita Lochner E 19. Oktober 1975 | Gymnasiast Horst (Grimm) liebt die Mitschülerin Andrea (Lochner), die seinem besten Freund, dem Automechaniker Mario, zugetan ist. Horst paßt den Nebenbuhler ab und rammt ihm im Rausch der Eifersucht einen Schraubenzieher in den Bauch. Der apodiktische Vater (Kerst) des weichlichen Totschlägers vertuscht die Tat, gibt seinem Sohn ein Alibi und bearbeitet seine geschiedene Frau (Keller), es ihm gleichzutun – doppelt gelogen hält besser. Eingekeilt zwischen die Protagonisten eines kalten Ehenachkrieges, bedrückt von einem herrschsüchtigen Erzeuger und einer gefühlsarmen Mutter, muß dem fahrlässigen Kapitalverbrecher das Geständnis schließlich als revolutionärer Selbstbefreiungsakt aus dem gutbürgerlichen Familiengefängnis erscheinen. | ++
Alarm auf Revier 12
R Zbynek Brynych D Gerd Haucke, Rosemarie Fendel, Mascha Gonska, Nikolaus Paryla E 14. Dezember 1975 | Haucke als bulliger Haustyrann Ross, der Frau (Fendel) und Tochter (Gonska) eine miefig-enge Hölle der Angst bereitet. Nach acht Jahren Haft wegen diverser Eigentumsdelikte macht sich der gewaltige Familienvater mit seinen Spießgesellen sogleich wieder an die Arbeit, erschießt nebenbei noch den spillerigen Schwiegersohn in spe (Paryla), weil dieser den despotischen Brocken an die Polizei verpfeifen wollte. Die Ermittlungen führen in eine obskure Kneipe, wo das Gesindel Billard spielt und die Musicbox mit repetitiver Starrsinnigkeit »Theo, wir fahr’n nach Lodz« dudelt: »Da packen wir das Glück beim Schopf / Und hauen alles auf den Kopf.« PS: Wie oft bei Brynych brechen die Beteiligten immer wieder unvermittelt in beunruhigendes (und befreiendes) Gelächter aus. | +++
»So ist der Mensch, wie ich es sehe, das gefährdetste Geschöpf überhaupt.« (Herbert Reinecker)
Fortsetzung folgt …
»›Derrick‹ war immer schon da.« (Jörg Lau)
»Der Kommissar«, die erste Kriminalserie des deutschen Fernsehens mit fester Ermittlerfigur, läuft bereits fünf Jahre, als sich ihr alleiniger Autor Herbert Reinecker an die Konzeption eines weiteren Spannungsformats für das Zweite Deutsche Fernsehen macht. Im Gegensatz zu Kommissar Keller (Erik Ode) soll der Nachfolger keine klassischen Whodunits lösen – der Entwurf für die neue Serie sieht eine offene Täterführung vor: Die Tat selbst, ihre Hintergründe und ihre Auslöser, mithin der Täter, sein Antrieb und seine psychologische Disposition, stehen im Mittelpunkt des erzählerischen Interesses: »Wie eigentlich wird der Mensch zum Mörder?« Der ermittelnde Beamte fungiert in erster Linie als Indikator, der die Beweggründe der kriminell Handelnden sichtbar werden läßt, der mit seinen Recherchen die »Wege ins Verbrechen« nachzeichnet. 15 Folgen lang arbeitet Reinecker nach diesem Prinzip, bis er seinen narrativen Leitgedanken wegen mangelnden Publikumszuspruchs modifizieren muß.
Oberinspektor Stephan Derrick ist ein Mann ohne besondere Kennzeichen, ohne sichtbare Gemütsbewegungen, fast ohne Privatleben; Horst Tappert verkörpert ihn mit einem Höchstmaß an gestischer und stimmlicher Beherrschung. Derricks/Tapperts zumeist völlig ausdrucksloses Gesicht wirkt wie eine fortwährende Bestätigung des Kuleschow-Effektes: Die wechselnden Emotionen der zentralen Figur lassen sich allein aus den verschiedenen Objekten seiner nüchternen Betrachtung ableiten. Derricks jüngerer Assistent, Inspektor Harry Klein (!), folgsam gespielt von Fritz Wepper, zeigt zwar gelegentlich so etwas wie menschliche Regungen, erfüllt aber kaum eine andere Funktion als die des echohaft antwortenden Ansprechpartners, bleibt dramaturgische Rückkopplung des Titel-»Helden«. Die berüchtigte, oft parodierte Redundanz des Reineckerschen Dialogs erweist sich an dieser Stelle als ein auf zwei Stimmen verteiltes Selbstgespräch, das den Gegenstand der Ermittlung, die (mehr oder weniger) komplexen Fragen von Schuld und Verantwortung (mehr oder weniger) nachdenklich umkreist.
Die erfolgreiche Herstellungsweise des »Kommissar« wird von Produzent Helmut Ringelmann kurzerhand auf »Derrick« übertragen: ein Autor, zahlreiche Regisseure (zehn verschiedene allein für die ersten 15 Folgen), prominente Darsteller in den Episodenrollen; die Arbeit eines Chefarchitekten (Wolf Englert) sowie zweier, einander abwechselnder Bildgestalter (Rolf Kästel und Manfred Ensinger) sorgen für kreative Kontinuität. Im Gegensatz zur Vorläuferserie, die (ungewöhnlich genug für die 1970er Jahre) bis zur letzten Folge in Schwarzweiß gedreht wird, erscheint »Derrick« in Farbe. Auf die sorgfältig komponierten, kontrastreichen Einstellungsfolgen des »Kommissar«, die eine formal hochklassige, expressive Sachlichkeit entwickeln, folgt die beweglich-suchende, gespannt-nervöse, häufig mit Zooms und schnellen Schwenks operierende Kamera von »Derrick«. Dieser dokumentarische Gestus, angewandt auf künstlich überhöhte, bisweilen fast surreal verzerrte Handlungsmilieus, führt – in den besten Momenten der Serie – zu einer Art von abstraktem Naturalismus, der die bundesdeutsche(n) Wirklichkeit(en) zugleich schöpferisch ausschlachtet und in Form greller Travestien enthüllt.
Bürgerliche Trauerspiele oder Furcht und Elend der Mittelschicht
Herbert Reinecker nannte Georges Simenons Pariser Kommissar Jules Maigret als Vorbild für seine Münchner Ermittler Herbert Keller und Stephan Derrick: Das Verstehen der Tat sowie das Ergründen von Motiven gehen stets vor kriminalistischer Routinearbeit. Während sich Keller praktisch ganz auf die verbale Umzingelung der Täter beschränkt, greift Derrick gelegentlich zum Schießeisen, doch auch seine Waffen sind in erster Linie das insistierende Gespräch, die psychologische Einfühlung: »Derrick findet die Wahrheit am Ende nicht deshalb heraus, weil er so verteufelt intelligent ist, sondern weil er Verständnis für seinen Gesprächspartner hat.« (Umberto Eco) Immer wieder aber verläßt Reinecker das Terrain simenonscher Lakonie zugunsten eines chabrolesken Sardonismus – denn ebenso wie der französische Regisseur richtet der deutsche Autor sein Augenmerk bevorzugt auf die Gier (nach Geld, nach Sex, nach Macht) des nur äußerlich gesitteten Bürgertums. Das Verbrechen bleibt bei Reinecker (fast) gänzlich privat; politisch oder gesellschaftlich motivierte Straftaten finden im (Parallel-)Universum von »Derrick« nicht statt. Die »revolutionäre Gewalt«, von der die Bundesrepublik in den 1970er Jahren erschüttert wurde, existiert in »Derrick« bestenfalls als ferner Widerhall, der sich in den Krisen dysfunktionaler (und nicht selten unvollständiger) Familien oder im massiv gestörten Verhältnis der Generationen offenbart.
Derricks vornehmlicher Wirkungskreis ist die Mitte der Gesellschaft und damit, wenn man so will, das unmittelbare Umfeld des Fernsehzuschauers. Die Serie präsentiert diese Welt in ihrer ganzen Vielfalt: von Groß- und Besitz- über Kultur- und Bildungs- bis hin zum Spieß- und Kleinbürgertum. Selten sind die Ausflüge ins proletarische Milieu oder in die Sphäre der superreichen Oberschicht. Die Akteure werden hauptsächlich daheim, in ihren Häusern und Wohnungen, beobachtet und über die spezifische Ausgestaltung dieser Umgebungen beschrieben: »Derrick«-Settings – Orte einer, wie man erfahren muß, brüchigen Normalität – bilden einen umfassenden Katalog bürgerlicher Lebensstile zwischen polsterschwerer Behaglichkeit und farbenfrohem Avantgardismus, zwischen stumpfgeputzter Ordnung und aprilfrischer Repräsentation. Reineckers Aufmerksamkeit gilt den (instabilen) zwischenmenschlichen Beziehungen sowie den (mörderischen) Abgründen, die sich auf diesem weiten Feld unversehens öffnen können; noch wenn der Autor, was er selten tut, den Dunstkreis des Berufsverbrechertums auslotet, charakterisiert er das Milieu vor allem anhand familiärer Verhältnisse und privater Konstellationen.
Mord erscheint bei Reinecker nicht nur als Begleitumstand des bürgerlichen Lebens sondern auch als Domäne der Männer: In seinen ersten 15 Fällen stellt Oberinspektor Derrick ausschließlich männliche Täter, darunter ein Lehrer und ein Handwerker, ein Sangesbruder und ein Student, ein Pfandleiher und ein Gymnasiast. Nur selten haben diese Männer ihre Mordtaten sorgfältig geplant, sich gar Alibis beschafft oder etwaige Konsequenzen bedacht. Bei Reinecker geraten die Täter vielmehr en passant an »jene fließende Grenze, die Legalität und Illegalität trennt«, werden zumeist schockierend plötzlich mit ihrer Fähigkeit konfrontiert, einen anderen Menschen töten zu können. »Ein Mord, den jeder begeht« heißt ein Roman des Schriftstellers Heimito von Doderer. Diesen Titel könnte auch fast jede Folge von »Derrick« tragen.
15 Folgen
R Regie | D Darsteller (in allen Folgen: Horst Tappert und Fritz Wepper) | E Erstausstrahlung | +++ ausgezeichnet | ++ sehenswert | + mäßig
Waldweg
R Dietrich Haugk D Wolfgang Kieling, Lina Carstens, Hilde Weissner, Herbert Bötticher E 20. Oktober 1974 | Herr Manger (Kieling), Lehrer an einer idyllisch im Forst gelegenen Haushaltsschule, wird vom ewig Weiblichen überwältigt. »17, 18, das ist ja das Alter, in dem sie am Aufregendsten sind«, weiß auch Kollege Dackmann (Bötticher), der seine Libido allerdings im Zaume zu halten versteht, sich auf das genußfrohe Betrachten der jeunes filles en fleurs beschränkt. Manger aber, vielleicht allzu streng erzogen von einer passiv-repressiven Mutter (Carstens), bei der er als Erwachsener immer noch wohnt, erlebt die – durchaus wirkungsbewußte – Lockerheit der Mädchen als hemmungslose Zurschaustellung, als Aufforderung zum Übergriff. So verwandelt er sich im dunklen Wald der Verlockung in einen Wolf, nicht in einen großen, bösen freilich, sondern in eine traurige, vom eigenen Jagdtrieb gehetzte Kreatur. | ++
Johanna
R Leopold Lindtberg D Lilli Palmer, Helmuth Lohner, Helga Anders E 3. November 1974 | Ein jüngerer Mann, eine ältere Frau. Er unbemittelt, sie wohlhabend. Das kann nicht gut gehen. Tut es auch nicht. Alfred Balke (Lohner) erdrosselt seine Gattin Martha (Palmer). Des Geldes wegen. Damit er mit seiner attraktiven Geliebten Roswitha (Anders) ein süßeres Leben genießen kann. Aber der Täter, schon immer unausgeglichen, schon immer ein Schwächling, gerät in nervliche Bedrängnis, als Johanna (Palmer), die Schwester der Ermordeten, auftaucht, um bei ihrem Schwager Wohnung zu nehmen: Gleich einer rächenden Wiedergängerin konfrontiert sie den Verbrecher mit seiner charakterlichen Minderwertigkeit und treibt ihn – der zu einer weiteren Gewalttat nicht fähig ist – unbeirrt an den Rand des seelischen Zusammenbruchs. | ++
Stiftungsfest
R Helmut Käutner D Siegfried Lowitz, Bruno Dietrich, Herbert Fleischmann, Andrea Rau E 1. Dezember 1974 | »Wo man singt, da laß dich ruhig nieder, böse Menschen haben keine Lieder.« Mag sein. Doch auch Sänger haben Triebe, die ihnen und anderen zum Verhängnis werden können: August Bark (Lowitz) beispielsweise, jovialer Vorsitzender eines Gesangsvereins, eine feuchtfröhlich schwitzende Seele von Mensch, hat nicht nur Gesang auf den Lippen sondern auch Gelüste. Irene (Rau), die aufreizende Freundin seines Sohnes Helmut (Dietrich), bekommt die stichflammenhaft hervorschießende Begierde des geilen Bocks tödlich zu spüren. August – bald beduselter Orpheus, bald spießbürgerlicher Dionysos, zuletzt nur ein kleinherziges Häufchen Elend – glaubt eine Nacht lang, seiner Verantwortung entfliehen zu können. Schließlich gibt keinen Beweis für seine (auch ihm selbst) unbegreifliche Tat. Aber das Bekenntnis drängt heraus – wie ein Lied, das gesungen werden will. | +++
Mitternachtsbus
R Theodor Grädler D Werner Kreindl, Hartmut Becker, Bruni Löbel, Rudolf Platte, Lambert Hamel E 12. Januar 1975 | Es war einmal in einem kleinen Ort am Rande der Stadt. Ein Mädchen ist schwanger. Ihr Freund (Becker) will weder sie noch das Kind. Er bietet ihr 3.000 Mark. Sie soll »es« wegmachen lassen. Sie weigert sich. Da macht er sie weg. Der Vater des unbeherrschten Schlappschwanzes, ein handfester Gastwirt (Kreindl), nimmt die Sache in die Hand: Er lenkt den Verdacht auf den herzensguten Dorftrottel Bruno (Hamel), dessen alkoholisch-gebrochener Vater (Platte) sich breitschlagen läßt, seinen geistesschwachen Sohn gegen Schnaps zu verkaufen. Mütter gibt es nicht in dieser ganz und gar freudlosen Fabel – sie sind wohl vor langer Zeit schon schreiend davongelaufen vor diesen ganz normalen Monstern, die bezahlen wollen, wenn sie lieben sollten, und töten, wenn man das Geld nicht nimmt. | +++
Tod am Bahngleis
R Alfred Weidenmann D Peter Kuiper, Günter Strack, Mascha Gonska, Arthur Brauss E 9. Februar 1975 | Entlang einer S-Bahnstrecke im Münchner Süden werden die Leichen erwürgter junger Frauen gefunden. Die Ermordeten liegen, wie aufgebahrt, immer ganz dicht am Gleiskörper, immer im rechten Winkel zu den Schienen; sie wurden nicht mißbraucht, lediglich ihre Blusen sind ein Stück weit geöffnet. Der Täter, ein einfältig-freundlicher Streckenarbeiter (Kuiper), von den Kollegen taktlos veralbert, von der Mutter grausam verachtet, hat seine weiblichen Opfern beinahe zärtlich vom Leben zum Tode befördert. Seine Fähigkeit zur Hingabe, seine Liebesbedürftigkeit, dauerhaft lächerlich gemacht oder zurückgewiesen, kippt um in Gewalt: Mord als Resultat einer männlichen Sanftmut, die ihren menschlichen Ausdruck nicht finden kann. | ++
Nur Aufregungen für Rohn
R Wolfgang Becker D Thomas Fritsch, Helmut Käutner, Gustl Halenke, Thomas Astan E 9. März 1975 | Gelegenheit macht Diebe. Notwendigkeit macht Mörder. Eigentlich will der nette blonde Student Rohn (Fritsch) seinen Nachbarn, den netten grauhaarigen Geldboten Seibach (Käutner) lediglich berauben, doch als ihm der Alte wegen eines am Ort des Überfalls verlorenen Kugelschreibers auf die Schliche kommt und die Benachrichtigung der Polizei ankündet, bleibt dem bedrängten Delinquenten keine andere Möglichkeit, als zu töten, um die eigene Haut zu retten. »Was tun Sie mir an?« ist die panische Frage des hilflosen Täters an sein entschlossenes Opfer, das seinerseits gar nicht anders kann, als die Meuchelei sehenden Auges herauszufordern: ein Teufelskreis der Konsequenz. | ++
Madeira
R Theodor Grädler D Curd Jürgens, Susanne Uhlen, Elfriede Kuzmany, Inge Birkmann E 6. April 1975 | Jürgens als mörderischer Witwentröster: Ergreifend und jämmerlich, wie der reife Charmeur Bubach den einsamen weiblichen Herzen mit sonorer Stimme von der klimatisch bevorzugten Trauminsel im Atlantik vorschwärmt, woraufhin die betörten Damen stante pede ihre Konten auflösen. Fast scheint es so, als ginge es dem kultivierten Herrn gar nicht um den pekuniären Gewinn, der ihm wie selbstverständlich zufällt, fast scheint es so, als betreibe er ein psychologisches Experiment, um herauszufinden, ob es möglich wäre, Kaffeehausbekanntschaften kraft schöner Worte zur Aufgabe der Existenz zu bewegen. Eine eindringliche Studie der Sehnsucht – nach Nähe, nach Geld –, die – so oder so – keine Erfüllung findet. | +++
Zeichen der Gewalt
R Theodor Grädler D Gaby Dohm, Joachim Bißmeier, Raimund Harmstorf, Sybil Danning, Jan Hendriks E 4. Mai 1975 | Indem sie seine Gattin mit dem Tode bedrohen, erpressen zwei Gauner den Rechtsanwalt Rieger (Bißmeier), seinem Klienten Hausmann (Harmstorf) eine Knarre in den Knast zu schmuggeln. Der Untersuchungshäftling schießt sich brutal frei und taucht ab. Der entehrte Jurist tötet sich selbst, woraufhin seine Witwe (Dohm) aktiv die Ermittlungen unterstützt, um den Schuldigen zu fassen – der sich als emotional Besessener erweist. Hausmann, Geschäftsführer einer Nachtbar, fiebert nach der Freiheit im Grunde nur, weil er seine sinnliche Frau (Danning) nicht entbehren kann, die auf der Bühne des Clubs allabendlich die Hüllen fallen läßt: Der gewalttätige Berserker, vor dem alle kuschen, ist Sklave seiner Triebe, die ihm letztlich zum Verhängnis gereichen. | ++
Paddenberg
R Franz Peter Wirth D Peter Pasetti, Anaid Iplicjan, Heinz Bennent, Ernst Jacobi E 1. Juni 1975 | Gespenster der Vergangenheit oder Tödliche Wiederbegegnung nach 30 Jahren: Der treuherzige Kunstmaler Hofer (Bennent) trifft auf den imposanten Unternehmer Paddenberg (Pasetti), der ihm unter dem Namen Goldinger in der Kriegsgefangenschaft zum bewunderten Freund geworden war. Der Erkannte legt – aus bestimmten Gründen – keinen Wert auf die Erneuerung der Bekanntschaft und schießt dem alten Kameraden ins Herz. Weit gefährlicher als die polizeiliche Ermittlung wird dem Verbrecher die kühle Witwe des Opfers (Iplicjan), die ihr Wissen um die Identität des Mörders, den sie als viriles Gegenbild ihres energielosen Mannes zu bewundern scheint, vermeintlich zu eigenem Vorteil nutzen will. Das psychologische Duell zweier Machtmenschen endet mit den kleinmütigen Tränen des Täters: Direktor Paddenberg zeigt Schwäche, womit er seinen Untergang besiegelt. | +++
Hoffmanns Höllenfahrt
R Theodor Grädler D Klaus Löwitsch, Judy Winter, Pierre Franckh, Ingrid Steeger E 29. Juni 1975 | Eigentlich will »Onkel« Hoffmann (Löwitsch) die angetüterte Nachbarstochter Anneliese (Steeger) nur nach Hause fahren, dann aber wirft sich ihm das Früchtchen an den Hals. Er kann nicht anders, als die Situation auszunutzen. Sie will es doch auch! Oder doch nicht? Schon droht die Launenhafte, alles ihrem Vater zu erzählen. Da landet sie als Leiche auf dem Schrottplatz. Hoffmann, dessen Verspätung am Mordabend nicht unbemerkt bleibt, schwitzt nun vor Anspannung, während seine kleine Welt in Stücke fällt. Der Sohn will plötzlich nicht mehr mit ihm frühstücken, die Tochter verweigert den Gutenachtkuß, die Gattin (Winter) mag das Ehebett nicht mehr mit ihm teilen: Hat sich Hoffmann nicht immerschon von Frauen aus der Fassung bringen lassen? War er es nicht, der einst als erster Annelieses knospende Brüste bemerkte? »Es ist doch nichts bewiesen!« stammelt der Verdächtige – und läßt böse Ahnung zur Gewißheit werden. | ++
Pfandhaus
R Dietrich Haugk D Max Mairich, Doris Kunstmann, Klaus Maria Brandauer, Johanna von Koczian E 27. Juli 1975 | La femme et le pantin oder Wenn Frauen Männer zur Verzweiflung treiben: Der kleine, unattraktive Pfandhausbesitzer Gustl Karruska (Mairich) liebt das große, schöne Fräulein Mangold (Kunstmann), die zwar sein Geld und seine Villa zu schätzen weiß, ihre körperlichen Bedürfnisse aber anderswo befriedigt. Der Gehörnte greift in tiefem Schmerz zur Waffe, erledigt jedoch nicht den potenten Rivalen (Brandauer) sondern einen Unbeteiligten. Der feixend mit dem Leben davongekommene Kontrahent läßt den unglücklichen Mörder für seine erfolglose Tat bezahlen, indem er das Haus des reichen Mannes zum Territorium seiner nun ganz offen genossenen Lust macht. Die tragische Komödie der Erniedrigung findet ihren Höhepunkt in einem allseits würdelosen Pas de troi. PS: Derrick hat eine Freundin! Sie tut nichts zur Sache. | ++
Ein Koffer aus Salzburg
R Alfred Weidenmann D Ralf Schermuly, Jacques Breuer, Max Eckard, Traugott Buhre, Friedrich Joloff E 24. August 1975 | Eine Putzfrau der Bundesbahn wird erschossen, nachdem sie den Salzburger Zug reinigte. Der flüchtige Täter trägt einen Metallkoffer bei sich, der offenbar Schmuggelware enthält. Psychologisches Einfühlungsvermögen ist bei der Ermittlung nicht unbedingt vonnöten, eher schon technisches Verständnis und analytische Kombinationsgabe. Eine gewisse visuelle Spannung bezieht der unpersönliche Fall aus dem Kontrast zwischen dem popmodernen Lebensumfeld der ausgekochten Pascher – Drogenkurier Scharwedder (Schermuly) residiert im knallfarbigen ›Schwabylon‹ – und der grauen Kleinbürgerlichkeit, in der die Hinterbliebenen des Opfers – ein schuldbeladen-betäubter Ehemann (Eckard) und ein impulsiv-penetranter Sohn (Breuer) – (nicht wirklich) zuhause sind. | +
Kamillas junger Freund
R Alfred Vohrer D Luitgard Im, Gerd Böckmann, Karl Walter Diess, Siegfried Wischnewski, Harry Meyen E 21. September 1975 | Das finanzstarke Elend von vereinsamten Gattinnen wohlsituierter Herren nutzt der glatte Gigolo Kaub (Böckmann) nicht nur zur einfachen Bereicherung, er lauscht den mitteilungsbedürftigen Frauen auch intime häusliche Informationen ab, die seinen Komplizen zur Vorbereitung und Ausführung smart-brutaler (und einträglicher) Überfälle dienen. So fällt die emotionale Wurstigkeit der Ehemänner – des dickfelligen Schrotthändlers (Wischnewski), des frostigen Arztes (Meyen) – mit Wucht auf sie selbst zurück auf: Jeder zahlt für seine Schuld. Aber auch jene, die keine gefühlsmäßigen Verbindlichkeiten haben, werden gelegentlich zur Kasse gebeten, so wie die beherzte Hausangestellte, deren sinnloser Tod die Mordkommission auf den Plan ruft. | ++
Der Tag nach dem Mord
R Helmuth Ashley D Alexander Kerst, Oliver Grimm, Krista Keller, Anita Lochner E 19. Oktober 1975 | Gymnasiast Horst (Grimm) liebt die Mitschülerin Andrea (Lochner), die seinem besten Freund, dem Automechaniker Mario, zugetan ist. Horst paßt den Nebenbuhler ab und rammt ihm im Rausch der Eifersucht einen Schraubenzieher in den Bauch. Der apodiktische Vater (Kerst) des weichlichen Totschlägers vertuscht die Tat, gibt seinem Sohn ein Alibi und bearbeitet seine geschiedene Frau (Keller), es ihm gleichzutun – doppelt gelogen hält besser. Eingekeilt zwischen die Protagonisten eines kalten Ehenachkrieges, bedrückt von einem herrschsüchtigen Erzeuger und einer gefühlsarmen Mutter, muß dem fahrlässigen Kapitalverbrecher das Geständnis schließlich als revolutionärer Selbstbefreiungsakt aus dem gutbürgerlichen Familiengefängnis erscheinen. | ++
Alarm auf Revier 12
R Zbynek Brynych D Gerd Haucke, Rosemarie Fendel, Mascha Gonska, Nikolaus Paryla E 14. Dezember 1975 | Haucke als bulliger Haustyrann Ross, der Frau (Fendel) und Tochter (Gonska) eine miefig-enge Hölle der Angst bereitet. Nach acht Jahren Haft wegen diverser Eigentumsdelikte macht sich der gewaltige Familienvater mit seinen Spießgesellen sogleich wieder an die Arbeit, erschießt nebenbei noch den spillerigen Schwiegersohn in spe (Paryla), weil dieser den despotischen Brocken an die Polizei verpfeifen wollte. Die Ermittlungen führen in eine obskure Kneipe, wo das Gesindel Billard spielt und die Musicbox mit repetitiver Starrsinnigkeit »Theo, wir fahr’n nach Lodz« dudelt: »Da packen wir das Glück beim Schopf / Und hauen alles auf den Kopf.« PS: Wie oft bei Brynych brechen die Beteiligten immer wieder unvermittelt in beunruhigendes (und befreiendes) Gelächter aus. | +++
»So ist der Mensch, wie ich es sehe, das gefährdetste Geschöpf überhaupt.« (Herbert Reinecker)
Fortsetzung folgt …
19. März 2012
Wir haben hier keine bleibende Statt
Kino | »Abschied von den Fröschen« von Ulrike Schamoni (2011)
»Manchmal muß man spielen, wie die Geige es will.« Ein Mann, von Krankheit schwer gezeichnet, kauft sich ein Videoequipment, um die Zeit, die ihm bleibt, zu dokumentieren. Es ist Herbst 1996. Der Mann heißt Ulrich Schamoni. Dreißig Jahre zuvor war sein erster Spielfilm »Es« mit fünf Bundesfilmpreisen bedacht worden und als westdeutscher Beitrag auf dem Festival in Cannes gelaufen. Neben Volker Schlöndorff (»Der junge Törless«) und Alexander Kluge (»Abschied von Gestern«) galt Schamoni als Hoffnung des ›Jungen Deutschen Films‹, doch bald schon sollte er aus dem Fokus der öffentlichen und filmpublizistischen Wahrnehmung geraten: Der genuine ›auteur‹ Schamoni entsprach nicht dem landläufigen Bild des progressiven Filmemachers. Er war kein kritischer Intellektueller, kein sublimer Cinéast, eher schon ein spleeniger Kulturbürger, ein quecksilbriger Machertyp. Als ebensolcher, als Kuriositätensammler und Plaudertasche, als Genußmensch und ruheloser Conferencier der eigenen Existenz, betreibt er auch sein letztes autobiographisches Projekt. Bis wenige Tage vor Schamonis Tod am 9. März 1998 entstehen rund 170 Stunden Material, aus denen seine Tochter Ulrike viele Jahre später die 96 Minuten von »Abschied von den Fröschen« kondensiert: Protokoll nicht so sehr eines Sterbens sondern eines Lebens, dem eine unbestimmte Frist gesetzt ist. »Spielort« ist das Haus Furtwänglerstraße 19 in Berlin-Grunewald, das Schamoni von den Erlösen seines publikumswirksamen Debüts erwerben konnte. In dieser mit Kunst und Plunder vollgestopften bourgeoisen Wunderkammer hatte der Autor schon seine beiden letzten Kinofilme, »Chapeau Claque« (1974) und »Das Traumhaus« (1980) realisiert, ganz so als wolle er, der leidenschaftliche Westberliner, seinen von der Mauer begrenzten Wirkungsraum konsequent auf einen hortus conclusus reduzieren: die Welt in der Nußschale. Da sitzt er nun also, der malade Mann, mehr oder weniger gutgelaunt dicke Cohibas schmauchend, im Wohnzimmer, auf der Terrasse, im Garten, räsoniert, erinnert sich, träumt von einem letzten großen Filmprojekt (die wahre Geschichte von Hermann dem Cherusker), gibt diskret Auskunft über seinen gesundheitlichen Zustand, beobachtet den Regen, freut sich, wenn die Vögel seine Kirschen klauen, arrangiert im hohen Gras Plastikfiguren zu sonderbaren Gruppenbildern. Gelegentlich bricht die Tagesaktualität in die von der Krankheit geschenkte Zeitlosigkeit: Mike Tyson beißt Evander Holyfield ein Stück vom rechten Ohr ab, Prinzessin Diana stirbt bei einem Autounfall in Paris. Aus diesem Anlaß trägt Schamoni einen schwarzen Seidenschal, legt ihn aber gleich wieder ab, denn »das Leben geht weiter«. So wie auch nebenan, wo nach Abriß eines alten Hauses (der Besitzer ist verstorben; die Kinder, in alle Welt zerstreut, haben das Grundstück verkauft) unter nervtötendem Krach eine »sogenannte Stadtvilla« errichtet wird. Einst schaukelte drüben Gretchen Dutschke, während ihr Mann Rudi, auf dem Rasen liegend, mit Gaston Salvatore die Weltrevolution plante: »Das waren schöne, ruhige Zeiten!« An einem milden Spätsommertag im September 1997 filmt Ulrich Schamoni an seinem verwilderten Swimmingpool den letzten Frosch des Jahres. Es ist der letzte Frosch seines Lebens.
»Manchmal muß man spielen, wie die Geige es will.« Ein Mann, von Krankheit schwer gezeichnet, kauft sich ein Videoequipment, um die Zeit, die ihm bleibt, zu dokumentieren. Es ist Herbst 1996. Der Mann heißt Ulrich Schamoni. Dreißig Jahre zuvor war sein erster Spielfilm »Es« mit fünf Bundesfilmpreisen bedacht worden und als westdeutscher Beitrag auf dem Festival in Cannes gelaufen. Neben Volker Schlöndorff (»Der junge Törless«) und Alexander Kluge (»Abschied von Gestern«) galt Schamoni als Hoffnung des ›Jungen Deutschen Films‹, doch bald schon sollte er aus dem Fokus der öffentlichen und filmpublizistischen Wahrnehmung geraten: Der genuine ›auteur‹ Schamoni entsprach nicht dem landläufigen Bild des progressiven Filmemachers. Er war kein kritischer Intellektueller, kein sublimer Cinéast, eher schon ein spleeniger Kulturbürger, ein quecksilbriger Machertyp. Als ebensolcher, als Kuriositätensammler und Plaudertasche, als Genußmensch und ruheloser Conferencier der eigenen Existenz, betreibt er auch sein letztes autobiographisches Projekt. Bis wenige Tage vor Schamonis Tod am 9. März 1998 entstehen rund 170 Stunden Material, aus denen seine Tochter Ulrike viele Jahre später die 96 Minuten von »Abschied von den Fröschen« kondensiert: Protokoll nicht so sehr eines Sterbens sondern eines Lebens, dem eine unbestimmte Frist gesetzt ist. »Spielort« ist das Haus Furtwänglerstraße 19 in Berlin-Grunewald, das Schamoni von den Erlösen seines publikumswirksamen Debüts erwerben konnte. In dieser mit Kunst und Plunder vollgestopften bourgeoisen Wunderkammer hatte der Autor schon seine beiden letzten Kinofilme, »Chapeau Claque« (1974) und »Das Traumhaus« (1980) realisiert, ganz so als wolle er, der leidenschaftliche Westberliner, seinen von der Mauer begrenzten Wirkungsraum konsequent auf einen hortus conclusus reduzieren: die Welt in der Nußschale. Da sitzt er nun also, der malade Mann, mehr oder weniger gutgelaunt dicke Cohibas schmauchend, im Wohnzimmer, auf der Terrasse, im Garten, räsoniert, erinnert sich, träumt von einem letzten großen Filmprojekt (die wahre Geschichte von Hermann dem Cherusker), gibt diskret Auskunft über seinen gesundheitlichen Zustand, beobachtet den Regen, freut sich, wenn die Vögel seine Kirschen klauen, arrangiert im hohen Gras Plastikfiguren zu sonderbaren Gruppenbildern. Gelegentlich bricht die Tagesaktualität in die von der Krankheit geschenkte Zeitlosigkeit: Mike Tyson beißt Evander Holyfield ein Stück vom rechten Ohr ab, Prinzessin Diana stirbt bei einem Autounfall in Paris. Aus diesem Anlaß trägt Schamoni einen schwarzen Seidenschal, legt ihn aber gleich wieder ab, denn »das Leben geht weiter«. So wie auch nebenan, wo nach Abriß eines alten Hauses (der Besitzer ist verstorben; die Kinder, in alle Welt zerstreut, haben das Grundstück verkauft) unter nervtötendem Krach eine »sogenannte Stadtvilla« errichtet wird. Einst schaukelte drüben Gretchen Dutschke, während ihr Mann Rudi, auf dem Rasen liegend, mit Gaston Salvatore die Weltrevolution plante: »Das waren schöne, ruhige Zeiten!« An einem milden Spätsommertag im September 1997 filmt Ulrich Schamoni an seinem verwilderten Swimmingpool den letzten Frosch des Jahres. Es ist der letzte Frosch seines Lebens.
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